{"id":41,"date":"2005-07-30T13:17:00","date_gmt":"2005-07-30T12:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=41"},"modified":"2007-02-27T00:35:03","modified_gmt":"2007-02-26T23:35:03","slug":"single-shot-der-fischer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/07\/30\/single-shot-der-fischer\/","title":{"rendered":"Der Fischer"},"content":{"rendered":"<p>Seine H\u00e4nde zogen kleine, rundliche Linien durch den Sand, schienen etwas zu suchen im nassen Boden, der an einigen Stellen noch schlickige Pf\u00fctzen aufwies.<br \/>\nEr hatte die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf starr nach oben gerichtet, zur Sonne hin, um jeden Strahl aufzusaugen, jeden Schluck W\u00e4rme aufzunehmen. Die Ebbe war gekommen, wie sie immer kam, langsam, aber mit einer gewissen Ebenm\u00e4\u00dfigkeit, und nun sa\u00df er neben seinen Netzen, auf einem St\u00fcck Meeresboden. Die anderen Fischer lachten oft \u00fcber ihn, weil er sich w\u00e4hrend jeder Ebbe hier herunter begab, statt auf der sicheren Hafenmauer oder dahinter zu stehen und seine Netze zu flicken. Er wusste, sie konnten es nicht verstehen.<br \/>\nEin leises Seufzen ging \u00fcber seine Lippen, und seine gro\u00dfen, klobbigen F\u00fc\u00dfe gruben sich noch ein St\u00fcck tiefer in den Schlick, sp\u00fcrten die K\u00e4lte, die von unten aufstieg, ein letzter Abschiedsgru\u00df des Meeres, dass sich zur\u00fcckgezogen hatte, aber zur\u00fcckkommen w\u00fcrde.<br \/>\nOft sa\u00df er hier und tat nichts, gar nichts, lag einfach nur da und geno\u00df die Sonne, unbeschwert, in gewisser Weise sogar fr\u00f6hlich. Er sa\u00df auch hier, wenn die Sonne nicht schien, denn wenn auch die Sonne ihm keine Gesellschaft leistete, so blieb doch die Ebbe, blieb f\u00fcr die ihr bestimmte Zeit. Wenn sie wieder ging und mit der Flut tauschte, dann musste auch er wieder fort von diesem Ort, musste zur\u00fcck, zur\u00fcck in den Hafen, zur\u00fcck zu seinem Schiff, zur\u00fcck aufs Meer, er dachte an die tobende Gischt, die es in mancher Nacht aufwarf, an die tausend prickelnden Nadelstiche, die der Wind dort draussen auf ihn warf, ein gro\u00dfes w\u00fctendes Tier, dass sein Revier verteidigte, rachs\u00fcchtig, tobend, er blickte hinaus auf den weiten Schlick vor sich.<br \/>\nNoch herrschte Ebbe, erinnerte er sich, er sank tiefer in den kleinen Holzstuhl, den er sich mitgebracht hatte, immer mitbrachte, altes vergilbtes Holz, in seinem Aussehen seiner Haut nicht un\u00e4hnlich, vom Wetter gezeichnet, aber standhaft.<br \/>\nOft dachte er an das Meer und auch an seinen Beruf, der doch so untrennbar mit der See verbunden war. Er wusste, nie h\u00e4tte er diesen Beruf erlernen wollen, doch seine Eltern hatten es so gewollt, und so hatte er die Schule abbrechen und seinem Vater auf dem Schiff helfen m\u00fcssen. Lange war er danach auf der Flucht gewesen, heute nannte er es Flucht, sehr lange, ein einsamer, w\u00fctender junger Mann, der von Hafen zu Hafen fuhr, ohne Interessen oder W\u00fcnsche, der immer nur vor dem Meer und seinen Eltern weglief und dabei doch ebendiese See befuhr, weil er nichts anderes gelernt hatte. Viele St\u00e4dte hatte er