{"id":83,"date":"2007-06-05T18:27:13","date_gmt":"2007-06-05T17:27:13","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=83"},"modified":"2007-06-23T17:59:49","modified_gmt":"2007-06-23T16:59:49","slug":"single-shot-89-bilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/06\/05\/single-shot-89-bilder\/","title":{"rendered":"89 Bilder"},"content":{"rendered":"<p>Ein kleiner Baum hatte das Inferno \u00fcberstanden, stellte er lakonisch fest und betrachtete ihn durchdringend. Viel war nicht von ihm geblieben, von den meisten seiner \u00c4ste war nur noch Asche \u00fcbrig, und selbst an der dem Hang abgewandten Seite hatten seine Arme eine kohlefarbene Schicht bekommen.<br \/>\nEr ging einige Schritte auf ihn zu, lie\u00df sich dabei Zeit, atmete die ozonhaltige, schale Luft langsam ein und aus. Gut m\u00f6glich, dass der Baum genau an der Grenze von Zone 2 gestanden hatte, zumindest stand er genau an dem Hang, der sie seiner Erinnerung nach begrenzen sollte. Seine Kamera surrte einige Male leise, als er einige Fotos machte.<br \/>\nEr ber\u00fchrte den Stamm des Baumes sanft, und einige Zentimeter Rinde l\u00f6sten sich unter seinen Fingern ab, wurden vom Wind davon getragen. Erstaunlich, dieser Baum, kein anderer hier oben hatte es \u00fcberstanden. Ein ganzer Wald war hier einmal gewesen, so hatte er es auf den Bildern gesehen, und ausgerechnet dieser hatte \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Er drehte sich um, nachdem er noch einige Aufnahmen des Kraterrandes gemacht hatte. Es w\u00fcrde nat\u00fcrlich wieder ein Unfall gewesen sein, was auch sonst. Nicht alle Leute in der Heimat w\u00fcrden das glauben, auch das war nur nat\u00fcrlich, aber selten wagte jemand, dies offen zu sagen, und wenn es doch jemand tat, dann sicher nicht f\u00fcr lange. Aber das waren nicht seine Belange; er machte nur diese Aufnahmen und schrieb die Artikel, wie er angewiesen wurde. Nat\u00fcrlich waren es nie Unf\u00e4lle, obschon dies denkbar w\u00e4re, denn die Kraftwerke der meisten St\u00e4dte funktionierten wohl in \u00e4hnlicher Weise wie die Waffen, die man hier verwendete; wie sie genau funktionierten, wussten nur wenige Menschen, auch er war dar\u00fcber nie informiert worden. Er setzte die Kamera ab, legte den Trageriemen wieder um seinen Hals, blickte dem Abgrund entgegen.<br \/>\nWeit im Norden, irgendwo in der Zone Null, konnte man noch Rauch sehen, das Gestein dort w\u00fcrde \u00fcber Wochen gl\u00fchen. Seiner Beobachtung, die er selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr sich behielt, schien den Einschl\u00e4gen oft vulkanische Aktivit\u00e4t zu folgen, aber er war kein Experte auf diesem Gebiet. Man sagte ihm nicht viel, und das war gut so; je weniger er wusste, desto weniger konnte er zu einer Gefahr werden. Ihn scherte zwar nicht, was hier geschehen war, aber allzu wurden Mitglieder des Journalistenkorps oder der Armee auf einen blo\u00dfen Verdacht hin weggebracht.<br \/>\nNun, viele von ihnen mochten sicher Geheimnisverr\u00e4ter sein, aber er war keiner. Ihm war nat\u00fcrlich klar, was hier geschehen war, selbst wenn es ihm niemand offen sagte und er die schweren Schiffe \u00fcber der Oberfl\u00e4che nie gesehen hatte. Aber es ging ihn nicht an, und er kannte keinen der Menschen, die hier vor kurzer Zeit noch gelebt hatten. In anderen Zeiten hatte es \u00e4hnliche Ereignisse gegeben, als Massenmorde oder Vernichtungskriege hatte man sie bezeichnet; nun, da war nur eine gewisse \u00c4hnlichkeit, denn es gab einen fundamentalen Unterschied zwischen diesen historischen Fakten und dem, was hier geschehen war, so dachte er zumindest.<br \/>\nDenn eigentlich starb hier niemand, kein einziger Siedler. Es war viel einfacher, er hatte es gesehen;<br \/>\nDie Granaten schlugen lautlos auf, nachdem sie eine Hyperbel-Bahn vom Himmel herab beschrieben hatten, detonierten &#8211; meist &#8211; in den Stadtzentren, und dann war da nur ein helles Leuchten, das einen leicht f\u00fcr immer blenden konnte.