Die Krankheit

Diesen Artikel drucken 7. Februar 2010

Der Bus der Linie 8 hielt um 15:03 Uhr am Klinikum. Zweimal schon hatte er auf die Notiz in seinem Mantel sehen müssen, um sich wieder daran zu erinnern: beständig hielt er eine Karte des Arztes zwischen den Fingern, um die Zimmernummer nicht zu vergessen. Er fragte sich, ob es an der Aufregung lag oder ob es Teil der Krankheit war.
In der Klinik angekommen brachte man ihn zu einem Wartezimmer. Nach wenigen Minuten kam eine Schwester mit undurchdringlicher Miene und führte ihn in einen Besprechungsraum: Der Arzt hatte schon begonnen zu reden, bevor er den Raum betreten hatte.

“Ich muss ihnen leider mitteilen, dass die Krankheit noch nicht sehr gut erforscht ist; Es gibt nur wenige Hundert dokumentierte Fälle auf der Welt, und bisher gibt es nur eine verlässliche Untersuchung zu dem Thema. Ich muss gestehen, ich hatte selbst noch nie davon gehört, und wenn es da nicht einen sehr engagierten Assistenzarzt gegeben hätte, der die Arbeit zufällig gelesen hatte, dann wüssten wir vermutlich nichts mit ihren Symptomen anzufangen. Ein amerikanischer Arzt – Bridge – hat vor zwei Jahren Patienten untersucht, die zunächst unter den meisten der von ihnen beschriebenen Symptomen litten. Ich kann es ihnen nur sagen, wie es ist; Bridges Patienten sind alle tot. Sie starben innerhalb weniger Jahre nach Ausbruch der Krankheit, und man kann seine Arbeit leider auch kaum mehr nennen als eine Systematisierung der Symptome in ihrer zeitlichen Abfolge, also ein Phasenmodell. Es gibt keine weitere Forschung auf dem Gebiet, weder laufend noch abgeschlossen. Die Pathogenese liegt völlig im Dunkeln, und keins der Präparate, die üblicherweise bei solchen Befunden verabreicht werden, hatte irgendeinen Einfluss auf Bridges’ Patienten. Wir können und werden natürlich auch bei ihnen eine Reihe von Medikamenten und Therapien versuchen, aber momentan sieht es, so schwer das auszusprechen ist, sehr, sehr düster aus. Ich kann ihnen auch kaum Hoffnungen auf eine Fehldiagnose machen. Die Blutmarker, die man dem Bridge-Syndrom zuordnet, sind eindeutig und in großer Zahl nachweisbar.”

Er entschuldigte sich bei dem Arzt, der nur stumm nickte, verließ das Besprechungszimmer und ging einige Schritte hinüber in einen der Waschräume. Einige Sekunden dauerte es, bis er begriff, wie man die Armaturen bediente, dann floss das Wasser in ein silbriges Waschbecken. Er tauchte seine Hände hinein und wusch sie ausgiebig; erst säuberte er die linke Hand sorgfältig, dann die rechte. Als er fertig war, fand er nichts, um sie zu trocknen. Schließlich rieb er sie an seiner Hose und dem Pullover. Als er sich zur Tür drehen wollte, sah er den gelben Schein hinter dem Milchglas: Die Sonne schien endlich wieder. Es würde warm werden. Er lächelte still und fast ausdruckslos in sich hinein, dann ging er.

“Das Phasenmodell ist relativ präzise. Es basiert auf einigen Dutzend Verläufen der Krankheit, und die leider äußerst starke Ähnlichkeit zwischen diesen Abläufen motiviert Bridges Einteilung in vier Phasen; ich denke, über die sollten wir jetzt doch sprechen, auch wenn das sehr unangenehm sein wird.
In Phase Eins befinden sie sich, so wie wir das einschätzen, gerade jetzt: Sie ist vor allem gekennzeichnet durch eine Reihe von verhältnismäßig leichten Symptomen, die noch relativ unspezifisch für das Bridge-Syndrom sind, so etwa Konzentrationsstörungen – von diesen haben sie ja auch berichtet- aber auch kleinere Störungen der Kurzzeitgedächtnisses sowie eine gewisse Mattigkeit. In den meisten Fällen wird das Bridge-Syndrom zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostiziert, viele Patienten suchen nicht einmal einen Arzt auf. Wenn sie es doch tun, so kommt meist gar keine Diagnose zu Stande, bevor nicht Phase Zwei beginnt, oder aber es werden andere neurologische Erkrankungen angenommen, wie etwa Demenz oder Alzheimer. Insofern könnte es möglicherweise von großer Bedeutung für ihre Therapie sein, dass wir das Bridge-Syndrom bei ihnen schon so früh erkannt haben.”

Er bedankte sich für die Offenheit des Arztes, der in mit seltsam stummen Augen ansah und während des Gesprächs immer wieder seinen Blick gemieden hatte, und verabschiedete sich. Zunächst hatte er die Ausführungen des Arztes für unpassend kalt gehalten, aber er verstand, dass auch dieser von der Situation betroffen war. Noch auf dem Weg aus dem Raum wählte er die Nummer seine Frau und erklärte ihr, was man ihm gesagt hatte; dann weinten beide, bis er schließlich wortlos auflegte.

Im Lift traf er wieder auf den Arzt mit den stummen Augen, der ihn knapp grüßte.
“In Phase Zwei werden die Störungen des Kurzzeitgedächtnisses schnell drastischer. Der Einfluss der Störungen auf das Alltagsleben der Patienten wird schnell sehr groß. Einigen gelingt es zwar, den Alltag bis zum Eintritt von Phase Drei selbst zu bestreiten, aber Bridges’ Ergebnissen nach beschleunigt dies den Verlauf der Krankheit. Insofern sollten wir darüber nachdenken, sie aufzunehmen. Es gibt einige sehr charakteristische Symptome, die sich in Phase Zwei einstellen. So nehmen empathische Regungen der Patienten ab; ihr Interesse am Schicksal anderer nimmt ebenso ab wie das an ihrem eigenen. Das mag der Grund dafür sein, dass das Bridge-Syndrom erst in den letzten Jahren als Krankheitsbild isoliert wurde. In vielen Fällen hat man diese Symptome einfach für eine Form von Akzeptanz gehalten, ganz im Sinne der gängigen psychologischen Trauermodelle. Bridge konnte durch neurologische Untersuchungen aber beweisen, dass es sich um eine tatsächliche Aktivitätsabnahme in einigen Hirnbereichen handelt, die sich psychologisch nicht erklären lässt. Ebenso wird eine steigende Reiz- und Schmerzunempfindlichkeit beobachtet: Viele Patienten berichteten davon, dass sich bekannte Gegenstände oder Eindrücke plötzlich anders anfühlten, oder dass sie einige Dinge kaum wiedererkennen, ohne dass dies auf einen Erinnerungsverlust zurückzuführen ist. Es ist völlig unklar, wie dies im Zusammenhang mit den anderen Symptomen steht oder ob es überhaupt einen Zusammenhang gibt.”

Der Arzt begleitete ihn bis in sein Zimmer, wo ein Pfleger schon wartete: er wurde gewaschen, man zog ihm ein Krankenhemd an. Schließlich wurde er in ein Bett gelegt, von wo aus er aus dem Fenster sah, bis seine Frau ins Zimmer kam,
“Ich liebe dich.” sagte sie und lächelte ihn an. Die Sonne stand hell am Himmel, und sie hatten einige Zeit, bis sie weiter mussten: sie küssten sich innig.

“Du hast nicht angeklopft” sagte er dann nüchtern. Sie küsste ihn auf die Wange; ihre Augen waren gerötet und von einem dunklen Kranz umgeben. Er schob sich aus dem Bett und stützte sich dabei, so gut es ging, auf die Krücken. Sie wollte aufstehen, um ihm zu helfen, aber er deutete ihr, sitzen zu bleiben. Einige Schritte bewältigte er mit tauben Beinen, dann knarrte eine der Krücken seltsam blechern. Er schlug auf den Boden, ohne eine Ton von sich zu geben, und blieb auf der Schulter liegen: über sich er konnte die dampfende Kaffeetasse auf dem Tisch sehen. Seine Frau schrie auf, und eine Tür wurde geöffnet. Man hob ihn zurück ins Bett.
Die Rosen rochen nicht mehr; Er trank einen Schluck kalten Tee, den ihm seine Frau anreichte. “Was wäre denn anders, was wäre besser, wenn wir uns nicht kennengelernt hätten?”fragte sie so, als ob sie eine Gegenfrage stellen würde, ihre Stimme klang tränenerstickt; “Bald wird es so sein als ob.” antwortete er kühl. Sie weinte. Er drehte sich zur anderen Seite des Bettes und starrte in den grauen Himmel. Als sie schließlich ging, kam der Arzt und fragte nach seinem Befinden. Er antwortete nicht, und der Arzt redete einige Minuten auf ihn ein.

