{"id":94,"date":"2008-10-22T03:37:11","date_gmt":"2008-10-22T01:37:11","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=94"},"modified":"2008-10-24T03:12:44","modified_gmt":"2008-10-24T01:12:44","slug":"alles-wort-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2008\/10\/22\/alles-wort-welt\/","title":{"rendered":"Alles, Wort, Welt"},"content":{"rendered":"<p>Von der alten Stadt Ur hei\u00dft es, sie h\u00e4tte die erste Bibliothek der Menschen beheimatet. Der \u00dcberlieferung nach enthielt sie das gesamte Wissen der damaligen Welt. Nat\u00fcrlich ist Wissen ein relativer Begriff, und nicht alles, was man damals als Wissen bezeichnete, w\u00fcrde auch heute noch als solches angesehen werden, schlie\u00dflich waren die Menschen damals mehr von Mystik und dem Magischen gefesselt als heute.<br \/>\nUnd so gab es in dieser Bibliothek, so die Legende, auch ein Buch, dessen Inhalt von niemandem, selbst nicht von den Herrschern von Ur, gelesen werden durfte; Sein Titel soll in moderner Umschrift Ank&#8217;Pash\u00e2 gelautet haben, aber auch das ist nicht sicher. Mancher, der sp\u00e4ter lebte, spricht auch nur von dem &#8217;namenlosen Buch&#8216;. Der Begriff Ank&#8217;Pash\u00e2 ist schwer in eine moderne Sprache zu \u00fcbersetzen, und auch das mag ein Grund daf\u00fcr sein, dass sp\u00e4tere Chronisten diesen Titel ignorierten. Der erste Teil, Ank, meint nach heutiger Lesart wohl Schrift oder Buch, \u00fcberhaupt jede Art von schriftlicher Aufzeichnung; aufgrund der Kostbarkeit der Materialien machte es zu damaligen Zeiten auch keinen Sinn, dies weiter zu differenzieren. Der zweite Teil, Pash\u00e2, ist schwerer zu \u00fcbersetzen. Im Groben bedeutet er wohl Welt, Alles oder auch Wort; all das bedeutet dieser eine Begriff. Die Menschen, die in dieser alten Sprache schrieben, setzten f\u00fcr gew\u00f6hnlich spezielle Glyphen, um die gerade gemeinte Bedeutung auszuzeichnen, doch bei dem Eigennamen des Buches taten sie es nicht. Das mag zun\u00e4chst verwirrend erscheinen, da der Titel so wohl kaum irgendeinen Inhalt klar anzudeuten scheint. Und doch ist er in der Tat weise gew\u00e4hlt.<br \/>\nDer Legende nach war das Buch Ank&#8217;Pash\u00e2 nicht mit vorzeitlicher Tinte geschrieben worden, auch nicht mit einer anderen Fl\u00fcssigkeit wie Blut oder aufgel\u00f6stem Russ. Auch bestanden seine Seiten weder aus Tierh\u00e4uten noch aus Papyrus, \u00fcberhaupt aus nichts Weltlichem.<br \/>\nDie \u00dcbersetzung bereitet auch hier wieder Schwierigkeiten, aber dem Mythos folgend k\u00f6nnte man modern sagen, dass die Lettern des Buches mit reinem Sinn auf Seiten aus Geist oder Seele geschrieben worden sein; wer es verfasst haben soll, ist unklar. Manche Autoren behaupten, ein Gott habe es geschrieben und daf\u00fcr ein St\u00fcck seiner Haut und einen Tropfen seines Blutes verwendet. Andere sagen, der erste, der reine Mensch habe es niedergeschrieben als Geschenk an seine niederen Kinder. In jedem Fall sprach man dem Buch daher magische F\u00e4higkeiten zu; was man darin las, das sollte augenblicklich Wirklichkeit werden.