<br \/>\nUnd wenn man den Blick wieder hob, war da nichts mehr. Geb\u00e4ude, Stra\u00dfen, Menschen, Beweise, alles wurde in nur einem Augenblick davongeweht wie Nebel vom Wind. Es blieben nur diese schwelenden Krater, die er von Zeit zu Zeit fotografierte, um danach von den Unf\u00e4llen zu berichten.<br \/>\nNein, eigentlich starb hier niemand, in einem Moment lebten diese Menschen ihr Leben, im n\u00e4chsten waren sie und alles, was an sie erinnerte, fort, verschlungen von wei\u00dfem Feuer.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich noch gut an die erste Kriegswelle, oder den ersten Befreiungsfeldzug, wie man es heute nennen musste. Damals hatte es noch echtes Sterben gegeben, jahrelang, er war damals noch neu beim Korps gewesen und war oft auf den stinkenden, verstrahlten Schlachtfeldern gewesen, wenn auch nur ganz hinten. Doch dann hatten sie begonnen, die neuen Granaten zu verwenden, und seitdem hatte das Sterben aufgeh\u00f6rt.<br \/>\nGenau wie noch in heutiger Zeit hatte man ihn damals immer h\u00e4ufiger in sein B\u00fcro in der Hauptstadt geschickt, um dort alleine die Artikel fertigzustellen. So war es schon lange; anfangs war das Kriegsgebiet noch so nah gewesen, dass er, h\u00e4tte er aus dem Fenster gesehen, Nachbarst\u00e4dte mit einem stummen Blitz h\u00e4tte vergehen sehen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend er an Berichten \u00fcber die neuen Golfanlagen auf Kuba schrieb. Doch das hatte sich mit den neuen Waffen schnell ge\u00e4ndert, und der Krieg war schlie\u00dflich auf unbedeutende Welten wie diese hier gekommen, ohne dass er genauen Grund daf\u00fcr gekannt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte ein leises Ger\u00e4usch hinter sich, dass er kaum registriert h\u00e4tte, wenn die beiden Soldaten der Eskorte vor ihm nicht fast zeitgleich einen ebenso disziplinierten wie dumpfen Befehl ausgestossen h\u00e4tten. Es blieb keine Zeit, die Situation einzusch\u00e4tzen, die Lage zu \u00fcberblicken und rational zu entscheiden, was zu tun war, w\u00e4hrend die beiden ihre Waffen hoben; doch die Konditionierung seiner Ausbildung funktionierte und griff ein wie ein unsichtbarer Marionettenspieler. In einer kaum wahrzunehmenden Geschwindigkeit drehte sich der Fotograf \u00fcber die linke Schulter weg, um hinter sich blicken zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend er sich flach fallen lie\u00df. Eine sch\u00fctzende Hand griff dabei scheinbar unbewusst nach der Kamera, seine Finger fanden den Ausl\u00f6ser blind.<\/p>\n<p>Dann lag er im Staub, alles war vorbei, alles, und einer seiner Bewacher half ihm mit dem emotionslosen Gesicht eines Frontsoldaten wieder auf.<\/p>\n<p>Was davor geschehen war, das hatte, so konnte er sich sp\u00e4ter immer wieder und wieder versichern, kaum mehr als eine halbe Sekunde gedauert, und so hatte sein Gehirn, das  mit dem Anwenden seiner Ausbildung besch\u00e4ftigt gewesen war, kaum mehr registriert als Schmemen und Sch\u00fcsse. Aber auch das war nicht wichtig; er konnte die Szene sp\u00e4ter auch ohne Erinnerung begreifen, war dazu gezwungen, verdammt.<br \/>\nEin Junge, kaum \u00e4lter als acht oder neun, vielleicht auch zehn, hatte sich unterhalb des verbrannten Baumes versteckt, in einer Spalte im Hang, oder vielleicht auch in einem Baumstumpf, er fand es nie heraus. Der Junge musste heraufgeklettert sein, als er sich bereits vom Abhang entfernt hatte, und so hatten er und die Eskorte ihn erst bemerkt, als er \u00fcber einen Stein gestolpert war, so war es zumindest zu vermuten.<\/p>\n<p>Er bot ein gr\u00e4\u00dfliches Bild; die rechte Seite seines K\u00f6rpers schien verbrannt oder viel mehr geschmolzen zu sein, denn man konnte noch Reste seiner hellen Kleidung erkennen, die scheinbar mit der verkohlten Haut verklebt war. Auch sein Kopf schien verzerrt, die Haare fehlten, und der Mund besa\u00df eine bla\u00dfrote und eine fast teerschwarze Seite, die seltsam herabhing und zusammen mit dem blinden rechten Auge den Eindruck eines furchterregend grinsenden Zwinkerns schuf.