{"id":7,"date":"2005-01-11T00:58:00","date_gmt":"2005-01-10T23:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=7"},"modified":"2006-12-11T03:12:20","modified_gmt":"2006-12-11T02:12:20","slug":"preludelullaby-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/01\/11\/preludelullaby-ii\/","title":{"rendered":"Prelude\/Lullaby II"},"content":{"rendered":"<p>Mit leise wisperndem Widerwillen betrat er den Lift. Die T\u00fcren schlossen sich mit einem d\u00fcsteren Ger\u00e4usch, dem Ger\u00e4usch einer Patrone, die sich in ein Magazin f\u00fcgt. Ein Sarg, dachte er, ein st\u00e4hlerner Sarg. So einer, in dem man verstrahlte Leichen transportierte. Die T\u00fcren gingen mit einem Ruck wieder auf. Ein Mann stieg zu. Seine Angst l\u00e4chelte ihm kurz durch das Gesicht des Mannes im Anzug an. Er schob sich, soweit er konnte, in eine Ecke des Sargs, den Kopf starr geradeaus gerichtet. Der Anzug kam ihm bekannt vor.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ja, er geh\u00f6rte zu einem der Anzugmenschen aus den oberen Stockwerken. Musste er ihn gr\u00fc\u00dfen? Und warum war er hier, gerade jetzt, mit ihm?<br \/>\nSein Blick blieb auf die unfreundlichen Dioden \u00fcber der T\u00fcr fixiert. Er war schon fast da. Gleich, gleich, konnte er hier raus. Gleich.<br \/>\nEin bei\u00dfender Geruch stieg ihm in die Nase. Rasierwasser. Seine Augen wendeten sich unwillk\u00fcrlich zu dem Anzugmenschen hin. Was er jetzt wohl dachte. Wahrscheinlich schmiedete er Pl\u00e4ne. Er malte sich aus, was das wohl f\u00fcr Pl\u00e4ne sein k\u00f6nnten.<br \/>\nEinige dumpfe Silben durchschnitten seine \u00dcberlegungen. Sein Blick wurde tr\u00fcb, als w\u00fcrde er durch Nebel blicken.<br \/>\nEr stellte sich vor, wie die Silben die Wand aus Furcht um ihn lautlos verbogen, sie durchdrangen.<br \/>\nDer Anzugmensch sah ihn direkt an, sein Mund bewegte sich.<br \/>\nSein Name. Dann eine Frage.<br \/>\nEine verlogene, verr\u00e4terische Frage nach seinem Wohlbefinden. Dann seine Stimme, eine Silbe, die Antwort.<br \/>\nHatte der Anzug irgendwie geh\u00f6rt, was er gedacht hatte? Nein, das war nicht m\u00f6glich. Die Physik verbat es.<br \/>\nEr sp\u00fcrte den kleinen Splitter des Zweifels, der blieb, der immer blieb. Wie ein kleiner Glassplitter, der im Dunkeln wartet, dass man sich an ihm schneidet.<br \/>\nDie Liftt\u00fcren \u00f6ffneten sich mit einem Seufzen. Endlich. Sein Stockwerk, seine H\u00f6lle. Immerhin seine eigene. Der letzte Gedanke entlockte ihm ein Grinsen. Er stellte vor, wie er jetzt aussehen w\u00fcrde. Wie ein grinsender Totensch\u00e4del in einem Anzug. Mit einiger Anstrengung zwang er sich, ein professionelles L\u00e4cheln aufzusetzen. Eine Maske, eine notwendige Maske.<br \/>\nDas Klingeln hinter ihm rief ihn zur\u00fcck ins Jetzt. Die Sargt\u00fcren schlossen sich. Der Anzugmensch, er musste ihm die ganze Zeit nachgestarrt haben. Er konnte das sp\u00fcren, genauso wie er sein Lachen h\u00f6ren konnte. Es war leise, aber es war da, er wusste es, er konnte es f\u00fchlen.<br \/>\nDicht an der Wand durchquerte er den Korridor zu seinem B\u00fcro. Seine Kollegen hatten einmal gescherzt, seine Haltung deute an, er w\u00fcrde sich auf einem Schlachtfeld bewegen, schlangenhaft, geduckt. Er hatte nichts geantwortet. Hier oben sagte er nie viel.<br \/>\nDurch die W\u00e4nde konnte er die anderen Menschen sp\u00fcren. W\u00e4hrend er um die scharfen Ecken der Flure steuerte stellte er sich vor, wie er sie durch die W\u00e4nde f\u00fchlen konnte. Jeder einzelne verbunden mit den anderen, jeder einzelne mit einer Bestimmung, einem Zweck. Einer Aura, vielleicht war das ein ad\u00e4quater Ausdruck, auch wenn er ihm metaphysisch-l\u00e4cherlich vorkam. Er konnte sie lachen h\u00f6ren, sie lachten immer \u00fcber ihn. Nicht b\u00f6sartig, nein. Es war verst\u00e4ndlich, er w\u00fcrde oft gerne mit ihnen lachen. Nat\u00fcrlich lachten sie aber nie, wenn er dabei war. Dennoch, er f\u00fchlte ihre Verachtung, ihre falsche H\u00f6flichkeit. Er f\u00fchlte keine Wut, dass hatte ihn fr\u00fcher irritiert. Eine Weile hatte er dar\u00fcber nachgedacht.