Die Krankheit

geschrieben am 7. Februar 2010 um 03:15 Uhr

Der Bus der Linie 8 hielt um 15:03 Uhr am Klinikum. Zweimal schon hatte er auf die Notiz in seinem Mantel sehen müssen, um sich wieder daran zu erinnern: beständig hielt er eine Karte des Arztes zwischen den Fingern, um die Zimmernummer nicht zu vergessen. Er fragte sich, ob es an der Aufregung lag oder ob es Teil der Krankheit war.
In der Klinik angekommen brachte man ihn zu einem Wartezimmer. Nach wenigen Minuten kam eine Schwester mit undurchdringlicher Miene und führte ihn in einen Besprechungsraum: Der Arzt hatte schon begonnen zu reden, bevor er den Raum betreten hatte.

“Ich muss ihnen leider mitteilen, dass die Krankheit noch nicht sehr gut erforscht ist; Es gibt nur wenige Hundert dokumentierte Fälle auf der Welt, und bisher gibt es nur eine verlässliche Untersuchung zu dem Thema. Ich muss gestehen, ich hatte selbst noch nie davon gehört, und wenn es da nicht einen sehr engagierten Assistenzarzt gegeben hätte, der die Arbeit zufällig gelesen hatte, dann wüssten wir vermutlich nichts mit ihren Symptomen anzufangen. Ein amerikanischer Arzt – Bridge – hat vor zwei Jahren Patienten untersucht, die zunächst unter den meisten der von ihnen beschriebenen Symptomen litten. Ich kann es ihnen nur sagen, wie es ist; Bridges Patienten sind alle tot. Sie starben innerhalb weniger Jahre nach Ausbruch der Krankheit, und man kann seine Arbeit leider auch kaum mehr nennen als eine Systematisierung der Symptome in ihrer zeitlichen Abfolge, also ein Phasenmodell. Es gibt keine weitere Forschung auf dem Gebiet, weder laufend noch abgeschlossen. Die Pathogenese liegt völlig im Dunkeln, und keins der Präparate, die üblicherweise bei solchen Befunden verabreicht werden, hatte irgendeinen Einfluss auf Bridges’ Patienten. Wir können und werden natürlich auch bei ihnen eine Reihe von Medikamenten und Therapien versuchen, aber momentan sieht es, so schwer das auszusprechen ist, sehr, sehr düster aus. Ich kann ihnen auch kaum Hoffnungen auf eine Fehldiagnose machen. Die Blutmarker, die man dem Bridge-Syndrom zuordnet, sind eindeutig und in großer Zahl nachweisbar.”

Er entschuldigte sich bei dem Arzt, der nur stumm nickte, verließ das Besprechungszimmer und ging einige Schritte hinüber in einen der Waschräume. Einige Sekunden dauerte es, bis er begriff, wie man die Armaturen bediente, dann floss das Wasser in ein silbriges Waschbecken. Er tauchte seine Hände hinein und wusch sie ausgiebig; erst säuberte er die linke Hand sorgfältig, dann die rechte. Als er fertig war, fand er nichts, um sie zu trocknen. Schließlich rieb er sie an seiner Hose und dem Pullover. Als er sich zur Tür drehen wollte, sah er den gelben Schein hinter dem Milchglas: Die Sonne schien endlich wieder. Es würde warm werden. Er lächelte still und fast ausdruckslos in sich hinein, dann ging er.

“Das Phasenmodell ist relativ präzise. Es basiert auf einigen Dutzend Verläufen der Krankheit, und die leider äußerst starke Ähnlichkeit zwischen diesen Abläufen motiviert Bridges Einteilung in vier Phasen; ich denke, über die sollten wir jetzt doch sprechen, auch wenn das sehr unangenehm sein wird.
In Phase Eins befinden sie sich, so wie wir das einschätzen, gerade jetzt: Sie ist vor allem gekennzeichnet durch eine Reihe von verhältnismäßig leichten Symptomen, die noch relativ unspezifisch für das Bridge-Syndrom sind, so etwa Konzentrationsstörungen – von diesen haben sie ja auch berichtet- aber auch kleinere Störungen der Kurzzeitgedächtnisses sowie eine gewisse Mattigkeit. In den meisten Fällen wird das Bridge-Syndrom zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostiziert, viele Patienten suchen nicht einmal einen Arzt auf. Wenn sie es doch tun, so kommt meist gar keine Diagnose zu Stande, bevor nicht Phase Zwei beginnt, oder aber es werden andere neurologische Erkrankungen angenommen, wie etwa Demenz oder Alzheimer. Insofern könnte es möglicherweise von großer Bedeutung für ihre Therapie sein, dass wir das Bridge-Syndrom bei ihnen schon so früh erkannt haben.”

