{"id":47,"date":"2005-10-07T20:35:00","date_gmt":"2005-10-07T19:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=47"},"modified":"2006-12-11T03:01:35","modified_gmt":"2006-12-11T02:01:35","slug":"single-shot-morgengrauen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/10\/07\/single-shot-morgengrauen\/","title":{"rendered":"Morgengrauen"},"content":{"rendered":"<p>Ich gr\u00fc\u00dfe dich, mein guter alter Freund.<br \/>\nDies wird der letzte Brief sein, der dich erreicht, einen weiteren kann es nicht geben, wie du wei\u00dft.<br \/>\nIch hocke hier im schummrigen Licht der D\u00e4mmerung auf dem Schemel und starre in die D\u00fcsternis, die sich drau\u00dfen zwischen den Gitterst\u00e4ben erstreckt.<br \/>\nEs ist merkw\u00fcrdig, aber ich bin jetzt ganz ruhig geworden. Du wei\u00dft, wir sprachen das letzte Mal noch \u00fcber die heutige Nacht, du versuchtest mir Mut zu machen, doch glaubte ich insgeheim, die Angst w\u00fcrde mich trotz aller Bem\u00fchungen doch noch packen.<br \/>\nNun ist es eine Nacht geworden, dunkler als die vier zuvor, doch ganz ohne Angst und Unruhe. Im Gegenteil, ich f\u00fchle eine seltsame Zufriedenheit, eine unsterbliche Ruhe in mir, als ob nichts auf der Welt mir schaden k\u00f6nnte.<br \/>\nVor einigen Stunden war der Pfarrer hier, du err\u00e4tst sicher den Grund seines Besuches, aber um dir die Frage gleich zu beantworten, nein, ich habe mich nicht bekannt, nicht gebeichtet und auch nicht mit ihm gebetet. Er hat mich noch nach dem Grund meiner Ablehung gefragt, kannst du dir das vorstellen? Ich habe ihn nur angesehen und gefragt, ob er wisse, was ich getan habe. Er nickte wortlos und verschwand, Pfaffen!<br \/>\nLange k\u00f6nnte ich mich \u00fcber sie auslassen, doch du wei\u00dft, mir bleibt kaum noch Zeit, kaum noch Zeit auch nur Atem zu holen, schon kann ich fern die Turmuhr h\u00f6ren, die von meinem Tod k\u00fcnden wird.<br \/>\nIch freue mich nicht recht auf diesen letzten Schlag, aber nat\u00fcrlich nicht. Noch bin ich dem Wahn nicht verfallen, das bin ich nicht, du wei\u00dft, das bin ich nicht, und so freue ich mich auch nicht auf das Ende.<br \/>\nWohl aber, und dies mag dich in der Tat verwundern, f\u00fchle ich mich nicht mehr eingesperrt oder bedr\u00e4ngt, ganz im Gegenteil.<br \/>\nSchon lange muteten mir dein Mitleid und das der deinen f\u00fcr meine Lage seltsam an, doch konnte ich mir dieses Gef\u00fchl nicht erkl\u00e4ren.<br \/>\nGestern jedoch, wie ich hier fr\u00fch morgens auf meiner Pritsche sa\u00df und zwischen den Gitterst\u00e4ben hindurchstarrte, da dachte ich daran, wie wohl das tr\u00fcbe Licht der Deckenlampe von drau\u00dfen wirken w\u00fcrde, wie es wohl auf die freien Menschen wirken w\u00fcrde. Und bei dem Gedanken, mich k\u00f6nnten alle so in meiner Lage sehen, da f\u00fchlte ich meinen Stolz verletzt und in meiner Wut zerschlug ich die Lampe mit den blo\u00dfen H\u00e4nden.<br \/>\nNun, das ist einmal wieder ganz typisch f\u00fcr mich wirst du sagen, ich wei\u00df und lache mit dir.