{"id":9,"date":"2005-01-17T00:59:35","date_gmt":"2005-01-16T23:59:35","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=9"},"modified":"2006-12-11T03:12:05","modified_gmt":"2006-12-11T02:12:05","slug":"preludelullaby-iv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2005\/01\/17\/preludelullaby-iv\/","title":{"rendered":"Prelude\/Lullaby IV"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Erschrecken eines Unschuldigen wachte er auf.<br \/>\nAber sie lag noch neben ihm. Er konnte ihren warmen K\u00f6rper neben sich sp\u00fcren. Ihren Atem h\u00f6ren, leise, wie Bl\u00e4tterrauschen in einer Sommernacht. Beruhigt schmiegte er sich an sie, legte einen Arm um sie.<br \/>\nUnd schrak wieder hoch, so schnell, dass sein Geist noch f\u00fcr einige Momente in dem Traum verweilte.<br \/>\nEr rief sich zur Ordnung, stand schnell auf von der Couch, als ob sie nun gef\u00e4hrlich f\u00fcr ihn w\u00e4re.<br \/>\nTr\u00e4ume. Schon lange hatte er sich nichts mehr aus ihnen gemacht, nicht auf sie geachtet. Sie kamen und gingen, wie Besucher aus einer anderen, fremden Welt.<br \/>\nEiner Spiegelwelt, dachte er, vollkommen anders, aber doch \u00e4hnlich, auf eine subtile Weise.<br \/>\nManchmal zeigten sie ihm Bilder von einem anderen Leben, das nicht seins war, aber auch niemandem sonst geh\u00f6rte.<br \/>\nUnd manchmal war auch die Angst dort, in den Tr\u00e4umen, demonstrierte ihre Macht in schmerzvollen Bildern, dem Tod seiner Mutter, dem Portr\u00e4t seiner ersten gro\u00dfen Liebe und immer wieder endlosen, menschenleeren Steppen, in denen er alleine war.<br \/>\nAllein. Vielleicht fand seine Einsamkeit noch ein Ende, dachte er und atmete tief ein, immer noch ungewohnt frei. Das Gewicht, das sonst auf seiner Brust lastete, war nicht da. Immer noch nicht wieder da.<br \/>\nEr blickte auf eine Uhr, die auf dem Fernseher stand. Es war noch Zeit. Misstrauisch nahm er wieder Platz auf der Couch, ber\u00fchrte sanft die Lehne. Als wolle er ihr f\u00fcr den Traum danken. Er l\u00e4chelte. Ein ganz und gar irrationaler, aber sch\u00f6ner Gedanke.<br \/>\nSeine Augen schlossen sich wieder, versuchten wieder zu den Bildern zu finden, die eben so real gewesen waren.<br \/>\nEigentlich wusste er nicht, ob er so viel Hoffnung haben durfte, warnte ihn etwas, aber er ignorierte es.<br \/>\nSuchte weiter nach den Bildern, nur um sich die Zeit zu vertreiben, erkl\u00e4rte er sich selbst.<br \/>\nEin Haus, wei\u00df, rote Dachziegeln, die in der Sonne zu gl\u00fchen schienen, irgendwo auf dem Land. Ein gro\u00dfer Hund auf der Veranda, er erinnerte sich, ein Labrador. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich, er trat ein, wusste, wo er hingehen wollte, die Treppe hinauf, an den gro\u00dfen Fenstern im Flur vorbei, gro\u00dfen, bunten Rahmen mit klaren Scheiben, dahinter weite, gr\u00fcne Felder, die das Licht zur\u00fcckwarfen wie blankpolierte Spiegel.<br \/>\nEr trat auf eine T\u00fcr zu, sie wich seinem Geist, und dort stand das Bett. Und dort war auch sie, wie er sie verlassen hat, wieder das leise Wispern von Bl\u00e4ttern, wenn sie atmete.