{"id":5,"date":"2005-01-10T00:54:49","date_gmt":"2005-01-09T23:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=5"},"modified":"2006-12-11T03:12:24","modified_gmt":"2006-12-11T02:12:24","slug":"preludelullaby-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/01\/10\/preludelullaby-i\/","title":{"rendered":"Prelude\/Lullaby I"},"content":{"rendered":"<p>Warte nicht auf mich.<br \/>\nK\u00fchles, verbleichendes Blau, dass sich in ihrem Gesicht widerspiegelt. Schwarze, grobe Buchstaben, die sich wie kleine Klingen in das Display eingraben.<br \/>\nWarte nicht auf mich.<\/p>\n<p>Aufwachen \u00e4hnelte der Vertreibung aus dem Paradies.<br \/>\nJeden Morgen schlug er die Augen auf und f\u00fcr einen kurzen Moment f\u00fchlte er sich unber\u00fchrt, unber\u00fchrt von heute und von morgen. Es war dieser winzige Augenblick, indem er nicht wusste, wer er war, welchen Weg er hinter sich hatte &#8211; oder vor sich.<br \/>\nEr schlug den Wecker mit Wucht aus, nur um den Gedanken daran zu vertreiben.<br \/>\nAls er die Augen wieder schloss dachte er benommen dar\u00fcber nach, warum er nicht aufsprang an dem grellen Tag, der durch die Roll\u00e4den schien.<br \/>\nIm Bad kam ihm wieder der Gedanke.<br \/>\nAufwachen war wie geboren werden und sterben. Man wachte auf wie ein Neugeborenes, wie eine leere Diskette, frisch, neu, ohne Identit\u00e4t, ohne Inhalt.<br \/>\nDoch mit derselben Routine, die ebenso die Morgenw\u00e4sche der meisten Menschen beherrscht, kehrte all der Schmerz, all die Trauer, all die vergebene Hoffnung zur\u00fcck ins Bewusstsein.<br \/>\nEr l\u00e4chelte den Spiegel schief an. Wei\u00dfe, tiefe Schluchten, aus denen sich braune, scheinbar weit entfernte Flecken selbst betrachteten. Ironie. Ein \u00fcberaus vertrautes Konzept. Sicher keine Waffe des Geistes, mehr eine der Verzweiflung.<br \/>\nDas metallische Surren des Elektrorasierers zerri\u00df den Gedankengang. Vor langer Zeit schon hatte er jede Rasierklinge aus dem Bad verbannt.<br \/>\nEr duschte ausgiebig.<br \/>\nWarum war Duschen so entspannend?<br \/>\nSein Geist verhakte sich kurz an dieser Frage.<br \/>\nEs war ein Symbol der Reinigung, und zwar nicht nur der Reinigung von physischem Schmutz. Dennoch, Wasser vermochte nun mal objektiv gesehen nur Dreck zu entfernen.<br \/>\nObjektiv. So sah er sich gerne. Objektiv. Er formte das Wort mit den Lippen und versuchte, selbstzufrieden auszusehen. Es funktionierte nicht, aber immerhin lenkte es seinen Geist von dem Gedanken einer absoluten Reinigung ab.<br \/>\nDie Haust\u00fcr schlo\u00df sich hinter ihm. Den ersten Teil Routine hatte er hinter sich, jetzt begann der n\u00e4chste. Er kniff die Augen zu, als er sich in Richtung der tiefstehenden Sonne wand. Die Nebelf\u00e4den, die sich am Horizont entlangzogen, bildeten ein blutrotes Halo am Himmel. Die Sonnenbrille hatte er schon in der Hand gehabt, als er das Badezimmer verlassen hatte, jetzt setzte er sie auf.<br \/>\nLichtstreuung in der Atmosph\u00e4re. Nichts besonderes, nichts \u00c4sthetisches. Nur Physik.<br \/>\nDie Gartenpforte knarrte verschw\u00f6rerisch hinter ihm. Er hatte schon oft gedacht, dass das Haus nicht in die Stra\u00dfe passte. Irgendwie hob es sich ab, aber auf eine subtile, konspirative Weise. Wie eine Krebszelle unter gesunden Zellen. Eine interessante Analogie, wie er fand, auch wenn er wusste, dass ein Teil von ihm dar\u00fcber lachte. Genauso gemein lachte wie die roten Ziffern des Weckers, der ihn morgens aus dem Schlaf riss.<br \/>\nSeine F\u00fcsse ber\u00fchrten vorsichtig die Stra\u00dfe, wie ein Blinder, der Angst hat zu st\u00fcrzen.<br \/>\nIn gewisser Weise stimmte das auch. Zwar konnte er sehen, aber das f\u00fcr ihn wirklich Bedeutsame und Gef\u00e4hrliche an diesem Ort, an jedem Ort, konnte er nicht sehen. Er legte den Kopf schief, w\u00e4hrend er den n\u00e4chsten Block erreichte.<br \/>\nNein, so stimmte das nicht. Er wusste ja, dass sie da war, die Angst. Es war so, als ob sie st\u00e4ndig am Rand seines Gesichtsfeldes stand und ihm zusah. Eigentlich war es mehr ein Gef\u00fchl der Pr\u00e4senz als ein visueller Eindruck. Wie das brennende Stechen im Nacken, wenn man den Blick eines anderen dort f\u00fchlt.<br \/>\nWie irrational von ihm. Omin\u00f6se Gef\u00fchle. Er lachte innerlich wieder \u00fcber sich selbst, aber diesmal war es ein nerv\u00f6ses, ein peinlich ber\u00fchrtes Lachen.<br \/>\nDas Lachen half etwas, das Gef\u00fchl wegzuwischen, besser, zu bet\u00e4uben.<br \/>\nAn einer Ampel musste er stehenbleiben. Er blickte nach oben. Gleich w\u00fcrde er wieder da sein, und die Angst w\u00fcrde dort schon warten.<br \/>\nVielleicht war heute der richtige Tag, es zu tun.  Noch einmal l\u00e4chelte er, dann sprang die Ampel auf Gr\u00fcn.<\/p>\n<p>&#8230; to be continued.<\/p>\n<p>&#8222;Die Seele n\u00e4hrt sich von dem, an dem sie sich freut.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Augustinus von Hippo\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Augustinus_von_Hippo\">Augustinus von Hippo<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warte nicht auf mich. K\u00fchles, verbleichendes Blau, dass sich in ihrem Gesicht widerspiegelt. Schwarze, grobe Buchstaben, die sich wie kleine Klingen in das Display eingraben. Warte nicht auf mich. Aufwachen \u00e4hnelte der Vertreibung aus dem Paradies. 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