{"id":92,"date":"2007-05-12T17:04:29","date_gmt":"2007-05-12T16:04:29","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=92"},"modified":"2007-05-12T17:44:01","modified_gmt":"2007-05-12T16:44:01","slug":"single-shot-vernichtung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/05\/12\/single-shot-vernichtung\/","title":{"rendered":"Vernichtung"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst schwelt es nur leise, manchmal f\u00fcr eine sehr lange Zeit, aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter treten die Flammen hell an die Oberfl\u00e4che. Die Rinde wird schwarz vom Russ, man sieht, wie sie sich langsam verzieht und windet, mit durchdringendem Knirschen verformt. Wer das Schauspiel n\u00e4her verfolgt, dem f\u00e4llt der Gestank auf, der davon zusammen mit dem grauen Rauch aufsteigt, ein Geruch wie von Schwefel oder Industriereinigern, er ist zu schwer, als dass man das genau benennen k\u00f6nnte &#8211; oder gar wollte. Die Augen beginnen zu tr\u00e4nen, wenn man es genau beobachtet, und so entgehen einem hoffentlich die Details, die kleinen, verkohlten Splitter, die sich aus dem Material l\u00f6sen etwa, die da leise flehend vom Feuer aufgesorgen werden, oder das geh\u00e4ssige Aufflackern, wenn sich zwei der winzigen Brandherde vereinigen.<br \/>\nUnd dann, wenn man es schon beinahe nicht mehr ertr\u00e4gt, weil man die verkraterte Kruste und den Gestank, die Flammen und das leise Z\u00fcngeln nicht mehr sehen kann, dann erst bricht die H\u00fclle mit einem qu\u00e4lend theatralischen Krachen und l\u00e4sst das Innerste wei\u00df hervortreten; F\u00fcr einen Augenblick erweckt das den Anschein einer H\u00e4utung, das \u00c4u\u00dfere rei\u00dft einfach auf, und darunter sieht man nur makelloses Wei\u00df, wie das von edlem Holz. Die kl\u00e4glichen, verdorbenen Reste der Rinde glimmen noch eine kurze Zeit, dann verschwinden sie einfach, restlos verbrannt. Der Geruch in der Luft wird d\u00fcnner, bis er kaum noch wahrzunehmen ist, der Rauch verfl\u00fcchtigt sich und dann herrscht eine fast friedliche Stille.<br \/>\nMan ist erleichtert \u00fcber dieses zerst\u00f6rerische Ende, fast erfreut, denn was man zuerst f\u00fcr das ans Licht gezerrte Innere hielt, ist wieder eine Haut, eine H\u00fclle, eine makellose diesmal. Vielleicht reicht einem dies schon aus, um mit dem seltsamen Spiel abzuschlie\u00dfen, und man wendet sich ab; eine Wandlung, wenn auch eine vernichtende, mag man denken und sich anderen Dingen zuwenden. Doch manchem wird das nicht gen\u00fcgen, mancher wird stattdessen mit der Hand \u00fcber das Wei\u00df der Oberfl\u00e4che fahren wollen &#8211; und die Hitze bemerken.<br \/>\nNein, das war noch nicht das Ende, im Inneren gl\u00fcht auch schon diese H\u00fclle, diese H\u00fclse, und wer bislang nicht bereut hat, diese Szenerie n\u00e4her zu untersuchen, der wird es jetzt tun, denn jetzt muss man auch den n\u00e4chsten Schritt der Zerst\u00f6rung erdulden. Der Blick bleibt gefangen, wenn auch diese in Flammen aufgeht, mit leisem Knistern zu Nichts wird. Was dann darunter zum Vorschein kommt, dass ist &#8211; man hat es bef\u00fcrchtet &#8211; wieder eine Haut, wieder eine wei\u00dfe, makellose Rinde, aber wieder ist sie hei\u00df und fiebrig, kaum dass sie an die Oberfl\u00e4che getreten ist. Trotz der scheinbaren Wiederholung kann man sich nicht daran gew\u00f6hnen, der Rauch ist jedes Mal aufs Neue bei\u00dfend, das Knistern zerrt jedes Mal aufs Neue an den Ohren, jedes Zerrei\u00dfen bleibt theatralisch, bleibt Apokalypse und Wiedergeburt. Die Tr\u00e4nen treten dem Betrachter auch in den unregelm\u00e4\u00dfigen, ruhigen Phasen in die Augen, und wer noch kann, der l\u00e4uft davon, l\u00e4sst das hinter sich und flieht. In das Mitleid derer, die schon ganz gefangen sind, mischt sich ein verbotener, ein stechender Gedanke, der Wunsch nach dem Ende, der Wunsch, dass unter dieser Rinde nun das Innerste hevortreten m\u00f6ge, damit dieses gequ\u00e4lte Etwas endlich sterben, vergehen darf &#8211; und damit der Zuschauer endlich abschlie\u00dfen kann mit diesem Schauspiel, seinerseits nicht mehr gequ\u00e4lt zusehen muss, wie Haut um Haut vergl\u00fcht. Man mag diesen Gedanken verdr\u00e4ngen, mag sich schuldig f\u00fchlen, ihn gedacht zu haben, aber ist er einmal da, so ist er nicht mehr abzusch\u00fctteln. Jahrzehnte m\u00fcsste man zusehen, um zu erkennen, wie mildt\u00e4tig dieser Wunsch tats\u00e4chlich ist; denn erst dann w\u00e4re auch die letzte H\u00fclse heruntergebrannt. Erst dann w\u00fcrde man betrachten k\u00f6nnen, was im Innersten dieser Kreatur ist: Nichts, nur Asche. Man w\u00fcrde einsehen, dass dieses Innere das Erste war, das verbrannt ist, noch bevor sich die Hautschichten darum auch nur erw\u00e4rmt hatten. Und k\u00f6nnte erkennen, dass der schuldige Gedanke nicht mehr als der Wunsch nach Gnade war, der Gnade der Vernichtung.<\/p>\n<p>&#8222;Die H\u00f6lle ist kein Ort, sie ist ein Gedanke &#8211; und deshalb nie weiter als ein Wort entfernt.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst schwelt es nur leise, manchmal f\u00fcr eine sehr lange Zeit, aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter treten die Flammen hell an die Oberfl\u00e4che. Die Rinde wird schwarz vom Russ, man sieht, wie sie sich langsam verzieht und windet, mit durchdringendem Knirschen verformt. 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