<br \/>\nEr \u00f6ffnete die Augen. War das eine m\u00f6gliche Zukunft? Die Warnung nahm wieder Gestalt an, diesmal ernster. Er durfte sich nicht sinnlosen Hoffnungen hingeben, nicht die Kontrolle verlieren. Doch diese Worte begannen, hohl und blechern in seinem Kopf zu klingen.<br \/>\nEin weiterer Blick auf die Uhr. Bald m\u00fcsste er sich umziehen, sich &#8222;fertigmachen&#8220;, er fand den Ausdruck furchtbar, hatte ihn irgendwo aufgeschnappt. Der schwarze Anzug lag schon seit Stunden neben ihm, sauber gefaltet auf einem Stuhl.<br \/>\nWann hatte er ihn zuletzt getragen? Es war bei einer Beerdigung gewesen, entsann er sich. Aber bei welcher?<br \/>\nFr\u00fcher hatte er diesen Anzug oft getragen.<br \/>\nEr lehnte sich wieder zur\u00fcck, versuchte besorgt zu wirken, zumindest auf sich selbst.<br \/>\nDie Situation war verwirrend. Es fiel ihm schwer, Begeisterung und Optimismus im Zaun zu halten.<br \/>\nEr fragte sich, ob das nur an ihr lag.<br \/>\nVielleicht war es Vertrauen.<br \/>\nUnschl\u00fcssig drehte er sich zur Seite, hatte die Uhr jetzt immer im Blick.<br \/>\nVielleicht vertraute er ihr oder auch sich selbst pl\u00f6tzlich.<br \/>\nVertrauen. Er l\u00e4chelte. Dieses Wort hatte er schon lange nicht mehr benutzt.<br \/>\nOder vielleicht&#8230; vielleicht war das auch seine letzte Chance. Er dachte an heute Morgen, an die Ampel, an seine Gedanken, w\u00e4hrend er die Stra\u00dfe \u00fcberquert hatte, an die schwarze Kiste unter seinem Bett. Und begriff.<br \/>\nJa, das stimmte. Das war seine vielleicht letzte Chance, die D\u00e4monen zu besiegen, die ihn auffra\u00dfen. D\u00e4monen. Was f\u00fcr ein geistloser Ausdruck. Aber das war ihm egal, stellte er verbl\u00fcfft fest.<br \/>\nNoch einmal schloss er die Augen, suchte ihr Gesicht, das immer jeden Zweifel weggewaschen hatte. Ihre Lippen, die ihn beruhigt hatten, ohne ein Wort zu sprechen.<br \/>\nEr h\u00f6rte ein Ger\u00e4usch und setzte sich auf.<br \/>\nEin Mobiltelefon. Sein Mobiltelefon.<br \/>\nDie Zweifel kehrten genau so schnell zur\u00fcck, wie sie gegangen waren.<br \/>\nSeine Hand zitterte, als er das Telefon hielt.<br \/>\nEine Kurznachricht.<br \/>\nSie w\u00fcrde sich versp\u00e4ten. Sie w\u00fcsste noch nicht genau, wann sie kommen w\u00fcrden.<br \/>\nNein, korrigierte er, sie w\u00fcrde gar nicht kommen.<br \/>\nEr hatte es doch geahnt, oder ahnen m\u00fcssen. Die Spielregeln, die Regeln, die ihn sch\u00fctzten, er hatte sie verletzt. Er erinnerte sich an die letzten 30 Minuten, wie peinlich. Wie hatte er sich dazu hinrei\u00dfen lassen. Wieder sah er ihr Gesicht vor sich, diesmal kalt, geh\u00e4ssig, lachend. Wie hatte er nur&#8230;<br \/>\nSein K\u00f6rper zitterte. Die Uhr zeigte mit gro\u00dfen, grinsend-goldenen Zeigern schon fast auf die verabredete Uhrzeit.<br \/>\nVerabredet, spottete er \u00fcber sich selbst.<br \/>\nDie Verzweiflung verwischte jeden Zweifel.<br \/>\nNein, es hatte nie eine Verabredung gegeben. Anders war es nicht denkbar. Aber er musste sich sicher sein, absolut sicher, also las er die Nachricht noch einmal, noch einmal, noch einmal. Erkannte nicht den Sprachstil des gelben Zettels, des l\u00e4chelnden Gesichts im B\u00fcro. Nur die Sprache des immer noch geh\u00e4ssig lachenden Portr\u00e4ts in der D\u00fcsternis seines eigenen Sch\u00e4dels. Ja, er h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen. Menschen waren Verrat. Das Leben war Verrat.