<br \/>\nDoch es standen keine profanen Zauberspr\u00fcche darin, im Gegenteil. Die Menschen von damals hatten, so jung die Zivilisation auch gewesen sein mochte, mehr Erfahrung mit Gauklern und Schwindlern als viele nach ihnen und hielten solcherlei Spuk f\u00fcr ebenso nebens\u00e4chlich wie wir; Feuerbeschw\u00f6rungen, D\u00e4monenvertreibungen, das Wiedererwecken der Toten &#8211; all das hatte keinen Platz in dem Buch. Auch war das Buch nicht als Anleitung oder Rezept zu verstehen; es interagierte, wechselwirkte mit dem Leser, ohne ein echtes Eigenleben zu f\u00fchren &#8211; vielleicht ist es besser, stattdessen zu sagen, es habe das Eigenleben eines Spiegels gef\u00fchrt, sofern man diesem ein solches zuspricht. So wird berichtet, dass ein jeder Leser etwas anderes darin fand. Dass es trotz oder gerade wegen des Verbots von Zeit zu Zeit gelesen wurde, erscheint auch den heutigen Menschen logisch. Im Laufe der Zeit sammelte sich eine recht gro\u00dfe Anzahl an Berichten \u00fcber diese geheimen Lesungen, und auch wenn der Gro\u00dfteil davon verloren gegangen ist, so l\u00e4sst jedoch die Zahl der Verweise auf sie in sp\u00e4teren Schriften erahnen, dass die Gelehrten von damals eine regelrechte Hierarchie der berichteten &#8218;Begegnungen&#8216; mit dem Buch entwickelt hatten.<br \/>\nIn dem Buch, so hei\u00dft es, standen eben keine profanen Zauberspr\u00fcchlein, sondern nur die wirklich m\u00e4chtigen S\u00e4tze; die Worte, die auch f\u00fcr uns wie f\u00fcr jeden Menschen Bedeutung haben.<\/p>\n<p>\u00dcberliefert ist etwa die Geschichte von Kanaa, dem Hirten. Er war ein einfacher Mann und aufgrund seines Standes nicht besonders hoch angesehen. Dennoch verliebte er sich in Ani, die Tochter eines gut betuchten und privilegierten B\u00fcrgers, die ihm schnell \u00e4hnliche Gef\u00fchle entgegenbrachte.<br \/>\nAls der Vater die heimliche Beziehung zwischen Ani und Kanaa entdeckte, sperrte er Ani ein und lie\u00df Kanaa aus der Stadt verschleppen. Nach seinem Willen sollte Kanaa seiner Tochter nie wieder zu nahe kommen.<br \/>\nKanaa aber f\u00fchlte sich Ani so sehr verbunden, dass er einige N\u00e4chte darauf seinen Bewachern entkam und in die Stadt eindrang. Er befreite Ani aus ihrem Hausarrest und erschlug ihren Vater auf der Flucht. Schlie\u00dflich wurden die beiden von der Stadtwache verfolgt und retteten sich in die Bibliothek. Die beiden wussten keinen Ausweg mehr und so taten sie das einzige, was ihnen noch m\u00f6glich schien &#8211; sie drangen in die verbotenen Bereiche der Bibliothek ein und lasen im Buch Ank&#8217;Pash\u00e2.<br \/>\nEs wurde schon erw\u00e4hnt, dass diesem Buch eine Eigenschaften eines Spiegels zugesprochen wurde. Als die Stadtwache die beiden Liebenden mit dem aufgeschlagenen Buch stellten, da war auf den Seiten des Buches nur ein Satz zu lesen: <em>Nichts wird uns trennen<\/em>.<br \/>\nDie hinzugerufenen Gelehrten waren es, die diesen Satz \u00fcberlieferten. Auf ihr Gehei\u00df wurde das Buch wieder geschlossen und an seinen urspr\u00fcnglichen Platz gestellt.<br \/>\nDoch weder wurde Kanaa f\u00fcr den Mord belangt, noch wurden die beiden f\u00fcr das Lesen von Ank&#8217;Pash\u00e2 verurteilt; auf beides h\u00e4tte der Tod gestanden. Man war so be\u00e4ngstigt von der Botschaft des Buches, dass man von diesen Strafen absah; stattdessen verbannte man sie nur aus Ur und nahm ihnen den Schwur ab, nie wieder dergleichen zu tun. Es ist nicht \u00fcberliefert, wie es ihnen im weiteren erging; eine Quelle berichtet nur, sie h\u00e4tten ihren Schwur gehalten und seien auch