Er bedankte sich für die Offenheit des Arztes, der in mit seltsam stummen Augen ansah und während des Gesprächs immer wieder seinen Blick gemieden hatte, und verabschiedete sich. Zunächst hatte er die Ausführungen des Arztes für unpassend kalt gehalten, aber er verstand, dass auch dieser von der Situation betroffen war. Noch auf dem Weg aus dem Raum wählte er die Nummer seine Frau und erklärte ihr, was man ihm gesagt hatte; dann weinten beide, bis er schließlich wortlos auflegte.

Im Lift traf er wieder auf den Arzt mit den stummen Augen, der ihn knapp grüßte.
“In Phase Zwei werden die Störungen des Kurzzeitgedächtnisses schnell drastischer. Der Einfluss der Störungen auf das Alltagsleben der Patienten wird schnell sehr groß. Einigen gelingt es zwar, den Alltag bis zum Eintritt von Phase Drei selbst zu bestreiten, aber Bridges’ Ergebnissen nach beschleunigt dies den Verlauf der Krankheit. Insofern sollten wir darüber nachdenken, sie aufzunehmen. Es gibt einige sehr charakteristische Symptome, die sich in Phase Zwei einstellen. So nehmen empathische Regungen der Patienten ab; ihr Interesse am Schicksal anderer nimmt ebenso ab wie das an ihrem eigenen. Das mag der Grund dafür sein, dass das Bridge-Syndrom erst in den letzten Jahren als Krankheitsbild isoliert wurde. In vielen Fällen hat man diese Symptome einfach für eine Form von Akzeptanz gehalten, ganz im Sinne der gängigen psychologischen Trauermodelle. Bridge konnte durch neurologische Untersuchungen aber beweisen, dass es sich um eine tatsächliche Aktivitätsabnahme in einigen Hirnbereichen handelt, die sich psychologisch nicht erklären lässt. Ebenso wird eine steigende Reiz- und Schmerzunempfindlichkeit beobachtet: Viele Patienten berichteten davon, dass sich bekannte Gegenstände oder Eindrücke plötzlich anders anfühlten, oder dass sie einige Dinge kaum wiedererkennen, ohne dass dies auf einen Erinnerungsverlust zurückzuführen ist. Es ist völlig unklar, wie dies im Zusammenhang mit den anderen Symptomen steht oder ob es überhaupt einen Zusammenhang gibt.”

Der Arzt begleitete ihn bis in sein Zimmer, wo ein Pfleger schon wartete: er wurde gewaschen, man zog ihm ein Krankenhemd an. Schließlich wurde er in ein Bett gelegt, von wo aus er aus dem Fenster sah, bis seine Frau ins Zimmer kam,
“Ich liebe dich.” sagte sie und lächelte ihn an. Die Sonne stand hell am Himmel, und sie hatten einige Zeit, bis sie weiter mussten: sie küssten sich innig.