“Mit Phase Drei beginnen die völlig unverstandenen Symptome des Bridge-Syndroms. Während der Verlust der Kurzzeitgedächtnisses nicht weiter fortschreitet, bilden sich schwere Störungen der Erinnerungskoordination aus, wie Bridge es nennt. Anfangs sind es kleine Episoden, die der Patient sozusagen verschiebt, also die zeitliche Reihenfolge verändert. Ein Patient von Bridge etwa glaubte, erst nach dem Mittagessen gefrühstückt zu haben, und beschwerte sich daraufhin beim Klinikpersonal. Diese Art der Vermengung von Erinnerungsepisoden nimmt stetig zu. Anfangs scheint ein psychologischer Mechanismus noch zu bewirken, dass die Patienten anstatt der eigentlichen Geschehnisse eine andere, zusammenhängende Geschichte erzählen, aber dieser Effekt verliert sich mehr und mehr, je stärker die Fehlordnung wird. Um ein Bild zu gebrauchen, erzählen die Patienten am Anfang der Phase Drei noch stimmige Geschichten, auch wenn sie falsch sind: Es ist ihnen auch wichtig, dass sie stimmig sind und als wahr akzeptiert werden. Im späteren Verlauf dagegen nimmt diese Neigung ab. Erinnerungen werden kaum noch verknüpft, Ereignisse folgen völlig unzusammenhängend aufeinander, Orte, Zeiten und Personen werden unablässig ausgetauscht. ”

Er setzte sich einen Kaffee auf und sah in etwas, dass er für einen Spiegel hielt; heute war ein guter Tag zum Wandern. Dann nahm er einige Kleidungsstücke aus dem Schrank und stopfte sie in den Rucksack. Draußen wartete sie bereits: Die Rose schien sie sehr zu freuen. Er hatte geplant, sie ihr erst auf dem Gipfel zu geben, es aber dann verworfen. Sie umarmte ihn lang, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg in die Klinik.

“Die Patienten scheinen dies nicht mehr bemerken oder korrigieren zu wollen. Damit zusammenhängend entwickelt sich ein weiteres Symptom, welches wir nicht einmal im Ansatz begreifen: die Patienten verlieren sich, um es wenig technisch auszudrücken. Es scheint so, als würden sie sich immer mehr zurückziehen. Neben den schwächer werdenden Reizreaktionen bilden sie auch eine Parese aus. Sie bewegen sich kaum; auf Ansprache reagieren sie nur selten, und wenn, dann nur einsilbig und teilweise geistig klar, teilweise deutlich verwirrt. Im Übergang zu Phase Vier reden sie manchmal, auch ohne jede Veranlassung, plötzlich los und erzählen von sich selbst oder ihrem Leben, stets aber jedoch in der dritten Person, so als ob sie über jemanden anders berichten würden. Auch hier zeigen sich die charakteristischen Episodenverschiebungen. In einigen Fällen wurde festgestellt, dass die Patienten zwar noch auf Fragen antworten konnten, so wussten sie etwa noch, in welchem Krankenhaus sie waren, aber Fragen nach ihrer Person schienen sie überhaupt nicht mehr zu verstehen, sie reagierten verwirrt bis gereizt.”

Er hatte dem Arzt zugehört, dabei aber ein Pärchen beobachtet, welches sich scheinbar unablässig vor dem Fenster des Besprechungsraums küsste. Sie schienen ihn nicht zu bemerken: ein anderer Mann, der schon eine Weile neben ihm saß, schien eine Frage zu haben.
“Wie wird es enden? Was wird mit mir geschehen?” Einen Moment lang dachte er an das Schicksal des Mannes, der so aufgelöst klang, dann dachte er an das Pärchen vor dem Fenster.

“Phase Vier endet mit dem Tod; die neurologischen Befunde, die bisher erbracht wurden, zeigen eine fortgesetzte Zerstörung wesentlicher Hirnbereiche, die bisher immer zum Tod führte. Wie ich gerade schon sagte, ich kann ihnen auch kaum Hoffnungen machen. Der Verlauf nach Bridge besagt, dass die Reaktionen auf äußere Einflüsse immer weiter abnehmen, gleichzeitig scheinen die anderen Symptome in ihrer Ausprägung erhalten zu bleiben, soweit man das sagen kann. Es mündet schließlich in eine Art Wachkoma, in dem die Patienten für wenige Monate verbleiben, bis sie schließlich sterben. Es scheint so zu sein, als ob sich das Gehirn in Abwesenheit äußerer Reize teilweise regeneriert, was die Zerstörung des Hirngewebes verlangsamt.”

Er saß in einem Bus der Linie 8 und starrte aus dem Fenster: in der Hand hielt er eine Visitenkarte mit einer Adresse darauf, die er unablässig zwischen den Fingern drehte. Neben ihm unterhielten sich andere Fahrgäste.

“Aber was bedeutet das? Wie wird es am Ende sein?”

“Das können wir nicht wissen, eben weil noch nie ein Patient aus diesem Zustand erwacht ist. Man kann nur Vermutungen anstellen; Bridge hat festgestellt, dass die komatösen Patienten für lange Zeit noch rege Hirnaktivität aufweisen, auch wenn sie der in Phase Drei gemessenen gleichkommt. Man kann nur spekulieren; sicher ist, dass sie keine Schmerzen mehr haben. Die Beschäftigung der späten Phase Drei-Patienten mit Erinnerungen deutet daraufhin, dass auch im Wachkoma immer wieder Erinnerungen hin- und hergeschoben, neu verknüpft und anders erlebt werden. Was davon bewusst erlebt wird, ist eine andere Frage; die Patienten ziehen sich, wie ich schon erwähnte, von sich selbst als Subjekt immer stärker zurück. Sie sprechen von sichn ur noch, als würden sie über Dritte sprechen; manchmal erzählen sie ganze Episoden oder Verknüpfungen aus diesen, als wären es Kurzgeschichten, die einem fiktiven Protagonisten geschehen sind. Vielleicht ist es so, Bridge vermutet es jedenfalls; vielleicht bleibt von den Patienten noch ein Rest, so etwas wie ein Beobachter oder ein Leser, der auf das verworren und unverständlich gewordene Leben und Erleben eines Dritten starrt.”

edit: Das ist wohl die Folge, wenn man so spät noch schreibt: zehn Fehler habe ich gerade korrigiert, der eine oder andere könnte aber noch da sein.

