{"id":86,"date":"2007-02-17T22:29:03","date_gmt":"2007-02-17T21:29:03","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=86"},"modified":"2008-09-05T02:39:26","modified_gmt":"2008-09-05T00:39:26","slug":"single-shot-der-alte-am-strand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/02\/17\/single-shot-der-alte-am-strand\/","title":{"rendered":"Der Alte am Strand"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"tt-flickr tt-flickr-Large\" href=\"http:\/\/badindicator.de\/blog\/album\/photo\/2822149744\/nienhagenrostock-strand.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 5px;\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3236\/2822149744_498764067f_o.jpg\" border=\"0\" alt=\"Nienhagen\/Rostock, Strand\" width=\"345\" height=\"458\" \/><\/a> Der alte Mann ging den Strand entlang, wie immer, was hatte er auch sonst noch zu tun.<br \/>\nDas war ein Klischee, er wusste das, aber es st\u00f6rte ihn nicht, im Gegenteil. Sogar Klischees waren in seiner Zeit etwas Wertvolles.<br \/>\nSeine Kleidung war kaum abgewetzt, wenn auch schlicht und von einem leichten Grauschleier bedeckt, bei diesem Licht; einen Beobachter aus fr\u00fcheren Tagen h\u00e4tte das wohl irritiert, doch die synthetischen Fasern der Wohlfahrt lie\u00dfen keinen Verschlei\u00df mehr zu, wurden weder schmutzig noch alt. Und so schien es, als ob es die zu weite Hose war, die den d\u00fcrren alten K\u00f6rper des Mannes trug und nicht umgekehrt; auch das wusste er, aber er scherte sich nicht darum, denn es schien ihm passend; in gewisser Weise stimmte das sicher auch.<br \/>\nWurde er m\u00fcde vom Laufen, dann setzte er sich auf einen Stein in der N\u00e4he des Wassers und ruhte eine Weile aus, w\u00e4hrend er auf das grau-blaue Meer starrte und einen Proteinriegel der Wohlfahrt zu sich nahm, ohne den penetrant-k\u00fcnstlichen Geschmack sichtbar zu registrieren. Mehr hatte er nicht zu tun; mehr gab es nicht. Mehr als dieser Strand war von der Welt nicht mehr \u00fcbrig geblieben.<br \/>\nManchmal dachte er wahrscheinlich auch diesen Gedanken, aber dann h\u00e4tte er wohl gelacht oder zumindest gel\u00e4chelt, denn auch das schien ihm klischeehaft.<br \/>\nAu\u00dferdem stimmte es nicht; &#8218;das&#8216; Meer, &#8218;der&#8216; Strand, diese Kategorien hatten nicht einmal in seiner Kindheit wirklich existiert.<br \/>\nWas er heute so bezeichnete, dass war ein kiesiger Sandstreifen voller toter Muschelskelette; ab und an musste er aufpassen, nicht in irgendeine Fl\u00fcssigkeit zu treten, die in einer ver\u00e4tzten Mulde vor sich hin trocknete, und wenn er einmal eine \u00fcbersah, begannen seine Schuhe schimpfend zu dampfen.<br \/>\nDas Meer war dagegen wieder besser geworden; offensichtlich hatten die Menschen einen Weg gefunden, es zu reinigen, aber dar\u00fcber wusste er nichts Genaues, nur dass das Grau im Wasser in den letzten beiden Jahren abgenommen hatte. Manchmal fand er jetzt sogar einen toten Fisch, wenn er so den Strand abging. Sie sahen alle gleich aus, hatten sogar alle die gleiche Maserung; er hatte ein Bild von einem gezeichnet, um sie vergleichen zu k\u00f6nnen. Wahrscheinlich stammten sie aus einem Labor, vermutete er.<br \/>\nDavon abgesehen war es sch\u00f6n an seinem Strand; so sch\u00f6n, dass ab und zu sogar Ausfl\u00fcgler kamen, wie man sie fr\u00fcher genannt hatte. Sie liefen dann auf dem Kies umher, einige Stunden zumindest, manche badeten sogar in hauchd\u00fcnnen Anz\u00fcgen. Der alte Mann hatte nichts gegen sie, manchmal sprach er einige Worte mit ihnen; er war oft wochenlang allein unterwegs und glaubte, das ein wenig Austausch nicht schaden konnte. Doch diese Begegnungen blieben ihm selten im Ged\u00e4chtnis. Einmal hatte er ein P\u00e4rchen getroffen, dass ihm von den gro\u00dfen Restaurationsprojekten im Norden erz\u00e4hlt hatte. Die K\u00fcste w\u00fcrde viel sch\u00f6ner werden, hatten sie gesagt, viel sch\u00f6ner sogar als sie fr\u00fcher war. Das w\u00fcrde sie nicht weniger k\u00fcnstlich wirken lassen, hatte er zufrieden gedacht, es aber nicht ausgesprochen; es war ihm im Prinzip gleich, und vielleicht w\u00fcrden die ganz Jungen einen neuen, verbesserten Strand auch ganz authentisch finden &#8211; falls er sie \u00fcberhaupt noch interessieren w\u00fcrde. Nie fragte ihn jemand, wo er herk\u00e4me, aber auch das war ihm ganz lieb. Er h\u00e4tte die Frage ohnehin nicht beantworten k\u00f6nnen; eine Heimatstadt gab es schon lange nicht mehr, eigentlich f\u00fcr niemanden, es gab nur noch die St\u00e4dte, durch die man einmal gereist war, und es h\u00e4tte ihn und die Touristen entschieden zu lange aufgehalten, dass zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nUnd doch, der Stadt seiner Geburt zollte er immer noch einen gewissen Respekt, wenn auch indirekt. Seine Musikauswahl beschr\u00e4nkte sich ausschlie\u00dflich auf schwere, alte, elektronische Tracks, schlecht synthetisiert von dem Wohlfahrtsplayer.