{"id":79,"date":"2006-12-19T19:06:07","date_gmt":"2006-12-19T18:06:07","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=79"},"modified":"2008-01-05T00:53:37","modified_gmt":"2008-01-04T23:53:37","slug":"single-shot-ein-gebaude-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2006\/12\/19\/single-shot-ein-gebaude-ii\/","title":{"rendered":"Ein Geb\u00e4ude (2)"},"content":{"rendered":"<p>Du schrickst hoch, unangenehm ber\u00fchrt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um.<\/p>\n<p>Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur?<br \/>\nDer Tisch, auf dem dein Kopf geruht haben mochte, ist mit B\u00fcchern \u00fcbers\u00e4t, einige sind aufgeschlagen, als h\u00e4ttest du hier gearbeitet, hast du hier gearbeitet?<br \/>\nNein, das kann nicht sein, was solltest du auch gearbeitet haben, die Seiten sind staubbedeckt, \u00fcber und \u00fcber. Nur mit einiger M\u00fche kannst du ihn herunterwischen.<\/p>\n<p>Und darunter &#8211; nur leere Seiten, du bl\u00e4tterst hektisch darin, nur leere Seiten, leere Seiten und kein Wort.<\/p>\n<p>Du greifst nach dem Buch, auf dem dein Kopf lag, der kreisrunde Ausschnitt im Staub verr\u00e4t es dir.<br \/>\nDie Seiten sind gef\u00fcllt mit Buchstaben, du atmest laut auf, \u00fcberfliegst den Text, w\u00e4hrend du bl\u00e4tterst. Es f\u00e4llt dir schwer, alles zu verstehen, Schrift und Sprache scheinen dir alt &#8211; wie alt? &#8211; und tr\u00e4ge.<br \/>\nEs scheint eine Erz\u00e4hlung zu sein, eine merkw\u00fcrdig handlungsarme Geschichte, in einer ebenso seltsamen Person geschrieben; an manchen Stellen ist das d\u00fcnne Papier verwaschen und vergilbt, dennoch erkennst du den Stil einer Biografie, der Biografie eines Menschen, dessen Namen du nirgendwo liest, doch das scheint dir nicht so wichtig.<br \/>\nJemand hat die letzten beiden Seiten herausgerissen, stellst du seltsam erschrocken fest, ja, zwei sind es, du versuchst, die letzten Worte auf den Fetzen zu lesen.<\/p>\n<p><em>Er schrak hoch<\/em>, steht dort in vergilbten Lettern, der Rest ist fort. Ein bekanntes Gef\u00fchl schleicht sich in dir hoch, hast du diese Worte schon einmal geh\u00f6rt, wo und wann?<br \/>\nVerwirrter als zuvor schl\u00e4gst du es wieder zu.<\/p>\n<p>Die W\u00e4nde scheinen dir auch bei n\u00e4herer Betrachtung einfach nur wei\u00df, oder nicht, doch, es ist wei\u00df. Wirklich? Irgendetwas scheint dir merkw\u00fcrdig an dieser Farbe, du wei\u00dft es nicht genau.<br \/>\nDer Raum ist gr\u00f6\u00dfer, als du zun\u00e4chst angenommen hast, er ist voller B\u00fccher und Regale, du sitzt am einzigen Tisch.<br \/>\nLangsam stehst du auf, greifst zuf\u00e4llig ein paar vergilbte B\u00fccher aus den Regalen, sie sind alle leer, alle bis auf das auf deinem Tisch. Du f\u00e4hrst dir durch die Haare, was ist hier geschehen, wo bist du?<\/p>\n<p>In einer der W\u00e4nde dreht sich leise ein L\u00fcfter, fl\u00fcstert verschw\u00f6rerische Silben, fast ist dir, als k\u00f6nntest du einen Sinn heraush\u00f6ren, doch dein Geist bildet immer nur die gleichen Worten, die selben wie in deinem Buch, mit einer seltsamen Intonation versehen.