Der arme Hass

Diesen Artikel drucken 12. Februar 2009

Wieviel klarer könnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine größere?) Klarheit und Einfachheit. Spricht man von ihr, muss man eigentlich nichts mehr erklären; das warum ist vielleicht noch eine Frage wert, aber das betrifft das Gefühl selbst nicht, ist nur eine Ergänzung, eine kontingente Information, die ebenso zum Hass gehört wie die Ursache des Unfalls zum Unfall selbst; man mag danach fragen, vielleicht ist es sogar vernünftig, nach einer Antwort zu verlangen, aber wenn man sie hat, ändert das nichts. Aber schon in der Frage selbst unterscheidet sich Hass von seinem Gegenteil: man kann fragen, warum jemand liebt, aber die Frage selbst ist schon widersprüchlich.
Und vielleicht ist dieser Unterschied der Ursprung der Armut. Sicher, oft haben wir gute Gründe zu hassen: manchmal glauben wir das auch nur, aber oftmals mag es stimmen. Vielleicht verhält es sich so bei Kriegstreibern; bei Mördern; bei kalt rechnenden Bürokraten. Wenn es nicht zynisch wäre, könnten wir sagen, es sei klug, vielleicht sogar gut, diese Menschen zu hassen.
Wir gehen gern in diese Falle. Es scheint uns logisch: ist es nicht gerecht, diese Menschen zu hassen? Kann man uns dafür verdammen, dass wir diese Kreaturen, diesen Abschaum hassen? Und dann hat uns die Armut auch schon.
Es ist keine Armut des Geistes, auch keine der Worte oder der Antworten. Nein, alles ist ganz klar und einfach, so wie die Empfindung selbst. Aber sie reicht nicht aus, nicht einmal sich selbst, und darin besteht die Armut.
Wir denken an einen anderen, an das Objekt unseres Hasses. Wir denken an diese verhassten Taten, diese verhasste Art. Vielleicht geschieht es, während wir die Nachrichten schauen. Wir sehen das Gesicht eines Vergewaltigers oder Kriegsverbrechers – und dann hassen wir. Das dreckige Grinsen dieser Fratze stiert uns zuerst aus dem Bildschirm, dann aus dem Inneren unseres Kopfes an. Und die Fratze hat einen Mund. Sie hat Wangen und Ohren. Sie hat Augen. Sie steckt auf einem Hals, der auf einem Oberkörper ruht. An diesem sind Arme und Beine befestigt, an denen ihrerseits wiederum Hände und Füße mit Fingern und Zehen hängen. Alles ist gebildet von Haut und Fleisch, darunter von Knochen und Gelenken.
Wie wir es auch drehen wollen, diese Kreatur, dieses Objekt unseres Hasses ist – ein Mensch. Und bleibt ein Mensch.
Aber ist sie nicht doch ganz anders als wir? Müsste sie es nicht sein? Ist sie nicht ein Dämon, eine ganz andere Art von Wesen als wir? Wir schauen noch einmal auf das Bild: kein Dämon, ein Mensch. Ein verstörender Gedanke kommt uns: vielleicht sind wir ihr ähnlich. Aber das kann nicht sein: sie kann nicht sein wie wir. Und doch sieht sie so aus wie wir, isst wie wir, geht wie wir. Sie kleidet sich so wie ein Mensch: Sie spricht unsere Sprache.
Und dann bleibt nur noch eins: Wir müssen es ändern. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Ding, dieses Höllenwesen uns nicht mehr ähnelt: es reicht nicht, es zu hassen. Denn das schafft einen Unterschied, einen Graben zwischen uns und ihm, der sich in der Wirklichkeit – noch – nicht wiederfindet. Noch nicht. Vielleicht würde es schon reichen, wenn die Kreatur eingesperrt wäre. Vielleicht wäre das Differenz genug. Aber reicht das wirklich aus? Wahrscheinlich nicht. Schließlich spricht sie immer noch unsere Sprache, hat einen Körper, der unserem ähnlich ist. Was mehr könnten wir tun? Wir könnten ihm das Recht nehmen, zu sprechen; zu gehen; zu essen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Wir lassen sie hungern, und schon ist ihre abgemagerte Kontur der unseren nicht mehr so verwandt. Wir prügeln die Sprache aus ihr heraus. Was dann noch an Gestammel bleibt, erinnert kaum noch an die schönen Worte, die wir verwenden. Wir brechen ihr die Beine, und schon kann sie uns auch das Gehen nicht mehr gleichtun.
Aber ist das genug? Ist der Abstand zwischen uns und ihr groß genug? Ist da nicht immer noch der Hass, der uns sagt, dass dieses Ding nicht einmal in der Erinnerung mit uns verwandt sein darf? Und hat sie nicht immer noch unsere Gliedmaßen? Immer noch Augen, die uns auf so vertraute Weise anstarren?
Es reicht nicht, es reicht immer noch nicht: Es wird nie reichen. Wir können ihr die Augen ausbrennen, die Gliedmaßen abschneiden, wir können sie ermorden. Sie bleibt ein Mensch.
Hass ist arm; ihm fehlt die Wirklichkeit. Er muss sie schaffen. Immer weiter schaffen.

Die Fahrt zurück

Diesen Artikel drucken 24. Januar 2009

Die Bahn passiert Städte, Dörfer, Höfe – Lichtinseln in der Dunkelheit – doch du siehst nur Schwarz, darauf fliehende Lichtflecken, schwindend, bald wie Punkte, bald ganz verloschen.

Die Waggons rattern über die Gleise, die Motoren dröhnen sonor, die Klimaanlagen rauschen gelangweilt, doch du hörst die feinsten Klänge von splitterndem Glas und die Stimme von Tausend Toten, ihr monotones Schweigen.

Im Fenster spiegelt sich, hart vom Kunstlicht, ein Gesicht.
Du siehst keinen Mund,
du siehst keine Augen.
Was du siehst?

Einen Lichtfleck, schwindend, fast verschlungen.

Der Zug fährt nach Rostock,
du fährst ins Dunkel.

Die schwarze Stadt

Diesen Artikel drucken 5. Januar 2009

Es muss in der Bar gewesen sein; ja, in der Bar war es. Ich saß auf einem Schemel und ließ die Eiswürfel in meinem Glas leise klimpern, als ich zum ersten Mal davon hörte. Mein Spanisch ist schlecht, um nicht zu sagen grausig, aber ich hatte schon eine Weile versucht dem Gespräch zweier älterer Männer zu folgen, und so verstand ich zumindest die Worte ciuadad und negra. Etwas an dem Ausdruck war mir seltsam vertraut, ich war nicht überrascht, ihn zu hören, ich weiß nicht, warum. Vielleicht, so denke ich jetzt, hatte ich ihn viel früher schon einmal gehört, wer weiß. Zu diesem Zeitpunkt schenkte ich dem Detail kaum Aufmerksamkeit; es irritierte mich ein wenig, aber nicht mehr als die winzigen Zufälle, die uns täglich begegnen; ich hörte einfach weiter interessiert zu.
Je länger ich lauschte, desto mehr Worte verstand ich. Die beiden sprachen schnell, und offenbar hatten sie getrunken, aber nach einer Weile schnappte ich immer mehr Worte auf, zunächst nur einfache; avenida, calle, casa und immer wieder la ciudad negra. Schließlich war ich überrascht, dass ich sogar ganze Sätze verstand. Wie gesagt, ich spreche kaum Spanisch und verstehe wenig mehr. Dennoch wurden aus den Silben Worte, aus den Worten Sätze, schließlich war es fast so, als würden die beiden Englisch miteinander sprechen, und ich folgte ihrem Gespräch mühelos.

La ciudad negra

Schnell begriff ich, dass die beiden scheinbar nur über Architektur oder etwas Ähnliches redeten. Sie sprachen nur von Gebäuden, Straßenecken, schienen sich die Lage von Häusern oder Plätzen zu erklären; einmal ging es um eine Kirche und den nicht endenden Pfad, der sich um ihre Türme zog. Ein anderes Mal sprachen sie über die Kurven einer breiten Straße am Meer, deren Windungen immer wieder in die selbe Richtung wiesen. Es dauerte einige Minuten, bis ich ganz begriff; ich sah die kleinen, fast unsichtbaren Handbewegungen der Alten auf dem Tisch, erkannte die Linien, die sie damit zeichneten. Offenbar erklärten sie sich gegenseitig ein Straßennetz; Ich weiß nicht, warum sie es taten, aber sie taten es unentwegt, mit stakkatohaften, montonen Stimmen.
Ich muss dort lange gesessen haben, während ich nur zuhörte; das Gespräch war mir unheimlich, aber ich konnte mich nicht abwenden oder aufstehen. Es war nicht allein die Tatsache, dass ich plötzlich das Spanisch alter Einheimischer verstand, die mich frösteln ließ. Es war die Art, wie sie von den Straßen dieser fremden Stadt sprachen. Sie machten keine Pausen; sie redeten und redeten, ohne auch nur aufzublicken, wenn jemand hereinkam. Dabei war ihr Blick immer fern, so, als ob es sie nicht willentlich davon sprechen würden, als ob sie jemand oder etwas dazu zwingen würde. Meine Anspannung wuchs, ohne dass ich der Situation hätte entgehen können: Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich mit meinen Fingernägeln Straßen und Kanäle in meine Serviette ritzte, ganz in der Anordnung, wie sie die Alten beschrieben. Vielleicht waren es zwei Stunden, die ich dort saß; vielleicht war es auch weniger Zeit, vielleicht mehr.

Schließlich sprang ich von meinem Tisch auf: Es war mir augenblicklich peinlich, so zu reagieren, aber ich konnte nicht anders, denke ich. Alle im Raum verharrten einen Moment in der Bewegung und starrten mich an, sogar die Alten. Ich versuchte wohl zu lächeln und ging langsam zur Theke, ich wollte nur noch raus aus der Bar, raus an die frische Luft. Als ich zahlte sah ich, dass die beiden Männer mich immer noch anschauten: Unwillkürlich nickte ich ihnen zu, sie nickten zurück und starrten. Ich nahm mein Wechselgeld und sah noch einmal zu den Alten herüber; ein Wort las ich auf ihren Lippen, sie raunten es sich offenbar zu: ciuadadono, Bürger. Ich wand mich zur Tür und spürte immer noch ihre Blicke. Für einen Moment lang wollte ich losrennen, die Bar und diese grässlichen Männer endlich hinter mir lassen; aber dann besann ich mich und hielt direkt auf die beiden zu. Etwas verblüfft bemerkte ich, wieviel Mühe es mir bereitete, die Frage in verständlichem Spanisch zu stellen: Qué estad la ciudad negra?
Ich glaube, meine Aussprache war so schlecht, dass sie einen Augenblick brauchten, um mich zu verstehen, denn für eine oder zwei Sekunden sahen sie mich nur verständnislos an. Dann jedoch fingen sie an zu schreien und zu fluchen.
Ich weiß nicht, was sie sagten und schrien; dem Klang nach waren es sicher üble Flüche und Schimpfwörter, aber ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Ich versuchte, sie auf Englisch zu beruhigen, aber es gelang mir nicht. Wütend redeten sie auf mich ein und gestikulierten mit ihren rauchschwarzen Händen wild in der Luft. Ich konnte den Hass in ihren Augen sehen; es war eine seltsame Art von Hass, und schon damals glaubte ich, ein wenig Neid darin zu erkennen. Vielleicht hätten sie mich geschlagen, wenn sie genug Zeit gehabt hätten, ich weiß es nicht: Der Barkeeper stand plötzlich zwischen uns und schob mich zur Tür raus; auf Englisch deutete er mir, schnell zu gehen. Ich hörte ihre wütenden Schreie noch Hunderte von Metern weit.
Dennoch, der brenzligen Situation knapp entgangen, war ich wieder etwas entspannt, fast euphorisch. Mei seltsames Erlebnis in der Bar erschien mir plötzlich ganz unwesentlich, und ich dachte nicht weiter darüber nach. Daran erinnere ich mich gut; es war eine klare Nacht, und der Mond stand hell am Himmel. Ich pfiff wohl ein Lied, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, welches. Die beiden Alten begegneten mir nicht auf dem Weg zum Meer, und das beruhigte mich noch mehr. Die einzigen anderen Menschen auf den Straßen hielten Abstand zu mir und hatten die Köpfe tief gesenkt: Damals glaubte ich, sie hätten vielleicht Angst vor mir, immerhin bin ich recht groß geraten.

