Kategorie 'Discontra'

Discotheken, Kommunikation, Auflösung.

Discontra III

Diesen Artikel drucken 20. Mai 2008

Keine Zeilen, nur Schritte mit nichts als der Leere der eigenen Seele dazwischen, darüber Worte wie das überreizte Rauschen eines tauben Wasserfalls.
Keine menschliche Stimme spricht sie aus, keine Wärme und kein Happy End dahinter, aber auch keine Raserei und kein Exzess, nur Worte, nicht mehr als Bedeutungen ohne Beziehung, ohne Ursprung, all das, Emotion, Intention, Relation, herausgeschnitten oder – genauer – gefiltert, überlagert. Leerer als die Zeit zwischen den Schlägen ist nur der Raum, der nur sich selbst anbietet – (er)finde deine eigene Geschichte oder stirb, ich habe keine für dich, ich bin dein und nicht mehr als das.
Und wirklich, da ist niemand, niemand außer dir selbst, das denkst du noch, drehst sich dabei schwerelos im leeren Raum.
So bist du also Astronaut geworden, schwebst weit ab um den Planeten, auf dem du einst lebtest. Warst du auch damals schon allein?

Discontra (II)

Diesen Artikel drucken 7. Januar 2007

Wie wichtig das doch alles schien, wie überaus wichtig und unverzichtbar, alle die Namen, die vielen Namen und die geschützten Logos und Farbmuster, nein, niemand würde sie als austauschbar bezeichnen, es waren nicht nur Namen und Ikonografien, sie hatten etwas Magisches, Religiöses, etwas Geheiligtes. Sie schienen realeren Charakter zu besitzen als andere Dinge, sogar als Menschen, obwohl nichts Reales an ihnen war – aber was war schon real, war das nicht ohnehin ein leeres Wort, eine Farce, eine verdrängte Erinnerung an ein Außen, auf das hier nichts mehr verwies?
Dieser Ort war nicht mehr zwingend an Worte gebunden, im Gegenteil, er lehnte das Wort und die inhaltliche Kommunikation ab, sein Code war der des Tanzes und der Marken, der Brüste und Cocktails, und auch das schuf diese greifbare Indifferenz. Hier brauchte es kein Es mehr, kein Ich, schon der Lärm sublimierte jede individuelle Stimme und ließ nur kollektive Symbolik über, sexuelle, ökonomische, technologische. Alle vereint in einem seltsam anmutenden Konsens, denn was außerhalb als Widerspruch erschien, zeigte hier oft sein wahres Gesicht, ein Janusgesicht. Das Artifizielle, Menschengemachte und das Menschliche etwa, beides zerfloß hier, technische Prothesen stützten biologische-sexuelle Parameter, biologische Parameter verstärkten technische Prothesen, beides mischte sich mehr und mehr und schließlich war kaum noch zu entscheiden, was zuerst da gewesen sein könnte, ist es die Kleidung oder die Frau darin?
Menschen schienen hier mehr wie Schattenrisse, oder besser noch, Oberflächen, reine Reliefs, ohne Inhalt, ohne Inneres, die genau wie die Bilder fremder Monde nur Reliefs zeigten; nicht hohl, aber dennoch leer. Ihnen fehlte der Bezugspunkt, sie blieben referenz- und inhaltslos und offenbarten nur das Triviale, Obszöne.
Manchmal fragte man sich vielleicht, ob das gewollt sei, ob es Teil des Spiels sein könnte; die Frage bleibt nicht lösbar, denn der Diskurs oder das Nach-Forschende ist hier ebenso fern wie das Tageslicht. Es gibt hier keine Antworten, weil es auch keine Fragen mehr gibt. Warum auch, warum sollte man diese Fragen noch stellen? Alles ist schon hier, außerhalb gibt es nichts mehr. Es bleibt nur das ewige Spiel der Oberflächen, der Tanz von Codes und Fragmenten, von Symbolen, deren Bedeutung lang, lang schon verloren war – oder hier niemals existent gewesen war.

Leicht kommt man auf den Gedanken, dieses Spiel könne womöglich auch reichen; vielleicht ist es die menschliche Natur selbst, die es formt, vielleicht ist es ja umgekehrt: Vielleicht ist es diese Welt, die real ist, vielleicht ist es die Welt dort draußen, die auf Lügen fußt, auf falschen Versprechen und Tiefgründigkeiten, die nur falsche Reflexe sind, die nichts verbergen als Oberflächen. Vielleicht sagt dieser Ort wirklich alles, alles was man wissen muss, wissen muss über uns Menschen.