<br \/>\nDanach jedoch geschah etwas Merkw\u00fcrdiges;<br \/>\nAls das Licht in meiner Zelle verlosch, sah ich pl\u00f6tzlich das aschfahle Licht der D\u00e4mmerung, dass in den dunklen Raum fiel, und f\u00fcr einen vertauschte ich im Geiste meine Zelle mit der Welt dort drau\u00dfen. Es war nur ein Gedankenspiel, zun\u00e4chst, das Spiel eines m\u00fcden Geistes, fast ein Zufall, wenn nicht das schwache Sonnenlicht mich an das Licht der Lampe erinnert h\u00e4tte. Doch ich blieb bei dem Gedanken, sponn ihn weiter, und er hat mich zur Ruhe kommen lassen.<br \/>\nDenn bedenke;<br \/>\nBin ich wirklich derjenige, der euer Mitleid verdient?<br \/>\nIch wei\u00df, wann es zu Ende gehen wird. Und kann leben, planen, sein, denn meine Zeit ist wohlbemessen und folgt dem Klang eben dieser Turmuhr, die vor meiner Zelle weit aufragt. Ihr dagegen seid ewige Todeskandidaten, \u00fcber euch kreist von der Geburt an das Beil des Scharfrichters und schwebt mal Minuten, mal Jahrzehnte \u00fcber euch, bevor es schlie\u00dflich seine unvermeidliche Bahn zieht.<br \/>\nIch werde in zwei Stunden sterben. Ihr dagegen sterbt euer ganzes Leben lang, euer eigener Tod ist die st\u00e4ndige Unw\u00e4gbarkeit, die immanente Unsicherheit in eurem Leben; ihr k\u00f6nnt nicht leben, denn der Tod ist eine st\u00e4ndige Dimension, ein st\u00e4ndiger Begleiter eures Lebens. Die Folgerung mag sogar dir, obwohl du mich wohl kennst, wirr erscheinen, aber nicht ich bin es, der in der letzten aller Zellen sitzt. Mein Tod wurde nur auf einen Tag, auf eine Stunde festgelegt, euer Tod dagegen wurde auf jeden Tag und jede Stunde eures Daseins festgelegt. Ihr habt mich nicht zum Tode verurteilt; ihr habt mich zum Leben verurteilt und mich nicht ein- sondern vielmehr ausgesperrt aus eurer gro\u00dfen Zelle des Todes.<br \/>\nUnd vielmehr noch; euer Tod wird sinnlos sein, das Finale eines sinnentleeren Lebens, ein blo\u00dfer Mechanismus, eine nat\u00fcrliche Notwendigkeit sein. Wenn ich gehe, so bringt das den toten M\u00e4nnern Gerechtigkeit und ihren N\u00e4chsten Genugtuung. Mein Tod wird Sinn machen, er ist ein Handel mit der Welt: Mein Leben f\u00fcr die Sache.<br \/>\nVerlach mich nicht, aber ich werde so sterben wie ein Held. Mein Leben wird nicht gegeben, aber genommen werden f\u00fcr die Sache, f\u00fcr die Gerechtigkeit, und so bin ich auch ein wenig ein Held, etwa so wie Prometheus auch ein klein wenig ein R\u00e4uber war.<br \/>\nDu siehst, meine Lage ist eigentlich nicht euer Mitleid wert; vielmehr ist es Neid, der euch antreiben sollte.<br \/>\nSo muss ich dann auch schlie\u00dfen, habe alles Wichtige geschrieben, und auch wenn ich noch Stunden und Tage weiterschreiben m\u00f6chte, h\u00f6re ich doch schon die Hacken der W\u00e4rter \u00fcber den Flur knallen.<br \/>\nUnd sei versichert; ihr alle habt mein tief empfundenes Mitgef\u00fchl, denn euer Morgengrauen wird ein Leben lang dauern.<\/p>\n<p>Gr\u00e4me dich nicht, mein Freund. &#8211; W.<\/p>\n<p>&#8222;Bei unserer Geburt treten wir auf den Kampfplatz und verlassen ihn bei unserem Tode.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Jean-Jacques Rousseau\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Jean-Jacques_Rousseau\">Jean-Jacques Rousseau<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gr\u00fc\u00dfe dich, mein guter alter Freund. 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