<br \/>\nJ\u00e4h streifte seine Schulter eine Wand, als er einem Anzugmenschen auswich, der ihn nicht wahrgenommen hatte. Zumindest war er ein Niemand hier, das beruhigte ihn auf eine faszinierende Weise. Seine Konzentration richtete sich wieder nach innen.<br \/>\nDiese \u00dcberlegungen hatten zu dem Schluss gef\u00fchrt, dass er gar nicht das Recht hatte, w\u00fctend zu sein. Im Gegenteil, sie hatten Recht, er war nichts, er war niemand. Er hatte kein Legitimation, ihre Aufmerksamkeit, ihre Anteilnahme, ihre Akzeptanz zu verlangen. Mit einem vogelartigen Schulterzucken best\u00e4tigte er sich die Richtigkeit dieser Annahme. Das B\u00fcro lag vor ihm. Das Licht fiel an einem solchen Tag viel zu hell hinein, wie er fand. Seine Gedanken schweiften wieder zu dem strahlungsisolierten Stahlsarg. Nun, er hatte nicht das Recht, sich zu beschweren.<br \/>\nDie anderen Anzugmenschen in dem B\u00fcro begr\u00fc\u00dften ihn. Zwei, drei, vier. Sie waren alle da. Alle bis auf das M\u00e4dchen. Mit der Art von Sanftheit, mit der ein Musiker ein uraltes Instrument vorsichtig stimmt, erwiderte er beil\u00e4ufig ihre Begr\u00fc\u00dfungen. Nat\u00fcrlich, sie waren freundlich, taten so, als ob er dazugeh\u00f6ren w\u00fcrde.<br \/>\nSie war nicht da. Vielleicht hatte sie sich versetzen lassen, er k\u00f6nnte es verstehen. Er w\u00fcrde auch nicht gerne in seiner N\u00e4he arbeiten m\u00fcssen. Vielleicht war sie auch einfach nicht da, um ihn ein wenig zu qu\u00e4len.<br \/>\nEin Druck auf einen roten Knopf, sein Computer bootete. Schaute ihn durch seine roten und dunkelblauen LEDs grinsend an.<br \/>\nHinter ihm ein R\u00e4uspern. Langsam drehte er sich um, immer noch in der verschlagenen, geduckten Haltung, ein Boxer, der auf einen Schlag wartet.<br \/>\nUnd dort stand sie. Sie blickte ihn aus hellen, grauen Augen an. Blonde, kurze Haare.<br \/>\nEr hasste es. Wellen von Endorphinmolek\u00fclen, die durch seine Venen sp\u00fclen wie eine Armada.<br \/>\nEr hasste es.<br \/>\nAber er liebte sie.<br \/>\nIhre Augen fesselten ihn, er h\u00f6rte nur halb, was sie sagte. Wie sch\u00f6n sich das Licht in dem B\u00fcroraum in ihren Pupillen fing. Wie sch\u00f6n das Licht ihr ganzes Gesicht einfing.<br \/>\nUnd sie war zu ihm gekommen. Vielleicht&#8230;vielleicht&#8230; aber das konnte nicht sein.<br \/>\nWie zum Beweis klingelte mit unverh\u00fcllter H\u00e4me ein Telefon. Ihr Telefon.<br \/>\nSie blickte ihn noch mal an, wand sich dann von ihm ab. Noch einmal ihr Haar in der Morgensonne, viel zu helles Licht.<br \/>\nEr hatte es doch gewusst, immer gewusst. Aber er konnte es ihr nicht \u00fcbel nehmen, er war nun mal, was er war. Und sie war nur ein Mensch wie jeder andere.<br \/>\nSie war Verrat, Menschen waren Verrat, das Leben war Verrat. Er dachte an das kleine K\u00e4stchen unter seinem Bett, schwarzes, warmes Holz, bevor er sich dem leise fl\u00fcsternden Rechner zu wand. Schwarz und schwer, wie das Holz, aus dem man massive T\u00fcren machte. Kurz verweilte er bei dem Gedanken, wohin diese T\u00fcr f\u00fchren mochte, dann war er in seine Arbeit vertieft.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">&#8222;All the ill that is in us comes from fear, and all the good from love.&#8220; ~ <a title=\"Eleanor Farjeon\" href=\"http:\/\/en.wikiquote.org\/wiki\/Eleanor_Farjeon\">Eleanor Farjeon<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit leise wisperndem Widerwillen betrat er den Lift. 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