{"id":54,"date":"2006-02-28T03:57:00","date_gmt":"2006-02-28T02:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=54"},"modified":"2008-12-30T11:29:48","modified_gmt":"2008-12-30T10:29:48","slug":"single-shot-der-richter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/02\/28\/single-shot-der-richter\/","title":{"rendered":"Der Richter"},"content":{"rendered":"<p>Sanftes Atmen und Arme, die in seinen lagen.<br \/>\nEin k\u00fchler Mond schien durch die Fenster hinein, klein und sichelf\u00f6rmig, schnitt einen karg eingerichteten Raum aus der Dunkelheit, Bilder an den W\u00e4nden, unkenntlich im fahlen D\u00e4mmerlicht, Gesicht darauf, vielleicht auch andere Motive, im Dunkel versteckt.<br \/>\nNoch vor einigen Minuten hatte es geregnet, ein unsichtbarer Regenvorhang hatte vor den kleinen Fenstern gehangen, nur ein leises Trommeln auf dem Fenstersims, Wassertropfen, die auf das Flachdach schlugen und in kleinen Rinnsalen dem Boden entgegen flossen.<br \/>\nWasser, dachte er und sah auf den Menschen in seinen Armen, Wasser, sein Geist floh einen Moment lang aus dem kleinen, kargen Raum, lie\u00df das Mondlicht weit hinter sich und nahm nur das sanfte Atmen mit, Wasser, Badewannen, Duschvorh\u00e4nge, kleine Wasserperlen, die eine Glaswand hinunter rannen, einem Versprechen gleich, der best\u00e4ndige Schwur eines rauschenden Wasserfalls.<br \/>\nEr hatte auch fr\u00fcher schon oft dar\u00fcber nachgedacht, warum Wasser so ein machtvolles Symbol war, er dachte wieder an die unz\u00e4hligen alten Kulturen, von denen er als Kind gelesen hatte, Wasser war immer wichtig f\u00fcr sie gewesen, \u00fcberlebenswichtig, und so war es Teil ihrer Mythen und Legenden geworden, mal als Sch\u00f6pfer, mal als Symbol der Fruchtbarkeit, ihre Abh\u00e4ngigkeit vom Wasser hatte sich tief mit ihren Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen verbunden, ja, das war rational, wenn es auch sicher mehr war, was hinter diesem Symbol steckte.<br \/>\nOft hatte er mit Freunden dar\u00fcber gesprochen, mit anderen Richtern, mit Anw\u00e4lten, doch die eigentliche Tragweite war ihm doch erst vor einiger Zeit bewusst geworden.<br \/>\nEr fand sich in dem engen Zimmer wieder, der Regen hatte wieder begonnen, leise zwar, aber er konnte ihn h\u00f6ren, wenn er sich konzentrierte, nur ein leises Fl\u00fcstern \u00fcber den D\u00e4chern.<br \/>\nSein Blick richtete sich auf das Gesicht neben sich, versuchte trotz der Dunkelheit das Vertraute darin zu erkennen, es gelang ihm, sein Geist malte, was seine Augen nicht mehr auffinden konnten, ein friedvolles, fast l\u00e4chelndes Gesicht, ruhig schlafend.<br \/>\nVergebung, darum ging es hier eigentlich, immer und immer wieder, er fand es nicht mehr zynisch, dass ausgerechnet ein Richter dies erkannte, es ging immer um Vergebung, das meinten die Leute, wenn sie von der Liebe sprachen, sie meinten vor allem Vergebung, Vergebung.<br \/>\nUnd das war es auch, was Wasser \u00fcber das Rationale hinaus m\u00e4chtig machte, das Versprechen der Vergebung, er dachte wieder an die Tropfen auf der Fensterscheibe, ihr schweigendes Versprechen, <em>&#8222;alles kehrt zu seinem Ursprung zur\u00fcck&#8220;<\/em>, sprachen sie still auf ihrem eigenen Weg zur\u00fcck zur Quelle, <em>&#8222;egal, wer du bist, was du tust oder wie du bist, am Ende wirst du genauso rein und klar zu deiner Quelle zur\u00fcckkehren wie wir zu unserer&#8220;<\/em>, sagten sie jedem, der ihnen zuh\u00f6rte, ganz ruhig und einfach, fast mit ihrer Stimme. Er sah wieder hinab zu dem unsichtbaren Gesicht.