{"id":52,"date":"2006-01-08T17:01:00","date_gmt":"2006-01-08T16:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=52"},"modified":"2006-12-11T02:59:03","modified_gmt":"2006-12-11T01:59:03","slug":"single-shot-hermetisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/01\/08\/single-shot-hermetisch\/","title":{"rendered":"Hermetisch"},"content":{"rendered":"<p>Er spielte seine Rolle, routiniert, ein schelmisches L\u00e4cheln auf den trockenen Lippen, ungelenke, k\u00fcnstliche Bewegungen, ein unabl\u00e4ssiges Sprudeln von Scherzen und Anz\u00fcglichkeiten, er spielte seine Rolle, und die Menschen lachten im Kanon, ein vielstimmiges Br\u00fcllen und Juchzen wie Artilleriesalven.<br \/>\nSeine H\u00e4nde flogen durch die Luft, zeichneten Bilder, verst\u00e4rkten Reaktionen, die H\u00e4nde eines Komponisten, der ein gro\u00dfes Orchester dirigierte, ein Orchester aus Lachen und Prusten, hinten das tiefe Gr\u00f6hlen b\u00e4rtiger Marineoffiziere, weiter vorne das hellere Kichern von jungen Sanit\u00e4terinnen.<br \/>\nAls er noch auf den anderen, gro\u00dfen B\u00fchnen gespielt hatte, da hatte ihn auch dieses Lachen manchmal erfreut, selbst wenn es eigentlich der Applaus war, der ihn als Schauspieler getrieben hatte.<br \/>\nEs hatte sich ver\u00e4ndert, schon vor langer Zeit, manchmal dachte er zur\u00fcck an diese Zeit, an die Zeit vor der Rezession, vor dem Krieg, in manchen Augenblicken dachte er sogar hier auf einer B\u00fchne daran.<br \/>\nEr sprach weiter, immer weiter, persiflierte Engl\u00e4nder, Franzosen, die eigene Luftwaffe, es war seine Aufgabe, die Menschen etwas abzulenken, seine und nur seine Last, oft musste er sich daran erinnern, wenn er in die vielen so verschiedenen Gesichter vor sich blickte, manche grob und von der Front gezeichnet, andere fein, aber dennoch bla\u00df, ja, es war seine Aufgabe, diesen Augen f\u00fcr einen kurzen Moment etwas zu schenken, dass sie ansonsten schon lange verloren hatten.<br \/>\nEr stockte bei diesem Gedanken, machte eine unwillk\u00fcrliche Pause, schon wieder, erschrak er sich, w\u00e4hrend er die Hoffnungslosigkeit in den Augen seiner Zuschauer abwog, noch einmal und noch einmal, so als ob es daf\u00fcr ein pr\u00e4zises Ma\u00df g\u00e4be.<br \/>\nEr zwang seine Gef\u00fchle zur\u00fcck, zur\u00fcck in sein Inneres, seine Stimme hob sich wieder, zun\u00e4chst etwas br\u00fcchig, aber schnell wieder erstarkend, eine kleine Floskel nur, um der Pause ihre Dramatik zu nehmen, er schob sie russischen Kollaborateuren in die Schuhe, einige S\u00e4tze aus dem Standard-Repertoire, er grinste wieder krumm, wieder Lachen, sein Redeflu\u00df fand zur\u00fcck auf die B\u00fchne.<br \/>\nNein, all diese Gedanken, sie mussten dort drinnen bleiben, so tief begraben wie nur m\u00f6glich, au\u00dfen durfte nur dieses krumme L\u00e4cheln zu sehen sein, nur dieser eine Wesenszug, diese eine Rolle.<br \/>\nNat\u00fcrlich hatte auch er damals nicht an die Front gewollt, wer h\u00e4tte das schon gewollt, aber er war naiv gewesen damals, vielleicht w\u00e4re es besser so gewesen, auch wenn er wusste, dass er den Menschen gut diente in seiner jetzigen Funktion.<br \/>\nDamals hatte er nat\u00fcrlich ohne Z\u00f6gern zugesagt, als man ihm anbot, seinen &#8218;Beitrag&#8216; hier zu leisten, er hatte nicht an die Front gewollt &#8211; niemand hatte das &#8211; und sein Theater hatte man wegen der Bomben geschlossen.<br \/>\nVielleicht war es f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich die falsche Entscheidung gewesen, konstatierte er und sah zu, wie Agonie und Gel\u00e4chter in den Augen seiner Zuh\u00f6rer miteinander rangen.