{"id":38,"date":"2005-06-29T15:36:00","date_gmt":"2005-06-29T14:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=38"},"modified":"2006-12-11T03:03:23","modified_gmt":"2006-12-11T02:03:23","slug":"single-shot-und-dann-herrschte-stille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/06\/29\/single-shot-und-dann-herrschte-stille\/","title":{"rendered":"Und dann herrschte Stille"},"content":{"rendered":"<p>Er konnte es fast schon sehen, fast schon ber\u00fchren, und seine Gedanken schweiften ab, schweiften zu der Zukunft oder besser zu keiner Zukunft, und er sah silberne V\u00f6gel in den Himmel steigen, in der H\u00f6he glitzern, Kondensstreifen aus Verbrennungsr\u00fcckst\u00e4nden hinter sich lassend, eine Kunstturnerin, die lange B\u00e4nder hinter sich herzieht, und ihr Flug beschrieb eine wundersch\u00f6ne Parabel, wie vom logos selbst konstruiert, doch jetzt war es nur in seinem Kopf, nur in seinem Kopf, er musste sich beeilen.<br \/>\nEr huschte um die Ecken, geduckt, die sich warm anschmiegende Waffe in der Hand, und er dr\u00fcckte ab, ein leises Zischen, sonst nichts, und noch ein K\u00f6rper vor ihm fiel aus der Dunkelheit, ihm entgegengestreckt, die gleiche Uniform, er beachtete sie nicht, er musste weiter, musste zu seinem Ziel, und er w\u00fcrde es erreichen.<br \/>\nSie hatten es nicht anders verdient, alle, und er w\u00fcrde sich retten, aber er hatte es auch nicht anders verdient und er w\u00fcrde sie alle retten, ein paradoxer Gedanke, nat\u00fcrlich, aber es schien ihm wahr, nein, es war wahr, sie alle hatten es nicht anders verdient und deshalb w\u00fcrde er sie alle retten, sie befreien, und er dachte an die Gr\u00e4\u00dflichkeiten, die er gesehen hatte, Bilder huschten durch die dunklen Korridore seiner Seele, eine Landmine, ein hungerndes Kind, mit schwarzem Haar und ebensolchen Augen, ein Huhn in einem K\u00e4fig, ein Mann in einem B\u00fcro, die Krawatte weit heruntergezogen wie ein Richtschwert, weinend, ein Blatt Papier in der Hand, das Gesicht einer Nachbarin aus fr\u00fcheren Tagen, die sp\u00f6ttisch und verachtend \u00fcber den Zaun blickt, nein, es ging nicht anders. Der Mensch war so, er war so, er war immer so, und er dachte an Kindersoldaten und kleine M\u00e4dchen mit wunden Fingern, die Teppiche kn\u00fcpften und an \u00e4ltere Kinder, die ihren Krieg in einer Diskothek austrugen, nein, in einem B\u00fcro, er verwarf beide Bilder, alle Bilder, sie alle waren \u00e4quivalent, sie zeigten das gleiche, etwas, dass er ohnehin kannte, die Grausamkeit und die Schmerzen der Menschen, jedes Menschen, aller Menschen, und er schlich weiter, nicht mehr so verstohlen, es waren keine Wachen mehr da, er hatte gez\u00e4hlt, wusste wieviele es waren, und er wurde sicher, sie hatten ihn nicht bemerkt, nicht geh\u00f6rt, der Alarm war nicht losgegangen, es hatte funktioniert, doch er blieb weiter geduckt.<br \/>\nSeine F\u00fc\u00dfe stoppten vor der Stahlt\u00fcr, und er zog ein Kabel und ein Werkzeug aus seinem schwarzen Rucksack, tat irgendetwas mit der T\u00fcrsteuerung, er wusste nicht genau, was, achtete nicht darauf, seine H\u00e4nde taten es selbstst\u00e4ndig, und die T\u00fcr \u00f6ffnete sich und schlo\u00df sich hinter ihm.<br \/>\nUnd er lachte. Lachte, weil er an die Bibel dachte, an den Tag des J\u00fcngsten Gerichts, es war so naiv, so dumm, nein, es w\u00fcrde keinen ewigen Richter geben, es gab ihn nicht, und selbst wenn, sein Lachen wurde tr\u00e4ge, selbst wenn, es gab keine Erl\u00f6sung, kein Mensch w\u00fcrde die Probe bestehen, freigesprochen werden, die Menschen waren alle gleich, er wusste es, hatte es gesehen, und die Bilder spannten sich wieder um seinen Kopf wie ein Strick, er lachte wieder, um sie zu vertreiben, Humanismus, was f\u00fcr eine absurd-zynische Idee, diese Welt und den Menschen in ihr verbessern zu wollen.