{"id":91,"date":"2007-04-28T13:37:48","date_gmt":"2007-04-28T12:37:48","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=91"},"modified":"2007-04-28T13:37:48","modified_gmt":"2007-04-28T12:37:48","slug":"single-shot-gesichter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/04\/28\/single-shot-gesichter\/","title":{"rendered":"Gesichter"},"content":{"rendered":"<p>Manche Gesichter folgen uns durch unz\u00e4hlige N\u00e4chte, dem kalten Puls eines naiven Jagdalgorithmus folgend, der keine Verhandlungen kennt, kein Aufgeben oder Aufschieben, keinen Schlaf und keine Ermattung, der nur seiner Beute nachsp\u00fcrt wie ein Automat, gleich einer Schleife ohne Abbruchbedingung.<br \/>\nMeist ist es ein Unbekannter, dessen Konturen eine oberfl\u00e4chliche \u00c4hlichkeit besitzen &#8211; wie blicken hin, und f\u00fcr einen Augenblick ist da ein fl\u00fcchtiges Erkennen, eines dieser Gesichter blitzt kurz hervor, ganz so wie eine Intuition pl\u00f6tzlich aus einem ganz gew\u00f6hnlichen Sinneseindruck herausspringt und ihm eine zus\u00e4tzliche Tiefe, eine neue Dimension gibt, die er vorher nicht besa\u00df. Manche lachen, andere blicken uns vielleicht nur still an, was auch immer ihr Ausdruck ist, es bleibt immer der gleiche, er bleibt festgelegt.<br \/>\nWir k\u00f6nnen uns verstecken &#8211; nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir uns verstecken, aber auch das hilft uns nicht, das Gef\u00fchl, nur Beute zu sein, bleibt. Manche verstecken sich hinter ihrer Arbeit, andere fl\u00fcchten sich in ihre Vergn\u00fcgungen, wie sie das nennen, aber all das f\u00fchrt zu nichts, die Jagd bleibt die Jagd, und ob in einer tanzenden, schwitzenden Masse, in Passanten auf unseren Spazierg\u00e4ngen oder gar unserem eigenen Spiegelbild &#8211; fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erblicken wir darin den Gegner, die Erinnerung an etwas Fremdgewordenes oder etwas, dass wir nie besa\u00dfen, und dann haben sie uns gefunden, diese Gesichter.<br \/>\nWir erz\u00e4hlen anderen nur selten davon, es bleibt eine intime, eine pers\u00f6nliche Frage, wen diese Gesichter zeigen, die kaum jemand stellt und niemand beantworten mag. Aber nat\u00fcrlich gibt es auch hier Klischees. F\u00fcr die Jungen wird es oftmals eine verschollene Jugendliebe sein, oder ein verungl\u00fcckter Freund. Die Alten dagegen werden vielleicht l\u00e4ngst betrauerte Geliebte sehen, oder nur sich selbst, j\u00fcnger. Doch sie m\u00fcssen nicht tot oder vergangen sein, manche sind uns auch ganz real noch vertraut, und dass sind die Schlimmsten, weil sie keine Illusion lassen, keine Klitterung unserer &#8211; und ihrer &#8211; Geschichte, weil sie immer noch mehr sind als nur der blinde Automatismus der Erinnerung.<br \/>\nAuch wenn wir nicht wissen, welcher Gesichter ein Anderer sieht, so merken wir es selbst dem Fremden manchmal an, wenn er die Seinen sieht; es sind diese Momente, in denen der Blick pl\u00f6tzlich fern wird und dann bricht, in denen man die Augen ohne Grund abwendet und verstummt. Die, in denen man pl\u00f6tzlich die Hand eines Anderen ergreift und leise seufzt, ohne es erkl\u00e4ren zu wollen.<br \/>\nIrritationen der Sinne scheinen sie anzuziehen, und so ist es seltsam, dass wir diese von Zeit zu Zeit gar suchen, doch vielleicht ist das ganz nat\u00fcrlich; sie definieren uns schlie\u00dflich auch, machen uns zu Menschen, ganz so, wie unsere Fehler uns ebenso ein wenig definieren. Und vielleicht genie\u00dfen wir manchmal sogar diesen leisen Schmerz des Nicht-Abzusch\u00fcttelnden, denn immerhin sind wir durch sie auf eine tragische Weise auch unter Unbekannten niemals einsam.<br \/>\nVollkommen egal, wohin wir auch gehen, unsere Gesichter folgen uns auch dorthin; die Reflexion der Sonne in einer Autot\u00fcr holt sie zu uns, bei einem Sommerspaziergang. Oder das blinzelnde Stroboskopleuchten in einem dunklen Saal voller Menschen, oder der lange Blick in den Spiegel. Wir sehen unserem Verfolger in die Augen, f\u00fcr einen Sekundenbruchteil, erstarren. Und h\u00f6ren in unseren K\u00f6pfen die alte Botschaft, vielleicht h\u00f6rt jeder eine andere.<br \/>\nIhr Sinn aber bleibt immer gleich oder zumindest \u00e4hnlich. Es ist das korrumpierte Lispeln der Unschuld, dass da <em>Hab dich<\/em> fl\u00fcstert und <em>Auf Wiedersehen<\/em> kichert, nicht ohne die Bedeutung des letzten Wortes deutlich zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Gesichter folgen uns durch unz\u00e4hlige N\u00e4chte, dem kalten Puls eines naiven Jagdalgorithmus folgend, der keine Verhandlungen kennt, kein Aufgeben oder Aufschieben, keinen Schlaf und keine Ermattung, der nur seiner Beute nachsp\u00fcrt wie ein Automat, gleich einer Schleife ohne Abbruchbedingung. 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