“Du hast nicht angeklopft” sagte er dann nüchtern. Sie küsste ihn auf die Wange; ihre Augen waren gerötet und von einem dunklen Kranz umgeben. Er schob sich aus dem Bett und stützte sich dabei, so gut es ging, auf die Krücken. Sie wollte aufstehen, um ihm zu helfen, aber er deutete ihr, sitzen zu bleiben. Einige Schritte bewältigte er mit tauben Beinen, dann knarrte eine der Krücken seltsam blechern. Er schlug auf den Boden, ohne eine Ton von sich zu geben, und blieb auf der Schulter liegen: über sich er konnte die dampfende Kaffeetasse auf dem Tisch sehen. Seine Frau schrie auf, und eine Tür wurde geöffnet. Man hob ihn zurück ins Bett.
Die Rosen rochen nicht mehr; Er trank einen Schluck kalten Tee, den ihm seine Frau anreichte. “Was wäre denn anders, was wäre besser, wenn wir uns nicht kennengelernt hätten?”fragte sie so, als ob sie eine Gegenfrage stellen würde, ihre Stimme klang tränenerstickt; “Bald wird es so sein als ob.” antwortete er kühl. Sie weinte. Er drehte sich zur anderen Seite des Bettes und starrte in den grauen Himmel. Als sie schließlich ging, kam der Arzt und fragte nach seinem Befinden. Er antwortete nicht, und der Arzt redete einige Minuten auf ihn ein.

“Mit Phase Drei beginnen die völlig unverstandenen Symptome des Bridge-Syndroms. Während der Verlust der Kurzzeitgedächtnisses nicht weiter fortschreitet, bilden sich schwere Störungen der Erinnerungskoordination aus, wie Bridge es nennt. Anfangs sind es kleine Episoden, die der Patient sozusagen verschiebt, also die zeitliche Reihenfolge verändert. Ein Patient von Bridge etwa glaubte, erst nach dem Mittagessen gefrühstückt zu haben, und beschwerte sich daraufhin beim Klinikpersonal. Diese Art der Vermengung von Erinnerungsepisoden nimmt stetig zu. Anfangs scheint ein psychologischer Mechanismus noch zu bewirken, dass die Patienten anstatt der eigentlichen Geschehnisse eine andere, zusammenhängende Geschichte erzählen, aber dieser Effekt verliert sich mehr und mehr, je stärker die Fehlordnung wird. Um ein Bild zu gebrauchen, erzählen die Patienten am Anfang der Phase Drei noch stimmige Geschichten, auch wenn sie falsch sind: Es ist ihnen auch wichtig, dass sie stimmig sind und als wahr akzeptiert werden. Im späteren Verlauf dagegen nimmt diese Neigung ab. Erinnerungen werden kaum noch verknüpft, Ereignisse folgen völlig unzusammenhängend aufeinander, Orte, Zeiten und Personen werden unablässig ausgetauscht. ”

Er setzte sich einen Kaffee auf und sah in etwas, dass er für einen Spiegel hielt; heute war ein guter Tag zum Wandern. Dann nahm er einige Kleidungsstücke aus dem Schrank und stopfte sie in den Rucksack. Draußen wartete sie bereits: Die Rose schien sie sehr zu freuen. Er hatte geplant, sie ihr erst auf dem Gipfel zu geben, es aber dann verworfen. Sie umarmte ihn lang, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg in die Klinik.

“Die Patienten scheinen dies nicht mehr bemerken oder korrigieren zu wollen. Damit zusammenhängend entwickelt sich ein weiteres Symptom, welches wir nicht einmal im Ansatz begreifen: die Patienten verlieren sich, um es wenig technisch auszudrücken. Es scheint so, als würden sie sich immer mehr zurückziehen. Neben den schwächer werdenden Reizreaktionen bilden sie auch eine Parese aus. Sie bewegen sich kaum; auf Ansprache reagieren sie nur selten, und wenn, dann nur einsilbig und teilweise geistig klar, teilweise deutlich verwirrt. Im Übergang zu Phase Vier reden sie manchmal, auch ohne jede Veranlassung, plötzlich los und erzählen von sich selbst oder ihrem Leben, stets aber jedoch in der dritten Person, so als ob sie über jemanden anders berichten würden. Auch hier zeigen sich die charakteristischen Episodenverschiebungen. In einigen Fällen wurde festgestellt, dass die Patienten zwar noch auf Fragen antworten konnten, so wussten sie etwa noch, in welchem Krankenhaus sie waren, aber Fragen nach ihrer Person schienen sie überhaupt nicht mehr zu verstehen, sie reagierten verwirrt bis gereizt.”