nie wieder zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>In einer anderen \u00dcberlieferung wird die Geschichte von Miraain, der Sch\u00f6nen, erz\u00e4hlt. Sie war nach aktuellem Wissensstand die Tochter eines Hochpriesters von Ur und damit Mitglied der angesehensten Schicht in der Stadt. Neben ihrem Reichtum, der sich auch in vielen anderen Schriften idiomatisch widerspiegelt, war sie f\u00fcr ihre sprichw\u00f6rtliche Sch\u00f6nheit bekannt. Schon im Alter von zw\u00f6lf Jahren soll sie von solcher Anmut gewesen sein, dass sich ein Hofdiener ihretwegen das Leben nahmen. In sp\u00e4teren Jahren soll sie nur noch von Frauen betreut und bedient worden sein, da sich kaum noch ein Mann in ihre N\u00e4he wagte; dennoch blieb ihre Sch\u00f6nheit doch immer eng mit dem Tod verkn\u00fcpft. So verliebten sich etwa zwei Cousins in sie, gerieten \u00fcber sie in Streit und starben bei einer Auseinandersetzung. Der Legende nach hinterlie\u00df diese morbide Verkn\u00fcpfung tiefe Spuren in der jungen Miraain; so soll von immer gr\u00f6\u00dferen Selbstzweifeln geplagt worden sein. Gleichzeitig berichten gerade die sp\u00e4ten Quellen von ihrer Arroganz und ihrer Herrschsucht, die selbst vor ihren beiden \u00e4lteren Schwestern keinen Halt machte. So soll sie etwa f\u00fcr den Tod eines Schwagers gesorgt haben, nachdem dieser sich bei einem Bankett geweigert hatte, Miraain zu bedienen.<br \/>\nNach dem Tod ihres Vaters \u00fcbernahm sie faktisch seine Rolle und wurde damit zur zweitm\u00e4chtigsten Frau von Ur. Ihre Position war dabei nicht ausschlie\u00dflich durch ihre Herkunft festgelegt; auch half ihr ihre Wirkung auf andere Menschen und ihr Geschick f\u00fcr Hof und Intrige. Manche Autoren bezeichneten sie daher &#8211; nat\u00fcrlich erst lang nach ihrem Tod &#8211; auch als die &#8218;Hexe von Ur&#8216;. In jedem Fall blieb Miraain trotz ihrer Macht unzufrieden. Einen Gro\u00dfteil des Reichtums ihres Vaters verwendete sie f\u00fcr B\u00e4der, Kosmetik und \u00e4hnliche Dinge, die sie \u00fcber Hunderte von Kilometer hinweg nach Ur bringen lie\u00df. Denn bei all dem, was sie offenbar erreicht hatte, war Miraain von ihrer eigenen Anmut nie \u00fcberzeugt, trotz ihrer mythischen Wirkung auf andere.<br \/>\nIn den letzten Jahren ihres Lebens in Ur, Miraain muss zu dieser Zeit zwischen 25 und 27 Jahren alt gewesen sein, verdichtete sich das, was wir heute wohl Neurose nennen w\u00fcrden, zu einem fast wahnhaften Drang nach Selbstbest\u00e4tigung. Miraain heiratete in weniger als drei Jahren sechs Mal; alle ihre M\u00e4nner, angesehene Handelsleute meist, starben bald nach der Hochzeit. Manche brachten sich um, andere lie\u00df sie ermorden. Als das Kapital ihres Vaters zur Neige ging, nutzte sie all ihr Geschick und all ihre Kontakte, um sich G\u00fcter und Gold zu verschaffen. Ihre Schreckensherrschaft \u00fcber Ur begann schlie\u00dflich mit einem Mordkomplett an der legitim eingesetzten F\u00fcrstenfamilie und w\u00e4hrte mehr als zwei Jahre, in denen sie sich immer mehr in die Vorstellung zur\u00fcckzog, von allen bedroht und verachtet zu werden: Dabei war den Quellen nach ganz Ur immer noch so fasziniert und entz\u00fcckt von ihr, dass ihre Taten unbeachtet blieben. Doch Miraain reichte das nicht; in ihrer krampfhaften Suche nach der eigenen Sch\u00f6nheit vernichtete sie fast die gesamten Ressourcen der Stadt. Sie erh\u00f6hte Steuern, f\u00fchrte neue Abgaben ein, lie\u00df sogar die Gasth\u00e4user schlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich machte sich daraufhin Unzufriedenheit breit, aber die Bev\u00f6lkerung lastete diese Ma\u00dfnahmen nicht ihr, sondern der Exekutive an.