{"id":8,"date":"2005-01-14T00:59:07","date_gmt":"2005-01-13T23:59:07","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=8"},"modified":"2006-12-11T03:12:15","modified_gmt":"2006-12-11T02:12:15","slug":"preludelullaby-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/01\/14\/preludelullaby-iii\/","title":{"rendered":"Prelude\/Lullaby III"},"content":{"rendered":"<p>Stille. Nur das leise Nachgeben der Tasten unter seinen Fingern. Sie schienen ihm zu dienen, zu gehorchen. Keine anderen Menschen in Sichtweite.<br \/>\nImmer noch war er konzentriert auf die kleinen kryptischen Symbole auf seinem Schirm, die sich ver\u00e4nderten, verschoben, nur durch seinen Willen.<br \/>\nEin Ger\u00e4usch drang durch d\u00fcnne Pappw\u00e4nde.<br \/>\nEr sah auf gr\u00e4sslich-gr\u00fcne Ziffern einer Uhr. Mittagszeit. Sie gingen alle zum Essen. Alle, bis auf ihn.<br \/>\nSie fragten ihn nicht einmal. Diese unverwundene Unh\u00f6flichkeit verwunderte ihn. Anfangs hatten sie ihn immer gefragt. Nat\u00fcrlich hatte er es abgelehnt, mitzukommen. Sie fragten ja nur, um den Schein zu wahren.<br \/>\nEr sei krank. Oder er habe keinen Hunger. So etwas hatte er geantwortet.<br \/>\nSeine Finger zogen sich von den Tasten zur\u00fcck, wie ein Krebs, der sich aus seiner Schale zur\u00fcckzog. Bildeten eine Faust. Entspannungs\u00fcbungen.<br \/>\nEr kannte sich aus, er kannte die Spielregeln. Immer ein Vorwand auf den Lippen, das war eine Regel. Er wollte ihnen nicht mehr zur Last fallen, als er das offensichtlich schon tat.<br \/>\nJetzt fragten sie erst gar nicht mehr. Er fragte sich warum. Vielleicht war eine seiner Entschuldigungen nicht gut genug gewesen. So war es bestimmt.<br \/>\nDie Mittagspause mochte er. Er grinste. Wenn er an diesem Ort \u00fcberhaupt etwas mochte.<br \/>\nWie allein er jetzt war. Er konnte es f\u00fchlen. F\u00fcr einen Moment wich mit den Menschen auch die Angst, gab einen Blick auf das B\u00fcro frei.<br \/>\nDas Sonnenlicht war jetzt fast wei\u00df. Das gefiel ihm. Neutrales, simples Wei\u00df. Solches, das man auch f\u00fcr wissenschaftliche Experimente benutzte. Zumindest stellte er es sich so vor.<br \/>\nDas Auge des Sturms. Der Ausdruck fiel ihm ein. So f\u00fchlte es sich an.<br \/>\nWar es das, was er vermisste; Einsamkeit?<br \/>\nEr dachte an das Ereignis von heute morgen. Vielleicht.<br \/>\nEr w\u00fcnschte, dass es so w\u00e4re, aber andererseits.<br \/>\nSie st\u00f6rte. Diese Emotionen st\u00f6rten. Es \u00e4rgerte ihn.<br \/>\nEr stellte sich vor, wie es wohl ohne sie sein w\u00fcrde. Es war so schwer genug, durch dieses Leben zu kommen.<br \/>\nWarum dann noch das?<br \/>\nAber nein, sie konnte nichts daf\u00fcr. Es war seine Schuld, nur seine Schuld. Er w\u00fcrde sich zusammenrei\u00dfen. Diese irrationalen Reaktionen einfach ignorieren. Wie l\u00e4cherlich es war.<br \/>\nEr lie\u00df sich tief in den blauen Stuhl sinken, die H\u00e4nde fast locker im Nacken verschr\u00e4nkt.<br \/>\nEin Hauch von einem L\u00e4cheln zog \u00fcber sein Gesicht.<br \/>\nArbeit war entspannend, wenn er allein war.