{"id":57,"date":"2006-04-18T00:55:00","date_gmt":"2006-04-17T23:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=57"},"modified":"2006-12-11T02:58:17","modified_gmt":"2006-12-11T01:58:17","slug":"single-shot-die-farbe-vergangener-jahre","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/04\/18\/single-shot-die-farbe-vergangener-jahre\/","title":{"rendered":"Die Farbe vergangener Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Etwas sch\u00fcchtern zogen die Laternen an den Fenstern des Wagens vorbei, lautlos beleuchteten sie die Stra\u00dfe und die Fu\u00dfwege, das fahle Licht schien ihnen, nur ihnen eigen zu sein. Sie weckten ein vertrautes Gef\u00fchl, das immer mit ihm fuhr, wenn er diesen kleinen Ort passierte, der etwas verloren an einem Hang lag, von sch\u00f6nen B\u00e4umen und einigen Wiesen umgeben. Schon lange hatte er den Wald nicht mehr besucht, es schien ihm nicht mehr passend, auch wenn er sich gerne an die langen Wanderungen erinnerte, die er dort unternommen hatte, ja, er pflegte diese Erinnerungen oft, und gerne rief er sich die unz\u00e4hligen Details zur\u00fcck, die kleine Lampe, die den Weg vor ihm erleuchtet hatte, die Ger\u00e4usche der Tiere, die sich davon zu stehlen suchten, die beiden langen Stra\u00dfe, die einem Fackelzug gleich vom Stadtkern in den Wald f\u00fchrten.<br \/>\nManchmal setzte er sich in den Wagen und fuhr diese Strecke einfach nur so, um wenigstens den Laternen einen fahlen Gru\u00df abzunehmen, ihm gefiel immer noch die Art und Weise, wie ihr Licht sich an Autos und Bordsteinen streute. Die Farbe war in einer spirituellen Lesart anders als die n\u00e4chtlichen Farben anderer Orte, anderer Stra\u00dfen, sie fing mehr als nur Objekte ein, warf mehr als nur bla\u00dfgraue Schatten, etwas Vertrautes klebte an ihr und blieb dort, er wusste nicht, wie lange, vielleicht f\u00fcr immer.<br \/>\nDa war ein Unterschied zwischen den Erinnerungen der Wanderungen und dem Vertrauten in diesen h\u00e4\u00dflichen Stra\u00dfenlaternen, ein Unterschied wie der zwischen Teil und Ganzem. Erinnerungen blieben eindimensional wie Schatten an einer Wand, sie blieben der Widerhall einer Vergangenheit, die langsam ausblich und verging wie ein altes Foto, auch Erinnerungen waren sterblich. So kurz das Leben auch war, es blieb immer Zeit zu vergessen, so oder so \u00e4hnlich hatte es Wilde geschrieben. Doch dieses Leuchten, diese seltsame Farbe, sie war anders, eine ironische Koinzidenz lie\u00df sie mehr sein als nur das, mehr sein als nur den ordin\u00e4ren oder sogar obsz\u00f6nen Verweis auf ein kleines B\u00fcnden Erinnerungen, sie warf nicht einfach nur Licht und Schatten, eine melancholischer Wechsel der Sichweise schien ihr inne zu wohnen, sie bot eine ganz andere Perspektive, die eines fr\u00fcheres Leben m\u00f6glicherweise. In diesem Licht schienen die Pfade klarer und k\u00fcrzer als an anderen Pl\u00e4tzen, die Stra\u00dfe schien keinem Ende zuzustreben, sondern nur in eine gr\u00f6\u00dfere zu m\u00fcnden, ges\u00e4umt von eben den gleichen Laternen. Der Blick f\u00fcr manche Dinge wurde sch\u00e4rfer, bei diesem Licht, aber manches verschwamm auch ein wenig, wurde trivial, manches sogar g\u00e4nzlich \u00fcberfl\u00fcssig, so etwa die Gedanken, die die Menschen zu dieser Zeit f\u00fcr gew\u00f6hnlich umtrieben. Nat\u00fcrlich hatten die vielen N\u00e4chte auch diesem seltsamen Spiel zugesetzt, hatten die geraden, hellen Licht- und Gedankenstr\u00e4nge einer etwas sachlicheren Realit\u00e4t angepasst, es in das kalte Wei\u00df-Grau von Neonr\u00f6hren eingefasst. Die lange Zeit war in den Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Wirklichkeit nur ein Wimpernschlag gewesen, und so war er sich sicher, dass das geisterhafte Licht der Laternen immer noch jenes war, dass er fr\u00fcher so genossen hatte, sicher hatte man nicht einmal die Leuchtstoffe austauschen m\u00fcssen. Dennoch, er sah einen Funken M\u00fcdigkeit darin, der stetig wuchs und das Licht dunkler erschienen lie\u00df, gelblicher und etwas rissig wie alte \u00d6lfarbe, die lange schon getrocknet war. Diese anderen Perspektive, in die er sich immer wieder gerne hineinfand, sie verlor nicht mehr den Anstrich der Nostalgie und des Gewesenen. Zweifelsohne, dieses andere Leben w\u00fcrde niemals vergehen, nicht, so lange diese Laternen und diese Stra\u00dfen noch da waren und beharrlich daran erinnerten. Aber die Nostalgie w\u00fcrde sich mehr und mehr ihrer bem\u00e4chtigen, ganz so, wie sich Staub und Schimmel eines alten Tagebuchs bem\u00e4chtigten.<br \/>\nSein Blick fand in den Spiegel, suchte die sich entfernende Lichterkette. Manche Dinge blieben auch im R\u00fcckspiegel der Zeit, manche fast eine Ewigkeit. Diese aber gewannen daf\u00fcr von Tag zu Tag mehr und mehr den Beigeschmack einer gespielten Wiederholung, eines schon gesehenen Films mit dennoch fremden Schauspielern. Man konnte sich noch hineindenken in die Perspektive des Schauspiels, fand den anderen Blickwinkel wieder und blickte trotzdem in ein fremdes Leben, dass man irgendwann einmal zu leben versucht hatte. Und so war es auch mit diesem Licht, das an sie gekn\u00fcpfte fremde Leben war schwer geworden von einer Patina aus Zeit und Wehmut. Die Laternen konnten nicht mehr in der selben, eigent\u00fcmlichen Farbe strahlen. Die Zeit und die Nostalgie hatten das Licht m\u00fcde werden lassen. Und was dann blieb, das war nur noch die Farbe vergangener Jahre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwas sch\u00fcchtern zogen die Laternen an den Fenstern des Wagens vorbei, lautlos beleuchteten sie die Stra\u00dfe und die Fu\u00dfwege, das fahle Licht schien ihnen, nur ihnen eigen zu sein. 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