<br \/>\nUnd so war es vielleicht auch kein Zufall, dass die Menschen sich immer noch in Wasser badeten und sich reinigten, auch dahinter lag dieses, eben dieses Versprechen von einer R\u00fcckkehr in die Un-Schuld, der Reinigung von Schuld und Zweifel, er dachte an diese kleinen, aber gewissen Zuf\u00e4lle, das Leben selbst war aus dem Wasser gekommen, der Mensch begann sein Leben im Fruchtwasser, Gemeinsamkeit alles irdischen Lebens war das Wasser.<br \/>\nSchon lang h\u00e4tte der Mensch es zu gro\u00dfen Teilen ersetzen k\u00f6nnen, durch Tinkturen und Chemikalien, \u00e4tzende Fl\u00fcssigkeiten und wohlriechende Mixturen, man hatte es nie auch nur ernsthaft erwogen, auch das war einer dieser Zuf\u00e4lle, an die er nicht glaubte. Nein, es waren keine Zuf\u00e4lle, f\u00fcr ihn steckte diese vielleicht gar universelle Erinnerung an Unschuld dahinter.<br \/>\nNat\u00fcrlich war diese leise Erinnerung, dieses leise Versprechen, niemals m\u00e4chtig genug, den Menschen zu befreien, zu schwer wog das In-die-Welt-geworfen-Sein, das auch schon die Bibel meinte, wenn sie von Erbs\u00fcnde sprach.<br \/>\nEs war keine im eigentlichen Sinne vererbte Schuld, die sich da auf jedes noch so junge Menschlein \u00fcbertrug, es war nur das Vergehen zu Sein, die Radikalit\u00e4t der Existenz selbst, die ihn immer schuldig schienen lie\u00df, es war der Widerspruch zwischen seinen Anspr\u00fcchen und einer Welt, die f\u00fcr das Leben weder wohlgeschaffen noch ihm wohlgesonnen war. Einer Welt, die st\u00e4ndig von ihm forderte, mehr und mehr forderte, bis das Leben schlie\u00dflich endete und sie unger\u00fchrt fort fuhr mit dem, was ihr scheinbar gerecht schien.<br \/>\nDas war es auch, was diese ewigen Menschheitsfragen ins Rollen brachte, vom kindlichen &#8222;Warum ist die Welt so?&#8220; \u00fcber &#8222;Warum gibt es Tod und Leid?&#8220; und &#8222;Warum sind wir hier?&#8220; schlie\u00dflich unweigerlich bis hin zu &#8222;Was haben wir getan, in dieser Welt zu sein?&#8220;, es steckte eine simple Verkettung dahinter, eines f\u00fchrte zum anderen.<br \/>\nEr l\u00e4chelte genauso unsichtbar wie das Gesicht neben ihm, es war ironisch, nat\u00fcrlich war es ironisch, nat\u00fcrlich erhoben sich diese Fragen nur aus dem Verhalten eines Wesens, das sich immer selbst als das Zentrum der Dinge begriff und dessen Egozentrik offensichtlich immer und immer wieder in die Vorstellung gipfelte, dass dieser radikale Widerstreit zwischen Welt und Subjekt eine Art Strafe sein m\u00fcsse, eine Strafe f\u00fcr ein Vergehen, an das niemand eine klare Erinnerung besa\u00df noch eine genauere Erkl\u00e4rung zu liefern wusste.<br \/>\nDoch trotz aller Ironie darin, die schon viele Philosophen gesehen hatten, vielleicht war es tats\u00e4chlich eine Strafe, vielleicht auch nicht, an sich war es nicht wichtig. Das Gef\u00fchl der Schuld hatte sich in jedem Fall tief eingegraben in die menschliche Seele, ein verstecktes, stets schemenhaft bleibendes Gef\u00fchl, das auf keinen so einfachen Freispruch hoffen konnte wie ein weltliches Verbrechen, man konnte auch keine Bu\u00dfe tun, das Leben schien Bu\u00dfe zu sein, der Mensch schien in sein Gef\u00e4ngnis hineingeboren mit einem Schrei, um es mit einem Schrei, leiser und \u00e4lter, wieder zu verlassen.<br \/>\nUnd doch gab es da dieses Versprechen und dieses vage Sich-Erinnern, dass es nicht immer so gewesen sein konnte, die gleiche, wenn auch ungleich schw\u00e4chere Erinnerung wie die der kleinen Wassertropfen, die immer noch an den Fenstern hinab rannen.