Schließlich passierte ich den Park, den ich schon am Tage mehrfach durchquert hatte. Bevor ich ihn betrat, blieb ich einen Moment lang stehen, um nach Geräuschen nach lauschen; aber ich hörte nichts, und so hielt ich die Passage für ungefährlich. Ich war bereits fast am anderen Ende der Anlage, als ich das Kichern und Glucksen hörte. Im ersten Moment erschreckte es mich furchtbar, weil es zuvor so still gewesen war. Ich sah zu einer der Laternen hinüber, die den Park säumten, und fand die Quelle der seltsamen Laute: es war eine ältere Frau, ihr Alter war schwer zu schätzen, aber alt war sie in jedem Fall, mindestens 60 Jahre alt. Im fahlen Licht der Laterne konnte ich ihre an den Schultern deutlich abgemagerte Gestalt erkennen; Sie trug Fetzen von grau-weißen Tüchern und Stoffen, einige Löcher schienen mit Zeitungen geflickt worden zu sein; vor sich her schob sie einen alten Kinderwagen, der bis zum Rand mit einem schwarzen Material gefüllt zu sein schien. Heute glaube ich, dass es Kohle war; damals konnte ich es nicht einordnen, und in diesem Moment war es mir auch nicht so wichtig. Was mir damals zuerst ins Auge sprang, das war der längliche, schwarze Strich, der sich durch ihr verwittertes kleines Gesicht zog: er war etwa daumendick und führt von der Wange bis hoch auf die Stirn.
Die Frau kicherte nur weiter, während ich mich ihr näherte; erst, als ich sie passierte, sprach sie mit mir. Auch du wirst bald die schwarze Stadt kennen, Markus.
sagte sie in etwas stockendem Deutsch, und ich blieb schlagartig stehen. Sie sagte es nicht noch einmal, kicherte nur wieder und humpelte langsam mit dem quietschenden Wagen voran. Ich war mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte, aber ich wagte nicht, sie danach zu fragen. In meiner Erinnerung blieb ich dort einige Sekunden stehen. Ich hörte nur meinen unruhigen Atem, das Kichern der Alten und das Quietschen der kleinen Räder. Schließlich ging ich weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen: ich bemühte mich, nicht zu laufen, aber ich ging so schnell ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich unterwegs war; es waren nur einige Hundert Meter zu den Hotels, aber in meiner Erinnerung ist es viel ausgedehnter, ohne dass ich sagen könnte, was daran größer oder länger war. Aber ich weiß, dass ich irgendwann wieder an der Kreuzung kurz vor dem Strand stand und bemerkte, wie sich mein Atem wieder beruhigte.
Hier war alles ruhig; die riesigen Hotelburgen lagen da und schlummerten ebenso wie die meisten ihrer Bewohner. Nur hinter wenigen Fenstern brannte noch schwaches Licht, ansonsten gab es nur die gelbliche Straßenbeleuchtung und das Flackern der Orientierungslampen auf den Dächern. Ich musste an die beiden Männer in der Bar denken, glaube ich; ich lachte ein wenig über mich selbst und über die alte Frau im Park. Es waren sicher Zufälle gewesen, seltsame Zufälle, das dachte ich. Dann drehte ich mich um und sah die Ruine.
Sie war mir bei meinen früheren Spaziergängen nie aufgefallen, und deshalb starrte ich überrascht auf die halbfertigen Stockwerke, die vor mir in den Himmel ragten. Etwas war seltsam an diesem Ding, das wusste ich sofort; es waren die Winkel oder vielleicht auch die Proportionen, sie schienen nicht so recht zu passen. Die Außenwände und die Böden der Etagen wirkten verzogen, als hätte man sie nicht wirklich für den Gebrauch gebaut, sondern nur um einen Effekt zu erzielen. Aber am erstaunlichsten waren die schwarzen Löcher in der Fassade, in denen wohl eigentlich Fenster stecken sollten. Sie waren krumm und ellipsenförmig; für einen Moment lange erkannte ich darin die Pervertierung menschlicher Augen, aber dazu fehlten die Pupillen oder irgendetwas anderes, das den Blick hätte fangen können. Ich muss eine Weile in die Fensteröffnungen gestarrt haben, aber da war nichts, nichts als Dunkelheit.
Als ich mich umdrehte, war das Licht der Straßenlaternen verschwunden. Ich weiß nicht, wann sie ausgeschaltet wurden; ich weiß nicht einmal, ob sie wirklich ausgeschaltet waren. Es war stockdunkel; das Licht hinter den Fenstern der Hotelburgen, die roten Blinklichter auf den Dächer, verschwunden. Selbst den Mond konnte ich nicht mehr sehen. Ich lief auf die andere Straßenseite, zu dem Hotel, das ich dort eben noch hell gesehen hatte. Aber als ich in der Dunkelheit etwas erkennen konnte, da sah ich nur wieder eine Ruine, eine Ruine mit verzogenen Wänden und Löchern, wo Fenster sein sollten.
Die Panik erfasste mich ganz: ich lief los, ohne zu wissen wohin, immer weiter die Straße entlang. Nach links und rechts sah ich aus den Augenwinkeln immer nur die gitterförmigen Betonfassaden mit den gähnenden schwarzen Löchern darin, kein bewohntes Haus, nichts, nur die Ruinen. Zweimal stolperte ich, einmal schlug ich mir den Arm auf, aber ich lief weiter. Ich muss eine ganze Weile gerannt sein, denn obwohl sich an dem, was ich um mich herum zu meinem Entsetzen sah, nichts änderte, schwand meine Panik allmählich. Schließlich lief ich langsamer, bis ich wieder ging. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, aber immerhin war ich wieder so ruhig, dass ich mich umschauen konnte; die Ruinen schienen mir nicht alle gleich zu sein, das fiel mir auf. Die, die ich zuerst gesehen hatte, war wirklich wie ein Hotel-Rohbau gewesen. Es gab aber auch Ruinen, die alten Gebäuden ähnelten; ich erkannte eine Kirche, eine Schule. Dann sah ich auch einen Supermarkt, zumindest hielt ich es für einen. Die Straße, der ich gefolgt war (ich glaube, ich bin nirgendwo abgebogen), war kurvig, und ein Instinkt weckte in mir den Verdacht, dass sie an irgendeinem Punkt wieder im Kreis führen musste; aber das ist nur ein Gefühl, und das muss nicht stimmen. Ich wusste nicht, wo ich war; ich war in einer verlassenen Stadt, oder so etwas ähnlichem, aber ich wusste nicht, wie ich von dort wegkommen sollte – oder wie ich dort hingekommen war.