Er hatte dem Arzt zugehört, dabei aber ein Pärchen beobachtet, welches sich scheinbar unablässig vor dem Fenster des Besprechungsraums küsste. Sie schienen ihn nicht zu bemerken: ein anderer Mann, der schon eine Weile neben ihm saß, schien eine Frage zu haben.
“Wie wird es enden? Was wird mit mir geschehen?” Einen Moment lang dachte er an das Schicksal des Mannes, der so aufgelöst klang, dann dachte er an das Pärchen vor dem Fenster.

“Phase Vier endet mit dem Tod; die neurologischen Befunde, die bisher erbracht wurden, zeigen eine fortgesetzte Zerstörung wesentlicher Hirnbereiche, die bisher immer zum Tod führte. Wie ich gerade schon sagte, ich kann ihnen auch kaum Hoffnungen machen. Der Verlauf nach Bridge besagt, dass die Reaktionen auf äußere Einflüsse immer weiter abnehmen, gleichzeitig scheinen die anderen Symptome in ihrer Ausprägung erhalten zu bleiben, soweit man das sagen kann. Es mündet schließlich in eine Art Wachkoma, in dem die Patienten für wenige Monate verbleiben, bis sie schließlich sterben. Es scheint so zu sein, als ob sich das Gehirn in Abwesenheit äußerer Reize teilweise regeneriert, was die Zerstörung des Hirngewebes verlangsamt.”

Er saß in einem Bus der Linie 8 und starrte aus dem Fenster: in der Hand hielt er eine Visitenkarte mit einer Adresse darauf, die er unablässig zwischen den Fingern drehte. Neben ihm unterhielten sich andere Fahrgäste.

“Aber was bedeutet das? Wie wird es am Ende sein?”

“Das können wir nicht wissen, eben weil noch nie ein Patient aus diesem Zustand erwacht ist. Man kann nur Vermutungen anstellen; Bridge hat festgestellt, dass die komatösen Patienten für lange Zeit noch rege Hirnaktivität aufweisen, auch wenn sie der in Phase Drei gemessenen gleichkommt. Man kann nur spekulieren; sicher ist, dass sie keine Schmerzen mehr haben. Die Beschäftigung der späten Phase Drei-Patienten mit Erinnerungen deutet daraufhin, dass auch im Wachkoma immer wieder Erinnerungen hin- und hergeschoben, neu verknüpft und anders erlebt werden. Was davon bewusst erlebt wird, ist eine andere Frage; die Patienten ziehen sich, wie ich schon erwähnte, von sich selbst als Subjekt immer stärker zurück. Sie sprechen von sichn ur noch, als würden sie über Dritte sprechen; manchmal erzählen sie ganze Episoden oder Verknüpfungen aus diesen, als wären es Kurzgeschichten, die einem fiktiven Protagonisten geschehen sind. Vielleicht ist es so, Bridge vermutet es jedenfalls; vielleicht bleibt von den Patienten noch ein Rest, so etwas wie ein Beobachter oder ein Leser, der auf das verworren und unverständlich gewordene Leben und Erleben eines Dritten starrt.”

edit: Das ist wohl die Folge, wenn man so spät noch schreibt: zehn Fehler habe ich gerade korrigiert, der eine oder andere könnte aber noch da sein.

5 Jahre bad_indicator.

geschrieben am 2. Februar 2010 um 13:46 Uhr

Besser spät als nie: Am 17. Januar hatte dieses Weblog seinen fünften Geburtstag.

Transformation

geschrieben am 18. Januar 2010 um 21:31 Uhr

Ich bin nur ein Mensch; dennoch gibt es drei, möglicherweise vier Personen, die diese Aufzeichnungen abfassen oder wenigstens später glauben werden, sie verfasst zu haben. Ich weiß nicht, wer sie tatsächlich verfasst; womöglich ist diese Unsicherheit auch nicht aufzulösen, vielleicht ist sie dem Menschlichen selbst geschuldet, der Abhängigkeit der Wahrheit von der Perspektive des Subjekts. Es ist mehr eine vage Spekulation, dass die Person, die diese Zeilen gerade schreibt, einen Mischzustand bildet, von dem man nicht sagen kann, ob und wann seine Vieldeutigkeit wieder in die Homogenität eines einzelnen Individuums, einer diskreten Person übergeht, auch wenn ich mir sicher bin, dass der Plan, der alles leitet, dies als letzten Zweck beinhaltet.
Inhalt und Zweck meiner Aufzeichnung aber ist, das ist mir recht klar, eine Erläuterung des Begriffs der Transformation, gleichsam ein Abschied, eine notwendige (wenn auch unvollständige) Erinnerung und eine Rechtfertigung, bestimmt für den Menschen und die Person, die einmal glauben werden, die Zeilen geschrieben zu haben, wenngleich dies in gewisser Hinsicht auch wahr sein mag.