<br \/>\nUnd genau dies suchte der Mensch im Anderen, die Best\u00e4rkung eben dieses Versprechens, eben dieses Aufgeben und Vergeben des eigenen Seins: Vergebung nicht f\u00fcr Taten, nicht f\u00fcr Eigenschaften, Vergebung so allgemein wie die Berge, so trivial wie die Wellen.<br \/>\nEs widersprach g\u00e4nzlich der Welt und der ihr inh\u00e4renten Vorstellungen, es gehorchte nicht den Prinzipien ihrer Ordnung und so blieb dieses Versprechen, diese Vergebung oft von den Menschen unerkannt, denn die meisten richteten ihre Horizonte nur nach denen des Lebens aus und verteilten leere und nutzlose Worte f\u00fcr das, was sie nicht verstehen oder erkl\u00e4ren konnten; Sicher war eines dieser Worte <em>Liebe, <\/em>aber Dutzende Philosophen hatten \u00e4hnliche Worth\u00fclsen geschaffen.<br \/>\nNur wenige Menschen hatten vielleicht im Ganzen erkannt, wie m\u00e4chtig diese Vergebung war, vielleicht gar m\u00e4chtiger als der Tod selbst, er wusste es nicht. Viele religi\u00f6se Menschen schienen unter diesen wenigen gewesen zu sein, Religionsstifter vielleicht gar, aber oft schien der wahre Sinn hinter ihren Worten ungeh\u00f6rt und ihre Erkenntnis ungeteilt, ihre Schriften wurden wieder nur zu leeren H\u00fclsen, falschen Hoffnungen und unverstandenen Offenbarungen. Dennoch, trotz des Unverst\u00e4ndnisses begegnete den meisten auf ihrem Weg durch die Welt dieses Versprechen, in zun\u00e4chst anderer Gestalt, f\u00fcr die die Gesellschaft zun\u00e4chst Namen und dann auch Konstrukte und Institutionen geschaffen hatte, manchmal gar bis zum Ende unerkannt, so schien es ihm zumindest.<br \/>\nAuch er hatte es erst vor kurzer Zeit verstanden, es war ein knapper, fast inhaltsloser Satz gewesen, der dieses Koan f\u00fcr ihn gel\u00f6st hatte, er erinnerte sich noch gut daran, er hatte wie auch jetzt hier gelegen und \u00fcber ein Urteil nachgedacht, \u00fcber ein sehr schweres Urteil und eine noch schwerere Entscheidung, die er, nur er zu treffen hatte. Lang hatte er so gelegen, nachgedacht, gegr\u00fcbelt, und ein wohlbekanntes, aber diffuses Gef\u00fchl hatte sich in seine Gedanken gemischt, solch ein Gef\u00fchl, wie es den Menschen gern zu solcher Stunde ergreift, und in sein Hadern mit dem Schicksal eines fremden Mannes hatte sich das Hadern mit der eigenen Existenz gedr\u00e4ngt, eben diese unaufhebbare Verzweiflung um die Endlichkeit des Lebens und die scheinbare Endlosigkeit des Leidens.<br \/>\nSchlie\u00dflich hatte es begonnen zu regnen, immer st\u00e4rker, das Trommeln auf dem Dach war zu einem Stakkato geworden, viel lauter als in der heutigen Nacht.<br \/>\nDer Regen hatte sie sanft aus ihrem Schlaf geholt, nach dem sie schon einige Stunden ruhig atmend neben ihm gelegen hatte, er hatte bem\u00fcht still gelegen, um sie mit seinen Gr\u00fcbeleien nicht zu wecken, dennoch, er erinnerte sich genau. Sie hatte sich umgedreht, ihn durch die Dunkelheit angesehen, einige Sekunden lang. Dann hatte sie ihm gedeutet, ruhig zu sein, wie einem kleinen Jungen, ganz sanft, mit einer sachten Geste.<br \/>\n\u201eKeine Sorge, und schlafe jetzt.\u201c, hatte sie nur gesagt, nur das, dann war sie wieder eingeschlafen, vermutlich erinnerte sie sich nicht einmal daran. Er dagegen h\u00f6rte immer noch den Klang der Stimme, er hatte ihn noch in den Ohren gehabt, als er bald darauf seine Augen geschlossen hatte in jener Nacht. Und er dachte immer noch an ihn, als er auch in dieser Nacht einschlief. Er war ein bisschen wie das flie\u00dfende Versprechen der unz\u00e4hligen Wassertropfen, die die Scheiben des kleinen Zimmers hinabrannen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sanftes Atmen und Arme, die in seinen lagen. 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