<br \/>\nEr lie\u00df das Handy achtlos fallen.<br \/>\nDas war seine Schuld, nur seine. Die Regeln, er hatte sich nicht an die Regeln gehalten. Die Angst, die mit der Verzweiflung zur\u00fcckgekehrt war, legte eine kalte Hand auf seine Schulter.<br \/>\nSie hatte ihn besch\u00fctzt, dachte er, immer besch\u00fctzt, hatte ihm Regeln gegeben.<br \/>\nSie hatte ihn die Tage \u00fcberstehen und die N\u00e4chte zumindest \u00fcberleben lassen, nur sie.<br \/>\nNicht dieses kalte, geh\u00e4ssige M\u00e4dchen, die Angst hatte ihn bis hierher gebracht, niemand anders.<br \/>\nDie Hoffnungslosigkeit schwemmte auch diesen Gedanken weg.<br \/>\nEin paar Tr\u00e4nen rannen sein Gesicht hinab, nicht viele, wie bei jemandem, der \u00fcber Tr\u00e4nen weit hinaus war.<br \/>\nNur einige kleine, runde Tropfen.<br \/>\nWie die letzten Ratten, die das Schiff verlie\u00dfen, dachte der Zyniker in ihm.<br \/>\nEr h\u00e4tte sich keine Hoffnungen machen d\u00fcrfen, jetzt fiel er umso tiefer, er h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen.<br \/>\nWarum sollte ihn auch jemand m\u00f6gen? Ausgerechnet ihn, der Nichts war, nicht mal etwas Gew\u00f6hnliches?<br \/>\nStill legte er sich wieder auf die Couch, glitt hinab in Dunkelheit, lie\u00df Agonie und Angst wie Geier \u00fcber und in ihm kreisen.<br \/>\nJetzt konnte er nicht mehr zur\u00fcck, wohin auch.<br \/>\nEin Bild baute sich hinter seinen geschlossenen Augen auf, er kannte es, wollte es nicht sehen.<br \/>\nZur\u00fcck ins B\u00fcro? Dort war sie, nein, schon den Gedanken ertrug er nicht.<br \/>\nDas vertraute Haus, jetzt verdorben, verfallen, die Ziegeln gespalten, die Felder von der Sonne verbrannt und vom Wind davon getragen. Auf der Veranda der verwesende K\u00f6rper eines Hunds, der aus toten Augen starrte.<br \/>\nNein, er hatte Recht gehabt, dass war seine letzte Chance gewesen, er hatte zu viel gewagt, es gab kein zur\u00fcck. Vertrauen. Seine Lippen formten das Wort. Es klang sp\u00f6ttisch, klang schon immer sp\u00f6ttisch.<br \/>\nDas Bild begann zu verschwimmen, wurde unscharf unter der gl\u00fchenden Sonne, die herab brannte. Es zeigte keine Einzelheiten mehr, wie ein entferntes Echo.<br \/>\nNein, falsch. Seine Augen fanden ein Detail. Etwas, das auf der Veranda lag, als w\u00e4re es schon immer dort gewesen.<br \/>\nEine kleine schwarze Kiste aus Holz, solchem Holz, aus dem man T\u00fcren herstellte.<\/p>\n<p>Und er wurde sehr ruhig.<br \/>\nSeine Augen \u00f6ffneten sich. Eine merkw\u00fcrdige Klarheit breitete sich aus, Angst und Verzweiflung wichen ihr, st\u00fctzten sogar seine Beine, kannten seinen Weg. Zielstrebig bewegte er sich.<br \/>\nEs war das Beste so. Er zog die Kiste hervor. Sie schabte mit einem Seufzen \u00fcber den Boden, lie\u00df sich auf das Bett heben.<br \/>\nNie wieder w\u00fcrde er verzweifelt sein.<br \/>\nUnd die anderen, nun, sie m\u00fcssten nie wieder verleugnen, was sie dachten. \u00dcber ihn dachten.<br \/>\nSeine H\u00e4nde bewegten sich schnell in der Kiste, von etwas gef\u00fchrt, was nur er sehen konnte. Das wusste er, aber es spielte jetzt keine Rolle mehr.