<br \/>\nEr stellte sich vor, wie sie jetzt alle an Tischen sa\u00dfen, viele Menschen, und redeten, vielleicht \u00fcber ihn redeten. Und sie, wie sie daneben sa\u00df. Mit demselben L\u00e4cheln wie heute morgen.<br \/>\nSie, schon wieder sie. Nie wieder dieser Gedanke.<br \/>\nEin Ger\u00e4usch hinter ihm. Wie von selbst schnappte sein Oberk\u00f6rper hoch, die Schultern weit hochgezogen, der Kopf abgesenkt.<br \/>\nDann ihre Stimme. Sie? Was wollte sie noch?<br \/>\nSeine F\u00fc\u00dfe fanden den Fu\u00dfboden, der Sessel drehte sich widerstrebend. Wieder ihre Augen, doch diesmal nicht. Diesmal w\u00fcrde er Widerstand leisten.<br \/>\nEr stellte sich gro\u00dfe, dunkle Zellen vor, die die Armada aus seinem Blut rissen.<br \/>\nDas kleine rote B\u00e4ndchen an ihrer ordentlich geb\u00fcgelten Bluse bewegte sich mit ihrem Atem, durch ihren Atem. Er z\u00f6gerte kurz. Oder war es umgekehrt? Ein sinnloser Gedanke.<br \/>\nOb er heute etwas vorh\u00e4tte.<br \/>\nWarum wollte sie das wissen?<br \/>\nEr sollte ja antworten, er kannte die Spielregeln, fand immer einen Vorwand.<br \/>\nDoch vielleicht\u2026 nein. Er durfte sich nicht wieder gehen lassen, auf keinen Fall. Objektiv. Er versuchte sich daran zu erinnern, was das Wort bedeutete, warum es wichtig war.<br \/>\nDann huschte ein Nein \u00fcber seine Lippen, wie ein sich versehentlich l\u00f6sender Schuss, nur viel leiser.<br \/>\nZu sp\u00e4t. Spanien siegte wieder. In seinem Geist sah er unscheinbare Molek\u00fcle, feiernd, in seinem Blut schwimmend.<br \/>\nSie legte bed\u00e4chtig einen Zettel auf seinen Schreibtisch, dann ein L\u00e4cheln, sie verschwand.<br \/>\nWas hatte er sich dabei gedacht?<br \/>\nEin Teil von ihm wusste es.<br \/>\nDer Zettel war gelb, ordentlich beschriftet. Ihre Schrift, er erkannte sie.<br \/>\nDer Name einer Bar. Eine Uhrzeit. Der Hinweis, dass sie sich freuen w\u00fcrde.<br \/>\nEs war unm\u00f6glich. Und doch.<br \/>\nWie konnte das sein?<br \/>\nEr las den Zettel noch einmal. Es konnte nicht sein. Oder doch?<br \/>\nVielleicht hatte er alles an ihr falsch verstanden, bis jetzt. Vielleicht\u2026<br \/>\nMit Bedacht faltete er den kleinen Zettel. Vorsichtig steckte er ihn in sein Hemd.<\/p>\n<p>Die Angst flog mit einem entsetzten, aber stummen Schrei hinter die R\u00e4nder seiner Wahrnehmung, verweilte dort, beobachtete.<br \/>\nDas Licht war angenehm, pl\u00f6tzlich. Er stand auf.<br \/>\nWie lange war er wohl nicht in der Kantine gewesen? Er wusste es nicht. Es war zu lange her, fand er, und machte sich auf den Weg.<\/p>\n<p>&#8222;Hoffnung ist die zweite Seele der Ungl\u00fccklichen.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Johann Wolfgang von Goethe\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Johann_Wolfgang_von_Goethe\">Johann Wolfgang von Goethe<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stille. Nur das leise Nachgeben der Tasten unter seinen Fingern. Sie schienen ihm zu dienen, zu gehorchen. Keine anderen Menschen in Sichtweite. Immer noch war er konzentriert auf die kleinen kryptischen Symbole auf seinem Schirm, die sich ver\u00e4nderten, verschoben, nur durch seinen Willen. Ein Ger\u00e4usch drang durch d\u00fcnne Pappw\u00e4nde. 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