<br \/>\nEs entbehrte nicht einer gewissen komischen Tragik, als moderner Clown musste er das wohl eingestehen; er hatte in der Tat nie die Front gesehen, daf\u00fcr aber hatte er zu oft gesehen, was die Front zur\u00fccklie\u00df, wenn er in den vielen Feldlazaretten auftrat, sie lie\u00df immer nur Zerst\u00f6rung und Tod, Leichen, die man eiligst beiseite geschafft hatte, die eigenen wie die anderen, Hunderte oder gar Tausende manchmal an einem Orte, inzwischen mussten es Millionen sein, Millionen.<br \/>\nDavon wussten die meisten Menschen nichts, die Presse verschwieg es, aber sie alle hatte eine Ahnung, ein unbestimmtes Gef\u00fchl, dass das Ende kommen w\u00fcrde, und, so bekr\u00e4ftigte er sich, genau aus diesem Grund stand er noch hier und spielte seine Rolle, immer seine Rolle, alles andere blieb tief verborgen.<br \/>\nDie F\u00fchrung sprach immer noch vom Sieg, nur noch hohle Propaganda nat\u00fcrlich, durch die vielen Besuche an verschiedenen Orten hatte er sich ein viel zu gutes Bild machen k\u00f6nnen, es ging auf das Unvermeidliche zu, bald w\u00fcrde alles zusammenbrechen.<br \/>\nEr kam wieder ins Stocken, diesmal aber hatte er es erwartet und fing die peinliche Stille schnell ab, drehte sie in eine Pointe um, festigte seine Stimme und redete weiter, das gleiche L\u00e4cheln auf den trockenen Lippen.<br \/>\nManchmal erschien es ihm immer noch unfair, wie er hier oben vor allen stand und sie alle zum Narren hielt, obwohl er doch genauer als jeder andere wusste, wie es stand, und zun\u00e4chst hatte er sich auch versetzen lassen wollen, als er die Brisanz der Lage begriff, doch er hatte einfach nicht aufh\u00f6ren k\u00f6nnen, er ihnen nicht das auch noch das letzte St\u00fcck Leben, das letzte Lachen rauben wollen, auch wenn selbst das schal und ausgemergelt klang an Tagen wie diesen. Nat\u00fcrlich, er k\u00f6nnte aufh\u00f6ren sie zu bel\u00fcgen, ihnen eine Welt vorzuspielen, die nichts mit der Bitterkeit der Realit\u00e4t zu tun hatte, aber was brachte ihnen die Wahrheit schon? Das Ende w\u00fcrde kommen, keiner von ihnen konnte das \u00e4ndern, ob sie es nun wussten oder nicht, und so spielte er immer noch seine Rolle, stiftete Lachen, wo die Hoffnung schon starb, auch wenn das f\u00fcr ihn bedeutete, all die ungeheuerlichen Dinge f\u00fcr sich zu behalten, nur f\u00fcr sich, sie einzuschlie\u00dfen und zu vergraben, es musste sein, niemand sonst konnte diesen letzten Beitrag leisten.<br \/>\nSeine Schlu\u00dfnummer kam, endlich, und er legte eine Pause ein, bewusst diesmal, wie er es immer tat seit einiger Zeit, er z\u00e4hlte die Sekunden, blickte in die Runde, verunsicherte Gesichter, aus einem Traum vom Lachen und Leben unsanft geweckt, fast angsterf\u00fcllt.<br \/>\nNein, keiner dieser Menschen wollte wissen, was er wusste, sie bettelten nach Hoffnung, selbst wenn Hoffnung nur ein Lachen bedeutete, dachte er, seine L\u00e4cheln taute wieder auf, drei letzte S\u00e4tze, der Raum gr\u00f6hlte wieder, etwas unsicher, aber umso lauter, er trat von der B\u00fchne, immer noch das schiefe L\u00e4cheln im Gesicht, alles andere musste tief vergraben bleiben, abgesichert und verschlossen wie in einem Panzerschrank, hermetisch abgeriegelt.<\/p>\n<p>&#8222;Das Vergn\u00fcgen kann auf der Illusion beruhen, doch das Gl\u00fcck beruht allein auf der Wahrheit.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Nicolas-S\u00e9bastien de Chamfort\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Nicolas-S%C3%A9bastien_de_Chamfort\">Nicolas-S\u00e9bastien de Chamfort<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er spielte seine Rolle, routiniert, ein schelmisches L\u00e4cheln auf den trockenen Lippen, ungelenke, k\u00fcnstliche Bewegungen, ein unabl\u00e4ssiges Sprudeln von Scherzen und Anz\u00fcglichkeiten, er spielte seine Rolle, und die Menschen lachten im Kanon, ein vielstimmiges Br\u00fcllen und Juchzen wie Artilleriesalven. 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