{"id":391,"date":"2012-04-01T19:22:14","date_gmt":"2012-04-01T17:22:14","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=391"},"modified":"2012-04-02T20:54:23","modified_gmt":"2012-04-02T18:54:23","slug":"gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2012\/04\/01\/gescheitert\/","title":{"rendered":"Gescheitert"},"content":{"rendered":"<p>Als die Stra\u00dfenbahn rumpelnd auf dem Marktplatz hielt, fiel er mir zum ersten Mal auf. Ich blickte aus dem Fenster, und da stand er zwischen den anderen Menschen, die an der Haltestelle warteten. Vielleicht h\u00e4tte ich es gleich sehen m\u00fcssen; vielleicht wollte ich es nicht erkennen. Andererseits trug er eine Kappe, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, und eine Kapuzenjacke, so dass es schwer war, das Gesicht zu erkennen. Bei diesem Wetter war eine derartige Vermummung nicht ungew\u00f6hnlich: viele der Wartenden trugen Winterjacken und dicke M\u00fctzen. Ich wei\u00df auch gar nicht genau, warum er mir auffiel: Da war etwas Vertrautes in seiner Statur, seiner Haltung. Und etwas Fremdes, eine irritierende Mischung. Jemand anders h\u00e4tte vielleicht nur einen weiteren Wartenden gesehen, h\u00e4tte nicht registriert, wie sehr er sich von den anderen abhob, doch genau das tat er: In dem Moment war er mir nicht wichtig genug, um weiter dar\u00fcber nachzudenken, aber da war etwas. Irgendwie erschien er mir hier falsch zu sein, er sollte eigentlich woanders sein, nicht hier. Und ich hatte das Gef\u00fchl, als ob ich ihn schon einmal gesehen hatte, genau an dieser Haltestelle. Ich registrierte noch, wie er einstieg. Ich sah auch die Tasche, die er bei sich trug: sie hatte eine seltsame Farbe, und obwohl der Name darauf wohl eine Marke bewarb, kannte ich sie nicht. Dann blickte ich wieder auf mein Buch. Die Stra\u00dfenbahn fuhr mit einem Ruck wieder an.<\/p>\n<p>Das Buch hatte mir ein Freund gegeben; ich las es eigentlich nur, damit ich in meinem beruflichen Umfeld ein wenig mitreden konnte. Ich hatte f\u00fcr Philosophie nie viel \u00fcbrig gehabt, und mit diesem Buch war es nicht anders. Im wesentlichen war es eine Abhandlung \u00fcber den Begriff der Person. Der Verfasser, der wohl eine Gr\u00f6\u00dfe in der akademischen Welt sein musste, argumentierte daf\u00fcr, dass es eigentlich eine naive Sicht sei, Personen als irgendwie zusammenh\u00e4ngende Wesen zu begreifen. Ich muss zugeben, dass ich die Vorstellung irgendwie interessant fand. Schlie\u00dflich begriffen wir uns doch stets als ein Wesen, ein Subjekt, an dem die Zeit und die Welt gewisserma\u00dfen vorbeistr\u00f6mten. Nat\u00fcrlich ver\u00e4nderte uns die Zeit; nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich n\u00e4chstes Jahr jemand anders sein als heute. Aber ein Kern, ein zentraler Punkt, der blieb der gleiche, eben das, was wir Person nennen. Der Autor des Buches sah das ganz anders; f\u00fcr ihn war ich in dieser Sekunde eine Person, im n\u00e4chsten eine andere. Was uns verband und sozusagen zu scheinbar einer einzigen Person zusammenschwei\u00dfte, das waren nur die gemeinsamen Erinnerungen. Auf einer Feier hatten einige meiner Freunde dar\u00fcber diskutiert, ich hatte das ganze eher am\u00fcsiert verfolgt, und mit der gleichen Ernsthaftigkeit las ich jetzt auch dieses Buch. Am Ende war es ja egal: wir waren, wer wir waren, daran w\u00fcrden Worte nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ich sah, das meine Haltestelle die n\u00e4chste war. Ich klappte das Buch zu; es ist wohl eine in gewisser Hinsicht zynische Wendung, dass ich den Satz, den ich gerade gelesen hatte, niemals zu Ende