{"id":390,"date":"2012-01-24T09:37:34","date_gmt":"2012-01-24T09:37:34","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=390"},"modified":"2012-01-24T09:37:34","modified_gmt":"2012-01-24T09:37:34","slug":"die-falsche-die-wahre-wuste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2012\/01\/24\/die-falsche-die-wahre-wuste\/","title":{"rendered":"Die falsche (die wahre) W\u00fcste"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen den Kakteen bl\u00fchten einige Pixel. Manchmal wechselten sie ihre Farbe: Die meiste Zeit \u00fcber waren sie grau, aber in einigen Momenten, da blitzten sie auf. Man konnte nicht genau erkennen, welche Farbe sie dann annahmen. Nicht etwa, weil man diese Farbe nicht benennen k\u00f6nnte (ganz im Gegenteil, die Farben dieser Bilder waren nummeriert), sondern nur weil die Wechsel so abrupt waren und so schnell wieder vergingen. Vielleicht war es ein Rot, oder ein Blau, wahrscheinlicher aber ein Rot, gefolgt von einem Blau, gefolgt von einem [&#8230;], in einer Geschwindigkeit, die ein Erkennen unm\u00f6glich machte. Es gab wohl niemanden der wusste, welche Farben es waren. Es gab die Maschine, die sie erzeugte: Es gab die Menschen, die die Maschine dazu gebaut hatten, genau dieses Grau (und keine anderen) Farben zu zeigen, exakt an jener Stelle, aber sie waren nicht hier. Hier war nur er, der die Maschine und ihr Bild betrachtete. Und selbst wenn diese Programmierer hier gewesen w\u00e4ren: dieses seltsame Flackern, dass sich hier und da einschlich, es war sicher nicht von ihnen beabsichtigt worden, und so h\u00e4tten auch sie nicht sagen k\u00f6nnen, welche Farben aufblitzten.<br \/>\nIn der wirklichen W\u00fcste, das wusste er, gab es diese Farbspiele nicht, ebensowenig wie das R\u00e4tsel um sie. Ganz gewiss, die reale W\u00fcste war in einem Sinn geheimnisvoller, nicht zuletzt auch weniger beherrschbar als diese. Wirkliche W\u00fcsten endeten nicht am Bildschirmrand. In der Sahara oder Atacama wuchsen auch Kakteen nach anderen, dunkleren Gesetzen. Im Bild war es einfach: es gab einen Teil der Maschine, der sich nur mit den einfachen Gesetzen der falschen W\u00fcste besch\u00e4ftigte. Wenn er dem Ger\u00e4t befahl, ihm einen anderen Teil der W\u00fcste zu zeigen, dann w\u00e4hlte jener Teil der Maschine, der unentwegt und nach eigenen Gesetzen w\u00fcrfelte, einen bestimmten Fleck und schuf dort einen Kaktus. Einen neuen Kaktus, einen, der an dieser Stelle noch nicht gestanden hatte und vielleicht nie wieder dort stehen w\u00fcrde, wenn er einfach den Stecker aus dem Ger\u00e4t ziehen w\u00fcrde. Was f\u00fcr ein seltsamer Ausdruck: Dort und dort stand ein Kaktus. &#8222;Zwischen diesem und jenem Stein (den ein anderer Teil der Maschine erw\u00fcrfelt hatte), &#8222;&#8230;am Rand dieses oder jenes Abhangs [&#8230;]&#8220;: Am Ende lag doch alles in einer endlosen Reihe in den Registern und Speicherzellen der Maschine. Jeder Ort (und auch jede Zeit), ja jedes Ergebnis der endlosen W\u00fcrfelei lag in Reihe und Glied, wie auf einer endlosen Linie, ohne ein einziges bisschen Fl\u00e4che oder Raum. Ein anderer Teil der Maschine war n\u00f6tig, um diese abstrakten Enge, die man nicht beschreiben konnte, ohne doch wieder auf falsche Analogien zum Raum zur\u00fcckzugreifen, in den Betrug eines offenen Plateaus zu verwandeln.