gesehen, viele L\u00e4nder, viele Sprachen geh\u00f6rt, viele M\u00e4dchen gek\u00fcsst. Doch das Meer hatte er nie hinter sich lassen k\u00f6nnen, immer hatte er es gebraucht, um weiter zu fliehen, immer hatte er es nutzen m\u00fcssen, um sein Geld zu verdienen. Und das Meer hatte es ihm auf seine Weise gedankt, er dachte an unz\u00e4hlige St\u00fcrme, an riesige Wellen, haushohe W\u00e4nde, die flie\u00dfende Verw\u00fcnschungen in die Nacht malten, an den grollenden Wind, der sie vorlas.<br \/>\nSein Blick fiel auf die Kaimauer, eng gemauerte, riesige Steinquader, die noch neu waren und das Sonnenlicht deshalb etwas st\u00e4rker widerspiegelten. Er l\u00e4chelte wieder in die Sonne. In ein paar Jahren, wenn die ersten Sturmfluten gegen diese neuen Steine gedonnert waren, w\u00fcrden auch sie wieder vergilbt und dreckig aussehen, das Sonnenlicht nicht mehr zur\u00fcckwerfen, nur noch einen matten Schein besitzen. Die anderen M\u00e4nner hoch \u00fcber ihm, auf der Mauer, bellten sich Befehle entgegen, und er wusste, dass die Flut bald kommen w\u00fcrde, und er w\u00fcrde wieder mit ihnen fahren. Er dachte an die drei Kinder, drei S\u00f6hne, er w\u00fcrde wieder f\u00fcr sie aufs Meer fahren, auch wenn er sie nie sehen w\u00fcrde.<br \/>\nDer alte Kutter seines Vaters war noch gut in Schuss, wie sie hier sagten, und das war gut so, denn viel brachte die Fischerei nicht mehr ein, das wussten sie alle, nur drei Fischer fuhren noch hinaus, mussten, hatten nichts anderes gelernt. Seit 22 Jahren fuhr er mit dem alten Schiff, er dachte an den Tag, an dem er sich entschieden hatte, zur\u00fcckzukommen, den Tag, an dem ihn der Brief erreicht hatte, in irgendeiner der gro\u00dfen Hafenst\u00e4dte, deren Namen er heute kaum noch wusste. Der Pfarrer hatte ihn aufgesetzt, denn seine Mutter konnte ihn nicht schreiben, war zu schwach gewesen.<br \/>\nEs war eine st\u00fcrmische Nacht gewesen, er hatte es sich immer gut vorstellen k\u00f6nnen, war er doch hier aufgewachsen, und sein Vater war hinausgefahren, alleine, wie immer. Drei Tage sp\u00e4ter hatten sie das Boot gefunden, nur leicht besch\u00e4digt, auf der Seite liegend, in einer kleinen Bucht nicht weit von hier. Viele der Menschen hier schrieben der See einen Charakter zu, und viele hatten damals gesagt, die See h\u00e4tte ihnen etwas zur\u00fcckgeben wollen, als Trost, als Erinnerung. Schon damals hatte er es anders empfunden, obwohl er es nie gesagt hatte, wohl um seine Mutter zu schonen, die dennoch bald darauf gestorben war.<br \/>\nDa war keine Entschuldigung, kein Trost, den die See spenden wollte, nur Hohn, grenzenloser sadistischer Hohn, davon war er \u00fcberzeugt. Und er dachte an das alte kleine Schiff, das er immer noch befuhr, die Botschaft war klar gewesen, es war Zynismus gewesen, m\u00f6rderisch kalt wie die harten Wellen, die hier wie \u00fcberall an die K\u00fcste schlugen. Er hasste das Meer daf\u00fcr, und dennoch w\u00fcrde er bald wieder hinausfahren. Doch noch herrschte die Ebbe, noch einen kurzen Augenblick lang, seine alte Verb\u00fcndete, der einzige menschliche, mitleidige Zug der See.