{"id":370,"date":"2010-12-15T21:18:50","date_gmt":"2010-12-15T20:18:50","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=370"},"modified":"2010-12-16T17:46:47","modified_gmt":"2010-12-16T16:46:47","slug":"die-kanonenkugel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2010\/12\/15\/die-kanonenkugel\/","title":{"rendered":"Die Kanonenkugel"},"content":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen lebten ihr Leben auf sehr kurvigen, teils holprigen Bahnen: Sie wollen dies, dann aber jenes, und zwischen diesen beiden Zust\u00e4nden und dem Handeln, dass sich daran &#8211; wenigstens manchmal &#8211; anschlie\u00dft, steht meist nicht nur die Reflexion, sondern auch der Einfluss anderer Menschen. Manchmal mag man das bedauern, und letztlich gilt es unserer Gesellschaft doch auch viel, wenn jemand sehr geradlinig ist und eine Richtung unab\u00e4nderlich einh\u00e4lt, bis er genau dort ist, wo er hinwollte.<\/p>\n<p>Nun, in jedem relevanten Sinne des Wortes war er geradlinig: Er bewegte sich auf seiner Bahn ebenso unnachgiebig wie eine Pistolenkugel im Flug. Es war keine aufgesetzte oder erzwungene, keine irgendwie zu brechende oder zu bestechende Unnachgiebigkeit, die ihn auf seiner Bahn hielt, und in dieser Hinsicht ist der Vergleich mit einer Pistolenkugel vielleicht der falsche. Nein, es brauchte keinen Zwang oder Ausbruch, um ihn auf die Reise zu schicken. Er war schon immer in dieser Bewegung, und er w\u00fcrde es immer sein. Ebenso, wie es einem Schmetterling das leichteste schien, von dieser zu jener Bl\u00fcte zu fliegen, in so geschwungenen Schleifen, war es f\u00fcr ihn nur nat\u00fcrlich und in diesem Sinne unabwendbar, in einer im Wortsinn geraden Linie durch das Leben zu schie\u00dfen. Manchmal streifte er nat\u00fcrlich Menschen; ber\u00fchrte sie, durchbohrte sie. Vielleicht passierte er einige manchmal ganz dicht, und es schien, als ob er das Leben dieser wenigen ein wenig teilte, eine Zeit lang. Und so klang es auch manchmal in den Erkl\u00e4rungen, die er sich selbst gab: Ja, das sei ein wichtiger Mensch; ja, hier k\u00f6nne er bleiben; ja, dies sei der Ort, um den man kreisen m\u00fcsse.Aber eben so schnell, wie die Menschen und die Erkl\u00e4rungen kamen, verschwanden sie auch wieder: Nein, es sei nicht recht gewesen; nein, hier wolle man ihn nicht; nein, er m\u00fcsse weiter.<\/p>\n<p>Es brauchte eine Weile, man musste schon eine Zeit lang genau hinschauen, vielleicht musste man sich eine Zeichnung machen oder nur genau zuh\u00f6ren, erst dann erkannte man es: Die Menschen passierten ihn nur zuf\u00e4llig, und er sie. Da ist diese charakteristische Wendung, die Kr\u00fcmmung der Person in der Anwesenheit anderer, die ihm fehlte; Andere Menschen bleiben uns nicht nur wichtig, weil wir einmal im Leben nebeneinander liefen. Sie bleiben uns wichtig, weil es da eine Art der Ann\u00e4herung, eine Art von Spiegelung gibt. Ein wenig werde ich zum anderen, und ein wenig wandelt sich der andere in mich. All das fehlte ihm, bis hin zu einer Tiefe, in der er sich dessen nicht einmal mehr bewusst werden konnte. Er kannte die Namen all der Beziehungen, in denen Menschen stehen konnten, und er benutzte diese Worte. Er hatte Erkl\u00e4rungen f\u00fcr das, was er tat, und manchmal auch f\u00fcr das, was andere taten, jedenfalls wurde er nicht m\u00fcde, sie zu geben. Aber all diese Dinge blieben in seinem Munde leer: Es waren rein theoretische, nach einem inneren Bed\u00fcrfnis konstruierte und deklarierte Spiele, die er nur f\u00fcr sich und nur mit sich spielte. Alles andere blieb Staffage. Ihn ber\u00fchrte die Sorge eines Freundes nur seinen Worten nach: ihn erfasste der Kummer eines anderen nur, wenn es sein Kummer war: ihn verst\u00f6rte Feindseligkeit nur als blo\u00dfer Reflex.Er k\u00f6nnte selbst diese Geschichte lesen und verstehen, seine Reaktion bliebe wieder nur ein Spiel der Oberfl\u00e4chen. Er w\u00fcrde ihn passieren, diesen Text, an ihm vorbeirasen. Entlang einer geraden Linie, die von einer ungeheuren Leichtigkeit zeugt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen lebten ihr Leben auf sehr kurvigen, teils holprigen Bahnen: Sie wollen dies, dann aber jenes, und zwischen diesen beiden Zust\u00e4nden und dem Handeln, dass sich daran &#8211; wenigstens manchmal &#8211; anschlie\u00dft, steht meist nicht nur die Reflexion, sondern auch der Einfluss anderer Menschen. 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