<br \/>\nEr blickte auf eine Illusion von Osten, wo der Himmel einen dunkelblauen Kranz bekam.<br \/>\nEs gab einen einfachen Grund, warum sich einige oder sogar sehr viele Menschen gro\u00dfe M\u00fche gegeben hatten, die Maschine das Erzeugen einer falschen W\u00fcste zu lehren. Er war praktischer Natur: Die meisten Menschen sahen niemals in ihrem Leben die anbrechende D\u00e4mmerung in der W\u00fcste, und die Menschen, die dies erlebten, zollten diesem Ereignisse entweder wenig Aufmerksamkeit, oder aber sie waren zu besch\u00e4ftigt damit, das zu fotografieren, was die Augen schon kaum wahrnahmen. Kein Mensch aber, und das war entscheidend, hatte je die W\u00fcstensonne \u00fcber einer untergegangenen Welt aufgehen sehen. Vielleicht wird es, wenn es einmal soweit ist, einen oder zwei Menschen geben, die es erleben. F\u00fcr sie wird es dann keine Maschine geben, die sie nach Belieben an und ausschalten k\u00f6nnen. Sie werden jenen Augenblick erleben, ohne dass das leise Surren der L\u00fcfter sie sanft davon abh\u00e4lt, zu tief darin zu versinken. Auf jeden Fall, da war er sich sicher, w\u00fcrden sie nicht das gleiche erleben wie ein Besucher dieser falschen W\u00fcste.<br \/>\nEr befahl der Maschine das Bild zu drehen, um die beiden Personen zu betrachten, die wie gebannt gen Osten blickten. Ihre Kleidung hatte noch die Farbe der W\u00fcste, aber hier und dort konnte man bereits die Reste anderer, lebendigerer T\u00f6ne erkennen. Der Mann trug einen gealterten, heruntergekommenen Anzug: \u00dcberbleibsel einer Krawatte baumelten karg in der Windstille. Die Frau neben ihm trug einen Hosenanzug, der nicht weniger ver\u00f6det und deplatziert wirkte. Zwischen den beiden war nur wenig Platz, aber angesichts der erdr\u00fcckenden W\u00fcste mit ihrer Ausdehnung waren sie fast fern voneinander. Ein Kaktus wusch zwischen ihnen halbhoch und verschwand augenblicklich, als er nach ihrer Hand griff. W\u00e4ren diese Figuren real, dachte er, so w\u00fcrden sie dort nicht stehen, nicht minutenlang. Nicht, ohne sich umzusehen oder zu weinen. Er fuhr die Kamera etwas n\u00e4her heran und betrachte die beiden. Ihre Augen zeigten keinerlei Gef\u00fchl, gl\u00e4nzten nur leer und starr: Eine gr\u00f6\u00dfere Tiefe der Details lag au\u00dferhalb der technischen M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nEs blieb am Beobachter, also an ihm h\u00e4ngen, die L\u00fccke zu f\u00fcllen; jedenfalls war es wohl so gedacht. Er sollte die L\u00fccke schlie\u00dfen, die in der falschen Wirklichkeit klaffte, wenn einige Pixel wieder ein Eigenleben zeigten. Er sollte sich die Endlosigkeit der W\u00fcste hinzudenken, wenn der Platz f\u00fcr W\u00fcste, der Platz f\u00fcr Kakteen und f\u00fcr Farben oder Orte in den Speichern der Maschine ersch\u00f6pft war. Die zerst\u00f6rten St\u00e4dte, die verwesenden K\u00f6rper; die zerschlagenen Geb\u00e4ude und die verendenden Tiere musste oder sollte er sich hinzuw\u00fcnschen, damit die Illusion wenigstens in seinem Kopf perfekt wurde. Nat\u00fcrlich war es eine Utopie, die