{"id":95,"date":"2007-06-23T17:49:09","date_gmt":"2007-06-23T16:49:09","guid":{"rendered":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/?p=95"},"modified":"2007-08-04T19:47:49","modified_gmt":"2007-08-04T18:47:49","slug":"single-shot-shrapnel-flakes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/badindicator.de\/blog\/2007\/06\/23\/single-shot-shrapnel-flakes\/","title":{"rendered":"Shrapnel Flakes"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Regen.<br \/>\nSein Blick schweifte \u00fcber die D\u00e4cher.<br \/>\nDieser verdammte Regen.<br \/>\nDas Wasser fiel schwer auf die Betonfl\u00e4chen, sammelte sich in kleinen Mulden und kroch schlie\u00dflich gelangweilt in die Drainagerohre. Er hasste diesen Regen, nicht unbedingt, weil er nicht nass werden sollte. Aber er fand das gerade diese Art von Regen der wundersch\u00f6nen Einheit aus Glas, Keramik und Aluminium ein schmutziges, \u00fcberaltertes Aussehen gab. Er griff hinter sich, zog einen Gegenstand hervor, legte ihn vorsichtig auf den Tisch. Normaler Regen war sch\u00f6n, ein Schauer auf dem Land etwa, aber dieser, dieser Regen hatte etwas Schmuddeliges, Herausgew\u00fcrgtes, etwas, dass Erinnerungen heraufbeschwor. Er wusste nicht genau, woran, vielleicht an alte Gangsterfilme. Ja, vielleicht war das der Grund f\u00fcr sein Unbehagen. Mit einer sicheren Bewegung griff er zwischen den Tablettenschachteln hindurch, fand nicht, was er gesucht hatte, stand von seinem Schreibtisch auf, kehrte mit einer Flasche \u00d6l zur\u00fcck. Noch einmal blickte er aus dem Fenster. Der Regen war immer noch da, der Wind hatte kurz gedreht. Milchige Tropfen klebten an der Scheibe und weigerten sich noch, der Schwerkraft nachzugeben.<br \/>\nEr sch\u00fcttelte ver\u00e4chtlich den Kopf und klopfte zweimal auf der Halfter, das er auf den Tisch gelegt hatte. Wenn man dem Hersteller Glauben schenken durfte, entriegelte sich das Holster in weniger als eine Hunderstel Sekunde und schob in einer weiteren Hunderstel die Waffe so hervor, dass sie dem Sch\u00fctzen -hoffentlich &#8211; direkt in die Handfl\u00e4che schnellte. Aber so ganz hatte er das nie geglaubt; ihm kam es viel langsamer vor. Au\u00dferdem verursachte das Aufschnappen dieser Halfter ein un\u00fcberh\u00f6rbares Surren, weil sowohl der Verriegelungsmechanismus als auch der Griff kurzzeitig die Schallmauer durchbrachen (aber auch das nur eine Behauptung des Herstellers). Nichts davon gefiel ihm, aber andere Holster waren teuer, und au\u00dferdem verpflichtete ihn sein Arbeitsvertrag dazu, nur solche zu tragen. Es seien &#8218;Sicherheitshalfter&#8216;, hatte sein Boss gesagt. Er hatte nur gefragt, f\u00fcr wen sie sicher seien &#8211; f\u00fcr ihn oder f\u00fcr einen Angreifer &#8211; aber darauf hatte er keine Antwort bekommen.<br \/>\nEr arbeitete in einem On-Demand-Store, also in einem Gesch\u00e4ft, das die Alten heute noch als Supermarkt bezeichneten. \u00dcber Superm\u00e4rkte wusste er nur das, was seine Mutter ihm dar\u00fcber erz\u00e4hlt hatte, und was er von ihr geh\u00f6rt hatte, das schien ihm vollkommen unvern\u00fcnftig und eben auch \u00fcberhaupt nicht vergleichbar mit seinem On-Demand-Store.