Die Transformation bezeichnet, allgemein gesprochen und vom technischen Terminus befreit, den Wandel des einen hin zum anderen vermöge eines Dritten; Dies mag, wenigstens im Nachsatz, allgemein nicht richtig sein. Wo, so könnte man fragen, ist der Dritte beim Wandel, bei der Transformation des Bäumchens zum Baum? Diesem Einwand gebe ich statt, möglicherweise ist es nur eine facon de parler, wenn ich von dem Dritten spreche. Wenigstens in dieser Form aber mag man mir dann zustimmen; der genannte Wandel würde sich wohl nirgendwo in der Natur vollziehen, wäre da nicht genug Licht, Wasser und anderes, auch nicht ohne den verborgenen Plan der Natur dahinter (wenn man mir diese Metapher gestattet). Im Falle des Baumes mögen wir nichts davon wörtlich den Dritten nennen, es widerspräche auch dem wissenschaftlichen Weltbild und jeder empirischen Erkenntnis, einen solchen zu benennen.

In der Transformation, die das Ding betrifft, dessen Hand diese Zeilen schreibt, gibt es sehr wohl einen solchen Dritten, und dessen Rolle nehme ich zur Zeit ein; es ist eine Rolle, weil ich sie bald, spätestens aber morgen abgeben werden, und weil mich diese Rolle nicht völlig bestimmt. Ich bin eine temporäre Erscheinung, so wie der Eindruck von einer Person, den man im Halbdunkel gewinnen kann, kurz bevor man diese dann als Bekannten erkennt, aber dabei immerhin von solcher Dauer, dass mir diese Aufzeichnung möglich ist.