las. Vielleicht sollte man immer, wenn man ein Buch zuklappt, wenigstens den Satz beenden. Nicht wegen des Inhalts, nur wegen der Geste. Ich steckte das Buch wieder in meinen Rucksack, stand von meinem Platz auf und ging die paar Schritte zur T\u00fcr. Ich musste niemanden bitten Platz zu machen. \u00dcblicherweise war die Bahn zu dieser Zeit \u00fcberf\u00fcllt, doch nicht heute: Ich nahm das beil\u00e4ufig wahr, ohne mir etwas dabei zu denken. Als der Wagen die letzte Kurve nahm, lehnte ich mich zur Seite: Es gab da eine kleine Unebenheit der Strecke, die ich gewohnheitsm\u00e4\u00dfig schon erwartete. Ich hasste es, die Haltestangen der Bahn zu ber\u00fchren, ich musste mir immer vorstellen, wer und was sie schon benutzt hatte. Es war eine fast unbewusste Handlung, und ich h\u00e4tte sie gar nicht an mir selbst bemerkt, wenn nicht ein anderer schr\u00e4g hinter mir die gleiche Bewegung gemacht h\u00e4tte. Ich sah mich nicht um, konnte ihn nur aus den Augenwinkeln erkennen. Zun\u00e4chst erschien es mir einfach zu belanglos, um mich deswegen nach dem anderen umzudrehen: Als ich bemerkte, dass es der Mann mit der Cap und der Kapuze war, wagte ich es nicht mehr. Ich wei\u00df nicht weshalb: ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich wie ein Kind, dass es nicht wagt, unter sein Bett zu schauen. Ich wusste, ich und der Mann, wir kannten uns. Er sprach mich nicht an, vielleicht war es ihm auch sehr lieb, dass ich stur auf die T\u00fcr starrte; dreh dich bitte nicht um, ja, ich glaube, so etwas wird er gedacht haben. Die Unebenheit kam, wo wir sie erwartet hatten: das R\u00fctteln zog unsere Oberk\u00f6rper wieder in die Gerade. Ich sah das Verlagshaus schon. F\u00fcr einen seltsam gedehnten Moment dachte ich daran, was ich heute alles tun w\u00fcrde, nach meiner besch\u00e4mend langweiligen Arbeit. Ich freute mich auf das Abendessen mit Anna, auf ihren K\u00f6rper. Ich freute mich auf mein Bett und den Urlaub in drei Wochen. Dann hielt die Bahn: es dauerte immer einige Sekunden, bis sich die T\u00fcren \u00f6ffneten. Ich hustete, um meine Nervosit\u00e4t loszuwerden; es funktionierte nicht. Der Mann hinter mir stand v\u00f6llig regungslos, soweit ich das erkennen konnte. Als ich begriff, dass seine Bewegungslosigkeit kein Warten, sondern ein Z\u00f6gern war, da war es eigentlich zu sp\u00e4t. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich; ich sah den Schlag nicht, aber eine Bewegung. Ich fiel aus der ge\u00f6ffneten T\u00fcr; ich f\u00fchlte meine Beine zucken. Ich starb.<\/p>\n<p>Ich brauchte drei Anl\u00e4ufe daf\u00fcr: beim ersten Mal brachte ich es nicht einmal fertig, in die Bahn einzusteigen. Ich redete mir ein, es habe an der Menge von Leuten gelegen, aber das war nat\u00fcrlich Unsinn. Die Leute waren mir egal: Ich war einfach kein M\u00f6rder, das war alles. Ich suchte nach einer anderen Gelegenheit: Anderthalb Jahre sp\u00e4ter bot sich eine, in einer H\u00fctte in den schottischen Bergen. Auch dort brachte ich es nicht fertig. Ich stand vor dem Bett, mitten in der Nacht. Ich h\u00e4tte nur zuschlagen m\u00fcssen, aber ich konnte es nicht. Dieses Mal war es nicht der Mut, der mich verlie\u00df; ich hatte nicht bedacht, dass sie auch dort war. