{"id":42,"date":"2005-07-30T13:23:00","date_gmt":"2005-07-30T12:23:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=42"},"modified":"2006-12-11T03:02:21","modified_gmt":"2006-12-11T02:02:21","slug":"single-shot-ruinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/07\/30\/single-shot-ruinen\/","title":{"rendered":"Ruinen"},"content":{"rendered":"<p>Die alten Steine der Au\u00dfenmauer stehen noch, manche etwas verstreut zwar, trotzen sie doch widerwillig dem Alter und auch dem Auge, starren immer noch zur\u00fcck, h\u00fcten ihre Geheimnisse wohl unter der Patina von gr\u00fcnem Moos.<br \/>\nDer alte Kaminzug, l\u00e4ngst verfallen, umgest\u00fcrzt und niedergebeugt, teilt seinen Platz mit L\u00f6wenzahn und wildem Efeu, dass ihn durchrankt und ihn wie in einer Umarmung zu halten scheint. Er hat nichts mehr zu f\u00fcrchten, nichts mehr zu geben, nur noch den Stolz eines erlegten Tieres aufzubieten, und nur tote Erinnerungen rinnen aus den weiten Rissen im Gem\u00e4uer.<br \/>\nErbaut, so sagen die Leute im Dorf, wurde es vor langer Zeit, das Bauernhaus, in dem dunklen Kriege, der das Land einst vom Meer bis an die gro\u00dfen Berge im S\u00fcden ertr\u00e4nkte, lange ist das her, sehr lange, die Menschen nennen es die dunkle Zeit, wenn sie doch einmal davon reden, sie sprechen nicht gern davon.<br \/>\nDie Steine erz\u00e4hlen nichts von dunklen Zeiten, sie sprechen nicht mehr, halten trotzig jeder Beobachtung stand und verraten nichts, und ihr sommertagshei\u00dfes Schweigen mischt sich mit den Ger\u00e4uschen von V\u00f6geln und Insekten, die den Ort erobert haben wie einst die Soldaten in eben diesem Kriege.<br \/>\nDer flei\u00dfig und aufmerksam aus ehemals wei\u00dfen Kacheln gebaute Fu\u00dfboden, von Rissen durchl\u00f6chert, die der Wildwuchs lange schon f\u00fcr sich eingenommen hat, dient nun nur noch den Ameisen aus dem nahen Wald als Heimstatt. Auch er schweigt, l\u00e4sst die Ameisen ruhig gew\u00e4hren, und auch wenn die Kinder im Dorf unten manchmal angstvoll den Geschichten \u00fcber Hexen und D\u00e4monen lauschen, die hier lauern sollen, so ist der Boden und das ganze Haus doch starr und still, tot, gefangen in einer Art Verachtung f\u00fcr die, die es vergessen, dem Verfall preisgegeben haben.<br \/>\nW\u00fcrde man hier graben, leicht w\u00fcrde man auf Spuren sto\u00dfen, Spuren aus Hunderten von Jahren, Spuren vom Haus und seinen Bewohnern.Viele Generationen von Familien haben es bewohnt, Hunderte von Kindern auf seinem ehemals stolzen Dachboden getr\u00e4umt, Dutzende Eheleute sich unter seinen T\u00fcrbalken gek\u00fcsst. Und ein wenig von jedem Bewohner steckt in diesem Haus und im Boden darum, viel ist es nicht, denn viel ist bereits verloren, viel verrottet oder weit davon gesp\u00fclt. Manchmal nehmen die Kinder aus dem Dorf etwas mit, den kleinen L\u00f6ffel eines uralten kleinen Buben mit blonden Haaren etwa, der im Boden gegl\u00e4nzt hat, sie verstehen seine Geschichte nicht, und so geht auch er verloren. Auch \u00fcber das Haus selbst k\u00f6nnte der Boden viel erz\u00e4hlen, so etwa von den Feuersbr\u00fcnsten, die das Haus oftmals niedergebrannt haben, und deren Spuren noch in den schwarz-kohlenden Holzsplittern zu finden sind, tief verborgen im sandigen Grund.<br \/>\nDie Steine, sie erinnern sich genau an jeden der Bewohner. Jedes Gesicht, l\u00e4ngst schon kalt und verrottet, ist f\u00fcr sie noch lebendig. Der Gram l\u00e4sst sie dar\u00fcber schweigen, doch an einem sch\u00f6nen Tage kann man es an ihnen ablesen, in den tief verrunzelten Scharten im Stein erkennen, die vielen sorgsam geh\u00fcteten Erinnerungen, soviele Willkommensgr\u00fc\u00dfe und Abschiede, soviel Freude und auch Trauer. Und auch die \u00c4ltesten im Dorf k\u00f6nnten sich niemals messen mit der Weisheit, die diese Steine besitzen.<br \/>\nDoch sie sprechen nicht mehr, nicht etwa aus der kindischen Verletztheit eines jungen Menschen heraus, nein, es ist die abweisende Verachtung eines Alten, der eine schwere Mi\u00dfachtung ahndet, ruhig, mit aller Zeit der Welt.<br \/>\nBald werden auch die Steine verschwunden sein. Jedes Jahr werden sie weniger, einige zerbr\u00f6ckeln einfach, werden vom Wind davon getragen, andere werden von den Dorfbewohnern geraubt, und so geht in st\u00fcrmischen N\u00e4chten oft ein Seufzen durch die alten Mauern, denn auch die vielen Bewohner, die vielen Menschen, denen dieser Ort einst Schutz oder gar einen Platz zum Leben bot, auch sie werden mit den Steinen und dem Seufzen verschwinden.<br \/>\nHunderten von Jahren hat das Haus standgehalten, hat oft Unheil abgehalten und viel eingesteckt, wortlos, zufrieden. Und immer ist es lebendig geblieben, hat niemals nachgegeben. Bis das Vergessen kam.<\/p>\n<p>&#8222;Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.&#8220; &#8211; <a title=\"Bertolt Brecht\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Bertolt_Brecht\">Bertolt Brecht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die alten Steine der Au\u00dfenmauer stehen noch, manche etwas verstreut zwar, trotzen sie doch widerwillig dem Alter und auch dem Auge, starren immer noch zur\u00fcck, h\u00fcten ihre Geheimnisse wohl unter der Patina von gr\u00fcnem Moos. 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