<br \/>\nEr schob Munition beiseite, fand die drei Briefe, vor Wochen geschrieben, fein s\u00e4uberlich adressiert, in gro\u00dfen, roten Buchstaben.<br \/>\nAufmerksam legte er sie gestapelt auf den Tisch, genau an die Tischkante.<br \/>\nDann nahm er den anderen Gegenstand aus der Kiste, legte ihn auf den Tisch. Strich einen Moment \u00fcber das warme Holz der Kiste. Schloss sie dann bed\u00e4chtig.<br \/>\nDas Gewicht war gr\u00f6\u00dfer, als er es in Erinnerung hatte. Er hob den Lauf.<br \/>\nDann z\u00f6gerte er.<br \/>\nDankbarkeit hatte sich in den absurden Frieden gemischt, den er empfand.<br \/>\nDie letzte Chance. Dankbarkeit, irrationale Dankbarkeit f\u00fcr Hoffnung, die sie kurze Zeit gebracht hatte.<br \/>\nEs war unh\u00f6flich, das einfach zu vergessen, es war unh\u00f6flich, sie einfach zu vergessen.<br \/>\nDer Lauf senkte sich wieder.<br \/>\nEr fand das Telefon neben der Couch, wo er es hatte fallenlassen. Einen kurzen Augenblick wusste er nicht, was er schreiben sollte, dann huschten seine Finger einige Sekunden \u00fcber die Tasten. Das Telefon fiel wieder neben die Couch.<br \/>\nEr l\u00e4chelte zufrieden.<\/p>\n<p>Und mit einem lauten Knall, der einem Schuss \u00e4hnelte, schloss sich die T\u00fcr aus schwarzem, schwerem Holz hinter ihm.<\/p>\n<p>An einem anderen Ort steht eine junge Frau im Regen. Blonde, kurze Haare, vom Regen aufgeweicht. Winzige Sturzb\u00e4che, in denen der Regen entlang kleiner, abstehender Str\u00e4hnen nach unten f\u00e4llt.<br \/>\nSie mag Regen, eigentlich. Aber jetzt ist sie abgelenkt. Sie hat den Kopf tief gesenkt, wie zum Gebet. Aber sie betet nicht. Sie liest.<\/p>\n<p>Warte nicht auf mich.<br \/>\nK\u00fchles, verbleichendes Blau, dass sich in ihrem Gesicht widerspiegelt. Schwarze, grobe Buchstaben, die sich wie kleine Klingen in das Display eingraben.<br \/>\nWarte nicht auf mich.<\/p>\n<p>Eine winzige Tr\u00e4ne der Vorahnung huscht durch ihr regennasses Gesicht, unsichtbar.<br \/>\nSie starrt das Display an, immer l\u00e4nger. Sie sieht auch nicht auf, als der versp\u00e4tete Bus kommt, auf den sie so lange gewartet hat. Auch nicht, als der n\u00e4chste Bus kommt.<br \/>\nSie steht einfach da und starrt auf das Display. Und denkt an die Kiste unter ihrem Bett. Schwarzes, schweres Holz. Wie das, aus dem man T\u00fcren macht.<\/p>\n<p>&#8222;Man kann nicht f\u00fcr sich allein leben. Das ist der Tod.&#8220; &#8211; <em><a title=\"Leo Tolstoj\" href=\"http:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Leo_Tolstoj\">Leo Tolstoj<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Erschrecken eines Unschuldigen wachte er auf. Aber sie lag noch neben ihm. Er konnte ihren warmen K\u00f6rper neben sich sp\u00fcren. Ihren Atem h\u00f6ren, leise, wie Bl\u00e4tterrauschen in einer Sommernacht. Beruhigt schmiegte er sich an sie, legte einen Arm um sie. Und schrak wieder hoch, so schnell, dass sein Geist noch f\u00fcr einige Momente [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,4],"tags":[],"class_list":["post-9","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2-2-2-2-2","category-2-2-2"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}