<br \/>\nIm Wesentlichen sa\u00df er den ganzen Tag vor einem PC, hinter einer vier Zentimetern starken Schutzglasscheibe, die sowohl alle m\u00f6glichen Arten von Projektilen als auch die meisten handels\u00fcblichen Sprengstoffe abhalten sollte, aber auch das war nur eine Angabe aus einem Handbuch, in das niemand besonders gro\u00dfes Vertrauen setzte. Er sa\u00df also hinter dieser Scheibe, und wenn ein Kunde kam, dann musste er zun\u00e4chst auf einen Knopf dr\u00fccken, damit der Alarm nicht losging. Der Kunde konnte ihm dann \u00fcber eine Gegensprechanlage seine Bestellung nennen oder sie direkt \u00fcber einen Scanner einlesen lassen; die Kette gab drei Prozent Rabatt auf letzteres, seit man festgestellt hatte, dass sich die Eskalationswahrscheinlichkeit signifikant erh\u00f6hte, wenn Kunde und Transaktionsagent zu viele Worte wechselten; und in diesem Business ging es immer um Eskalationswahrscheinlichkeiten. Hatte der Kunde seine Bestellung aufgegeben, dann ging der Transaktionsagent nach hinten ins Lager, um die Waren zusammenzusuchen. W\u00e4hrenddessen musste der Kunde ganz ruhig stehenbleiben, sonst ging wieder der Alarm los. Wenn alles gut lief und die Kreditkarte des Kunden gedeckt war, dann schob er die Ware durch ein kompliziertes System von verschiebbaren W\u00e4nden in den Vorraum, wo der Kunde sie entnehmen konnte. Leider lief es nicht immer gut.<br \/>\nEr zog die Waffe aus dem Holster, entfernte das Magazin, zog den Lauf nach hinten. Die letzte Patronen fand ihren Weg durch den Auswurfschlitz, flog durch den Raum und rollte unter den Tisch. Routiniert tr\u00e4nkte er einen Lappen mit dem \u00d6l und begann, die Waffe auseinanderzubauen.<br \/>\nSein Vertrag schrieb vor, die Waffe w\u00f6chentlich zu reinigen, aber er macht es t\u00e4glich, fand es entspannend. Er h\u00e4tte die Pistole auch im Dunkeln zusammensetzen k\u00f6nnen, und so \u00fcberlie\u00df er allein seinen H\u00e4nden diese T\u00e4tigkeit, w\u00e4hrend er hinunter auf die Stra\u00dfe blickte. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, und diese wenigen trugen schwere Regencapes oder kleine Schirme. Alle hielten respektvollen Abstand voneinander, aber das war nur nat\u00fcrlich, sie kannten sich nicht, also konnten sie auch nicht wissen, was die anderen im Sinn hatten. Nur ein breiter, glatzk\u00f6pfiger Mann patrouillierte unger\u00fchrt im Muskelshirt die Stra\u00dfe entlang, das Wasser perlte von seinem kahlen Sch\u00e4del. In der Armbeuge trug er weithin sichtbar die Replik einer alten Magnum, wahrscheinlich eine dieser aufgemotzten Automatikknarren, die Keramik verschossen. Der Glatzkopf hatte sicher zwei Monatsgeh\u00e4lter daf\u00fcr bezahlt, und jetzt f\u00fchrte er sie spazieren. Es war nicht verboten, die Waffe so zu tragen, im Gegenteil; nach den j\u00fcngsten Schie\u00dfereien war es an Universit\u00e4ten und Schule sogar verboten, die Waffen <em>nicht<\/em>offen zu tragen. Trotzdem mochte er den Glatzkopf nicht, er wusste nicht, warum. Nat\u00fcrlich waren auch die meisten anderen Leute auf der Stra\u00dfe bewaffnet; manchmal verrieten sie sich durch Beulen in der Kleidung, wo keine sein d\u00fcrften, und ein alter Herr, der kurz seinen Sichtbereich kreuzte, hatte entweder ein Holzbein oder trug eine Automatik an der Wade. Vielleicht \u00e4rgerte ihn auch nur, dass er sich eine solche Waffe nicht leisten konnte. Von Zeit zu Zeit stritten sich Leute im Fernsehen dar\u00fcber, was diese Entwicklung ausgel\u00f6st hatte. Vor einigen Tagen erst hatte er wieder zuf\u00e4llig eine Dokumentation dar\u00fcber gesehen. Ein Soziologe im feinen Anzug hatte dort gesagt, es sei der Terrorismus gewesen, ein anderer hatte ihm entschieden widersprochen, es sei vielmehr die globale Angst gewesen.