{"id":60,"date":"2006-06-27T15:16:00","date_gmt":"2006-06-27T14:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=60"},"modified":"2006-12-11T02:57:38","modified_gmt":"2006-12-11T01:57:38","slug":"single-shot-lagrange-punkt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/06\/27\/single-shot-lagrange-punkt\/","title":{"rendered":"Lagrange-Punkt"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem fast nicht h\u00f6rbaren Ger\u00e4usch schnappte die Abdeckung hoch, einmal, zweimal.<br \/>\nEr blickte hindurch, wie er es gelernt hatte, der Mann neben ihm fl\u00fcsterte einige Zahlen her\u00fcber, seine Finger verschoben die kleinen R\u00e4dchen \u00fcber dem Lauf, ohne dass er dar\u00fcber nachdenken musste, sie waren gut ausgebildet worden.<br \/>\nEs gab keinen Grund mehr, etwas zu sagen, eine Frage zu stellen oder gar Zweifel zu \u00e4u\u00dfern, sie waren jetzt hier, nach Monaten der Suche waren sie hier und ihr Ziel war dort dr\u00fcben.<br \/>\nSeine Augen wanderten vom Visier zum Foto und wieder zur\u00fcck, dreimal, wie es die Vorschriften verlangten, ein viertes Mal noch zur Vergewisserung, dann war er sich ganz sicher.<br \/>\nDies war ihr Ziel.<br \/>\nEr schlug die kleine, olive Mappe mit dem Foto wieder zu, schaute wieder durch das Visier, begann seinen Atmung zu verlangsamen, wartete.<br \/>\nDer Mann auf der anderen Seite des Visiers fiel nicht weiter auf, ein kurzgeschorener Bart begrenzte das l\u00e4ngliche Gesicht, braune, klare Augen, kurze schwarze Haare, seine Aussehen war nicht weiter ungew\u00f6hnlich, und auf eine merkw\u00fcrdige Weise erstaunte ihn das nicht, vielleicht erschien es auch genau deshalb logisch, dass dieser Mann ein Terrorist war, jemand wie der Mann auf der anderen Seite verschwand sicher schnell in einer Menschenmasse, in einem Bus, in einem Kaufhaus vielleicht, es war sicher leichter f\u00fcr ihn, ein Teil des Systems zu werden.<br \/>\nDie in der D\u00e4mmerung fast unsichtbare Gestalt neben ihm fl\u00fcsterte eine leise Best\u00e4tigung, er robbte noch ein wenig n\u00e4her an das Gewehr, presste sich den Griff tief in die Schulterbeuge.<br \/>\nSie hatten lange gearbeitet f\u00fcr diesen Moment, es war nicht einfach gewesen, ihn aufzusp\u00fcren, ein halbes Dutzend Wohnungen besa\u00df er allein in dieser Stadt, reiste kreuz und quer zwischen ihnen, er wusste, dass sie hinter ihm her waren, doch jetzt, wo sie ihn gefunden hatten, da ahnte er von nichts, er beobachtete, wie der fremde Mann seinen Tee trank, ganz unger\u00fchrt, auf eine makabere Art und Weise steckte eine gewisse Ironie darin, die ganze Zeit war er vorsichtig gewesen, mi\u00dftrauisch, hatte Haken geschlagen wie ein verfolgter Hase, doch jetzt sa\u00df dieser Hase ganz ruhig auf einer Terasse und trank Tee.<br \/>\nEs war ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, ihm zuzusehen, kein schlechtes, und das schien ihm noch denkw\u00fcrdiger, nein, er f\u00fchlte sich ein wenig entr\u00fcckt, und er entschied sich, dar\u00fcber einen Moment nachzudenken.<br \/>\nEs hatte immer etwas Surreales, fast Peinliches, wenn sie durch die Hinterh\u00f6fe und Gassen des Grenzgebietes schlichen, Gewehre im Anschlag, geduckt, w\u00e4hrend auf der anderen Stra\u00dfenseite eine Familie spazieren ging oder ein junger Mann mit seinem Bauchladen vor\u00fcberlief, es brachte ein tiefes Gef\u00fchl der Deplatziertheit mit sich, so zu arbeiten, monatelang im Kampfanzug durch Wohngebiete zu streifen, immer auf der Suche nach dem Ziel, es f\u00fchlte sich falsch und verdorben an, weil die allt\u00e4gliche Welt sich weiterdrehte und kein St\u00fcck zu weichen schien, w\u00e4hrend er in seinen schweren Stiefeln durch fremde Wohnungen stapfte oder Familienv\u00e4ter bedrohte, sie nicht zu verraten, weil der Alltag nicht einmal dem Gewicht ihrer Sturmgewehre wich.