{"id":82,"date":"2007-01-27T15:18:46","date_gmt":"2007-01-27T14:18:46","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=82"},"modified":"2007-12-08T02:42:31","modified_gmt":"2007-12-08T01:42:31","slug":"das-tagebuch-prolog-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/01\/27\/das-tagebuch-prolog-1\/","title":{"rendered":"Das Tagebuch &#8211; Prolog (1)"},"content":{"rendered":"<p>Erster Eintrag:<\/p>\n<p>Hallo, ich gr\u00fc\u00dfe dich, wer immer du auch bist. Vermutlich wird niemand das hier jemals lesen k\u00f6nnen &#8211; es liegt zumindest aus meiner Sicht nahe, dass es nie jemand lesen wird. Aber offensichtlich hat jemand dieses B\u00fcndel gefunden, der meine Geschichte lesen kann.<br \/>\nWarum ich dies jetzt schreibe, wirst du dich jetzt fragen. Nun, ich wei\u00df das nicht so genau. Genau genommen wei\u00df ich sogar eine Menge nicht, aber dazu sp\u00e4ter mehr.<br \/>\nIch habe diesen Stift, mit dem ich schreibe, und diese Bl\u00e4tter, die du gerade in H\u00e4nden h\u00e4ltst, gefunden; vielleicht wirst du sie auf die selbe Weise finden wie ich. Offenkundig bringt mich Zettern und Toben hier nicht weiter, an diesem Ort, wo immer das auch ist, da scheint es mir einfach logisch, die Geschichte aufzuschreiben. Etwas anderes bleibt mir nicht zu tun, und unt\u00e4tig bleiben m\u00f6chte ich nicht.<\/p>\n<p>Ich sollte an dieser Stelle warnen; es ist m\u00f6glich, dass dich dieses &#8211; mein &#8211; Tagebuch, wie ich es nennen werde, schockieren wird. Du solltest dir wirklich \u00fcberlegen, ob du weiterlesen m\u00f6chtest. Bitte, \u00fcberleg es dir gut; ich meine das ganz ernst. \u00dcberleg es dir.<\/p>\n<p>Nun, ich beginne am besten mit den wichtigen Dingen; Mein Name ist [geschw\u00e4rzte Stelle], ich bin etwa 40-50 Jahre alt, genau wei\u00df ich das nicht (merkw\u00fcrdig, nicht? Sowas sollte man nicht vergessen, oder?). Meiner Erinnerung nach habe ich einen Beruf ausge\u00fcbt, der viel mit den gro\u00dfen Maschinen auf Baustellen zu tun hatte, auch das kann ich nicht pr\u00e4zisieren. Ich habe nur noch einige Bilder im Kopf, auf einem ist ein Mensch abgebildet, der ich wohl sein k\u00f6nnte (es gibt hier keine Spiegel), mit einen Helm, neben einem Kran; daneben sehe ich einige gro\u00dfe Geb\u00e4ude, Wolkenkratzer, deren Architektur mir fremd ist. Auch sehe ich mich selbst neben einer Frau, die in meinem Alter sein k\u00f6nnte; vielleicht ist das meine Frau. Ja, sicher sogar, da ist ein merkw\u00fcrdig vertrautes Gef\u00fchl, wenn ich an das Gesicht dieser Frau denke, als h\u00e4tte sie mir einmal viel bedeutet. Ich wei\u00df nicht, ob wir Kinder haben, vielleicht.<br \/>\nGut, jetzt wei\u00dft du, wer ich bin, und keiner der S\u00e4tze oben sollte schwer zu glauben oder nur zu verstehen sein. Viel mehr kann ich dir auch nicht sagen, vieles scheint mir geschwunden zu sein.<br \/>\nNun sollte ich wohl erkl\u00e4ren, wo ich bin; aber ich f\u00fcrchte, das ist mir unm\u00f6glich, ich wei\u00df es einfach nicht genau. Ich kann dir nur sagen, dass hier die unglaublichsten Dinge geschehen. Viel wesentlicher und schwerer zu akzeptieren d\u00fcrfte allerdings sein, <em>wie oder was <\/em>ich bin. Deshalb werde ich es jetzt ganz direkt aufschreiben, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es selber glaube.<\/p>\n<p>Ich bin tot.<\/p>\n<p>Tja, das ist es. Ich bin tot. Erledigt. Mausetot.<br \/>\nSo. Glaub mir, nicht nur du stellst dir jetzt einige sehr wesentliche Fragen; ich bin auch nicht ganz sicher, ob ich dieses Ungeheuerliche f\u00fcr wahr halten darf.<br \/>\nIch kann dir nur versichern; es stimmt. Ich habe das sichere Gef\u00fchl, tot zu sein. Woher ich die Gewissheit nehme? Ich wei\u00df nicht genau. Wahrscheinlich ist das ganz einfach; genau so, wie ich mal wusste, dass ich am Leben bin, wei\u00df ich jetzt eben, dass ich tot bin.