<br \/>\nZum einen lieferte ihm dass einen beruhigenden Kontrast zu den Momenten, in denen die Sonne fast klar durch die gelben Wolken fiel und beinahe eine Idylle schuf. Aber auch erinnerte ihn diese Musik an seine Geburtsstadt oder besser, was er daf\u00fcr hielt; der Ort war im Laufe der Jahre mit anderen Orten zu der riesigen Textur aus Lagerhallen, Industriekomplexen und neon-gelb leuchtenden Roboterfabriken verschmolzen, die man heute nur noch selten Westeuropa nannte. Aber eigentlich dachte er auch nicht viel an diesen Ort, der sich auf so seltsame Art und Weise aufgel\u00f6st hatte. \u00dcberhaupt dachte er nicht viel; Einige Stunden des Tages schlief er, einige ging er, ein paar Minuten verschwendete er an die Proteinriegel. Den Rest der Zeit starrte er auf seine F\u00fc\u00dfe und die Wellen. Wenn es dunkel wurde, schlief er wieder, das warme Klima und die Wohlfahrtskleidung machten es ihm bequem.<br \/>\nDas einzig Unfunktionale seiner wenigen Habseligkeiten war ein Foto, dass er stets in der linken Hand hielt, zu einer gelangweilten, drucklosen Faust geballt. Aber er sah nur selten darauf, ihm gen\u00fcgte das Wissen, es bei sich zu tragen. Es war aus einem alten Material, dass man inzwischen vermutlich lange verboten hatte, denn es alterte und lie\u00df sich vermutlich kaum recyclen. Er war ein wirklich alter Mann, aber selbst er wusste nicht, wie man das Material nannte; ein Fremder hatte ihn einmal danach gefragt und vorgeschlagen, es zu einer modernen Holografie restaurieren zu lassen, denn das Bild war an den R\u00e4ndern schon ganz eingerissen und teils unkenntlich. Die Sonne hatte die Farben blass werden lassen, und von der abgebildeten Person war nur noch ein blau-grauer Umriss zu erkennen. Die kostenlose Holografie aber hatte er abgelehnt, nicht weil er nicht verstand, sondern weil ihm das alternde Bild gefiel.<br \/>\nDer Fremde hatte erwidert, dass man ja nicht einmal mehr die Augenfarbe seiner Frau erkennen k\u00f6nne. <em>Blau <\/em>hatte der alte Mann geantwortet, ohne zu z\u00f6gern, dann hatte er hinzugesetzt, sie sei nicht seine Frau. Dann war er einfach gegangen.<br \/>\nUnd es stimmte wohl, er erinnerte sich genau, auch wenn das Foto nach dieser langen Zeit nur noch zwei blasse graue Pupillen zeigte, sie waren blau gewesen, blau. Nicht das Blau des Himmels seiner Kindheit, dass ihm immer scharf und klar erschienen war. Auch nicht das Blau des gro\u00dfen Ozeans, weder die tiefe, schwere Farbe der alten Aufnahmen noch der warnende Graustich der Gegenwart. Es war das helle, ganz und gar vorsichtig strahlende Blau-Gr\u00fcn einer fernen Bucht, bevor Menschen sie betreten hatten. Ein Blau, in dem kleine Wellen auf- und abrollten, miteinander spielten, einander im Spa\u00df jagten, umeinander tanzten. Kein Blau, dass man leicht fand, weder hier noch irgendwo.<br \/>\nSelbst das Foto hatte sie irgendwann vergessen, diese Farbe, und so blieb nur noch der Alte, der von ihr wusste, wenn auch nicht viel mehr.<br \/>\nEinmal, nur ein einziges Mal hatte einer der seltenen Besucher gefragt, wen das Foto urspr\u00fcnglich gezeigt hatte. Da war so etwas wie Verlegenheit \u00fcber sein faltiges, freundliches Gesicht gehuscht, eine seltene Emotion.<br \/>\nAuch das hatte ihm die Zeit genommen, er erinnerte sich nicht mehr; vielleicht war er ihr nur fl\u00fcchtig begegnet, vor Jahrzehnten, vielleicht hatte er sie auch gut gekannt, eine lange Zeit mit ihr verbracht, er wusste es nicht genau.<br \/>\nDas h\u00e4tte er erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, aber auch das h\u00e4tte ihn wohl zu lange aufgehalten, und so hatte er es nicht erw\u00e4hnt, nur einige Sekunden gez\u00f6gert, die Antwort \u00fcberdacht.<br \/>\n<em> Ein anderes Leben<\/em>, hatte er dann gesagt, <em>eine andere Welt,<\/em> dann war der unsichere Ausdruck in seinem Gesicht wieder gewichen. Die Frau hatte ihm noch einen der ekelhaften Riegel geschenkt, er hatte sich h\u00f6flich bedankt und war weitergegangen. Seine Augen hatten sich wieder starr an die Wellen geheftet. Und die ferne Verwandtschaft zu der Farbe in seinen Erinnerungen gesucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte Mann ging den Strand entlang, wie immer, was hatte er auch sonst noch zu tun. Das war ein Klischee, er wusste das, aber es st\u00f6rte ihn nicht, im Gegenteil. Sogar Klischees waren in seiner Zeit etwas Wertvolles. 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