{"id":49,"date":"2005-10-29T15:13:00","date_gmt":"2005-10-29T14:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=49"},"modified":"2006-12-11T02:59:26","modified_gmt":"2006-12-11T01:59:26","slug":"single-shot-schwarz-auf-weis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/10\/29\/single-shot-schwarz-auf-weis\/","title":{"rendered":"Schwarz auf Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Er sa\u00df wieder, sa\u00df wieder an seinem Tisch, wo auch sonst, seine Papiere, wie er sie nannte lagen verstreut darauf herum, ungeordnet f\u00fcr die Augen anderer, doch nicht f\u00fcr ihn, nein, nicht f\u00fcr ihn, jede Seite hatte ihren Platz, ihre wohldefinierte Position, das vereinfachte seine Arbeit.<br \/>\nAuch w\u00fcrde das unge\u00fcbte Augen wohl kaum erkennen, woran er da arbeitete, jeden Tag, bis sp\u00e4t in die Nacht hinein, denn viele der Symbole auf diesen seinen Papieren wirkten befremdlich, nur wenige andere Menschen konnten sie deuten.<br \/>\nEs waren Zahlen, endlose Kolonnen von Zahlen, auch andere Symbole dazwischen, manche wie Runen, andere fast wie zuf\u00e4llige Tintenkleckse eines Kindes, auch wenn ihre offensichtliche pr\u00e4zise Anordnung dies unwahrscheinlich erscheinen lie\u00df.<br \/>\nSeine Arbeit war schwer, und sie wurde in keinem Moment leichter, das betonte er gern vor Freunden, aber eigentlich, so musste er bei solchen Gelegenheiten ebenso gestehen, bereitete sie ihm auch eine gro\u00dfe Freude, was auch dazu gef\u00fchrt hatte, dass er selten zu Hause mit seinen Kindern a\u00df.<br \/>\nManchmal vergass er fast, dass er nichts Konkretes \u00fcber seine Arbeit verlauten lassen durfte, er schmunzelte immer noch manchmal \u00fcber diesen Satz, es war der Wortlaut eines Uniformierten gewesen, er konnte sich noch genau an die Begebenheit erinnern, sein Ged\u00e4chtnis war trainiert, &#8222;Ich weise sie darauf hin, dass sie nicht befugt sind, konkrete Informationen \u00fcber ihre Arbeit bei uns verlauten zu lassen.&#8220;, das hatte er gesagt, ein \u00e4lterer Herr mit funkelnden Augen, und dann noch etwas von Kriegsfall und Hochverrat hinzugesetzt, er erinnerte sich nicht mehr genau.<br \/>\nEr selbst verabscheute Krieg, verabscheute Gewalt an sich, dass Menschen anderen Menschen weh taten hatte er nie verstehen k\u00f6nnen. Auch deshalb war er froh, nicht an die Front geschickt worden zu sein, wo immer die sich auch gerade befand, er wusste es nicht genau, hielt sich von diesem widerlichen Geschehen, wie er sagte, &#8222;so fern als m\u00f6glich&#8220;.<br \/>\nEs war sein Gl\u00fcck gewesen, dass er diese Anstellung bekommen hatte, er betonte das stets und f\u00fchlte es immer, wenn er mit seinen Kindern am Tisch sa\u00df, es war ein Gl\u00fccksfall gewesen, eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung. Zwar hatten sie schon zweimal umziehen m\u00fcssen &#8211; die Front war ihnen wohl zu nahe ger\u00fcckt &#8211; aber das belastete nur seine Frau, nicht ihn, nicht, so lange seine Familie mit ihm kam &#8211; und nat\u00fcrlich seine Papiere.<br \/>\nSeine Papiere &#8211; Wenn er mit ihnen am Tisch sa\u00df, so schien ihm der Krieg oft ebenso fern wie seine Kinder. Selbstverst\u00e4ndlich wusste er, dass auch sein Werk etwas mit dem Krieg zu tun hatte, aber, so wusste er, nur indirekt, nur indirekt hatte er etwas damit zu schaffen, nur indirekt, er wurde nie m\u00fcde dies zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nUnd wenn er erst einmal hier sa\u00df und die unz\u00e4hligen Zahlen und Symbole besah, so vergingen seine Zweifel und auch die Gedanken an den Krieg, der drau\u00dfen irgendwo tobte, ein gr\u00e4\u00dfliches Geschehen, es blieben nur noch schwarze, klare Piktogramme auf makellosem Papier, keine Abw\u00e4gungen, keine Konflikte, keine unsinnigen Abstufungen, nur noch die Zeichen auf seinen Papieren.<br \/>\nKaliber, Treibladungsdichte, Detonationsradius, Gescho\u00dfbahnkurve, letale Effizienz, kritische Masse, Wirkungsradius &#8211; all diese Dinge verloren hier ihre schroffe, debile Ambivalenz, ihre grausam l\u00e4rmenden Konnotationen, ihr schmutzig-graues Wesen, und was von ihnen blieb f\u00fcllte seine Papiere, f\u00fcllte sie Seite f\u00fcr Seite, Buch um Buch, frei von jeder Mehrdeutigkeit.