<br \/>\nIn der T\u00fcr des Raumes steckt ein Schl\u00fcssel, du drehst ihn herum, \u00f6ffnest sie. F\u00fcr einen Moment glaubst du, jemand st\u00fcnde dahinter, aber nein, der Korridor ist leer, nur ein langer Flur nach links und rechts. Von seinem Boden steigt ein aufdringlicher Geruch \u00fcbertriebener Hygiene auf, die unter dem surrenden Kaltlicht eine merkw\u00fcrdig matte Spiegelung erzeugt.<br \/>\nUnschl\u00fcssig trittst du heraus, siehst nach links und rechts, w\u00e4hrend sich die T\u00fcr hinter dir leise schlie\u00dft.<br \/>\nDu entscheidest dich f\u00fcr die linke Seite, gehst los. Deine Schuhe verursachen ein schrilles, quietschendes Ger\u00e4usch auf dem Linoleum, einem Protest gleich. Schnell erreichst du das Ende des Korridors, h\u00f6rst hinter der Biegung Stimmen oder vielleicht nur eine Stimme, l\u00e4chelst, schreitest um die Ecke und blickst &#8211; nur einen weiteren leeren Flur herunter.<br \/>\nOder doch nicht? Du glaubst, einen Schatten am Ende des Korridors gesehen zu haben, als du um die Ecke kamst, rufst, schreist, l\u00e4ufst hinterher, biegst an der n\u00e4chsten Ecke in irgendeine Richtung ab &#8211; und schaust wieder in einen leeren Korridor.<br \/>\nSchwer atmend bleibst du stehen. \u00dcber dir vibriert leise ein Klimaanlage wie zum Hohn. Du widerstehst dem Drang, in Panik davon zu laufen. Siehst dich genau um. Und entdeckst die Wegweiser an den W\u00e4nden. Einstmal waren sicher Worte und Zahlen darauf geschrieben gewesen, an einigen Stellen sind sie noch zu erkennen, aber unleserlich. Nur die Pfeile sind noch zu sehen, die in die verschiedenen Richtungen weisen, aber auch sie sind alle verblasst und kaum noch zu erkennen &#8211; alle, bis auf einen. Ein w\u00fcrdevoll verzierter, schwarzer Pfeil weist noch seine Richtung.<br \/>\nDu beschlie\u00dft, diesem merkw\u00fcrdigen, letzten Symbol zu folgen, schl\u00e4gst eine neue Richtung ein. An der n\u00e4chsten Abzweigung folgst du ihm weiter. Immer weiter. Und weiter. Bei jeder Richtungs\u00e4nderung siehst du ihn wieder, diesen Schemen am anderen Ende des Korridors, mehrere vielleicht sogar, und so beschlie\u00dft du, den Kopf zu senken, l\u00e4sst dich von deiner Hand f\u00fchren, die \u00fcber die kalten W\u00e4nde streift, w\u00e4hrend du starr auf den Boden blickst.<\/p>\n<p>Und dann kannst du sie pl\u00f6tzlich immer sehen, aus den Augenwinkeln, erst ganz verschwommen, dann immer deutlicher. Es sind Menschen, oder Schatten, oder vielleicht Schatten von Menschen, die da mit dir zusammen durch die G\u00e4nge huschen. Einmal blickst du kurz auf, willst einen der Schatten genau fokussieren, doch dann verschwindet er pl\u00f6tzlich, erscheint dir erst wieder, als du den Kopf senkst. Deine Verwirrung wird mehr und mehr zu einer gefrorenen Agonie, geronnene Panik rast durch deinen Sch\u00e4del und l\u00e4sst nur einen Satz best\u00e4ndig rotieren, <em>Er schrak hoch<\/em>, wo hast du diesen Ausdruck schon einmal geh\u00f6rt, wo.