Als ich den ersten Menschen sah, der mir auf der Straße entgegenkam, war ich froh. Fast wäre ich auf ihn zugelaufen, aber ich wollte ihm keine Angst machen und wartete deshalb geduldig, um ihn nach dem Weg zu fragen. Erst als ich ganz nah bei ihm war, sah ich den Strich. Die Angst legte sich wieder um meine Beine. Irgendein Laut entwich mir, ein Seufzen vielleicht oder ein überraschtes Pfeifen, dann war ich stumm. Das Wesen sah kurz zu mir auf; ich konnte keine Regung erkennen, nicht einmal ein Erkennen oder ein Fokussieren. Die Augen waren seltsam leer, auf eine vertraute Weise, und erst jetzt konnte ich auch hören, dass das Wesen unentwegt sprach. Ich verstand seine Worte sofort, ich weiß nicht, ob es Spanisch oder Deutsch war oder irgendeine andere Sprache, ich verstand sie einfach; es sprach von der Stadt, ganz so, wie es die Alten in der Bar getan hatten. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah, wie noch eine Gestalt aus der Dunkelheit kam und langsam die Straße herunterging, dann noch eine, und noch eine, schließlich sah ich viele, alle mit dem Strich durch das Gesicht gezeichnet. Ich sah auch die alte Frau aus dem Park; sie schob immer noch den schmutzigen Kinderwagen vor sich her, aber ihr Kichern war verstummt und vom dem sturren Gemurmel ersetzt worden, dass alle auf den Lippen hatten. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass diese Stadt nicht verlassen war; dies waren ihre Bewohner.
Ich weiß nicht, wieviele ich sah; ich weiß nicht, wie lang ich dort stand. Doch als ich loslief, da sah ich den Morgen am Horizont. Ein oder zwei der Wesen muss ich umgerempelt haben, ich erinnere mich daran, ihre Gesichter ganz nah vor mir zu haben; ich erkannte, wie sehr ihre Augen auf diese Entfernung den blinden Fensteröffnungen der Ruinen glichen.
Ich weiß nicht, wohin ich gelaufen bin: als ich morgens erwachte, lag in in einem kleinen, trockenen Graben gegenüber von meinem Hotel. Es war bereits Mittag. Den Kohlestrich auf meiner Stirn bemerkte ich erst vor dem Spiegel im Hotelzimmer. Ich reiste noch am Abend ab: der Portier sah mich nur hilflos an, als ich meine Geschichte erzählte. Ich weiß nicht, ob er mir geglaubt hat.
Ich habe die Tore der Schwarzen Stadt durchschritten und bin hierher zurückgekehrt; ich weiß nicht, warum sie mich gehen ließ. Manchmal denke ich, dass sie mich nie ganz losgelassen hat. Wenn ich traurig bin, dann spüre ich sie in mir, die Anwesenheit der Straßen und Plätze und Orte oder besser; ihre Abwesenheit. In manchen Augenblicken spüre ich das ganze unaussprechliche Netz der Gassen unter meiner Schädeldecke, die endlosen Ecken und Kurven und Sackgassen, den Puls ihrer entleerten Bewohner. Ich träume von ihr. Ich glaube manchmal, in ihr erwachen zu können; erwachen zu müssen. Vielleicht habe ich die Stadt nie verlassen.

Nicht nur Menschen

Diesen Artikel drucken 15. September 2008

Sie erkennen sich auf der Straße, nur am Blick, ein unsichtbares Nicken, du also auch. Da ist etwas Gefrorenes in ihren Augen, etwas Unmenschliches, etwas, das schon immer dem Hass gehörte, blind für das Leben, taub für Vergebung. Die meisten anderen Menschen haben schon von ihnen gehört, aber sie knüpfen Erwartungen an diese spezielle Spezies, wie sie sich vielleicht selber nennen würden, sie verknüpfen dieses Gefrorene mit Klischees, Bomberjacken, fremdländischen Flüchen, schlechter Kindheit vielleicht. Aber so einfach ist es nicht, und so gehen diese Einschätzungen oft fehl. Natürlich, es gibt sie, die offensichtlichen unter ihnen, die breitschultrig durch die Städte ziehen und jedem klarzumachen suchen, auf welcher Seite sie stehen, aber es sind nur wenige. Viele von ihnen tragen Anzüge und Aktenkoffer, selbst im Schlaf, gehorchen den Regeln, ewigen Regeln des Marktes, andere tragen Montagekleidung, manche Uniformen. Einige sind Außenseiter, wie sie kalt lächelnd sagen, sich dabei über die kahlgeschorenen Schädel fahren. Eigentlich sind sie ganz unabhängig von sozialem Status, von Einkommen, von politischen Haltungen und Dresscodes, von Hautfarben.
Vielleicht wurden sie schon so geboren, aber das wäre ein wenig zynisch, es erschiene unfair, nicht wahr, es wäre auch zu einfach, würde ihnen in die Hände spielen. Aber die Wahrheit ist; niemand weiß es genau. Gerne erzählt man von Arbeitslosigkeit, von strukturschwachen Regionen, von trinkenden Mütter und schlagenden Väter, und liebend gerne glaubt man all das, weil es Sicherheit bietet, es scheint den Kreis derer einzukreisen, die dieses besondere haben, dieses Gefährliche, das Außenstehende immer nur zu spät erkennen. Doch es ist eine falsche Sicherheit; ob Erklärungsmodelle der Moderne oder Prophezeiungen der alten Zeiten, sie alle gingen immer fehl.
Auch sie selbst wissen wohl kaum, warum sie so sind. Wer diese Gnadenlosigkeit hinter ihre Stirn gepflanzt hat. Was sie antreibt.
Klar ist nur, man hat sich Millionen von Bildern gemacht von ihnen; versucht, dieses Grauen, dieses Grausame einzufangen. Wenn im Film dort jemand einen am Boden liegenden tritt, so soll das einen von ihnen darstellen. Der Serienkiller im Abendprogramm, auch er ist einer von ihnen. Vielleicht war die Geschichte Kains eines der ersten Bilder. Manche würde sagen, Kain sei der erste unter ihnen gewesen.

Und es bleibt erstaunlich; trotz all dieser Vorstellungen, dieser Albträume, die Vorstellung bleibt vage. Selbst das sprachliche Vermögen bleibt unstet und nebulös, es zu benennen scheint unmöglich. Als eine gewisse Art der Gnadenlosigkeit könnte man sie beschreiben, diese Gemeinsamkeit, dieses Wesensgleiche, aber das bliebe eine Umschreibung, eine unsichere Begrenzung, mehr nicht. Das Böse hat man es früher genannt, vor der technischen Revolution, aber dieser Begriff ist obsolet, untergegangen im Fluss von Zwecken, Zielen, Rechtfertigungen.
Und dennoch, da bleibt etwas übrig, ein non-kausaler Rest bleibt von dem, was ansonsten wegerklärt wurde in der Rationalisierung der menschlichen Motive, etwas Unaussprechliches, ein kleiner Funken, dem der Begriff des Bösen vielleicht nie wirklich Bedeutung verleihen konnte. Nur Bilder helfen noch in der Wortlosigkeit, Bilder gesammelt in Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Religiöse Symbole sind darunter, Bilder von Teufel, Dämonen, abstrakten Gestalten spiritueller, naiver Boshaftigkeit. Und später auch die Zeichen einer anderen, totalitären Form, Fotos von zerstörten Städten, von Lagern, von düsteren Gräben voller Schlamm und Tod, in deren Kontext Begriffe wie ‘Sünde’ oder ‘Hölle’ nicht mehr zu passen scheinen, ersetzt worden sind durch die Befehls- und Handlungsketten von Ideologien und Prinzipien. Auch Darstellungen von Hungernden sind dabei, von Verdurstenden, von Menschen, die durch den Müll einer anderen Nation krank geworden sind. Andere Zeiten, andere Menschen, andere Bilder, andere Worte – Totalitarismus, Ideologie, Profitdenken, Gewinnmaximierung, Perspektivlosigkeit, Fundamentalismus.
Und obwohl all diese Worte und die mit ihnen verknüpften Konstrukte verschieden zu sein schienen, verschleierten sie doch eine Ähnlichkeit – eine diffuse, nicht greifbare Ähnlichkeit, eine Ähnlichkeit des Charakters, nicht der Oberflächen, etwa so wie die Ähnlichkeit zwischen entstellten Zwillingen.
Mit naiven Termen von Moral oder Antimoral wäre sie nicht zu fassen, diese Eigenart, auch wenn sich manche der Menschen, die sie tragen, dafür zu eignen scheinen.
Die meisten jedoch bewegen sich ganz und gar außerhalb solcher Begrifflichkeiten, ihre Taten decken sie durch Diskurslosigkeit, durch Nicht-Reflexion. Oder sie deuten sie ganz im Rahmen eines moralisches Systems, eines, dass sie sich selbst nach Belieben wählen; so ist es mit Inquisitoren, mit Faschisten, mit Bankkaufleuten, manchmal sogar mit Umweltaktivisten.

Die Wahrheit ist; es gibt keine klaren Erkennungszeichen. Sie müssen keine Waffen tragen. Es braucht keine politischen oder ethischen Bekenntnisse, auch Tätowierungen und Abzeichen liefern keine Sicherheit. Darüber kann man ins Grübeln verfallen; Manche denken gar, jeder könnte einer von ihnen sein, und vielleicht stimmt das auch. Vielleicht ist es sogar schlimmer – jeder von uns ist einer von ihnen, oder könnte so werden wie sie. Vielleicht dienen all die Bilder in Wirklichkeit dazu, uns vor uns selbst in Sicherheit zu wiegen.

EDIT: Lesetipp zu diesem Thema; Louis Borges – Deutsches Requiem und Arno Gruen – Der Wahnsinn der Normalität.

