{"id":63,"date":"2006-09-02T17:18:00","date_gmt":"2006-09-02T16:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=63"},"modified":"2006-12-11T02:57:15","modified_gmt":"2006-12-11T01:57:15","slug":"single-shot-sisyphos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/09\/02\/single-shot-sisyphos\/","title":{"rendered":"Sisyphos"},"content":{"rendered":"<p>Unter den alten Griechen lebte eins ein Mann, den wir heute Sisyphos nennen; dies war zu einer Zeit, als die G\u00f6tter, die wir heute nur noch aus Erz\u00e4hlungen kennen, noch Macht besa\u00dfen und \u00fcber die Welt herrschten, die sie als ihren Besitz erachteten.<br \/>\nMit nur wenig Ironie k\u00f6nnte man sagen, dass Sisyphos ein moderner Mensch war; t\u00fcckisch war er, intelligent und auch recht geschickt, ein flei\u00dfiger Mann. Er scherte sich recht wenig um die Autorit\u00e4t der G\u00f6tter, die -Kindern gleich- mit dem Schicksal der Menschen zu spielen schienen. Und so scheint auch unausweichlich, dass er bei den G\u00f6ttern in Ungnade fiel, er, der sich gern als freies Individuum sah. Zun\u00e4chst untersch\u00e4tzten die G\u00f6tter seinen Freiheitsdrang und seine T\u00fccke, so dass es ihm gelang, selbst den Tod zu \u00fcberlisten.<br \/>\nDoch nat\u00fcrlich ist es absurd anzunehmen, dass ein Mensch, selbst ein sehr gescheiter, es mit der Macht der G\u00f6tter aufnehmen k\u00f6nne. Und so kam es dann auch, wie es kommen musste; Sisyphos wurde schlie\u00dflich gestellt und seiner Freiheit beraubt.<br \/>\nOben im Olymp berieten die G\u00f6tter nun, wie Sisyphos zu bestrafen sei. Es lag auf der Hand, dass eine harte Bestrafung gefunden werden musste, denn auch wenn manche der G\u00f6tter die Unerbittlichkeit dieses kleines Wesens insgeheim bewunderten, so konnte man nicht unges\u00fchnt lassen, das Sisyphos die Autorit\u00e4t des ganzen G\u00f6tterhimmels untergraben hatte wie kaum ein Mensch vor ihm.<br \/>\nMan einigte sich schlie\u00dflich auf eine Strafe; bis in alle Ewigkeit sollte Sisyphos in der Unterwelt bleiben, in einer Talmulde, die die G\u00f6tter nur f\u00fcr ihn geschaffen hatten. Ein hoher Berg war dort erschaffen worden, auch ein schwerer Klotz aus Gestein.<br \/>\nMan erkl\u00e4rte nun Sisyphos, er m\u00fcsse nur diesen Stein auf die andere Seite des Gebirges rollen, denn dies w\u00e4re seine Strafe.<br \/>\nSisyphos, der sich seiner Lage bewusst war, begann also, den schweren Stein den Berg hinauf zu schieben. Das Gewicht des Steines war so gew\u00e4hlt worden, dass er ihn nur unter gr\u00f6\u00dfter Anstrengung bewegen konnte, doch Sisyphos schaffte den Stein schlie\u00dflich auf den Gipfel des Berges. Doch die G\u00f6tter hatten in ihrer Bosheit das Gebirge so geschaffen, dass der Stein unweigerlich wieder hinunter rollen musste, so dass Sisyphos wieder und wieder von vorne anfangen musste.<br \/>\nAuch da h\u00f6rte man von Sisyphos kein Klagen oder Wehen; das R\u00e4nkespiel der G\u00f6tter hatte er schnell durchschaut.<br \/>\nVon Hunger und Durst, Krankheit und Alter befreit schob Sisyphos nun den Stein hinauf, der dann wieder nach unten rollte, Jahrhunderte lang. Einige Jahrzehnte lang sahen die G\u00f6tter ihm dabei zu, um Genugtuung zu erfahren, doch dann wurde ihnen das Zuschauen langweilig und sie besch\u00e4ftigten sich wieder mit anderen Dingen.