<br \/>\nLetzteres fand er irgendwie einleuchtender, auch wenn ihn die Diskussion nicht wirklich interessierte. Au\u00dferdem waren diese feinen Herren letztlich in gewisser Weise auch nur Politiker, genau wie alle Menschen im Fernsehen irgendwie Politiker waren &#8211; und denen traute man nicht. Die Sache war einfach &#8211; es gab viele b\u00f6se Menschen mit Waffen, also mussten sich die Guten auch bewaffnen und hoffen, dass sie nie einen Schu\u00df abgeben mussten. Das war die vorherrschende Meinung (u.A. auch die seines Bosses) und er teilte sie gr\u00f6\u00dftenteils.<br \/>\nEr war in der Phase des Umbruchs aufgewachsen, und dem zu Folge hatte er viele Erinnerungen an jene Zeit, wenn auch verschwommene. Manchmal dachte er, die Probleme h\u00e4tten eigentlich erst begonnen, als Cornflakes pl\u00f6tzlich BULLET POPS oder SHRAPNEL FLAKES hie\u00dfen und man B\u00fcstenhaltern Namen wie FLYING BETTY (das war, so wusste er, ein alter Landminentyp) gab. Nat\u00fcrlich hatte es immer schon Waffen gegeben, auch Waffennarren. Aber an einem gewissen Punkt in seiner Kindheit hatte sich etwas ver\u00e4ndert; pl\u00f6tzlich schaffte sich jeder eine an. Auf einmal gab es Waffenkunde als Unterrichtsfach an staatlichen Schulen. Kinder, wie er damals eins gewesen war, freuten sich pl\u00f6tzlich nicht mehr auf \u00fcppige Geldschenke zur Kommunion, sondern auf die erste eigene Schu\u00dfwaffe. Aber nat\u00fcrlich existierten die eigentlichen Probleme schon viel fr\u00fcher, die Gewalt, die Kriminalit\u00e4t, der Terrorismus, alles andere war nur eine Reaktion darauf gewesen. Die &#8218;Zivile Wehrhaftigkeit&#8216; (so nannten es die Nachrichtensprecher respektvoll) war ja erst danach entstanden, als eine Art der L\u00f6sung. Trotzdem dachte er manchmal, das h\u00e4tte die Probleme erst verursacht, auch wenn es verr\u00fcckt war. Genauso verr\u00fcckt wie das unsichere Leben, das fr\u00fchere Generationen gef\u00fchrt hatten. Nat\u00fcrlich hatten diese Leute auch weniger Angst gehabt, aber wer nicht sah, konnte sich auch nicht f\u00fcrchten. Nun sahen die Menschen &#8211; und f\u00fcchteten sich. Auch das war nur nat\u00fcrlich; au\u00dferdem konnte man ja etwas tun gegen die Angst.<br \/>\nEr sah kurz auf die Waffe herunter, musterte den Lauf gewissenhaft und befand das Ergebnis f\u00fcr gelungen, baute sie wieder zusammen. Gott Sei Dank hatte er sie nie au\u00dferhalb der Schie\u00dfstandes abfeuern m\u00fcssen (den musste er ebenfalls einmal in der Woche aufsuchen, aber darum dr\u00fcckte er sich, wenn er konnte). Es w\u00fcrde auch nicht viel Sinn machen, damit auf die Sicherheitsscheibe im Laden zu schie\u00dfen; zwar gab es Scheiben, die nur eine Seite sch\u00fctzten, aber solche waren teuer, und sein Boss weigerte sich, sie einbauen zu lassen.<br \/>\nDaf\u00fcr hatten sie wie die meisten Gesch\u00e4fte nat\u00fcrlich computergesteuerte Systeme im Vorraum, die mit dem Alarm verbunden waren. Vor einigen Monaten hatte ein Typ im Anzug bei ihm ein halbes Pfund Brot kaufen wollen, was schon an sich verr\u00fcckt genug war. Nur war der Mann, wie sich sp\u00e4ter herausstellte, vollkommen zugedr\u00f6hnt gewesen (seine Mutter nannte solche Typen Junkies, aber der Begriff war aus der Mode gekommen, seit synthetisches Crack billiger war als sauberes Trinkwasser) und bestand darauf, mit einem Winchester-Replikat zu bezahlen, das sicher teuer gewesen war. Nat\u00fcrlich hatte er als gewissenhafter Angestellter (und vor allem aufgrund seines Mi\u00dftrauens in Bezug auf die Scheibe) sofort den Roten Knopf gedr\u00fcckt. Der Alarm war mehrstufig, er hatte das schon bei seiner