<br \/>\nSchlie\u00dflich berichtet die \u00dcberlieferung davon, dass sich Miraain in einer Winternacht Zugang zum Buch Ank&#8217;Pash\u00e2 verschaffte. Es ist der einzige dokumentierte Fall, in dem das Buch quasi &#8218;legitim&#8216; gelesen wurde; zwar war es auch ihr eigentlich verboten, darin zu lesen, allerdings \u00fcberredete Miraain kurzerhand die Wachen, sie zu dem Buch zu f\u00fchren. Auch Miraain soll nur einen einzigen Satz vorgefunden haben, und dieser erscheint vielleicht wenig \u00fcberraschend: Grob \u00fcbersetzt lautet er etwa <em>Ich bin h\u00e4sslich<\/em>, wobei der Begriff, den wir hier mit &#8218;h\u00e4sslich&#8216; \u00fcbersetzt haben, auch verdorben (etwa bei Speisen) oder falsch bedeuten kann.<br \/>\nDer Legende soll der Bann, den ihre Sch\u00f6nheit auf die ganze Stadt gewirkt hatte, allein durch die Worte im Ank&#8217;Pash\u00e2 gebrochen sein. Nachdem ihre Eskorte gelesen hatte, was die schreckensstarre Miraain eigentlich schon gewusst hatte, nahmen sie sie fest. Sie wurde entmachtet und aus der Stadt vertrieben; wenige Wochen sp\u00e4ter fanden fahrende H\u00e4ndler ihren Leichnam in der W\u00fcste s\u00fcdlich von Ur.<\/p>\n<p>In einigen Schriften, die erst vor wenigen Jahren im heutigen Irak entdeckt wurden, findet sich ein Bericht \u00fcber eine besondere Passage aus dem Buch Ank&#8217;Pash\u00e2; Es ist der Abschnitt &#8218;Kale\u00e9 Ank&#8216;, \u00fcbersetzt also etwa &#8218;die letzte(n) Seite(n)&#8216;. Dieser Ausdruck ist nicht w\u00f6rtlich, sondern eher metaphorisch zu verstehen. Dem Wesen des Buchs nach gab es darin weder erste noch letzte Seiten: Es interagierte mit dem Leser, und dieser las darin nur, was er lesen sollte, wenigstens der Legende nach. Zu damaligen Zeiten wurden B\u00fccher genau wie Erz\u00e4hlungen und Geschichten im Allgemeinen als sehr wertvoll gesehen, sowohl in materieller als auch in ideeler Hinsicht; der wichtigste und geachtetste Teil einer Geschichte aber war, damals wie heute, ihr Ende, und so ist der Titel dieser Passage eher in dieser Hinsicht zu verstehen; als Ende der Geschichten. Die \u00dcberlieferung, die von Kale\u00e9 Ank berichtet, l\u00e4sst viele Fragen offen; insbesondere m\u00fcssen sich auch schon zeitgen\u00f6ssische Leser gefragt haben, wie die Verfasser denn an die Informationen \u00fcber diese letzten Zeilen gelangt sein k\u00f6nnen.<br \/>\nIn den Schriften hei\u00dft es, es habe einen Abschnitt im Buch Ank&#8217;Pash\u00e2 gegeben (nach anderer \u00dcbersetzung: eine &#8222;Spiegelung&#8220;), dessen Bedeutung die aller anderen bei weitem \u00fcberwogen habe.