{"id":53,"date":"2006-01-22T22:07:00","date_gmt":"2006-01-22T21:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=53"},"modified":"2006-12-11T02:58:51","modified_gmt":"2006-12-11T01:58:51","slug":"single-shot-in-der-stille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/01\/22\/single-shot-in-der-stille\/","title":{"rendered":"In der Stille"},"content":{"rendered":"<p>Und dann war sie da, pl\u00f6tzlich, wenn auch erwartet, ersehnt, pl\u00f6tzlich stand sie direkt vor ihr, diese Stille, ganz leise und friedlich, die letzten beiden schmerzvollen T\u00f6ne eines ausklingenden Blues schienen ihr vorausgegangen zu sein, melancholisch, aber befreit, eine Stille, die sie \u00fcberraschte, auch wenn sie schon immer f\u00fcr diesen Moment gebetet hatte, f\u00fcr dieses befreiende Schweigen.<br \/>\nEin zynischer Zug lie\u00df sie an die umstehenden G\u00e4ste denken, f\u00fcr sie musste diese Stille etwas Fatales haben, etwas von Albtr\u00e4umen, etwas von der Angst vor Unvorhergesehene, f\u00fcr sie quollen sicher Millionen spitzer Fragen aus dieser Stille, Geschossen gleich, Fragen, die nur noch sie beantworten konnte.<br \/>\nDas Warum war sicher auch eine davon, sicher nicht die Allererste, dennoch, das Warum w\u00fcrde sicher jeden interessieren, aber sie w\u00fcrde es ihnen nicht erkl\u00e4ren, sie w\u00fcrde nur schweigen, das hatte sie sich geschworen, der Gedanke erf\u00fcllte sie mit einem traurigen Stolz, nur noch sie konnte diese Fragen beantworten, nur noch sie, und sie w\u00fcrde schweigen, sie betrachtete noch einmal das Schweigen um sich herum, selbst die Musik war nicht mehr zu h\u00f6ren. Der Ring am Finger des Alten schien kleiner als in ihren Erinnerungen, Relikten aus einer fernen Kindheit, aber das lag vielleicht an dieser Situation, sie sah zur Bar her\u00fcber, die ganze Szene schien ihr surreal, eingefroren, einfach angehalten, in ihrem Verlauf gestoppt, nur f\u00fcr diese Stille, f\u00fcr diesen einen Moment, sie hatte die Zeit bestochen f\u00fcr diesen langen Moment.<br \/>\nIn ihrem Kopf war auch diese Stille, sie war durch die Augen in sie hineingekrochen und tanzte nun dort, tanzte mit einem kleinen M\u00e4dchen, dass dort schon lange sa\u00df, tanzte um Erl\u00f6sung und fand sie zusammen mit dem M\u00e4dchen in den letzten beiden ausklingenden T\u00f6nen eines alten Blues.<br \/>\nEs war merkw\u00fcrdig, hier so zu stehen, fand sie und konnte nicht erkl\u00e4ren, warum. In ihren Tr\u00e4umen hatte sie schon oft genau hier gestanden, aber doch f\u00fchlte es sich jetzt anders an, vielleicht war es einfach das Ende der Reise, vielleicht war es Reue, sie wusste es nicht, aber es war anders als in ihren Tr\u00e4umen, irgendwie anders.<br \/>\nIhr Blick wanderte hinauf zu dem Gesicht aus ihren Albtr\u00e4umen, es war alt geworden, es war faltig und runzelig geworden, dennoch gab es keinen Grund zu zweifeln, das Markante, das Besondere an diesem Gesicht war immer noch da, es war der Alte, diese kalte Forderung durchzog immer noch die narbigen Wangen, er war es, er musste es sein.<br \/>\nSie musterte ihn k\u00fchl. Seit 21 Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, Tausende Kilometer sie zwischen ihn und sich gebracht, doch sie war sich sicher, hatte ihn sofort erkannt, wie h\u00e4tte sie ihn auch vergessen k\u00f6nnen, diese groben, gro\u00dfen H\u00e4nde, die breite Statur, den Gestank eines billigen Parf\u00fcms.