Gute Seelen

Diesen Artikel drucken 20. Juli 2008

Wenn da niemand wäre, der ab und zu zwischen den Betten hin- und hergehen würde, um einen gefälschten Brief unter eine der löchrigen Decken zu stecken oder mit schmutzigem Wasser überhitzte, fleckige Gesichter abzuwaschen, wenn es niemandem mehr gäbe, der sich wenigstens manchmal den fiebrigen Erzählen der vielen Verlorenen erbarmen würde, wenn kein menschliches Wesen noch diejenigen beruhigen würde, die aus ihren wirren, aber schönen Träumen in dieser düsteren Halle mit ihren staubigen Stahlstreben voller Risse erwachten – ja, dann wäre wirklich alles verloren.

Der Kampf nahm vieles, doch es blieben immer noch wenigstens ein paar wenige dieser guten, dieser treuen Seelen, die zumindest ein wenig Trost spenden konnten.

Natürlich gibt es auch die Ärzte, recht viele sogar; in ihren weißen Kitteln huschen sie durch die Lazarette, Geistern gleich. Viele von ihnen hatten ihre Ausbildung kaum beendet, als der Krieg kam, und so kennen sie ihren Beruf nur mit dem Antlitz, den er im Krieg hat – dem einer anderen Art des Krieges, eines aussichtslosen Vernichtungsfeldzugs gegen den Tod und die Kampfunfähigkeit.

Doch was nützen schon Ärzte; Beine können sie abschneiden, Splitter entfernen, aber was ist das schon. Sie sind nur Soldaten, auch wenn sie keine Gewehre tragen. Welchen Trost kann ein Soldat schon spenden? Hier, am Ende aller hehren Ziele und Siegesversprechen? Und: Was ist eine gut genähte Wunde schon ohne Trost, wenn es schon so weit gekommen ist mit der Welt? Nichts, und so braucht es immer noch ein paar gute Menschen, um wirklich zu heilen.
An manchen Orten, in manchen Spitälern gibt es keine mehr; sie sind getötet worden oder an Erschöpfung, am Kummer und am Dreck gestorben. An solchen Plätzen hilft die beste Kunst der Ärzte nichts mehr. Sie behandeln die Verletzten – vorrangig natürlich die Soldaten – sie operieren und amputieren, sie schneiden und schienen, aber die Menschen sterben trotzdem; vielleicht wollen sie es auch nicht anders, die Ärzte wie die Patienten; alles, alles mag geschehen, nur soll dieser verdammte Krieg endlich verloren gehen, der eine wie der andere. Ohne Hoffnung gibt es keine Chance auf Gesundheit.

Trost gibt es nur noch in wenigen Lazaretten und Spitälern; Verwundete schreien und zettern deshalb manchmal, wenn man sie in eins der Lager bringen will, in dem nur noch Ärzte arbeiten. Und so bringt man alle Verletzten im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern in diese alte Turnhalle, deren nackte Stahlstreben ganz rissig sind von den vielen Einschlägen in der Nähe. Dort arbeitet nur noch eine etwas ältere Frau, von den Ärzten abgesehen. Früher waren sie zu fünft, aber das war, als man dieses Lager eingerichtet hatte, vor vielen Monaten. Ihr Gesicht ist müde, und ein steifes Lächeln hat sich in die Mundwinkel gebrannt; zweimal wäre sie selbst fast Opfer einer der vielen Infektionskrankheiten geworden, die in den Lagern grassieren. Für sie gibt ebenso wie für ihre Kollegen in anderen Lagern keine Berufsbezeichnung; die Ärzte rufen sie meist immer noch Schwester oder Pfleger, aber kaum einer von ihnen hat eine entsprechende Ausbildung. Einen allgemeinen Oberbegriff gibt es nicht; nur die Alten sprechen manchmal von den Seelen, aber so redet auf der Straße niemand. Die Patienten und auch all die anderen nennen die Frau mit dem steifen Lächeln einfach bei ihrem Namen,
Auch sie hat den Beruf der Krankenschwester nie gelernt; sie war Lehrerin. Manchmal erzählt sie einem Patienten von ihren früheren Schülern. Die meisten von ihnen sind gefallen, und so tut sie es nur, wenn sie darum gebeten wird; sie weiß, dass es den Menschen gut tut, von früher zu hören. Doch meist redet sie nicht über ihre Schüler, sondern über etwas Unverfängliches aus der Vergangenheit. Sie hört auch zu, sie wäscht Wunden, kühlt Gesichter, sie tut, was getan werden muss, ohne Sold zu verlangen.

Sie ist, wie ihre Kollegen in anderen Lagern, nur ein Mensch; manchmal hat auch sie soviel Angst und Wut und Trauer im Bauch, dass sie nicht arbeiten kann. Sie trinkt, aber sie ist nicht die einzige, die abhängig ist; die meisten ‘Schwestern’ sind es auf die eine oder andere Weise geworden, auch wenn sie schon vor dem Krieg abhängig war. Ein Mann etwa, dessen Lager sich stetig mit der Front bewegt, muss von Zeit zu Zeit einen der Leichtverletzten mit einer infizierten Nadel anstecken – nicht um ihn sterben, sondern um ihn durch seine Pflege genesen zu sehen.
Solch absonderliche Obsessionen hat sie nicht, sie trinkt nur. Andere Personen verstehen manchmal nicht, dass auch sie wirklich ein Mensch und nicht nur ein gänzlich selbstloser Engel ist. Der Dienst und der Alkohol zehren sie langsam auf, das stimmt. Sie weiß das und lässt es zu; aber das muss nicht bedeuten, dass sie ihr Leben gern wegwerfen könnte oder wollte; das sehen die anderen nicht immer. Einmal etwa schlug eine Granate in das Dach der Halle; das Gebäude schüttelte sich und schien zusammenbrechen zu wollen. In Panik rannte sie hinaus und ließ die Patienten, die nicht laufen oder gehen konnten, zurück. Dorthin hatten sich schon die Ärzte gerettet; sie jedoch, die immer so hilfsbereit und selbstlos tat, was sie konnte, starrte man mit einer Mischung aus Unverständnis und Überraschung an, als ob man nicht begreifen konnte, dass diese Frau um ihr Leben lief, statt sich um ihre Patienten zu kümmern und im Zweifel mit ihnen zu sterben.

Es dauerte Monate bis der Stabsarzt, der das Lazarett leitet, wieder mit ihr sprach, aber er hegt ohnehin einen Groll gegen sie, zumindest manchmal; sie soll einer verbotenen Partei angehört haben, vor dem Krieg.
Natürlich ist das falsch. Sie war Zeit ihres Lebens ein eher unpolitischer Mensch, zumindest war sie nie in einer Partei. Wahr ist, dass sie vor dem Krieg, schon Jahre davor, auf Demonstrationen gewesen ist. Wahr ist auch, dass man sie wegen ihrer Ansicht über den Großen Konflikt unzählige Male angepöbelt, bespuckt und drangsaliert hat, so lange, bis der Krieg nach der Schlacht bei Krakau kippte und sie mit dem Dienst in den Lazaretten begann. Einmal pflegte sie einen Verletzten, den sie als einen der Polizisten erkannte, der sie am Rande einer Versammlung verprügelte; er erkannte sie nicht, und sie sagte nichts davon, pflegte ihn nur.
Falsch ist dagegen auch, was die Ärzte sich über den Grund ihrer Tätigkeit erzählen; weder ist sie Witwe, noch sind ihre Kinder aufgrund der schlechten Versorgung an der Front gestorben. Sie hatte nie Kinder und war nie verheiratet. Man könnte sie einfach fragen, warum sie tut, was sie tut; warum sie nicht davonläuft, so weit sie kann, wie es all die anderen tun. Aber es fragt sie niemand, zumindest keiner der Gesunden; Man hält sich lieber an die Gerüchte und ansonsten fern. Seit dem Einschlag auf dem Dach erzählt man sich, sie sei eine Politische und werde vom Abwehrdienst beobachtet.
Aber vielleicht würde es auch nichts nützen, sie nach ihren Beweggründen zu fragen. Es gibt keine speziellen, auch keine politischen. Es sind die gleichen, die sie schon seit Jahren umtreiben, die sie zuerst auf die Demonstrationen und schließlich in dieses Lazarett geführt haben.

Natürlich kennt auch sie die Gerüchte; über die meisten der stillen Helfer gibt es ähnliche, von der angeblichen Lebensmüdigkeit bis hin zu den politischen Verstrickungen. Viele von ihnen waren auf den Demonstrationen, fast alle gegen den Krieg. Mehr Frauen als Männer sind darunter, aber das mag dem langen Krieg geschuldet sein. Sie wissen, das diejenigen, die sie heilen, wieder kämpfen, wieder töten oder getötet werden; es ist ihnen gleich.
Die meisten von ihnen haben schon Probleme mit dem Abwehrdienst gehabt, und auch wenn dieser inzwischen zusammengebrochen ist, sprechen sie über ihre Ansicht nur selten, schon gar nicht öffentlich. Das wäre auch unnütz; für Lösungen ist es zu spät, das ist auch ihnen klar. Es gibt in jedem Konflikt den Punkt, ab dem der einzige Ausweg in der Vernichtung des anderen besteht, selbst um den Preis der eigenen Auslöschung, und dieser Punkt war schon lange vor den Bomben auf Paris und Hamburg überschritten worden.