<\/p>\n<p>Nur unter ganz bestimmten Bedingungen sei dieser Abschnitt Menschen erschienen. Mehrmals aber sollen Verzweifelte auf der Suche nach ihm in die Bibliothek eingedrungen sein; keiner von ihnen soll es je geschafft habt, ihn laut zu Ende zu lesen, und in der \u00dcberlieferung kommt diesem Umstand entscheidende Bedeutung zu. So wird von dem jungen Ikoraa berichtet, der von sp\u00e4teren Schreibern nur noch mit seinem Beinamen &#8218;der Ungl\u00fcckliche&#8216; bezeichnet wird; Ikoraa soll der Sohn eines relativ wohlhabenden H\u00e4ndlers gewesen sein, der seine L\u00e4ndereien in der Hochebene n\u00f6rdlich von Ur verkauft hatte und sein Gl\u00fcck als fahrender H\u00e4ndler gemacht hatte. Das war nichts f\u00fcr Ikoraa; er hielt das Gesch\u00e4ft seines Vaters f\u00fcr unehrenhaft und sehnte sich lange danach, wieder die Felder zu bestellen. Er wird dennoch als guter und folgsamer Sohn gelobt; nachdem er mit 14 Jahren seine Vollj\u00e4hrigkeit erreicht hatte, lief er keineswegs davon, sondern half seinem altersgeschw\u00e4chten Vater mit den Gesch\u00e4ften. Es vergingen 16 Jahre, bis sein Vater verstarb: Auf dem Sterbebett soll er Ikoraa die Erlaubnis gegeben haben, das Gesch\u00e4ft des fahrenden H\u00e4ndlers aufzugeben und die Felder, die er so liebte, zur\u00fcckzukaufen. Ausgestattet mit dem relativen Reichtum des Vaters tat Ikoraa dies auch; es war \u00fcppiges, fruchtbares Land, auf dem jede Art von Frucht gut gedeihte, und Ikoraa kaufte wesentlich mehr Land, als sein Vater fr\u00fcher besessen hatte. Mit 15 war er, wie damals \u00fcblich, mit einer jungen Frau verheiratet worden. Die beiden waren ein harmonisches Paar und bekamen in dem Jahr, als der Vater starb, ihr drittes Kind. Ikoraa lie\u00df f\u00fcr die Familie ein Haus auf dem neuen Grund errichten und begann, wie er es sich schon lange gew\u00fcnscht hatte, wieder als Bauer zu arbeiten. Der Legende nach jedoch blieb die Idylle nur von kurzer Dauer; es war das Jahr vor den &#8218;Jak&#8217;Isaa&#8216;, den &#8217;schrecklichen Jahren&#8216;, als Ikoraa sein Haus bezog. Die schrecklichen Jahre tauchen in vielerlei Berichten \u00fcber die damalige Zeit auf und werden von Historikern heute meist als eine lange D\u00fcrreperiode interpretiert, denen kleinere politische, demografische und milit\u00e4rische Verwerfungen folgten. Dieser speziellen \u00dcberlieferung nach jedenfalls folgte dem Jahr von Ikoraas Ankunft auf dem v\u00e4terlichen Boden das erste Jahr der D\u00fcrre, und darauf das zweite und noch zwei weitere. Im zweiten Jahr vernichtete ein von Vagabunden gelegtes Feuer die wenigen Feldpflanzen, die Ikoraas Familie noch anbauen konnte. Im Jahr darauf begannen sie zu hungern, weil das wenige, das ihnen vom Erbe geblieben war, aufgebraucht war. Im vierten Jahr starben die beiden j\u00fcngeren Kinder. Ikoraas Frau starb, so hei\u00dft es, bald danach nicht etwa am Hunger, sondern am Kummer. Zuletzt, gegen Ende der D\u00fcrrezeit, \u00fcberfielen Banditen den Wohnsitz; nat\u00fcrlich fanden sie nichts mehr von wert, und erz\u00fcrnt dar\u00fcber z\u00fcndeten sie das Haus an. Ikoraa, der keine soldatische Ausbildung hatte und nie in einen Kampf verwickelt worden war, lief au\u00dfer sich vor Panik in die n\u00e4chtliche W\u00fcste hinaus. Erst im Morgengrauen kehrte er zu den \u00dcberresten des Hauses zur\u00fcck und fand seinen \u00e4ltesten Sohn &#8211; verbrannt in seinem Bett. Es ist nicht untypisch f\u00fcr derart alte Schriften, dass sie den Tod des Sohnes als Strafe der G\u00f6tter f\u00fcr Ikoraas Feigheit deuten; in diesem speziellen Fall l\u00e4sst sich einer Anmerkung des Verfassers aber entnehmen, dass man es offenbar zumindest f\u00fcr eine ungeb\u00fchrlich hohe