<br \/>\nSie hatte hierher kommen m\u00fcssen, die Stille gab ihr Recht, es gab Geschichten, deren Ende geschrieben werden musste, geschrieben werden musste f\u00fcr das Schweigen nach dem letzten Wort.<br \/>\nEr hatte kein Wort mehr gesagt, er war einfach umgefallen, als w\u00e4re ihm schwarz vor Augen geworden, er lag einfach still auf dem R\u00fccken, die Gesichtsz\u00fcge entspannt, in ihrer Vorstellung war es immer viel schmutziger gewesen, aber nein, er war einfach nach hinten gefallen, ohne noch ein Wort zu sagen, in ihren Tr\u00e4umen hatte sie ihn manchmal um Gnade bitten lassen, aber auch das war nicht geschehen, er war einfach umgest\u00fcrzt, dieser immer noch massive Mann, und nun lag er so auf dem R\u00fccken, sie erinnerte sich dunkel an einen Tag am Strand mit ihm, ganz so lag er jetzt auch auf dem R\u00fccken, die Augen ge\u00f6ffnet, das Gesicht ganz ruhig, nur dieses immer hungrige etwas war zusammen mit dem Alten entflohen, verschwunden, dieses etwas, dass sie damals immer verfolgt hatte, sie stets gierig gemustert hatte, stets mit Gedanken gespickt, die heute ihre Albtr\u00e4umen schuffen, dieses etwas, es war zusammen mit ihm gegangen, geblieben war nur zwei leere und unschuldige Augen, die nicht mehr verrieten als die Stille, die sie f\u00fcr sich und ihn geschaffen hatte.<br \/>\nEinen Moment z\u00f6gerte sie, dann vergab sie diesen Augen, sie konnten nichts mehr daf\u00fcr, sie hatten ihre Strafe erhalten und waren nicht l\u00e4nger schuldig.<br \/>\nSie f\u00fchlte, wie die Stille sich langsam zur\u00fcckzog, sie lie\u00df ihren Arm langsam wieder sinken, das Gewicht in der Hand wurde zu schwer f\u00fcr sie. Etwas Pulverdampf tropfte aus dem Lauf, mischte sich mit der Stille. Einen Moment lang sah sie noch dem Kind in ihrem Kopf zu, sah seinem Tanz zu, sah die Erl\u00f6sung in seinen Augen wieder schwinden, schwinden wie die letzten beiden T\u00f6ne des Blues, der eben noch gespielt worden war. Noch einmal wand sie sich diesem Schweigen zu, dieser Stille nach dem Schuss, winkte ihr zum Abschied. Dann rissen die Schreie der G\u00e4ste die beiden voneinander los.<\/p>\n<p>&#8222;Mit interessieren nicht die vielen Momente, die leicht an uns vorbeirasen, die leicht wie Schmetterlinge auf unserer Seele lasten und keine Spuren hinter sich lassen. Mit interessieren vielmehr die kleinen Augenblicke, die uns bis zum Zerrei\u00dfen anspannen, die kurzen Momente, in denen ganze Leben sich offenbaren als blo\u00dfes Warten auf diesen einen Augenblick, der allem einen Sinn zuspricht, doch hinter sich nur Narben und Verwundungen l\u00e4sst.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und dann war sie da, pl\u00f6tzlich, wenn auch erwartet, ersehnt, pl\u00f6tzlich stand sie direkt vor ihr, diese Stille, ganz leise und friedlich, die letzten beiden schmerzvollen T\u00f6ne eines ausklingenden Blues schienen ihr vorausgegangen zu sein, melancholisch, aber befreit, eine Stille, die sie \u00fcberraschte, auch wenn sie schon immer f\u00fcr diesen Moment gebetet hatte, f\u00fcr dieses [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-53","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}