<br \/>\nVermutlich  fragst du dich jetzt, wie das ist, tot sein, sterben; aber wei\u00dft du, dazu kann ich dir nur sagen, dass beides vollkommen \u00fcbersch\u00e4tzt wird. Aus meiner Sicht ist es ziemlich \u00fcberzogen, was wir im Leben alles auf den Tod verwenden. Ich zumindest habe weder ein helles Licht gesehen, noch habe ich mit Petrus gesprochen; ich erinnere mich nicht an gro\u00dfe Schmerzen, und auch nicht an irgendwelche Unannehmlichkeiten. Es ist einfach so, als w\u00fcrdest du durch eine T\u00fcr treten; du trittst \u00fcber die Schwelle, machst einen Schritt &#8211; und bist tot. So einfach ist das. Wie sich das &#8218;Tot sein&#8216; anf\u00fchlt, dar\u00fcber bin ich noch nicht ganz sicher; eigentlich f\u00fchlt es sich wie immer an. Andererseits ist es hier ziemlich einsam, wo auch immer &#8218;hier&#8216; ist.<br \/>\n&#8218;Hier&#8216; &#8211;  das ist Moment ein recht dunkles Zimmer, eins, in dem ich aufgewachsen bin, wenn ich mich recht erinnere. Die Tapete kommt mir auf jeden Fall bekannt vor, es sind kleine Affen und Zebras darauf, die mich in der Dunkelheit tr\u00fcbe anglotzen; ich erinnere mich auch den Ball in der Ecke des Zimmers, und als ich einer Intuition folgend unter das Bett sah, da fand ich meine alte Muschelsammlung, ganz ordentlich sortiert und abgedeckt. Es ist seltsam &#8211; ausgerechnet daran erinnere ich mich. Du musst wissen (ich h\u00e4tte es schon am Anfang bemerken sollen; ich hoffe, du st\u00f6rst dich nicht am &#8218;Du&#8216;.), ich war als Kind sehr stolz auf diese Sammlung; ich habe sie alle selber gefunden. Oft war ich mit meinem Vater (oder war es meine Mutter?) drau\u00dfen, am Wochenende, und habe die gemusterten Schalen im Schlick gesucht, bis ich fast so durchn\u00e4sst war wie meine Muscheln &#8211; eine sch\u00f6ne Erinnerung. Vielleicht ist sie mir deshalb geblieben.<br \/>\nSonst erinnere ich mich nicht an viel in diesem Zimmer, aber ich glaube nun fest, das es meins sein muss &#8211; oder besser, es einmal war. Ich wei\u00df nicht genau, wie lange ich hier schon sitze, selbst w\u00e4hrend ich dies schreibe; vielleicht kennt dieser Ort im herk\u00f6mmlichen Sinne auch keine Zeit. Aber das Schreiben hilft, die Gedanken zu fokussieren; mir ist, als h\u00e4tte ich nie einen Gedanken wirklich gedacht, in diesem Zimmer, bevor ich damit anfing.<br \/>\nNun, so stellt sich mir jetzt auch die Frage nach dem Warum, die ich vorher nicht einmal in Erw\u00e4gung gezogen habe; warum bin ich hier?<br \/>\nIch bin tot, soviel steht fest. Aber irgendwie erwartet man.. etwas. Etwas anderes als ein ewiges Kinderzimmer. Aber andererseits habe ich das Gef\u00fchl, das noch etwas geschehen wird. Es ist nur Intuition, vielleicht auch nur Wunschdenken, aber mir scheint, dieser Ort&#8230; wartet auf etwas. Als m\u00fcsste jemand den Prolog verlesen, bevor das Schauspiel beginnen kann.<br \/>\nDie Kiste mit meinen Muscheln habe ich \u00fcbrigens jetzt immer bei mir; ich werde sie behalten. Nenn es Nostalgie, aber sie ist eine sch\u00f6ne Erinnerung, eine der wenigen. Hier ist ja auch niemand, der sie beanspruchen kann; sie geh\u00f6rt mir.<\/p>\n<p>&#8211;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re Ger\u00e4usche! Ich kann mich nicht erinnern, etwas geh\u00f6rt zu haben seit ich hier bin, also kannst du dir sicher vorstellen, wie aufgeregt ich bin. Zuerst h\u00f6rte ich eine T\u00fcr klappen, zweimal, dann Schritte \u00fcber mir (ich glaube, wir wohnten in einem Haus, damals), und jetzt sind es Alltagsger\u00e4usche, eine Kaffeemaschine oder etwas \u00c4hnliches h\u00f6rte ich gerade eben. Warte, ich glaube jetzt sind es wieder Schritte; sie werden lauter.<br \/>\nSie h\u00f6ren sich jetzt ganz nah an, als w\u00e4ren sie fast direkt vor der T\u00fcr der Zimmers, ich werde besser aufh\u00f6ren und sp\u00e4ter weiterschreiben&#8230;<\/p>\n<p>Bis bald, mein unbekannter Leser.<\/p>\n<p><em>Beginn einer neuen, fortlaufenden Erz\u00e4hlung mit bisher unbekannter L\u00e4nge (4-6 Teile, so weit ich das bisher absch\u00e4tzen kann). <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Eintrag: Hallo, ich gr\u00fc\u00dfe dich, wer immer du auch bist. Vermutlich wird niemand das hier jemals lesen k\u00f6nnen &#8211; es liegt zumindest aus meiner Sicht nahe, dass es nie jemand lesen wird. Aber offensichtlich hat jemand dieses B\u00fcndel gefunden, der meine Geschichte lesen kann. Warum ich dies jetzt schreibe, wirst du dich jetzt fragen. 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