Ich besitze drei kleine, schwarze Bücher, die voll sind mit Bauplänen, technischen Zeichnungen und Spezifikationslisten. Abgesehen von den ganz offensichtlich unverrückbaren Parametern, die in der Transformation keine Berücksichtigung finden können, weil sie nicht zu ändern sind – so etwa gewisse Maße oder auch Strukturen der äußeren Erscheinung, ist in den Unterlagen alles bis ins Kleinste berücksichtigt. Es finden sich darunter auch naturgetreue Zeichnungen von Brustmuskulatur und Brillenbügeln; diese in ihrem Planungsaufwand paradoxerweise zeitraubenden Merkmale werden in der Realisierungsphase, in der ich mich nun befinde, nur verhältnismäßig wenig Aufwand bedeuten. Arbeitsintensiver werden dagegen die Teile der Transformation ausfallen, die in den endlosen Spezifikationslisten auf- und ausgeführt sind und in ihrer Natur wesentlich funktioneller sind, tiefer liegen, sozusagen. Das soll nicht bedeuten, dass sie für den Beobachter nicht erkennbar sind oder Ähnliches, ganz im Gegenteil, der größte Teil der Spezifikation betrifft ja gerade das Verhalten, welches wie keine andere Größe bestimmt, wer wir für andere sind, wer ich für den anderen bin. Mag es zwar der äußeren Erscheinung nicht zugerechnet werden – und so scheint es Konvention zu sein – stellen die Spezifikationen doch einen Großteil dessen bereit, was wir allgemein den Eindruck von einer Person nennen.
Die Schwierigkeiten, mit denen diese Abschnitte der Transformation behaftet sind, bedürfen wohl kaum einer Erklärung; zu betonen bliebe nur, dass diese, Disziplin, Technik und Opferbereitschaft vorausgesetzt, allesamt mit großer Sicherheit lösbar sind, auch wenn mir die technischen Details – so will es Spezifikation #12 – nicht mehr bekannt sind. Da Spezifikation #12 zu Charge #2 gehört, welche ich also bereits am zweiten Tag in meiner Zelle eingenommen habe, gehe ich davon aus, dass der Person, die ich als Mensch einmal war, gerade diese Veränderung, dieses Vergessen, äußerst wichtig war. Ich kann nur spekulieren, warum dies so ist; möglicherweise hatte diese Person erkannt, dass das Wissen über die Transformation und ihre genauen Gesetzmäßigkeiten, die pharmazeutischen und medizinischen Geheimnisse, die zur Erzeugung der Chargen notwendig waren, zu gefährlich seien, um sie einem nachgerade doch völlig Unbekannten mitzugeben.
Mir scheint es auch nicht nötig, den genauen Prozess zu kennen; die Technik ist meiner Überzeugung nach in sich perfekt (dies gebot schon Spezifikation #2), und der Wandel geht so rasch voran, dass ich diesen Brief trotz der relativen Stabilität meines Bewusstseins zügig abfassen muss. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass ich vergesse fortzuschreiben: Einmal schon muss dies geschehen sein, denn ich erinnere mich nicht mehr an die ersten Zeilen.
Ich akzeptiere diese Beschränkung freimütig, kann ich doch erkennen, dass der Prozess vorangeht. Noch sehe ich viele Brüche, viele sich widersprechende Haltungen und Eigenheiten an oder in meinem Charakter, doch sie lösen sich unter der Behandlung mehr und mehr auf, wechseln zu einer tiefen Harmonie, die nicht einmal die Natur hervorbringt. Bis gestern etwa liebte ich den Jazz, doch verabscheute seine stumpfen Rhythmen (Spezifikation #155), was mir jeden Musikgenuss verleidete und mich tonlos in meiner Zelle sitzen ließ, obschon doch eine Musikanlage darin steht.
Heute nun habe ich entdeckt, dass ich Chopin liebe, und seitdem höre ich ihn mit Genuss. Ich sah in die schwarzen Bücher: es wird bleiben (#196). Ich werde Chopin immer lieben! Es ist nicht die einzige Veränderung, welche die letzte Charge bewirkte: Einige sind mir bewusst, so etwa meine ewige Liebe zu Chopin oder meine weiter gefestigte Haltung gegenüber Fleisch und fettiger Nahrung (heute Mittag ließ ich das Fleisch auf dem Teller, es ekelte mich zutiefst an), andere dagegen sind mir weitestgehend verborgen: Ich habe von ihnen gelesen, aber es erscheint mir nicht, als ob sich etwas verändert hätte. Von den 54 Chargen sind nur noch 22 übrig: Ich bin die Liste von Charge #32, also die Reihe von Eigenschaften, die ich mir noch geben werden, bereits heute morgen durchgegangen. Ich freue mich darauf, Mitleid mit den Armen zu empfinden, und ich freue mich ebenso, morgen nicht mehr zu sein, weil ich jemandem anders, einem anderen Dritten Platz mache. Die kümmerliche eine Person, die in den meisten Menschen wohnt, ist versucht dem Tod zu entgehen, das weiß ich wohl. In meinem Fall scheint es aber anders zu liegen: Ich bin nur ein Zwischenprodukt, und unfertig wie ich bin, wäre das Leben mir wohl eine Qual, wüsste ich nicht, dass es vorbeigeht und einem anderen, harmonischeren Platz macht, welches wiederum unausweichlich dem Ausgang der Transformation entgegenstreben wird (entsprechend Spezifikation #1), so wie ich es tat, als ich die heutige Charge einnahm.