Discontra (I)

Diesen Artikel drucken 16. Juni 2006

Dieser Ort schien tot zu sein, doch im eigentlichen Sinne dieses Wort war er es ganz und gar nicht, war er doch bevölkert von vielen Menschen, die sich – wenn auch nur an manchen Abenden – durch die schmalen Gänge schoben zu der lauten Musik, die in der Luft hing, eine einzige, lebende, fluktuierende Masse, die sich unregelmäßig, aber doch konsequent in dem harten Takt wog, Hunderte Individuen, wenn man genau hinsah, nur ein Meer aus Fleisch und Kleidung, wenn man nur einen halben Blick darauf warf, um die stickige Luft aus den Augen fernzuhalten. Manchmal konnte man etwas erkennen, im Halbdunklen, etwas Unbekanntes, Erschreckendes, doch dann verschwand es wieder im milchig-trüben Dunst, und was blieb war nur noch eine leere Hülle aus Menschen, tausendfach kopiertes Lachen und Gröhlen, eine laut aufheulende Masse, in der jeder Schritt eine Lüge war und doch mehr Gewicht hatte als irgendeine Wahrheit.
An diesem Ort wurde schon soviel Lachen gespendet und soviele Tränen vergossen, dass es der Mühe nicht mehr wert wäre, soviele Geschichten hatten diesen Raum durcheilt, dass er schließlich kalt und bitter geworden war, kein Erzähler vermochte noch dieser Geschichtenmaschine den faden Beigeschmack des Schon-Da-Gewesenen nehmen, des Trivialen und des Kopierten, aber das beunruhigte hier niemanden mehr, im Gegenteil, er konnte sie nie des Eindrucks erwehren, dass es genau das war, was die Menschen hier her zog, dieses dumpfe Gefühl der Gleichheit, der Indifferenz, der Irrelevanz der eigenen Geschichte, vielleicht war das wirklich der Grund, warum die Menschen in diesem stinkenden, verschwitzten Nebel nebeneinander standen, dicht aneinandergedrängt und doch weit von einander entfernt.
Er schob eine der vielen Flaschen hinter ihm zu sich heran, stellte sie auf die Theke, lächelte dem Augenpaar vor sich zu, nahm die blauen Scheine und wand sich wieder ab von dem Geschöpf, das sich kurz aus der Masse gelöst hatte, er blickte ausdruckslos zu den armen Kreaturen, die in den spitzen Winkeln hockten oder halb lagen, in eine tiefe Bewusstlosigkeit versunken. Er erinnerte sich an einige Steinwesen, die er vor Jahren gefertigt hatte, allein in seiner Werkstatt, hohe kantige Gesichter und Körper, deren Ausdruck halb im nur unfertig bearbeiteten Marmor verschwanden, als wären sie nur unvollständig dem Kerker einer anderen Welt enteilt, ja, er rief sich ein amorphes Gesamtbild der Gäste zurück in den Geist, da war eine gewisse Analogie, eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Vorstellungen, auch die Wesen in diesen seinen Räumen lösten sich unvollständig aus diesem verdrehten Kollektiv, nur ihre Köpfe schienen bis zur Theke zu gelangen, nein, weniger noch, das Halbdüstere schuf die Illusion von gesichtslosen Augenpaaren, alles andere, alles Materielle und alles Immaterielle blieb im Halbdunkel bedeckt und warf nur groteske, laute Schatten auf die Massen hinter sich. Doch während die grausamen Züge seiner Steinwesen mehr seinen unvollkommenen Fähigkeiten entsprungen waren – das hatte er lange schon anerkannt – , so waren sie hier Teil des Spiels, Teil des – Rituals, vielleicht war das ein gute Ausdruck für diesen Ort, ja, es war ein Ritual der Neuzeit, das hier stattfand, an jedem freien Tag. Er nahm einen Schluck und beobachtete ruhig, wie Wände einen Moment lang einzuknicken begannen, sich konvulvisch um die Menschenmassen zu schließen begannen.
Freilich war dies kein klassisches Ritual, keines, das man in Geschichtsbüchern oder Romanen finden konnte, denn seine Basis war nicht mehr die Gemeinschaft, sondern vielmehr die Einsamkeit, es berief sich nicht mehr auf das Sakrale oder das Sexuelle, sondern nur noch auf die momentane Indifferenz, die sich ähnlich einer Kettenreaktion an einer kritischen Masse, einer bestimmten Menschenmasse realisierte und genauso unvermittelt entstand wie auch verschwand. Und dennoch, es erinnerte ihn ein wenig an die grausamen Traditionen der alten Kulturen, der Maya etwa, denn wenn hier auch niemand wirklich starb, so waren die Ähnlichkeiten doch da, dies war kein Ritual der zivilisierten Kultur oder der organisierten Religion, nein, über diesem Platz schwebte im Rauch verborgen auch der Dunst des Archaischen. Dieses Ritual warf kein Zeichen des Lichts, der Natur oder der Elemente zurück, es war keineswegs dem Leben zugewandt, nein, dies war eine Feier, eine Prozession des Todes und der Dunkelheit, des düsteren Rausches und des Von-Gott-Getrennt-Seins, das gab dieser Szenarie oder besser diesem Szenario seinen okkulten Charakter, und ja, auch deshalb konnte es unmöglich draußen stattfinden, unter freiem Himmel und den Augen aller, die Verschwörung und das Geheime verbargen sich nun mal immer an den dunklen Orten, selbst wenn das Geheimnis so offenbar und simuliert war wie dieses hier.