Und so spricht auch sie nur über Politik, wenn sie jemand darum bittet; solche Gespräche beginnen meist mit der Frage, warum es so kommen musste und ob nicht alles anders sein könnte. Meist sind es Sterbende, die solche Fragen stellen.
Dann erzählt sie, was damals schon auf den Demonstrationen gesagt wurde, was sie schon lange vor dem Krieg gedacht hat, und die Augen der Geschundenen hängen an ihren Lippen. Wenn sie darüber spricht, kann man in ihrem Gesicht manchmal den Menschen entdecken, der sie einmal war. Es ist nicht die müde, alte Frau mit den den eingebrannten Falten, die vom Frieden erzählt, sondern der kleine Rest einer viel jüngeren. Vielleicht ist dieser Rest das einzige, was sie noch zum Spenden von flüchtiger, oft falscher und gefälschter Hoffnung befähigt; vielleicht, aber darüber denkt kaum jemand nach, dafür sind die Verwundeten zu gierig auf jeden Tropfen Hoffnung, auf jedes Quäntchen Leben. Aber zumindest hören sie genau zu.
Ganz ähnlich wie auch die ständig angetrunkene Helferin im Lazarett unter dem Dach der abbruchreifen Halle müssen viele der guten Seelen das als bittere, als zynische Genugtuung empfinden, dass man ihnen jetzt, da alles zu spät ist, zuhört. Als sie zum ersten Mal ihre Stimme erhoben, hat man sie zunächst ignoriert und dann belächelt. Als sie erste Demonstrationen veranstalteten, hat man sie als Träumer, als unverbesserliche Idealisten abgetan. Auch als die ersten Versammlungen mit Knüppeln aufgelöst wurden, hat man ihnen nicht zugehört und sie stattdessen angepöbelt, beleidigt, später geschlagen. Als man so begierig darauf wurde, die Brüder und Kinder von Bombenlegern zu ermorden, dass man begann, die eigenen dafür in den Tod zu schicken, hat man zehn von ihnen in einer großen Stadt an einem Pfahl aufgehängt, weil man sie als Verräter sah. Jetzt, wo es doch zu spät ist, hängen wenigstens die Augen der Sterbenden an ihren Lippen; Die Welt musste erst schwarz und leer werden, bevor man ihren Worten Gehör schenkte.

Ton

Diesen Artikel drucken 7. April 2008

Hätte sie mir von dem Traum nicht erzählt, mein Leben wäre vielleicht anders verlaufen. Ich bin mir sogar sicher, dass alles anders geworden wäre, wenn wir an jenem Abend nicht zusammengesessen hätten. Aber natürlich bleibt das Spekulation; ich kann es nicht wissen, und vermutlich ist das auch besser so.

Es war an einem Dienstag im Jahr 1987, das weiß ich noch genau. Ich weiß auch noch, was für Musik gespielt wurde, die Erinnerung an die Szene ist ganz klar erhalten geblieben. Im Hintergrund lief ein müder Countrysong. Ich weiß nicht, ob das passend war oder nicht; vielleicht schon. In meinem Kopf kann ich immer noch die kühle Stimme des Sängers hören, wenn ich daran zurückdenke, also glaube ich, dass es irgendwie schon passend war: Sonst hätte ich es mir wohl nicht so genau gemerkt. Manchmal denke ich, dass das die einzige Erinnerung ist, die wirklich mir gehört, mir. Als ob an diesem Abend irgendetwas in mir gestorben wäre. Das ist natürlich dumm; ich lebe, nichts an mir hat sich geändert, abgesehen von der Art, wie ich die Dinge sehe. Meine Perspektive hat sich gedreht, das mag sein.

Sie erzählte es beiläufig, und vielleicht ist das der Grund, warum ich die Musik in dem Café als so passend empfand, das denke ich manchmal. Aber auch das kann nicht stimmen; sie war aufgeregt, nicht aufgelöst, aber doch sehr aufgeregt, nur hatte ich kaum Interesse an dem Gespräch gezeigt. Ich schaute gerade einem hübschen Mädchen nach, das vor dem Fenster mit ihrem Hund spazieren ging, als sie von dem Traum zu erzählen begann: Ich drehte den Kopf wieder zu ihr. Den Ausdruck in ihren Augen werde ich bis zu meinem Tod nicht vergessen; vielleicht wird der Rest der Szene irgendwann verblassen, das könnte sein. Ich werde bald 45, und irgendwann wird der Verstand wohl träger werden, irgendwann werden sich meine Erinnerungen davonstehlen. Diesen Ausdruck aber, den werde ich sicher nicht vergessen, bis zum Ende nicht. Er stand nur für einen Bruchteil eines Moments in ihren Augen; ich habe mir das nicht eingebildet, glaube ich, er war da, einen unbeschreiblich grausamen Augenblick lang. Ich kann nicht beschreiben, was dieser Ausdruck genau war; man kann es nicht, niemand könnte es, befürchte ich. Es war so, als würde ich durch sie hindurchsehen, oder als würde ich durch sie in mich hineinsehen; beides, zugleich.
Ich hatte einen Traum, gestern, hatte sie gesagt, von dem muss ich dir erzählen. Er beschäftigt mich, und ich muss jemandem davon erzählen.

Es war ihr Traum, nicht meiner, und das lässt die Sache unwahrscheinlich erscheinen lassen, aber ich kann mir genau – ganz genau – vorstellen, wir ihr Traum aussah. Sie hat ihn nicht sehr detailliert beschrieben, aber trotzdem habe ich ein konkretes Bild vor Augen. In diesem Bild sitzt sie in dem Café. Es ist sehr voll, ich kann den Rauch riechen, ich kann das Stimmengewirr hören, den Kaffee schmecken. Und dann kommt jemand herein, den ich nicht erkennen kann; er trägt eine Sportjacke und eine Wintermütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hat. Er will nicht erkannt werden, das hat sie damals zu mir gesagt; er will nicht erkannt werden, niemand soll sehen, wer er ist. Er ist der Tod.

Bis heute verstehe ich diesen Satz nicht; denn er ist nicht der Tod, nicht in dem Bild, das ich von der ganzen Szene habe. Ich frage mich oft, ob ich sie falsch verstanden habe; ob mein Bild einfach nur falsch ist. Aber Bilder können nicht so einfach falsch sein. Sie sind subjektive Eindrücke, und vielleicht ist der Grund dafür, dass ich diese Szene niemals vergesse, genau der: Ich habe ihren Traum gesehen, aber durch meine Augen. Für sie war der Traum nur eine interessante, eine beängstigende Episode. Wir haben nach diesem Tag nie wieder darüber gesprochen, einmal habe ich versucht, mit ihr darüber zu reden, aber sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Für sie war es keine Katastrophe, sondern nur eine kleine Anekdoten. Ich glaube, sie hat wirklich den Tod gesehen in ihrem Albtraum: nur eine Figur, ein Spieler auf dem Spielfeld, der zusammen mit demselben verschwindet, wenn man erwacht. Ich dagegen habe mich gesehen, mich, und ich bin keine der Spielfiguren. In meinem Bild komme ich herein durch die Tür, nicht der Tod, nur ich in der Verkleidung des Todes.

Aber egal, wer der Mann ist; wir sind uns einig darüber, was er tut. Er setzt sich an ihren Tisch. In meiner Vorstellung nimmt er den Platz, den ich hatte, als sie mir davon erzählte, direkt am Fenster. Er fragt nicht, ob er sich setzen darf, und in ihrer Erzählung war das der Punkt, an dem ich den Charakter eines Albtraums erkannte. Hier beginnt die Gewalt, dachte ich damals. Die Würfel sind jetzt gefallen; hätte er sie gefragt oder sich nur an einen anderen Tisch gesetzt, dann wäre alles offen gewesen, aber so ist klar, dass es ein schlechtes Ende nehmen muss.

Er sieht sie an: Man kann kein Gesicht erkennen, so hat sie es beschrieben. Da ist ein Gesicht, aber man kann es nicht erkennen. Als hätte man diese Krankheit, bei der man Gesichter nicht unterscheiden kann. In meinem Bild ist das ebenso; aber ich weiß eben, dass ich unter dieser Maskerade stecke, ich bin mir ganz sicher. Das Ungesicht grinst; es grinst hämisch. Und dann sagt er nur zwei Sätze; er sagt sie ganz ruhig, aber auch so, dass man weiß, wie lange er sie studiert hat.