<br \/>\nDas Kind war einfach stehengeblieben, als man es bemerkt hatte, ganz naiv. Vielleicht hatte es Hilfe erwartet, vielleicht war der Junge auch schon g\u00e4nzlich von Sinnen gewesen, in jedem Fall war er einfach so stehengeblieben, etwas schwankend, und hatte die M\u00e4nner angeblickt, die ihm gegen\u00fcber standen.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcsse trafen ihn in die Brust, zweimal, ein dritter traf die ohnehin zerst\u00f6rte Schulter. Der Aufprall war so schwer, dass der Junge einige Meter nach hinten geworfen wurde, auf den Boden schlug und den tiefen Abhang hinabrutschte; sein Mund \u00f6ffnete sich dabei. Vielleicht hatte er geschrien, der Journalist wusste es nicht, w\u00fcrde es nie wissen, auch wenn er Tage damit verbringen w\u00fcrde, dar\u00fcber nachzudenken.<br \/>\nAll das hatte der Fotograf gesehen, in dieser halben Sekunde, aber nat\u00fcrlich konnte er sich an kaum etwas davon genau erinnern, es war zu schnell geschehen. Es war ein wenig wie ein Albtraum, den man vergessen hatte; nur der Grundriss blieb \u00fcbrig, wenn man ihn nicht nach dem Aufwachen aufschrieb, und so w\u00fcnschte er sich oft, es g\u00e4be nur diesen Grundriss in seinen Erinnerungen, aber so war es nun einmal nicht.<br \/>\nEr hatte diesen Albtraum aufgeschrieben und somit bewahrt, f\u00fcr alle Zeiten; wie er erst auf dem R\u00fcckweg in die Hauptstadt bemerke, hatte er im Sturz 89 Bilder gemacht, 89 Aufnahmen, die die gesamte Szene und all das Geschehene genau eingefangen hatten.<br \/>\nEr h\u00e4tte sie l\u00f6schen k\u00f6nnen, ohne sie anzusehen, denn ihm war nach einem kurzen Blick auf die Anzeige klar gewesen, wann er sie gemacht hatte. Dann er hatte sie doch durchgesehen, und danach dachte er nie wieder ernstlich daran, sie zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Einige N\u00e4chte nach seiner R\u00fcckkehr in die Hauptstadt verbrachte er nur damit, die 89 Bilder anzusehen, jedes Detail aufzusaugen, um mit dem Jungen abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Aber so sehr er es auch w\u00fcnschte, der Albtraum blieb in den Fotos eingefroren.<br \/>\nEinige weitere N\u00e4chte lang dachte er dar\u00fcber nach, sie zu ver\u00f6ffentlichen, um sich von diesem Gewicht, diesem Gesicht zu befreien. Doch auch diese N\u00e4chte lie\u00dfen ihn nicht handeln; die Konsequenzen waren ebenso klar wie erschreckend, man w\u00fcrde ihn h\u00e4ngen und die Bilder vernichten, und so siegte sein \u00dcberlebenswille.<br \/>\nDoch auch das milderte das Gewicht der Bilder nicht, und so versanken seine N\u00e4chte bald in Alkohol, bis er eines Morgens mit dem eigenen Revolver in der Hand erwachte. Er gab ihn weg und trank nie wieder.<br \/>\nSchlie\u00dflich verbrachte er seine N\u00e4chte wieder an seinem Schreibtisch und schrieb seine Berichte, wie man sie ihm auftrug. Er schlief nur noch wenig und wenn, dann nur am Tage. Die Bilder blieben in seinem Schreibtisch verschlossen, zweifach gesichert auf einem Speichermedium, daneben einige sorgsam verborgene Papierausdrucke, wie man sie heute nur noch selten sah. Er betrachtete sie jeden Tag; \u00fcber die Krater schrieb er nie wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein kleiner Baum hatte das Inferno \u00fcberstanden, stellte er lakonisch fest und betrachtete ihn durchdringend. Viel war nicht von ihm geblieben, von den meisten seiner \u00c4ste war nur noch Asche \u00fcbrig, und selbst an der dem Hang abgewandten Seite hatten seine Arme eine kohlefarbene Schicht bekommen. Er ging einige Schritte auf ihn zu, lie\u00df sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,3,12],"tags":[],"class_list":["post-83","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2","category-2-2","category-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=83"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/83\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=83"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=83"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=83"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}