<br \/>\nDoch das k\u00fcmmert nur noch den kleinen Rest an Verstand, der dir noch geblieben ist, dein K\u00f6rper folgt weiter stur dem scharf gezackten schwarzen Pfeil an den W\u00e4nden, und du findest &#8211; Nur weitere G\u00e4nge und verschwommene Gestalten in den G\u00e4ngen, Phantomen gleich. Ab und zu kommst du an einem blinden Fenster vorbei, stolperst fast, weil deine Hand kurz den Kontakt zu den W\u00e4nden verliert, doch durch die milchigen Scheiben hindurch kannst du nichts erkennen, oder doch, du wei\u00dft es nicht, vielleicht siehst du ja etwas Wages, etwas, das hier drinnen seinen Platz schon lange verloren hat, aber es interessiert dich auch nicht mehr, du durchl\u00e4ufst nur Korridor f\u00fcr Korridor.<br \/>\nDu merkst dir nicht, wieviel Zeit vergeht, du siehst nicht, dass die am\u00fcsierten Neonr\u00f6hren immer schw\u00e4cher herabglimmen. Du siehst deine Haare nicht wachsen, den Boden nicht stumpf und alt werden, verlierst dein Empfinden f\u00fcr Hunger und Durst.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich, nach Stunden, Wochen oder Jahren &#8211; du wei\u00dft es nicht -, da stehst du pl\u00f6tzlich vor dieser gro\u00dfen schwarzen T\u00fcr, immer noch die letzte Zeile in deinem Buch auf den Lippen.<br \/>\nZum ersten Mal seit langer Zeit blickst du wieder vorsichtig auf, musterst sie. Dein Verstand kommt nur langsam wieder an die Oberfl\u00e4che deiner Wahrnehmung zur\u00fcck, ein bestimmter Satz liegt dir auf der Zunge.<br \/>\nEin Ausgang. Endlich.<\/p>\n<p>Und dann bem\u00e4chtigt sich ein m\u00e4chtiger Impuls deiner, vor Gl\u00fcck kreischend und halb wahnsinnig rennst du auf die T\u00fcr zu, die sich vor dir leise \u00f6ffnet, und dahinter siehst du nur noch helles Licht, unschuldiges Licht eines wachen Tages. Du l\u00e4ufst in dieses blendende Wei\u00df, du bist frei, und dann<\/p>\n<p>&#8211; Dann f\u00e4llst du.<br \/>\nUnd erinnerst dich an dein Buch in dem Zimmer, erinnerst dich wieder, wer die beiden Seiten herausgerissen hat.<br \/>\nDu selbst warst es, stellst du schwerelos fest, dein Geist findet zur\u00fcck zu diesem Augenblick, du selbst hast die Seiten vor langer Zeit herausgerissen, sie liegen wohl immer noch versteckt zwischen den Lamellen des Ventilators. Deine Augen gew\u00f6hnen sich langsam an die Helligkeit, und schwach funkelnd siehst du den Boden tief unter dir n\u00e4herkommen.<br \/>\nJetzt erst erinnerst du dich an die Worte auf der letzten Seite deines Buches, ganz unten, siehst dich selber lesen und formst mit deinen Lippen die Worte,<\/p>\n<p><em>Nach Jahren erst erkennt man: dies ist der Traum eines Geb\u00e4udes;<br \/>\nDie T\u00fcr zum Dach \u00f6ffnete sich, ein Ausgang. Endlich.<br \/>\nEr schlug auf.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Und schl\u00e4gst auf.<\/p>\n<p><em>Nach einem Kommentar von <a href=\"http:\/\/www.blogger.com\/profile\/12920855\">Tien<\/a> zu <a href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=48\">Ein Geb\u00e4ude<\/a><\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/scherbenundrosen.blogspot.com\/\">Tiens Blog <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du schrickst hoch, unangenehm ber\u00fchrt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um. Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur? 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