{"id":45,"date":"2005-08-20T18:01:00","date_gmt":"2005-08-20T17:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=45"},"modified":"2006-12-11T03:01:42","modified_gmt":"2006-12-11T02:01:42","slug":"single-shot-die-asche-in-deinen-augen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/08\/20\/single-shot-die-asche-in-deinen-augen\/","title":{"rendered":"Die Asche in deinen Augen"},"content":{"rendered":"<p>Mein Liebes, du wei\u00dft, dein Blick ist etwas tr\u00fcbe, er hat etwas Gelangweiltes, M\u00fcdes, M\u00fcrbes, Zersetztes oder Zersetzendes, aber er fesselt mich dennoch, l\u00e4sst mich niemals los, h\u00e4lt mich stetig fest.<br \/>\nWeder kann ich mich dagegen wehren, noch kann ich mir dieses Mysterium erkl\u00e4ren, der Grund bleibt oft unsichtbar f\u00fcr mich, doch ich habe eine Ahnung, eine gewisse Idee, ich muss sie dir darlegen, ich kann nicht anders, sie besch\u00e4ftigt mich stetig und ist zu einer gro\u00dfen Last geworden.<br \/>\nBitte lach nicht \u00fcber mich, doch ich denke, es die Asche in deinen Augen, die mich so gefangenh\u00e4lt, die Asche in und hinter deinen Augen, ich wei\u00df, das klingt merkw\u00fcrdig, wie k\u00f6nnte es auch nicht, nat\u00fcrlich klingt es absurd, aber denke deshalb nicht schlecht von mir, es ist mein voller und aufrichtiger Ernst, wenn ich dir das sage, du hast Asche in deinen Augen, Asche.<br \/>\nEine weitere Erkl\u00e4rung muss ich dir wohl schuldig bleiben, ich kann nur beschreiben, was ich sehe, und ich sehe nun einmal Asche, Asche hinter deinen Augen.<br \/>\nOft erinnere ich mich an Tage, an denen die Asche sich ein St\u00fcck hervorschiebt aus ihrem geheimen Versteck, ein endloser Strom wie von einem Vulkan ausgesto\u00dfen, weder Tr\u00e4nen noch Stofft\u00fccher k\u00f6nnen sie vertreiben.<br \/>\nIch sehe dich so vor mir, dicke runde Tropfen rinnen deine Wangen hinab und du wei\u00dft, du wei\u00dft, dass auch sie nicht helfen k\u00f6nnen. Ich glaube, du hast oft dar\u00fcber nachgedacht, die Asche mit einer Gabel oder einem Messer herauszubrechen, doch nur dein Augenlicht w\u00fcrdest du dabei verlieren, glaube es mir, es w\u00e4ren nur deine Augen, die du zerst\u00f6ren k\u00f6nntest, die Asche w\u00fcrde bleiben und leise \u00fcber dich kichern.<br \/>\nAus einem Grund, den ich dir nicht nennen kann noch will, ist es diese Asche, die mich so fesselt, die deine Augen so faszinierend verschleiert, etwa so, wie eine dunkle Wolke, die vor den Sternen liegt.<br \/>\nIch sehe dich so vor mir, w\u00e4hrend ich hier sitze und diesen Brief schreibe, der dich wohl nie erreichen wird oder aber schon erreicht hat, so sehe ich dich vor mir, und ich bem\u00fche mich wirklich, genau zu beschreiben, was ich dabei f\u00fchle, obwohl ich wei\u00df, wie merkw\u00fcrdig, wie makaber das Ganze ist.<br \/>\nDie Asche, ich denke die Asche ist nicht ekelerregend in einem pathologischen Sinne, nein, sie besteht nicht aus den verbrannten \u00dcberresten von Holz oder Fleisch, du riechst ja auch nicht nach Asche, &#8211; was f\u00fcr ein absurder Gedanke, nicht wahr &#8211; nein, sie ist von ganz und gar anderer Gestalt als gew\u00f6hnliche Asche.<br \/>\nJe l\u00e4nger ich dich so vor mir sehe, im Geiste, desto klarer wird es mir, es sind verbrannte Tr\u00e4ume, die da leise in deinen Augen schwelen, es sind Dinge, die man mit dir getan hat oder die du getan hast, die sich da kalt und schweigend verstecken, allesamt verbrannt und vermischt zu eben dieser Asche, von der ich spreche und die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme.<br \/>\nSicher, auch du bist es, der f\u00fcr sie verantwortlich ist, es ist auch deine Schuld, aber so ganz m\u00f6chte ich das nicht glauben, dein Leiden schmerzt mich zu sehr. Verzeih mir &#8211; und halte nicht f\u00fcr brutal, du kennst mich ja &#8211; , aber wenn ich erkennen k\u00f6nnte, wessen Asche es ist, wer sie hinter deine Augen geblasen hat, ich w\u00fcrde ihn finden und verbrennen, all sein Fleisch und Blut zu ebensolcher Asche verbrennen wie der in deinem Blick, bis nichts mehr von ihm bliebe au\u00dfer einem H\u00e4ufchen Schmutz, ich w\u00fcrde sie alle finden und verbrennen.<br \/>\nDoch ich kann es nicht erkennen, das scheint mir ebenso eine zynische Wendung wie auch eine bedeutende Eigenschaft von Asche zu sein; sie macht unkenntlich, wer oder was sie einmal war, zur\u00fcck bleibt nur der amorphe Stoff, er l\u00e4sst keine R\u00fcckschl\u00fcsse mehr zu, verschweigt seinen Ursprung.<\/p>\n<p>Aus der Asche entsteht wieder Leben, so sagen die Menschen. Ich wei\u00df nicht, ob das die Wahrheit ist, ich kann es auch nicht beurteilen, aber vielleicht, vielleicht ist es ja wahr, und wenn ich so dar\u00fcber nachdenke, dann erscheint es mir plausibel, denn ich kann mich gut erinnern; manchmal, selten, doch mit einer gewissen Regelm\u00e4\u00dfigkeit, da sitzt du so vor mir, mit deiner Asche in den Augen, all den verbrannten W\u00fcnschen und Verw\u00fcnschungen, und so etwas wie ein Luftzug geht durch sie hindurch, geht durch deinen ganzen K\u00f6rper und dann durch deine Augen, und f\u00fcr einen kurzen Moment leuchtet die Asche hell auf. Vielleicht ist doch noch etwas Leben darin, ich wei\u00df es nicht, wie k\u00f6nnte ich auch, vielleicht ist es auch weniger ein Luftzug als ein Funke, ein kleiner Funke, der die Asche wieder aufglimmen l\u00e4sst, f\u00fcr einen Augenblick.<br \/>\nIn solchen Momenten tropft manchmal etwas von der Asche auf den Boden oder auf ein Blatt Papier, ganz so, als wollte sie sich mit ihrem Ursprung wieder vereinen, flie\u00dfend, fliehend, wie eine Fl\u00fcssigkeit, die eine H\u00f6he herabrinnt. Doch nicht nur aus deinen Augen flie\u00dft die Asche, sie flieht auch durch deinen Mund, in manchen kurzen Momenten sogar wie ein tief sch\u00e4umender Strom, Tausende Wort flie\u00dfen dann aus deinem Mund, tiefdunkel mit Asche bedeckt, ich kann es so direkt vor mir sehen.<br \/>\nIch kann dir nicht sagen, ob das ein Weg der Heilung ist, ich wei\u00df es nicht, kann es auch nicht beurteilen, vielleicht kann das niemand, vielleicht kannst du es nur selber.<br \/>\nDoch wenn ich dich dann so sehe ist mir, als ob die Schleier in deinen Augen d\u00fcnner werden w\u00fcrden, als ob die Asche z\u00f6gern w\u00fcrde, ganz so, als ob ihre Pr\u00e4senz abnehmen w\u00fcrde, aber ich bin mir nicht sicher, ich k\u00f6nnte es nicht versprechen oder gar beschw\u00f6ren, es ist nur mein Eindruck, eben meine Empfindung.<br \/>\nIch hoffe, du vergibst mir diesen Brief, ich wei\u00df, er hat etwas sehr Seltsames, fast schon Verr\u00fccktes, ich wei\u00df das, doch ich musste es dir schreiben, vielleicht kann ich nun wieder etwas besser schlafen. Das mag selbsts\u00fcchtig klingen, in meinen Ohren klingt es so, aber glaub mir, g\u00e4be es einen Weg, ich w\u00fcrde gern deine Asche hinter meinen Augen tragen, ich verspreche es dir.<br \/>\nDu magst \u00fcber diesen Brief lachen oder ihn nicht einmal bis zum Ende studieren, doch ich kann nicht zur\u00fccknehmen, was in ihm steht, es ist die Wahrheit, ich bestehe darauf:<br \/>\nDu hast Asche in deinen Augen, Du.<br \/>\nOder Ich?<\/p>\n<p>&#8222;And he says:<br \/>\n&#8218;I swear I&#8217;m not the devil,<br \/>\nThough you think I am,<br \/>\nI swear I&#8217;m not the devil.&#8216; &#8220; &#8211; <a href=\"http:\/\/www.staind.com\/\">Staind<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Liebes, du wei\u00dft, dein Blick ist etwas tr\u00fcbe, er hat etwas Gelangweiltes, M\u00fcdes, M\u00fcrbes, Zersetztes oder Zersetzendes, aber er fesselt mich dennoch, l\u00e4sst mich niemals los, h\u00e4lt mich stetig fest. 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