{"id":59,"date":"2006-06-16T13:08:00","date_gmt":"2006-06-16T12:08:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=59"},"modified":"2008-01-05T00:51:59","modified_gmt":"2008-01-04T23:51:59","slug":"single-shot-discontra","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/06\/16\/single-shot-discontra\/","title":{"rendered":"Discontra (I)"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Ort schien tot zu sein, doch im eigentlichen Sinne dieses Wort war er es ganz und gar nicht, war er doch bev\u00f6lkert von vielen Menschen, die sich &#8211; wenn auch nur an manchen Abenden &#8211; durch die schmalen G\u00e4nge schoben zu der lauten Musik, die in der Luft hing, eine einzige, lebende, fluktuierende Masse, die sich unregelm\u00e4\u00dfig, aber doch konsequent in dem harten Takt wog, Hunderte Individuen, wenn man genau hinsah, nur ein Meer aus Fleisch und Kleidung, wenn man nur einen halben Blick darauf warf, um die stickige Luft aus den Augen fernzuhalten. Manchmal konnte man etwas erkennen, im Halbdunklen, etwas Unbekanntes, Erschreckendes, doch dann verschwand es wieder im milchig-tr\u00fcben Dunst, und was blieb war nur noch eine leere H\u00fclle aus Menschen, tausendfach kopiertes Lachen und Gr\u00f6hlen, eine laut aufheulende Masse, in der jeder Schritt eine L\u00fcge war und doch mehr Gewicht hatte als irgendeine Wahrheit.<br \/>\nAn diesem Ort wurde schon soviel Lachen gespendet und soviele Tr\u00e4nen vergossen, dass es der M\u00fche nicht mehr wert w\u00e4re, soviele Geschichten hatten diesen Raum durcheilt, dass er schlie\u00dflich kalt und bitter geworden war, kein Erz\u00e4hler vermochte noch dieser Geschichtenmaschine den faden Beigeschmack des Schon-Da-Gewesenen nehmen, des Trivialen und des Kopierten, aber das beunruhigte hier niemanden mehr, im Gegenteil, er konnte sie nie des Eindrucks erwehren, dass es genau das war, was die Menschen hier her zog, dieses dumpfe Gef\u00fchl der Gleichheit, der Indifferenz, der Irrelevanz der eigenen Geschichte, vielleicht war das wirklich der Grund, warum die Menschen in diesem stinkenden, verschwitzten Nebel nebeneinander standen, dicht aneinandergedr\u00e4ngt und doch weit von einander entfernt.<br \/>\nEr schob eine der vielen Flaschen hinter ihm zu sich heran, stellte sie auf die Theke, l\u00e4chelte dem Augenpaar vor sich zu, nahm die blauen Scheine und wand sich wieder ab von dem Gesch\u00f6pf, das sich kurz aus der Masse gel\u00f6st hatte, er blickte ausdruckslos zu den armen Kreaturen, die in den spitzen Winkeln hockten oder halb lagen, in eine tiefe Bewusstlosigkeit versunken. Er erinnerte sich an einige Steinwesen, die er vor Jahren gefertigt hatte, allein in seiner Werkstatt, hohe kantige Gesichter und K\u00f6rper, deren Ausdruck halb im nur unfertig bearbeiteten Marmor verschwanden, als w\u00e4ren sie nur unvollst\u00e4ndig dem Kerker einer anderen Welt enteilt, ja, er rief sich ein amorphes Gesamtbild der G\u00e4ste zur\u00fcck in den Geist, da war eine gewisse Analogie, eine \u00c4hnlichkeit zwischen den beiden Vorstellungen, auch die Wesen in diesen seinen R\u00e4umen l\u00f6sten sich unvollst\u00e4ndig aus diesem verdrehten Kollektiv, nur ihre K\u00f6pfe schienen bis zur Theke zu gelangen, nein, weniger noch, das Halbd\u00fcstere schuf die Illusion von gesichtslosen Augenpaaren, alles andere, alles Materielle und alles Immaterielle blieb im Halbdunkel bedeckt und warf nur groteske, laute Schatten auf die Massen hinter sich. Doch w\u00e4hrend die grausamen Z\u00fcge seiner Steinwesen mehr seinen unvollkommenen F\u00e4higkeiten entsprungen waren &#8211; das hatte er lange schon anerkannt &#8211; , so waren sie hier Teil des Spiels, Teil des &#8211; Rituals, vielleicht war das ein gute Ausdruck f\u00fcr diesen Ort, ja, es war ein Ritual der Neuzeit, das hier stattfand, an jedem freien Tag. Er nahm einen Schluck und beobachtete ruhig, wie W\u00e4nde einen Moment lang einzuknicken begannen, sich konvulvisch um die Menschenmassen zu schlie\u00dfen begannen.<br \/>\nFreilich war dies kein klassisches Ritual, keines, das man in Geschichtsb\u00fcchern oder Romanen finden konnte, denn seine Basis war nicht mehr die Gemeinschaft, sondern vielmehr die Einsamkeit, es berief sich nicht mehr auf das Sakrale oder das Sexuelle, sondern nur noch auf die momentane Indifferenz, die sich \u00e4hnlich einer Kettenreaktion an einer <em>kritischen Masse<\/em>, einer bestimmten Menschenmasse realisierte und genauso unvermittelt entstand wie auch verschwand. Und dennoch, es erinnerte ihn ein wenig an die grausamen Traditionen der alten Kulturen, der Maya etwa, denn wenn hier auch niemand wirklich starb, so waren die \u00c4hnlichkeiten doch da, dies war kein Ritual der zivilisierten Kultur oder der organisierten Religion, nein, \u00fcber diesem Platz schwebte im Rauch verborgen auch der Dunst des Archaischen. Dieses Ritual warf kein Zeichen des Lichts, der Natur oder der Elemente zur\u00fcck, es war keineswegs dem Leben zugewandt, nein, dies war eine Feier, eine Prozession des Todes und der Dunkelheit, des d\u00fcsteren Rausches und des Von-Gott-Getrennt-Seins, das gab dieser Szenarie oder besser diesem Szenario seinen okkulten Charakter, und ja, auch deshalb konnte es unm\u00f6glich drau\u00dfen stattfinden, unter freiem Himmel und den Augen aller, die Verschw\u00f6rung und das Geheime verbargen sich nun mal immer an den dunklen Orten, selbst wenn das Geheimnis so offenbar und simuliert war wie dieses hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Ort schien tot zu sein, doch im eigentlichen Sinne dieses Wort war er es ganz und gar nicht, war er doch bev\u00f6lkert von vielen Menschen, die sich &#8211; wenn auch nur an manchen Abenden &#8211; durch die schmalen G\u00e4nge schoben zu der lauten Musik, die in der Luft hing, eine einzige, lebende, fluktuierende Masse, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,17],"tags":[],"class_list":["post-59","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}