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich alles dort beenden k\u00f6nnen, aber es w\u00e4re nicht richtig gewesen. Es w\u00e4re ein zu gro\u00dfer Schock f\u00fcr sie gewesen. Letztlich kehrte ich doch zu dem Tag zur\u00fcck, den ich urspr\u00fcnglich ausgew\u00e4hlt hatte. Ich hatte ihn mit Bedacht ausgesucht; die Bahn war nicht sehr voll gewesen, und die Video\u00fcberwachung wurde in dieser Woche gewartet, so dass man es nicht aufzeichnen w\u00fcrde. Niemand war dort ausgestiegen, von mir einmal abgesehen. Aber zwischen dem Zusammentreffen in Schottland und dem in der Bahn vergingen einige Jahre; ich hatte erkannt, dass ich mich nicht von Hass leiten lassen durfte. Soviel hatte ich verstanden; Sich selbst zu hassen war im Grunde die gleiche Art von arroganter Selbstgef\u00e4lligkeit, die sich auch im Hass auf andere fand. Es war einfach, es war billig zu hassen. Die Dinge wurden dann ganz einfach, weil sich der Versuch das Falsche im Anderen &#8211; oder eben in einem selbst &#8211; zu heilen von selbst verbat; es blieb nur die Ausl\u00f6schung des Falschen, zusammen mit dem Anderen. Also versuchte ich es auf andere Weise: Ich passte mich auf einem langen Spaziergang durch den Wald ab. Stundenlang redete ich mit mir selbst; ich erkl\u00e4rte, was geschehen w\u00fcrde, welche Abzweigungen er in seinem Leben auf gar keinen Fall nehmen durfte. Ich versprach mir, es anders zu machen; ich schwor es. Ich glaubte mir, und das war der Fehler; es \u00e4nderte sich nichts, gar nichts. Ich belie\u00df es nicht bei dem einen Versuch; zweimal, dreimal besuchte ich ihn\/mich noch, einige Jahre vor dem Spaziergang im Wald, einige Jahre danach. Am Ende erkannte ich, wie unausweichlich es blieb. Egal, welchen Zeitpunkt ich w\u00e4hlte; diese Falschheit, diese Brutalit\u00e4t, diese Verlogenheit war schon immer in mir gewesen. Nat\u00fcrlich hatte ich mir jedes Mal geglaubt als ich schwor, ihr niemals ein Leid anzutun, und mit ebensolcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit hatte ich es am Ende doch getan. Mich und meine vielen Alter Egos trennte die simple Erfahrung, sie wirklich zu Grunde gerichtet zu haben, und das war ebenso unaufhebbar wie unvermittelbar. Ich konnte, ich wollte es auch nicht ein viertes, ein f\u00fcnftes Mal versuchen. Bei meiner R\u00fcckkehr hatte ich jedes Mal gehofft, ja gebetet, dass ich es dieses Mal geschafft hatte, mich zu \u00fcberzeugen, und jedes Mal stand ich doch erneut an Annas Grab. Es kam mir der Gedanke an dieses Buch, und an das, was ich damals dar\u00fcber gedacht hatte; wir waren, wer wir waren, und Worte konnten daran nichts \u00e4ndern. Also kehrte ich zu meinem urspr\u00fcnglichen Plan zur\u00fcck. Es gab, das war mir klar geworden, keine andere M\u00f6glichkeit, und demnach war es auch kein Hass, der mich dieses Mal in die Bahn einstiegen lie\u00df. Ironischerweise war mein Antrieb sicher der Charakterzug, dessen Wirken ich stoppen wollte; wenn ich keine andere M\u00f6glichkeit sah, meine Ziele anders zu erreichen, war ich fast beil\u00e4ufig dazu bereit, mich mit Gewalt durchzusetzen &#8211; mir zu nehmen, was ich wollte. Ich rede mir ein, dass diese Grausamkeit in mir in diesem einen Fall etwas Gutes bewirkt hat. Ich wei\u00df, dass sie noch lebt; ich wei\u00df, dass ich ihr nichts mehr antun kann. Aber nat\u00fcrlich ist das eine L\u00fcge. Etwas Gute h\u00e4tte nur der Mann tun k\u00f6nnen, den ich in der Stra\u00dfenbahn erschlagen habe; was ich dagegen getan habe, das war nur der Exzess einer Schw\u00e4che, die man sehr treffend als das Scheitern an sich selbst bezeichnen k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Stra\u00dfenbahn rumpelnd auf dem Marktplatz hielt, fiel er mir zum ersten Mal auf. Ich blickte aus dem Fenster, und da stand er zwischen den anderen Menschen, die an der Haltestelle warteten. Vielleicht h\u00e4tte ich es gleich sehen m\u00fcssen; vielleicht wollte ich es nicht erkennen. 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