Strafe hielt. Geschw\u00e4cht von dem n\u00e4chtlichen Lauf durch die W\u00fcste und \u00fcber alle Ma\u00dfen verzweifelt \u00fcber den Tod des Sohnes soll sich Ikoraa, die G\u00f6tter verfluchend, auf den Boden geworfen haben, um zu sterben. Den Schriften nach soll Ikoraa dort vier Tage lang gelegen haben; vier Tage, in denen er in der Sonne lag und weder trank noch a\u00df. Doch er starb nicht; zwar mehrten sich Hunger und Durst auf schmerzhafte Weise, aber er blieb am Leben. Sp\u00e4testens an dieser Stelle des Berichts wird deutlich, dass der oder die Verfasser das Schicksal dieses Mannes, welches nat\u00fcrlich der Lenkung der G\u00f6tter zugeschrieben wurde, mit ungew\u00f6hnlich viel Mitgef\u00fchl betrachteten; diese Haltung \u00e4ndert sich auch im Weiteren nicht, auch nicht, als Ikoraa, krank vor Hass auf die G\u00f6tter, die ihm dies angetan haben sollen, nach Ur reist. Da sein Vater mit vielen, oft gebildeten Menschen verkehrte, wusste er f\u00fcr einen Landmenschen recht viel von Ur und auch vom Ank&#8217;Pash\u00e2. Dennoch suchte er wohl nicht bewusst nach den &#8218;letzten Seiten&#8216;, sondern eher nach einer Waffe oder auch nur nach einem Ausweg aus seiner hoffnungslosen Situation. Auch er drang in die Bibliothek ein und fand das Buch; warum dies immer wieder gelungen sein soll, scheint heute unplausibel, damaligen Gelehrten aber scheint es nicht irritiert zu haben. Wom\u00f6glich war das Gleichgewicht aus Neugier und Sicherheitsbed\u00fcrfnis in diesen Zeiten ein anderes, oder man wagte es einfach nicht, ein so m\u00e4chtiges Schriftst\u00fcck ganz und gar wegzuschlie\u00dfen. Als Ikoraa das Buch aufschlug, erschienen ihm die Kale\u00e9 Ank; wir verzichten an dieser Stelle auf eine Zusammenfassung und geben direkt die Schrift wieder, die von Ikoraas Reise berichtet (kanonische \u00dcbersetzung);<\/p>\n<p><em>Wer aber diese Zeilen liest, diese wenigen, der ist am Ende aller Wege,<br \/>\nund nicht einmal die Sonne gl\u00fcht wie sein Zorn,<br \/>\nund nicht einmal das Meer l\u00f6scht seine Pein.<\/em><\/p>\n<p><em>Fallen wird die Welt vom Klang seiner Worte,<\/em><\/p>\n<p><em>Nutzlos Speere, Schilde, Mauern,<br \/>\nNutzlos selbst der G\u00f6tter Schutz,<\/em><\/p>\n<p><em>Fallen wird die Welt vom Klang seiner Worte.<\/em><\/p>\n<p><em>[&#8230;]<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00e4chtiger als alle S\u00e4tze aber ist dieser;<br \/>\n<\/em>Es gibt keine Hoffnung,<em><br \/>\ndenn wer ihn verinnerlicht (auch: gelesen\/gesprochen) hat,<br \/>\ndem ist alles m\u00f6glich, weil nichts mehr Bedeutung hat.<\/em><\/p>\n<p>Es ist unklar, inwiefern die \u00dcberlieferung den Text, der als Kale\u00e9 Ank bezeichnet wird, an dieser Stelle wiedergibt; nach heutiger Lesart bestand dieser eigentlich nur aus einem Satz. Es ist wahrscheinlich, dass die Verfasser des Berichts von Ikoraas Reise den obigen Abschnitt als Ausschm\u00fcckung und Erl\u00e4uterung angef\u00fcgt haben, auch wenn sie ihn nicht klar von dem getrennt haben, was Ikoraa tats\u00e4chlich gelesen haben soll. Eindeutig scheint dagegen zu sein, dass die damaligen Menschen oder zumindest der Kreis um die Verfasser des Berichts von der Vorstellung beherrscht waren, dass das Lesen des entsprechenden Abschnitts im Ank&#8217;Pash\u00e2 das Ende der Welt einl\u00e4uten w\u00fcrde; in einigen, scheinbar &#8217;nachgereichten&#8216; Fragmenten der Schrift ist vom &#8218;Brennen der Welten&#8216; Tore&#8216; und vom &#8218;Ende aller Grenzen&#8216; die Rede, ebenso wie vom &#8218;Vergehen der G\u00f6tter&#8216;.