<br \/>\nEr stellte sich seine Gleichungen oft als Skelette vor, Skelette der realen Dinge, und wie auch die Skelette von uralten Sauriern keine Bedrohung darstellten, so waren auch seine B\u00fccher f\u00fcr jedermann ungef\u00e4hrlich.<br \/>\nUnd wenn er nach mancher langen Nacht doch einmal zweifelnd auf die Zahlen hinunter blickte, nur f\u00fcr einen Moment, so nahmen sie ihm seine Unruhe schnell wieder, er hatte mit dem Krieg, mit dem T\u00f6ten, nur indirekt, kaum zu tun, es blieb das Schwarz und Wei\u00df auf seinen Papieren, scharf begrenzt und nie verschwommen, nur Symbole und Zahlen und die ihnen inh\u00e4renten abstrakten Strukturen, ungef\u00e4hrlich, unschuldig.<br \/>\nEigentlich hatte er nie etwas anderes machen wollen, dachte er oft, auch das war sicher ein Gl\u00fccksfall, ein ganz besonderer sogar. Er liebte seine Papiere, liebte die Art, wie die Piktomgramme miteinander interagierten, sich hinter seinen Augen verbanden zu k\u00fchl schwebenden Abstraktionen, manchmal geometrische, fast visuelle Strukturen, manchmal unaussprechliche, nicht zu beschreibende Muster und Verkn\u00fcpfungen.<br \/>\nMit Erstaunen nahm er oft wahr, was andere Menschen lasen; Romane, Zeitungen, Biographien, Geschichtsb\u00fccher und viel mehr, das er nicht so recht kannte, er hatte das nie verstanden, auch wenn er es oft genug versucht hatte.<br \/>\nVielleicht waren diese Schriften nicht abstrakt genug, er wusste es nicht, aber diese anderen Papiere bereiteten ihm ein gro\u00dfes Unbehagen, und so las er sie nur selten und widerwillig, auch wenn seine Frau es sicher gern sehen w\u00fcrde, wenn er das ein oder andere Mal die Zeitung aufschlagen w\u00fcrde.<br \/>\nSeine Papiere und B\u00fccher dagegen schienen ihm perfekt, eine makellose Choreographie von abstrakten Modellen, Symbole und Zahlen, die in seinem Geist tanzten wie es kein Mensch k\u00f6nnte, nichts an ihnen verwies auf etwas Reales, und schon deshalb konnten sie wohl kaum mit dem T\u00f6ten zusammenh\u00e4ngen, so hatte er es -verbotenerweise- seiner Frau erkl\u00e4rt, sie waren nur Schwarz auf Wei\u00df, Buchstaben auf Papier, scharf begrenzt, eindeutig, der Welt abgewandt und unschuldig. Er wusste, dass er Recht hatte.<br \/>\nNur manchmal in letzter Zeit, da war etwas Unangenehmes geschehen, wenn er lange gearbeitet hatte, er erinnerte sich jetzt nur noch selten daran. Die Piktogramme, sie waren vor seinen Augen merkw\u00fcrdig verschwommen gewesen, sp\u00e4t in der Nacht, am Anfang nur ein klein wenig, er war nicht mehr J\u00fcngste, dass wusste er, und so hatte er es ignoriert, es beiseite geschoben, sich einfach tiefer \u00fcber die Papiere gebeugt.<br \/>\nDoch Nacht f\u00fcr Nacht war es schlimmer geworden, die Zahlen und Zeichen wurden immer unsch\u00e4rfer und grauer, und es wurde ihm eine gro\u00dfe Last, weiterzuarbeiten.<br \/>\nEines Nachts dann schlie\u00dflich, f\u00fcr ihn lag es nun schon eine ganze Weile zur\u00fcck, da hatte er pl\u00f6tzlich stichiges Rot zwischen seinen ehemals schwarzen Symbolen gesehen, und er war so erschrocken, dass er nach Hause ging und in dieser Nacht nicht mehr arbeitete.<br \/>\nEs musste an der M\u00fcdigkeit liegen, hatte er entschieden, er war ja auch nicht mehr der J\u00fcngste, nat\u00fcrlich, eine optische T\u00e4uschung.<br \/>\nIn dieser Nacht hatte er nicht so gut geschlafen wie sonst, wohl wegen des Schrecks, hatte er am n\u00e4chsten Tag am K\u00fcchentisch gewitzelt.<br \/>\nAm Nachmittag verlie\u00df er den St\u00fctzpunkt, kaufte sich eine Brille. Und &#8211; das war fast wichtiger, hatte er entschieden &#8211; etwas Medizin, &#8222;damit er l\u00e4nger wachbleiben k\u00f6nne&#8220;, wie der Doktor gesagt hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so sch\u00f6ne Physik!&#8220; &#8211; Enrico Fermi<em>, 1945 als Direktor der Abteilung f\u00fcr theoretische Physik in Los Alamos auf Einw\u00e4nde von Kollegen gegen den Bau der Atombombe.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sa\u00df wieder, sa\u00df wieder an seinem Tisch, wo auch sonst, seine Papiere, wie er sie nannte lagen verstreut darauf herum, ungeordnet f\u00fcr die Augen anderer, doch nicht f\u00fcr ihn, nein, nicht f\u00fcr ihn, jede Seite hatte ihren Platz, ihre wohldefinierte Position, das vereinfachte seine Arbeit. 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