{"id":39,"date":"2005-07-09T19:49:00","date_gmt":"2005-07-09T18:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=39"},"modified":"2006-12-11T03:02:35","modified_gmt":"2006-12-11T02:02:35","slug":"single-shot-schrei-im-glas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/07\/09\/single-shot-schrei-im-glas\/","title":{"rendered":"Schrei im Glas"},"content":{"rendered":"<p>Die R\u00e4der des Zuges ratterten \u00fcber die Gleise, bed\u00e4chtig und ziellos, \u00e4chzend unter der Gewissheit, niemals ruhen zu d\u00fcrfen, niemals eine Heimat zu erreichen.<br \/>\nEr sah sich um, blickte in fremde, ferne Gesichter und wusste, dass keiner von ihnen so empfand, sp\u00fcren konnte, was er sp\u00fcrte.<br \/>\nSein Kopf glitt zur\u00fcck zu seinem Spiegelbild im Fenster, ein Schrei, zu Glas geworden, erstarrt.<br \/>\nDie anderen Fahrg\u00e4ste, so hatte er bemerkt, hielten fast schon respekt-, nein, angstvollen Abstand zu ihm, er wusste, warum, konnte es verstehen, nein, h\u00e4tte es verstehen k\u00f6nnen, verstand es nicht.<br \/>\nEr blickte hinunter auf sich selbst, auf das Schizophren-Gest\u00fcckelte, das noch war, und ein anderer Teil von ihm blickte hinab auf seine H\u00e4nde, blutverkrustet, getrocknetes, totes Blut, das in Poren und Hautfalten geronnen war und ihn an ein Gebirge erinnerte, uralt, voller Geschichten, so alt, dass sie niemand mehr erz\u00e4hlen konnte.<br \/>\nEs war rechtzeitig gewesen, dachte er, ein Funken Selbstzufriedenheit sp\u00fclte in ihm hoch, mischte sich mit dem Schrei im Glas und zerflo\u00df zu dem Geschmack bitter-s\u00fc\u00df-sauer Retrospektive.<br \/>\nSchweigend wog er die Tabletten in den H\u00e4nden, versuchte sich an die genauen Bezeichnungen zu erinnern, verwarf es wieder, es war irrelevant, er w\u00fcrde sie nicht nehmen, und er dachte an die vielen Tablettenschachteln, die er gesehen hatte, ein verschwommenes, kaltes Bild des Zimmers, nein, er w\u00fcrde sie nicht nehmen, nie wieder w\u00fcrde er solche Tabletten nehmen, niemals wieder.<br \/>\nEr fand den Beh\u00e4lter, lie\u00df die Tabletten hineinfallen und erinnerte sich an das schale L\u00e4cheln der Krankenschwester, die sie ihm gegeben hatte, ein L\u00e4cheln, hinter dem sich Ekel und Bewunderung versteckten, zu gleichen Teilen, nein, gemeinsam, in einer inneren Absprache zu einer Emotion verschmolzen. Er hatte sich geweigert, seine H\u00e4nde zu reinigen, das Blut zu entfernen, er wusste nicht, warum, und wusste es doch.<br \/>\nSie hatte ganz sicher gehen wollen, dachte er und l\u00e4chelte fast, wie ein Betrunkener, ganz und gar ohne Grund oder Sinn, und sein L\u00e4cheln gefror. Sein Blick fand wieder den Schrei im Spiegel, fand das Gesicht eines Lebenden, emotionslos, wenn auch d\u00fcster, und er suchte nach dem Schrei darin, fand ihn nicht, nur ein anonymes, nominelles Gesicht, jamais vu, er hatte von dem Ph\u00e4nomen gelesen, er klammerte sich an die Folgerichtigkeit seines Geistes, presste sich eng an die k\u00fchlen W\u00e4nde des Schocks.<br \/>\nEin Schaffner schritt durch den Waggon, er hatte keine Fahrkarte gekauft, zum ersten Mal in seinem Leben, es war irrelevant, der Mann betrachtete ihn unsicher, betrachtete seine H\u00e4nde, die rotgef\u00e4rbten \u00c4rmel, die Hose. Er \u00f6ffnete den Mund, wollte etwas sagen, sich erkl\u00e4ren, doch er schlo\u00df ihn wieder, denn der Mann schritt entschlossen und schnell an ihm vorbei, lie\u00df den Blick dabei immer noch vorsichtig auf ihm ruhen.<br \/>\nSeine Handgelenke sp\u00fcrten noch das Pochen, das leise Pochen in den zerschnittenen Unterarmen, ein schw\u00e4cher werdendes Klopfen, eine Million Tropfen Blut, die w\u00fctend den Tod herbeischrieen, ihn im d\u00fcsteren Takt des Herzens herbeitrommelten.