Sicherheitseinf\u00fchrung kennengelernt. Zun\u00e4chst sagte eine Stimme aus den Deckenlautsprechern nur, man solle sich hinlegen und die H\u00e4nde hinter den Kopf nehmen, sonst w\u00fcrden weitere Ma\u00dfnahmen eingeleitet werden. Die zweite Warnung wies einen <em>eindr\u00fccklich <\/em>darauf hin, dass dem Folge zu leisten sei &#8211; die dritte war bei der Beschreibung dieser Ma\u00dfnahmen schon so deutlich, dass er sich oft gefragt hatte, ob das zur Entspannung wirklich noch beitrug. Aber vermutlich war es an dem Punkt sowieso schon zu sp\u00e4t. Jeder, wirklich jeder wusste, was nach der vierten passierte, und wer sich nach der dritten noch nicht hinlegte, der war entweder todessehns\u00fcchtig oder einfach verr\u00fcckt. Was der Typ im Anzug gewesen war, hatte er nicht erfahren. In jedem Fall hatte er sich nicht hingelegt. Aber was sollte er sagen, er hatte einen Tag freibekommen und war Mitarbeiter des Monats geworden. Das hei\u00dft, zun\u00e4chst war sein Boss regelrecht w\u00fctend gewesen, dass jemand soviel Papierkram verursachte (wegen eines halben Pfundes Brot), aber da er ja nicht im mindestens daf\u00fcr verantwortlich war (das zeigten auch die Videoaufnahmen), war das schnell wieder verflogen, vor allem, da sich die Sch\u00e4den am Inventar in Grenzen hielten.<br \/>\nEr sah auf die Uhr, w\u00e4hrend er eine Tablette gegen die Kopfschmerzen einwarf, die vermutlich von dem neuen Valiumderivat herr\u00fchrten, das er sich besorgt hat; er warf die Schachtel ver\u00e4chtlich durch den Raum, sie prallte an der Wand ab und fiel zielgenau in den Papierkorb.<br \/>\nJetzt musste er also doch noch raus, um neue Tabletten zu besorgen. Das \u00e4rgerte ihn, aber es war wohl nicht zu \u00e4ndern. Er erhob sich seufzend aus dem Stuhl, nachdem er die Waffe wieder ins Holster gesteckt hatte, um das gekippte Fenster wieder zu schlie\u00dfen. Drau\u00dfen regnete es weit weniger stark, aber die Stra\u00dfe machte immer noch einen schmutzigen Eindruck. Unten ging immer noch der Glatzkopf auf und ab, und der st\u00e4rker werdende Strom an Passanten dr\u00e4ngte sich unsicher an ihm vorbei. Seine H\u00e4nde fanden zum Fensterriegel und z\u00f6gerten. Er betrachtete die Menschen auf der Stra\u00dfe, ein verh\u00e4rmtes Grinsen dr\u00e4ngte sich in sein Gesicht. Dann schlug er das Fenster mit soviel Wucht zu, dass die rahmenlose Scheibe mit einem lauten Krachen in seine Aufh\u00e4ngung schlug.<br \/>\nAuf der Stra\u00dfe duckten sich die Passanten, einer fiel hin, mindestens f\u00fcnf andere griffen in ihre Jacken, soweit er es erkennen konnte. Selbst der Glatzkopf zuckte ein wenig zusammen und griff zum Holster.<br \/>\nEr l\u00e4chelte diabolisch und wollte sich wieder setzen, als der Glatzkopf zu ihm hochblickte und finster anstarrte; er hob die Hand in seine Richtung, machte mit Zeigefinger und Daumen eine eindeutige Geste.<br \/>\nEr grinste schief, zeigte dem Glatzkopf den Finger. Seine Hand zitterte ganz leicht, dann drehte er sich vom Fenster weg.<br \/>\nTabletten. Er brauchte neue Tabletten. Bed\u00e4chtig griff er nach seiner Jacke und zog sie an, w\u00e4hrend er zur T\u00fcr ging.<br \/>\nEinen Moment lang blieb er stehen, dann lachte er bellend \u00fcber sich selbst. Wie konnte er das vergessen? Er ging zur\u00fcck zum Tisch, nahm das Holster und steckte es wieder ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Regen. Sein Blick schweifte \u00fcber die D\u00e4cher. Dieser verdammte Regen. 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