Glaubst du, was du siehst? Was siehst du denn?

Er lässt die Sätze ein oder zwei Sekunden wirken, starrt sie an, sucht nach der Reaktion. Dann steht er von seinem Stuhl auf und hebt ihn fast spielend hoch, ohne jedoch darauf zu verzichten, seine Kraft zu demonstrieren. Es ist eine Geste der Überlegenheit, eine, die sie klein wirken lässt und auch wirken lassen will.
Dann hebt er ihn über den Kopf, dreht sich herum und lässt ihn auf einen der anderen Gäste herabsausen.

Es ist eine rohe Tat, aber keine, die diese Art von Unwohlsein erzeugt, von der sie mir damals erzählen wollte. Ich habe dieses Bild genau vor Augen, wie der Stuhl krachend zerreißt, aber es macht mir keine Angst. Er oder ich, wir wollen diesen Gast nicht töten oder verletzen, darum geht es nicht. Wir wollen etwas zeigen, das noch viel schlimmer ist.

Als der Stuhl mit diesem lauten Geräusch explodiert, verstummen die Gespräche plötzlich. Ich kann keinen Rauch mehr riechen; in meiner Vorstellung dampfen selbst die Kaffeetassen nicht mehr. Die Gäste verharren; sie frieren nicht ein wie in einem Film, sie bleiben nur sitzen und starren.
Einen Moment dauert es, bis das Geräusch des zerstörten Stuhls verklungen ist, dann ist es still. Der Mann tritt von seinem Werk zurück. Und was man dann sieht, das ist der getroffene Gast, doch da ist kein Blut. Als sie mir davon erzählte, erwartete ich ein sehr blutrünstiges Bild; doch da war kein Rot, nichts. Nur dieser Mensch oder besser: dieses Ding. Ich kann nur versuchen, es zu beschreiben -
Sein Kopf ist nicht verletzt worden; er fehlt einfach nur, zumindest der größte Teil. Er scheint schräg abgebrochen zu sein, wie von einer alten Statue. Die Ränder sind spröde; da ist keine glatte Bruchkante, dieses Ding ist nicht eingerissen und es hat auch nicht nachgegeben wie weiches Fleisch. Es ist gesprungen, gesprungen wie ein Tonkrug. In ihrem Traum steht sie auf, um es genauer zu erkennen, und erst dann begreift sie, was wirklich geschehen ist; dieses Wesen war tatsächlich aus Ton. Das Innere war schon immer hohl: die dünne Schicht aus gebranntem Ton hat es schon immer zusammengehalten. Es war nur eine Oberfläche, und er oder ich haben diese Oberfläche zerschmettert. Da war gar kein echtes Wesen, kein wirklicher Mensch, den wir hätten töten können, nur dieses beschädigte Tongefäß, diese Sammlung von Fälschungen.
Ich weiß nicht genau, was dann geschieht; ich weiß, dass der Mann ohne Gesicht ihr etwas Hämisches zuruft und dann all die anderen Gäste zerschlägt, zerschlägt wie das erste Gefäß auch, aber ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge es geschieht oder wie er es tut. Manche scheinen nur unter seinem Blick zu bersten; er muss sie nicht schlagen, um sie zu zerbrechen, aber das ist meine Interpretation und nicht ihre. Sicher bin ich mir aber, dass auch sie irgendwann zuschlägt; sie hat das so erzählt, sie beobachtet die Szene zunächst nur, voller Angst, voller Ekel. Aber mit jedem Gast, der mit einem klirrenden Geräusch zerbirst, wächst auch die Wut in ihr; es ist eine unbestimmte Wut, ich kann sie mir genau ausmalen. Es ist die Wut von jemandem, der etwas sehr Wertvolles verloren hat. Die Wut einer Betrogenen. Und so packt sie irgendwann eine der großen Kaffeetassen und zerschlägt die Frau hinter der Kasse.
Für sie endete der Traum an dieser Stelle; entweder das, oder sie hat mir vom Ende einfach nicht erzählt. Dann bin ich aufgewacht, hat sie gesagt, ich war schweißgebadet und hatte die Hände zu Fäusten geballt.
An diesem Dienstag hat sie noch eine Weile darüber geredet; sie wollte von mir wissen, was ich davon hielt, aber ich konnte nicht viel sagen, das Bild hatte sich schon in meinem Kopf gebildet, während sie davon erzählt hatte, und so war ich mit mir selbst beschäftigt. Meine Erinnerung an das Gespräch verwischt sich an dieser Stelle; es war mir einfach nicht mehr wichtig, was sie sagte. Ich weiß noch, dass ich mehrmals nach dem Ende fragte , aber sie erzählte mir nichts mehr. In meinem Bild endet der Traum nicht mit der Zerschlagung des Kassierergefäßes, deshalb fragte ich nach; aber vielleicht hat sie wirklich nicht mehr gesehen.
In meiner Vorstellung ist es nicht die Kassiererin, die als letztes zerschlagen und somit entlarvt wird, nein. Sie steht vor diesem geborstenen Gefäß, hält die zerschmetterte Kaffeetasse noch in der Hand, und blickt zu dem Ungesicht – und damit zu mir – herüber. Von den Gästen ist keiner ganz geblieben, alle sind geborsten, alle waren nur Hüllen, nur Oberflächen. Nur ich stehe noch im leeren Raum zwischen den zerbrochenen Gefäßen. Ich gehe einige Schritte auf sie zu, in der Hand eine alte Teekanne.

Heuchlerin

nenne ich sie dann zweimal, bevor ich auch diesen Tonkrug zerschlage, diese Lüge enttarne. Das ist nicht das letzte Bild der Szene, eins muss noch kommen, das verstehe ich inzwischen, denke ich. Auch ich muss entlarvt werden, und so kommt es auch; die Kanne zerschlägt mein Ungesicht, und auch darunter ist nur hohle, leere Dunkelheit, die Schwärze eines geplatzten Betrugs.

Ich denke manchmal, es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn ich diesen Traum wirklich gehabt hätte; dann wäre ich aufgewacht, und alles wäre gut gewesen. Aber ich hatte ihn nicht; ich kann nicht erwachen, ich bin schon wach. Oder ich bin an diesem Dienstag im Jahre 1987 auf eine Weise aufgeweckt worden, die man nicht zurücknehmen kann, die nicht korrigierbar ist. Für sie ist es ein Traum geblieben, etwas, was man am ehesten als ein Spiel ohne Einsatz verstehen kann. Für mich ist es zur Wirklichkeit geworden, und die gibt es nicht ohne Einsatz.

Es ist nicht so, dass mein Leben an diesem Tag geendet hätte; das habe ich schon gesagt. Aber trotzdem hat sich vieles verändert. Vielleicht liegt es nicht nur an diesem Erlebnis, vielleicht ist es auch eine Form von Selbstbetrug, es nur auf ihre Erzählung zu schieben, aber ich lebe seit diesem Tag allein. Ich mache meine Arbeit, das habe ich auch vorher schon getan. Doch ich bin in den Wachdienst gewechselt: ich bewache nachts Industriegebäude. Mir ist klar, warum ich das tue und nichts anderes; ich ertrage keine Menschen mehr um mich. Sicher bin ich einsam, da mache ich mir nichts vor. Aber es ist eine andere, eine irreversible Art von Einsamkeit. Menschen, die einsam sind, wünschen sich einen anderen Menschen, der in ihrer Nähe ist. Das wünsche ich mir nicht. Ich fühle mich einsam, aber ich weiß, dass daran nichts zu ändern ist.
Mein Leben ist ja auch nicht schlecht, das kann ich nicht behaupten. Manchmal esse ich abends ein Steak, oder schaue fern: Das bringt mir ein wenig Zerstreuung, auch wenn ich Filme, in denen Menschen spielen, nur schwer ertrage; mir sind Tierdokumentationen lieber.

Es ist immer das gleiche, wenn ich doch einen Spielfilm einschalte oder mit dem Bus zur Arbeit fahren muss; alles ist normal, ich sehe die Menschen um mich herum, ich höre ihre Gespräche. Doch dann drehe ich den Kopf, vielleicht sehe ich aus dem Fenster oder nach den Fischen in meinem Aquarium. Und dann ist es wieder da, das Geräusch der klirrenden Tonkrüge, und aus den Augenwinkeln sehe ich ihre hohlen, leeren Gesichter; diese Fälschung, die sie Mensch nennen. Etwas Ähnliches passiert manchmal, wenn ich zu lange in den Spiegel sehe; es wäre auch eine unerträgliche Ungerechtigkeit, wenn es nicht so wäre. Deshalb endet der Traum auch so und nicht anders, es musste so sein. Ich bin nicht anders als sie; Ich bin nur eine Oberfläche, ein Außen, mehr nicht. Darüber muss man sich keine Gedanken machen: Ich habe es getan, und manchmal bereue ich es.