{"id":65,"date":"2006-10-25T14:41:00","date_gmt":"2006-10-25T13:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=65"},"modified":"2006-12-11T02:57:01","modified_gmt":"2006-12-11T01:57:01","slug":"single-shot-venus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/10\/25\/single-shot-venus\/","title":{"rendered":"Venus"},"content":{"rendered":"<p>Wenn er so hinaufsah, dann erschien ihm dieser leuchtende Fleck am Himmel immer noch realer, realer als all das hier, realer als die leuchtenden Geb\u00e4ude oder die gro\u00dfen, st\u00e4dtischen Adern aus Licht.<br \/>\nEigentlich gab es auch nicht mehr als diesen kleinen Stern, der dort knapp \u00fcber dem Horizont hing, nicht mehr, nicht f\u00fcr ihn.<br \/>\nStundenlang konnte er so dastehen, vor den hohen Z\u00e4unen des Centers, und diesen Punkt dort betrachten, w\u00e4hrend seine Finger still die M\u00fcnzen in seiner Tasche z\u00e4hlten.<br \/>\nZu einer weit entfernten Welt geh\u00f6rte er, dieser Fleck am Himmel, unvorstellbar weit entfernt. Durch eine gro\u00dfe, kalte Leere m\u00fcsste man reisen, um sie zu erreichen, es w\u00e4re eine lange Reise, wenn auch nur ein Katzensprung auf den Skalen des Universums.<br \/>\nFremdartige Wolken bedeckten sie, diese andere Welt, entzogen sie jedes direkten Blickes, und verborgen darunter lag eine unwirkliche, rot-braune Ebene aus Fels und Gas.<br \/>\nSt\u00fcnde er dort, ein schwerer, hei\u00dfer Wind aus Gift und Gas w\u00fcrde ihn umh\u00fcllen, nicht zu vergleichen mit irdischen St\u00fcrmen oder gar der lauen Brise, die an solchen Abenden die Fahnen des Centers sachte flattern lie\u00df, es war ein extremer Ort, ja, aber daf\u00fcr auch kaum ambivalent, von konsequentem, fremdem Gem\u00fct.<br \/>\nUnd deshalb war diese Welt f\u00fcr ihn erstrebenswerter und wahrhaftiger als alles auf diesem blauen Planeten.<br \/>\nDem irdischen Leben gewann er schon lange nichts mehr ab, all den vielen obsz\u00f6nen Details und den Verworrenheiten, den komplexen Bindungen, die Menschen einzugehen pflegten, den Ausfl\u00fcchten, die sie alle f\u00fcr ihre Fehler und Laster vorbrachten. Auch er war einmal so gewesen, eine Ameise, die auf einem blauen Ball umherlief ohne nach oben zu schauen, damals, bevor seine Frau weggegangen war. Doch schon lange war das her, und er vermisste ihr Gesicht kaum noch.<br \/>\nNein, sein Streben galt einzig und allein noch diesem Fleck dort oben, sie beide verband etwas, f\u00fchlte er, ihr Schicksal musste verkn\u00fcpft sein.<br \/>\nUnd auch wenn kein menschliches Auge sie je erblickt hatte, diese andere Welt, und auch wenn sie jedem menschlichen Leben die Existenz verweigern w\u00fcrde, in seinen Gedanken und Tr\u00e4umen existierte nur noch sie, und manchmal glaubte er, beinahe eine Geliebte, eine Liebe von fremdartiger Sch\u00f6nheit in diesem flimmernden kleinen Fleck zu erkennen.<br \/>\nEine &#8218;G\u00f6ttin&#8216; hatte die Antike sie genannt, eine von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit, obwohl man damals nur ihren fahlen, fernen Schein in der D\u00e4mmerung gekannt hatte, nichts gewusst hatte von Gestirnen oder Instrumententr\u00e4gern.<br \/>\nAnders als die Menschen der Antike hatte er nat\u00fcrlich die Aufnahmen gesehen, die ihre nichtmenschlichen Besucher von ihr gemacht hatten, Bilder von bedr\u00fcckender Feindlichkeit, in stechend-gelangweilten Farben, ganz anders als in der Vorstellung der Antike. Doch in seinem Geiste sah er ein anderes Bild, ein \u00e4hnliches zwar, aber ein wenig heiterer, etwas verschoben, von einer tiefer liegenden \u00c4sthetik gezeichnet, gesegnet.<br \/>\nEine entstellte Sch\u00f6nheit blieb sch\u00f6n, wenn es echte Sch\u00f6nheit war, das glaubte er. Und so sah er in diesem hellen Fleck nicht den s\u00e4ureummantelten Vorhof der H\u00f6lle, den manche seiner Mitarbeiter sahen, er konnte und wollte nicht, und so verschwieg er ihnen meist seine Gedanken. Trotz der Widrigkeiten und all der Umst\u00e4nden; sie blieb ein warmer, ein seltsam mythischer Ort inmitten einer gro\u00dfen kalten Leere.<br \/>\nEr war sich sicher; eines Tages w\u00fcrde er dieses gro\u00dfe Nichts durchqueren, das die physische Welt auszumachen schien, in einem unsicheren, winzigen Gef\u00e4hrt. Und nach einer langen Reise w\u00fcrde er sie schlie\u00dflich erreichen. Sie w\u00fcrde ihn sicher herzlich aufnehmen, auf ihre Weise.<br \/>\nUnd dann w\u00fcrde er f\u00fcr immer bei ihr bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn er so hinaufsah, dann erschien ihm dieser leuchtende Fleck am Himmel immer noch realer, realer als all das hier, realer als die leuchtenden Geb\u00e4ude oder die gro\u00dfen, st\u00e4dtischen Adern aus Licht. Eigentlich gab es auch nicht mehr als diesen kleinen Stern, der dort knapp \u00fcber dem Horizont hing, nicht mehr, nicht f\u00fcr ihn. 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