<br \/>\nAuch wenn die \u00dcberlieferung im weiteren leider nur noch fragmentarisch ist und sich widerspricht, teils wohl, weil mehrere Autoren ihre Version der Ereignisse parallel aufgeschrieben haben, kann man davon ausgehen, dass Ikoraa die Kale\u00e9 Ank nicht zu Ende las. Die Wachen, die das Buch besch\u00fctzen sollten, stellten ihn und t\u00f6teten ihn, bevor er die letzten Worten laut sprechen konnten; unklar ist nur, ob er sich selbst in die Speere st\u00fcrzte oder nicht.<\/p>\n<p>Der Verbleib des historischen Buches Ank&#8217;Pasha ist bis heute ungekl\u00e4rt. Arch\u00e4ologen f\u00fchren zur Zeit Ausgrabungen in der N\u00e4he von Bagdad durch, bei denen sie u.a. das Buch oder Hinweise darauf finden wollen. In den bisher gefundenen Aufzeichnungen findet sich nur ein Vermerk dazu. Das Dokument stammt aus der Zeit nach dem Fall von Ur, also aus jenen Jahren, in denen ein Reitervolk aus dem Westen Ur eroberte und die Kultur ihrer Bewohner genauso zerst\u00f6rte wie ihre wirtschaftliche Grundlage. Es war vor allem ein gro\u00dfer Mentalit\u00e4tsunterschied, der zu diesen Verw\u00fcstungen beitrug, ein Unterschied, der sich vor allem in der simplen und kaum kultivierten Sprache der Eroberer niederschlug.<br \/>\nDie Schrift spricht an einer Stelle von &#8218;dem Buch&#8216;, was nach Meinung vieler Historiker ein klarer Verweis auf Ank&#8217;Pasha ist. In der kanonischen \u00dcbersetzung lautet der Text:<\/p>\n<p><em>Die M\u00e4nner aus dem Westen kamen an die Bibliothek; ihre R\u00f6sser waren gro\u00df und schwarz, und ihnen folgte das Feuer. Was ist so wichtig an diesem Haus? fragten sie den H\u00fcter der B\u00fccher und er erkl\u00e4rte es ihnen. Als sie von dem Buch h\u00f6rten, verlangten sie es zu sehen. Doch fanden sie in dem Buch nur leere Seiten, und ihr Spott und ihr Hohn waren laut.<br \/>\nSeht ihr diesen faulen Zauber, riefen sie unter Gel\u00e4chter, ein Buch, ein leeres Buch.<br \/>\nSie blendeten den H\u00fcter der B\u00fccher, auf dass er nie wieder lesen w\u00fcrde. Dann nahmen sie das Buch und schickten einen der ihren damit hinaus, es zu verbrennen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der alten Stadt Ur hei\u00dft es, sie h\u00e4tte die erste Bibliothek der Menschen beheimatet. Der \u00dcberlieferung nach enthielt sie das gesamte Wissen der damaligen Welt. Nat\u00fcrlich ist Wissen ein relativer Begriff, und nicht alles, was man damals als Wissen bezeichnete, w\u00fcrde auch heute noch als solches angesehen werden, schlie\u00dflich waren die Menschen damals mehr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[91,30,51],"class_list":["post-94","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2","tag-mythos","tag-selbstbezuglichkeit","tag-self-fulfilling-prophecy"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=94"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/94\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=94"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=94"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=94"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}