Dystopie im eigenen Sch\u00e4del komplettieren zu k\u00f6nnen. Er dachte dar\u00fcber nach, w\u00e4hrend die Sonne am Horizont sichtbar wurde und der Anzug der hohlen Figur an einigen Stellen zu dampfen begann. K\u00f6nnte man sich hinzudenken, wie sich die W\u00fcste hinter den Bergen am Rand der Simulation weiterzog? Sicher. K\u00f6nnte man sich einige zerst\u00f6rte Siedlungen hinzufantasieren? Ganz bestimmt. Aber den wahren Ausdruck, dessen Platzhalter diese Puppenaugen waren, w\u00fcrde man ihn je erahnen? Es blieb aussichtslos. Diese Fiktion, alt wie sie auch war, lag und liegt au\u00dferhalb dessen, was Empathie zu leisten imstande w\u00e4re. Es war und blieb eine falsche W\u00fcste.<br \/>\n&#8211;<br \/>\nDie W\u00fcste war voller Schluchten, H\u00fcgel und Abh\u00e4nge, die sich zwar nicht glichen, aber dennoch eine fatale \u00c4hnlichkeit zueinander aufwiesen, weil sie ein und derselbe Vorgang in endloser Wiederholung generiert hatte. Kakteen sprie\u00dften hier und dort, mal auf diese, mal auf jene Weise texturiert, doch wenn man es aus einem bestimmtem Winkel oder aus einer bestimmten H\u00f6he \u00fcberblickten k\u00f6nnte, so w\u00fcrde man das Muster ihrer Wiederholungen erkennen k\u00f6nnen: Ihr Variantenreichtum war ein kluger, aber doch ein durchschaubarer Einfall, der leicht als billiger Trick entlarvt wurde. Schwerer war abzusehen, wo der Rand dieser Welt verlief: vielleicht k\u00f6nnte man die H\u00fcgelkette im Norden noch erreichen, vielleicht auch nicht. Es war egal, fr\u00fcber oder sp\u00e4ter w\u00fcrde man die Grenze erreichen, ohne sie je queren zu k\u00f6nnen. Die beiden Puppen standen in der glei\u00dfenden Sonne, die ihre Kleidung entz\u00fcndete.<br \/>\nEr sparte sich die M\u00fche, nach Sand zu greifen, den die technischen Beschr\u00e4nkungen ohnehin nicht zulie\u00dfen: Es\u00a0 war eine glatte, grob texturierte Oberfl\u00e4che, die den Sand auf so k\u00fcmmerliche Weise darstellen sollte, und wenn man darauf trat, konnte man h\u00f6ren, wie hohl es darunter war. Einige Meter ging er, um den seltsamen Tanz der Figuren zu beobachten: Er war allein mit zwei Puppen, die im roten Sonnenlicht verbrannten und sich dabei auf seltsame Weise kr\u00fcmmten, ohne einen Laut von sich zu geben. Es gab nicht mal das: nicht einmal Luft. Er sah zu, bis die Puppen ganz in Rauch aufgegangen waren. Ein Kaktus entstand an der Stelle, an der die beiden gestanden hatten, dieses Mal mannshoch. Ihm wurde pl\u00f6tzlich bewusst, dass die fingierte Sonne ihm nichts anhaben konnte: Er w\u00fcrde hier ewig bleiben. Erst als er begriff, dass dies die wirkliche W\u00fcste war, zog jemand den Stecker.<\/p>\n<p><em>PS: Nun geht es also wieder los! Mit diesem kleinen Text setze ich mein Weblog fort. Ich hoffe, ich werde in der n\u00e4chsten Zeit wieder mehr schreiben, und freue mich \u00fcber Kommentare.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den Kakteen bl\u00fchten einige Pixel. Manchmal wechselten sie ihre Farbe: Die meiste Zeit \u00fcber waren sie grau, aber in einigen Momenten, da blitzten sie auf. Man konnte nicht genau erkennen, welche Farbe sie dann annahmen. 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