<br \/>\nUnd so h\u00f6rte man in diesem Tal Jahrtausende lang nur das einsame Keuchen Sisyphos&#8216; und von Zeit zu Zeit, wie der Stein mit einem lauten Grollen wieder hinunter st\u00fcrzte. Mit dem \u00c4onen wurden die H\u00e4nge jenes Berges feucht und rutschig vom Schwei\u00df, den Sisyphos vergoss, und rot vom Blut seiner geschundenen F\u00fc\u00dfe. Und doch rollte Sisyphos den schweren Stein ohne zu hadern immer wieder den Hang hinauf, der kurz darauf wieder ins Tal polterte, immer wieder.<br \/>\nDie G\u00f6tter betrachteten w\u00e4hrendessen die Welt, die sie schon lange vergessen hatte. Ein anderer herrschte nun \u00fcber sie, und sie mussten zusehen, wie ihr Einflu\u00df schwand und schwand, bis sie schlie\u00dflich nur noch schweigend zusammensa\u00dfen und zusehen mussten, wie ein anderer die Welt nach seinen W\u00fcnschen formte.<br \/>\nMit einer gewissen Neugier begannen sie schlie\u00dflich \u00fcber diesen anderen zu lesen, den sie verstanden nur wenig von seiner Art zu handeln. Und so lasen sie die B\u00fccher der Menschen \u00fcber diesen Fremden, und sie lasen sie sehr genau und viele Jahre lang.<br \/>\nNun, die G\u00f6tter waren sehr starsinnig und eigen, dennoch konnten sie manchen der Ideen in jenen B\u00fcchern nicht verschlie\u00dfen, und so beschlossen sie schlie\u00dflich, die Welt diesem anderen zu \u00fcberlassen und zu gehen, denn sie hatten erkannt, dass dieser fremde Gott gerechter und auch besser herrschte, als sie es jemals gekonnt hatten.<br \/>\nDoch zuvor erinnerten sie sich an die Strafe, die sie gegen Sisyphos verh\u00e4ngt hatten, und w\u00e4hrend sie ihn so ansahen, wie er den Stein \u00fcber die vielen kleinen Rinnsale schob, die sich gebildet hatten, da \u00fcberkam sie Mitleid, eine Empfindung, von der sie in den B\u00fcchern des Anderen gelesen hatten. Und so entschieden sie, ihm zu vergeben, und gingen fort.<br \/>\nSisyphos schob den schweren Marmorstein wieder den Berg hinauf, und als er oben angekommen war, blickte er wieder ins Tal hinunter und erwartete, dass der Stein wieder hinabrollte. Doch nichts dergleichen geschah &#8211; der Stein blieb einige Sekunden auf dem Gipfel liegen, bevor auf der anderen Seite wieder hinab donnerte und in die Schw\u00e4rze der Unterwelt fiel, ohne dass ein Aufschlag zu h\u00f6ren war.<br \/>\nSisyphos aber, der niemals geklagt hatte, fiel nun auf die Knie und begann zu weinen, zu toben und zu schreien. Er verfluchte die G\u00f6tter und rief sie zu sich herab. Doch niemand h\u00f6rte ihn mehr, und so verklangen seine Schreie f\u00fcr Ewigkeiten in der leeren Unterwelt.<\/p>\n<p>frei nach dem Sisyphos-Mythos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den alten Griechen lebte eins ein Mann, den wir heute Sisyphos nennen; dies war zu einer Zeit, als die G\u00f6tter, die wir heute nur noch aus Erz\u00e4hlungen kennen, noch Macht besa\u00dfen und \u00fcber die Welt herrschten, die sie als ihren Besitz erachteten. 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