<br \/>\nNach 22 Jahren wusste er nicht mehr genau, warum er sofort zur\u00fcckgekehrt war, sein weniges Erspartes f\u00fcr einen Flug, seinen einzigen Flug ausgegeben hatte, er wusste es wirklich nicht mehr, vielleicht war es ein Funken \u00dcbermut gewesen, den er damals noch hatte, vielleicht war es die Sorge um seine Mutter gewesen, eine alte Fischersfrau, die nie jung oder sch\u00f6n gewesen zu sein schien.<br \/>\nAls er erst einmal hier war, konnte er nicht mehr gehen, der Blick auf die See hatte ihn gebannt, und er hatte ohnehin kein Verlangen mehr nach der Welt da drau\u00dfen versp\u00fcrt, hatte sie gesehen und f\u00fcr sich seinen Frieden mit ihr gemacht. Nur seine Kinder verbanden ihn noch mit der Welt, sie lebten immer noch in gro\u00dfen St\u00e4dten, dem Meer sehr nahe, auch wenn sie nicht viel mit der See zu tun hatten.<br \/>\nUnd so war er hiergeblieben, \u00fcberwies jeden Monat auf drei Konten, er verstand nicht viel davon, lie\u00df das einen Freund bei der Bank im Dorf erledigen, und er fuhr zur See, jeden Tag, und manchmal kam ihm das wie ein best\u00e4ndiges Duell vor, ein Duell mit dem Meer, auch wenn es das nicht war, denn das Meer war ungleich st\u00e4rker als er selbst. Viele der \u00e4lteren -\u00fcberlebenden- Fischer erz\u00e4hlten, dass sie immer Respekt vor dem Meer gehabt hatten, doch er wusste, das war keine Versicherung. Er begnetete dem Meer mit der selben Art von Respekt, den er den Piraten entgegengebracht hatte, die ihn fr\u00fcher einmal mit dem Gewehr in der Hand unter Deck gezwungen hatten, vor langer Zeit, irgendwo im Pazifik.<br \/>\nDoch er musste aufs Meer hinaus, konnte nicht anders. Umso gl\u00fccklicher war er, dass keins seiner Kinder auf dem Meer arbeiten geschweige denn leben w\u00fcrde, sie alle hatten eine gute Ausbildung vor sich, er wusste das, und in gewisser Weise machte ihn das gl\u00fccklicher als alles andere, auch wenn seine Kinder f\u00fcr ihn nur Fotos waren.<br \/>\nKleine, konstant auf- und abschwingende Wellen schlossen sich um seine F\u00fc\u00dfe, hatten sich unbemerkt angeschlichen und erschraken ihn nun, auf eine vertraute Weise. Die Flut kam. Er blickte ein letztes Mal in den Himmel, dann stand er auf und ging, ging zu seinem Schiff, aufs Meer. Er w\u00fcrde wiederkommen und wieder in der Sonne liegen, wieder und wieder und wieder. Bis es auch ihn holen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&#8222;Das Meer ist salzig wie die Tr\u00e4ne, die Tr\u00e4ne ist salzig wie das Meer. Das Meer und die Tr\u00e4ne sind sich durch die Einsamkeit verwandt. Das Meer hat sie schon, die Tr\u00e4ne sucht sie.&#8220; &#8211; <a title=\"Karl Gutzkow\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Karl_Gutzkow\">Karl Gutzkow<\/a>, Gutzkows Werke, Bd. 4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine H\u00e4nde zogen kleine, rundliche Linien durch den Sand, schienen etwas zu suchen im nassen Boden, der an einigen Stellen noch schlickige Pf\u00fctzen aufwies. Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, den Kopf starr nach oben gerichtet, zur Sonne hin, um jeden Strahl aufzusaugen, jeden Schluck W\u00e4rme aufzunehmen. 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