<br \/>\nDer Soldat neben ihm fl\u00fcsterte die zweite Best\u00e4tigung, dann schwieg er, wie auch er es gelernt hatte, die letzte Entscheidung lag immer nur beim Sch\u00fctzen.<br \/>\nHier war das anders, er blickte wieder auf den Mann, der immer noch an seinem Tee nippte, langsam, fast in Zeitlupe, hier war es anders. Die ganze Verworrenheit des Lebens entzerrte sich hier auf eigent\u00fcmliche Weise, die vielen Ambivalenzen der Realit\u00e4t schienen sich zu l\u00f6sen in diesem Moment, die Welt schien innezuhalten, zum reinen setting zu werden, die Rolle eines Statisten einzunehmen, nein, mehr als das, sie schien sich komplett von der Situation zu trennen, ganz so, als g\u00e4be es keine Zeit, es blieb nur noch er, der Mann unter dem Fadenkreuz und die imagin\u00e4re Linie zwischen ihnen, die sie so eng aneinanderband.<br \/>\nJede Entscheidung hier war einfach und schon l\u00e4ngst getroffen, ihr fehlten die Faktoren des Alltags und Unw\u00e4gbarkeiten des Realen, beides schien hier erodiert und verloren, mit ihnen schwanden auch die Optionen, schrumpften zu blo\u00dfen Operationen, Algorithmen bla\u00dfer Totalit\u00e4t, feuern oder verschwinden, leben oder sterben, 1 oder 0, bin\u00e4re Abw\u00e4gungen in einem System von nur noch bin\u00e4ren M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nEin langvergessenes Gespr\u00e4ch kam ihm in den Sinn, w\u00e4hrend er die Augen auf der silbernen Tasse des Mannes ruhen lie\u00df, davon hatte der Alte gesprochen, er verstand es jetzt. Es musste vor Jahren gewesen sein, aber jetzt erinnerte er sich wieder genau, auch an den alten, vergilbten Tisch, an der mit dem Alten gesessen hatte, betrunken waren sie gewesen, beide, und dort hatte der alte Soldat von diesem Punkt, diesem Moment gesprochen, ihm war der Name entfallen, er hatte in einem verrauchten, d\u00fcster-zynischen Tonfall davon gesprochen und in Worten, die auf eine akademische Vergangenheit hatten schlie\u00dfen lassen. Und jetzt verstand er ihn.<br \/>\nEs war ein Gef\u00fchl der Macht und noch viel mehr als das, er betrachtete sein Ziel ein letztes Mal, legte den Finger auf den Abzug, es war das eigentlich Unm\u00f6gliche, dass diesen Augenblick so merkw\u00fcrdig scheinen lie\u00df, die Allt\u00e4glichkeit und die Welt des Zivilen, die Welt der Lebenden, die sie sonst als Fremdk\u00f6rper betrachtete und auszuspucken suchte, sie wich hier wortlos diesem schweren Lauf und machte Platz f\u00fcr eine metaphorische Welt der Toten und des Todes, lie\u00dfen Raum f\u00fcr diese finalisierte Version totaler Macht, in der alles so einfach war, schie\u00dfen oder verschwinden, leben oder sterben, 1 oder 0.<br \/>\nEin chemisches Feuer loderte laut h\u00f6rbar auf, presste das Geschoss durch den Lauf, folgte ihm noch einige Zentimeter und verlosch wieder.<\/p>\n<p>post scriptum:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.sternwarte-hoefingen.de\/astroeinfuehrung\/lagrange.html\">Lagrange-Punkt<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.us.imdb.com\/title\/tt0431961\/\">Dokumentation zu israelischen Scharfsch\u00fctzen (leider alte Seite)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem fast nicht h\u00f6rbaren Ger\u00e4usch schnappte die Abdeckung hoch, einmal, zweimal. 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