<br \/>\nSeine H\u00e4nde ber\u00fchrten das Terminal, entfernten Schrauben, verbanden es mit dem System in seinem Rucksack, lang w\u00fcrde es nicht mehr dauern, er h\u00f6rte die Sirenen heulen, aber es war zu sp\u00e4t f\u00fcr sie, die ihn aufhalten wollten, nicht auf ihn h\u00f6ren wollten, nichts verstanden, auch wenn es so einfach war. Schmerz und Tod und Grausamkeit herrschten nur dort, wo Leben war, sie waren machtlos ohne Leben. Er w\u00fcrde die Welt verbessern, ihr den ewigen Schlaf schenken, den sie nicht anders verdient hatte und der sie retten w\u00fcrde, das Terminal war fast bereit. Seine Gedanken schweiften wieder zu den Stahlv\u00f6geln, es waren nur noch Augenblicke, bis sie ihre imagin\u00e4ren Schwingen ausbreiten w\u00fcrden, auf einem Strahl aus Feuer in den Himmel reiten w\u00fcrden, achttausendeinhundertachtundsiebzig Br\u00fcder, die sich nur durch ihre Seriennummern unterschieden und alle auf die gleiche Weise in der Sonne gl\u00e4nzten, und er konnte sehen, wie sie ihre bed\u00e4chtigen Parabeln am Himmel zogen, um darniederzust\u00fcrzen, ein jeder auf eine Stadt, pflichtbewusst und in Selbstaufopferung. Und wie gefallene Engel w\u00fcrden sie herabst\u00fcrzen und die Menschen retten, indem sie niemanden verschont lie\u00dfen, nur noch Ruinen und Asche und eine unerme\u00dfliche Stille lie\u00dfen.<br \/>\nSein Finger ruhte schon aus dem Ausl\u00f6ser, er l\u00e4chelte wissend, ein Klischee, der Ausl\u00f6ser war tats\u00e4chlich rot, und er war stolz auf sich, er hatte diese Anlage ausgew\u00e4hlt, sie lange observiert, und er hatte alles funktioniert, er sah nicht nach, ob es die richtigen Sprengk\u00f6pfe waren, seine Informationen waren zuverl\u00e4ssig, es w\u00fcrde funktionieren. Sein Kopf begann in Trance zu rechnen, Achttausendeinhundertachtundsiebzig mal zweihundertf\u00fcnzig Megatonnen, es w\u00fcrde reichen, die Erde w\u00fcrde lichterloh brennen, so hell brennen, dass jeder es sehen k\u00f6nnte.<br \/>\nEin letztes Bild gestattete er sich, das Antlitz einer Frau, alt und vergilbt, tot und begraben, dann vollendete er es.<br \/>\nHeute war der Tag des J\u00fcngsten Gerichts, und ein jeder w\u00fcrde vor dem Richter versagen und gerettet werden.<br \/>\nAchttausendeinhundertachtundsiebzig Stahlv\u00f6gel scho\u00dfen in den Himmel, flogen davon. Und dann herrschte Stille.<\/p>\n<p>&#8222;Alles Leben ist Leiden&#8220;* &#8211; <a title=\"Siddhartha Gautama\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siddhartha_Gautama\">Siddhartha Gautama<\/a><\/p>\n<p>post scriptum: \/single shot sind kurze, einpr\u00e4gsame Geschichten, die keinen direkten (wohl aber indirekten) Bezug zu den zusammenh\u00e4ngenden Texten haben.<\/p>\n<p>* Interpretation des Autors. Buddhas Intention war mit gro\u00dfer Sicherheit nicht so absolut, wie es im Kontext der Geschichte erscheinen mag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er konnte es fast schon sehen, fast schon ber\u00fchren, und seine Gedanken schweiften ab, schweiften zu der Zukunft oder besser zu keiner Zukunft, und er sah silberne V\u00f6gel in den Himmel steigen, in der H\u00f6he glitzern, Kondensstreifen aus Verbrennungsr\u00fcckst\u00e4nden hinter sich lassend, eine Kunstturnerin, die lange B\u00e4nder hinter sich herzieht, und ihr Flug beschrieb eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,3],"tags":[],"class_list":["post-38","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2","category-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}