{"id":71,"date":"2006-12-12T13:53:43","date_gmt":"2006-12-12T12:53:43","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=71"},"modified":"2008-12-30T11:17:42","modified_gmt":"2008-12-30T10:17:42","slug":"single-shot-reise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/12\/12\/single-shot-reise\/","title":{"rendered":"Reise"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\">\n<p class=\"MsoNormal\">\n<p>Ich stehe am Bahnhof, ganz allein. Eine gro\u00dfe Eins leuchtet leise surrend \u00fcber mir, ganz fremd und k\u00fchl. Ein Zug rauscht vorbei, das Rattern der R\u00e4der \u00fcbert\u00f6nt die Leuchttafel, w\u00e4hrend ich auf meine Uhr blicke, den unruhigen Zeigern einige Sekunden schenke. <em>34, 35, 36<\/em>. Wieder drei Sekunden. Wieder vier Schl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Ist es wirklich der Zug, der hier vorbeirast? Bin nicht ich es?<\/p>\n<p>Eine Frage der Perspektive, m\u00f6chte ich antworten, nur eine Frage der Perspektive. Aber das stimmt nicht, ich wei\u00df. Eine Maschine aus Stahl und R\u00e4dern schenkt keinerlei Perspektive irgendeine Aufmerksamkeit; sie rollt nur voran, voran, voran. Die Maschine sieht sicher viele Dinge auf ihren Wegen, ich stelle sie mir vor, w\u00e4hrend der aufgewirbelte Wind an meiner Kleidung zerrt. Berge im Morgenlicht. Die sanften, bewaldeten T\u00e4ler der Umgebung. Die Lichter, die wir nachts in unseren Siedlungen entz\u00fcnden.<br \/>\nF\u00fcr sie aber bedeutet das alles nichts; es macht keinen Unterschied. Sie rollt voran, ihr Ort \u00e4ndert sich, das ist alles.<br \/>\nMenschen dagegen sind sich ihrer Reise bewusst. Ich bin nicht nur an einem Ort; ich blicke zu den Orten, an denen ich sein werde, ich sehe zur\u00fcck auf die, an denen ich einmal war, soweit mich Erinnerung und Vorstellung tragen.<\/p>\n<p>Und vielleicht ist das der Unterschied; der Zug besitzt nur die Gegenwart, und so steht er eigentlich still. Nur der Verschlei\u00df erz\u00e4hlt von seiner Vergangenheit. Ich dagegen <em>reise<\/em>, denn ich besitze eine Vorstellung von einem Pfad. Eine verblassende, eine unvollst\u00e4ndige, eine vielleicht st\u00e4ndig neu konstruierte, aber immerhin eine Vorstellung. Eine, von der niemand sagen kann, sie sei falsch oder richtig; sie ist nur eine Konstruktion, fern von diesen Kategorien. Jeder Mensch ist auf seiner Reise, jeder besitzt seine Konstruktion. In gewisser Weise ist das unwirklicher als der Weg dieses Zuges; grausamer vielleicht. Seinen &#8218;Artgenossen&#8216; muss er ebenso wenig Aufmerksamkeit zollen wie den Orten, die er erreicht; es bedeutet nichts. Wer sich nicht erinnert, kennt auch niemanden und nichts.<br \/>\nWir begegnen uns nur ebenso fl\u00fcchtig auf unseren langen Pfaden. Ber\u00fchrungen bleiben kurz und unstet. Man teilt seinen Weg mit dem einen oder dem anderen, ein St\u00fcck weit, und dann trennen sich die Wege wieder, manchmal ganz begr\u00fcndet, manchmal auch einfach nur zuf\u00e4llig. Eine Weiche stellt sich um, der andere folgt seinem eigenen Pfad, fort ist er. Mit der Zeit verblassen diese Wegbegleiter, machen Platz f\u00fcr neue, die alten wirft man ab, ohne es zu wollen.<br \/>\nGef\u00fchle aus fr\u00fcheren Tagen werden fremd, dann Stimmen, sogar Gesichter, schlie\u00dflich bleibt nur ein diffuser Rest.<\/p>\n<p>Auch die st\u00e4rksten Erinnerungen helfen dar\u00fcber nicht hinweg, es bleibt immer der Zweifel: <span style=\"font-style: italic;\">Habe ich dich wirklich ber\u00fchrt, warst du das? War ich denn da? Warst du denn da? Ist das wirklich geschehen?<\/span> Eine Gewissheit gibt es nie, nicht, so lange unsere F\u00fc\u00dfe uns tragen, nicht, so lange unsere Leben uns davonzerren. Und so suchen wir vielleicht oft nur nach dieser unerreichbaren Gewissheit.<br \/>\nIch schaue dem Zug noch einige Sekunden nach. Die roten Schlu\u00dfleuchten verschwinden in der Dunkelheit, schon ist er fort, gefangen in seiner Gegenwart. Ich blicke wieder auf die Uhr, z\u00e4hle einige Sekunden ab. Ich stelle mir eine wohlbekannte Frage, in gewisser Weise routiniert; Sollte ich ihn beneiden?<\/p>\n<blockquote><p>Und dennoch zieht mich mein Weg weiter<br \/>\nUnd Dich von mir weg<br \/>\nDu vergraebst, was war<br \/>\nUnter Deinem toten Haar<br \/>\nIch frag mich jeden Tag, wirst Du mir jemals vergeben<br \/>\nDu bist bei mir &#8211; uns trennt das Leben &#8211; Thomas  D.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe am Bahnhof, ganz allein. Eine gro\u00dfe Eins leuchtet leise surrend \u00fcber mir, ganz fremd und k\u00fchl. 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