<br \/>\nEs wurde dunkel, ein Tunnel, und er st\u00f6hnte leise unter dem Gewicht der Bilder, die sich in der Dunkelheit manifestierten, ihn zu umschlie\u00dfen suchten, atmete erst wieder, als der Tunnel hinter ihnen lag, und einige Sekunden lang musste er sich versichern, dass der Zug noch existent war, sich nicht verloren hatte in den Bildern.<br \/>\nWut kochte in ihm hoch, er wusste nicht, wohin damit, wohin mit der Emotion, und so blickte er weiter still auf seine H\u00e4nde, folgte den Kratern und Falten, die das Blut geschaffen hatte.<br \/>\nSie werde es schaffen, es schaffen, durchkommen, der Satz klang immer noch in seinen Ohren, und er stellte sich das Gesicht des Arztes vor, von dem er stammte.<br \/>\nEs hatte ihn nicht beruhigt. Es war ein junger Mann gewesen, dennoch tiefe Furchen auf seiner Stirn, die viel erz\u00e4hlten.<br \/>\nLang hatte der Mann gesprochen, nur halb hatte er zugeh\u00f6rt, und am Ende hatte er eine Hand auf seine Schulter gelegt und ihm gedankt, gedankt f\u00fcr seine Hilfe, seine entschlossenes Handeln. Es hatte ihn nicht interessiert.<br \/>\nJemand ging durch den Waggon, eine junge Frau, ein Kind auf dem Arm, sein Blick nahm den des Kindes auf und erkannte in seinem L\u00e4cheln das M\u00e4dchen, das M\u00e4dchen, dass er an der Notaufnahme hatte abgeben m\u00fcssen wie ein Auto in einer Werkstatt. Er k\u00f6nne jetzt nichts mehr tun, hatten sie gesagt, und ihn herausgeworfen. Das letzte Bild von ihr, sie in einem Bett, sehr klein, an Kabel und Maschinen angeschlossen.<br \/>\nWieder blickte er in das Fensterglas, sein Widerstand zerbrach. Das Bild kehrte wieder, er wurde es nicht los, musste die Schritte durch das Haus, in ihr Zimmer, ihr Zimmer, immer wieder sehen, immer und immer wieder, und er h\u00f6rte wieder die laute Musik, sah wieder die Tablettenschachteln und das Blut, das viele Blut, sie in der Mitte des Raumes, kalt und ohne Bewusstsein. Und wieder und wieder sah er sich selbst, wie er laut schrie, ihre Unterarme mit den H\u00e4nden abzudr\u00fcckten suchte, aus denen immer noch mehr und mehr Blut str\u00f6mte.<br \/>\nEr blickte starr aus dem Fenster, oder in das Fenster, oder in sich selbst hinein, stundenlang.<br \/>\nEine Hand ber\u00fchrte ihn am der Schulter, tastend und unsicher.<br \/>\n&#8222;Endstation.&#8220;, sagte der Schaffner leise, aber bestimmt.<br \/>\nSeine Schultern sackten unter der Ber\u00fchrung zusammen wie Ger\u00fcste, die lange ein gro\u00dfes Gewicht getragen hatten. Einige Tr\u00e4nen rannen \u00fcber sein Gesicht, fielen auf seine H\u00e4nde, l\u00f6sten etwas Blut.<br \/>\n&#8222;Ja, Endstation.&#8220;, antwortete er fl\u00fcsternd, hob die H\u00e4nde vors Gesicht.<br \/>\nUnd der Schrei l\u00f6ste sich laut hallend aus dem Glas, als w\u00e4re er nie dort gewesen, floh durch die Luft des Zuges, hinaus in die Nacht.<\/p>\n<p>&#8222;Fall &#8211; I will follow.&#8220; &#8211; Titel eines Musikalbums der Gruppe <a href=\"http:\/\/www.lacrimas.com\/\">Lacrimas Profundere<\/a>.<\/p>\n<p>Nachtrag:<br \/>\n&#8222;Warum ich kein Wort mehr spreche, warum ich nicht schreie, tobe, rase, fragst du?<br \/>\nWeil kein Schrei laut genug w\u00e4re, selbst wenn die ganze Welt schreien w\u00fcrde.&#8220; &#8211; bad_indicator.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00e4der des Zuges ratterten \u00fcber die Gleise, bed\u00e4chtig und ziellos, \u00e4chzend unter der Gewissheit, niemals ruhen zu d\u00fcrfen, niemals eine Heimat zu erreichen. 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