Transformation

Mir erscheinen die Zeilen, die oben von einer Erinnerung, gar einer Rechtfertigung künden, als ein seltsames Artefakt, welches zwar möglicherweise nicht wünschenswert, aber dennoch von dokumentarischem Belang ist: Ich konnte den Autoren der Worte eingrenzen auf den Bereich zwischen Tag/Charge 5 und Tag/Charge 8. Erst #30 und #32 eliminierten jede Form von Schuld und jede Verantwortung für die Person, die diese Transformation vormals geplant und eingeleitet hat, während #18 den Wortschatz etablierte, der sich in den Sätzen zeigt. Sollte ich eine Bezeichnung wählen, so schrieben es entweder Nummer Fünf, Sechs, Sieben oder Acht. Ich bin Nummer 32 in dieser Hierarchie, und damit so gänzlich verschieden von jenen, dass mir ihre Gedankengänge nicht mehr zugänglich sind: man mag mir verzeihen, wenn ich keine Rechtfertigung, nicht einmal eine Erinnerung niederschreiben kann. Ich erinnere mich nicht und es gibt nichts, wofür ich mich rechtfertigen müsste. Der Gedanke daran, dass ich vormals ein anderer war, und dass dieser andere aus Gründen, die mir verborgen bleiben, diesen Weg wählte, um durch Transformation – und durch mich sowie meine Vorfahren und Nachfolger – ein anderer zu werden, schreckt mich nicht, noch weckt es in mir Bedenken (#31 und #33). Sollte ich spekulieren, und dies ist mir aufgrund der bereits verinnerlichten psychologischen Kenntnisse möglich, so kann ich nur vermuten, dass der Erschaffer der Chargen, dem ich mich so nah fühle wie auch einem Hausschwein oder einem Hasen, in höchstem Maße verzweifelt, bei all dem Leid aber auch in technischer (und nicht zuletzt künstlerischer, man denke nur an Chopin!)  Hinsicht begabt genug war, um diesen Weg zu finden. Mir ist nicht bekannt, aus welchen Gründen er nicht sein wollte, wer er war, wohl aber ist mir die Tatsache vertraut, dass es den meisten Personen schwerfällt, nur eins zu sein und daran nur mühsam etwas ändern zu können: Möglicherweise, so denke ich es mir, war er gar nicht so verschieden von all den anderen Wesen. Auf eine Art erscheint es mir grausam, dass er mir, dir und uns die Fähigkeit nahm, auch anderen Menschen derart zu helfen; es gäbe viele, die den Prozess bereitwillig durchlaufen würden, so denke ich es mir, auch wenn ich weiß, dass #212 dies ändern wird. Die Natur, so sagt es bereits die Alltagsvernunft der meisten (#77), schafft nur selten wahrhaft harmonische, weil stimmige Strukturen. Kein Baum, an dem nicht ein Makel der Asymmetrie wäre, kein Vogel, dessen Gefieder nicht die eine oder andere Unstimmigkeit besäße: mit den Menschen und den Personen, die ihnen innewohnen, ist es nicht anders. Der Charakter wächst wild wie Gestrüpp oder Unkraut, ohne dass es je einen Gärtner gegeben hätte, und nur allzu schnell nistet sich der Makel ein, zerstört die Schönheit absoluter Symmetrie. Ich kann mich glücklich schätzen, dass der Mann, der einst die Bücher schrieb, die Technik entwickelte und die Zelle für die Dauer der Transformation einrichtete, uns und vor allem dich, der du am letzten Tag diese Zelle verlassen wirst, nicht diesem Schicksal überließ. Die Natur mag aus dem Nichts das Schöne hervorbringen; doch zu ihrer Perfektionierung braucht es den geschulten Intellekt – und die Transformation.

Der Traum und die Anderen

geschrieben am 14. Januar 2010 um 14:20 Uhr

Es war bereits zehn nach fünf, als er zum ersten Mal an diesem Abend – oder besser Morgen – die Zeit fand, eine kleine Pause zu machen. Das war nichts Ungewöhnliches an einem Freitag; der Laden war meist völlig überfüllt, und da er der einzige war, der an der hinteren Theke bediente, hatte er meist alle Hände voll zu tun. Er schenkte aus, kassierte, nahm die nächste Bestellung entgegen, ununterbrochen; es war anstrengend, zumal es in der Nähe der Tanzfläche so heiß war, dass manchmal Kondenswasser von der Decke tropfte.
Jetzt, um zehn nach fünf, lichtete sich die Tanzfläche langsam. Diejenigen, die schon den ganzen Abend bei ihm bestellt hatten, waren entweder auf dem Weg nach Hause oder hatten genug. 30 oder 40 Leute tanzten noch; er kannte einige vom Sehen. Manche schienen direkt von der Spätschicht hierher zu kommen, um noch einige Stunden zu tanzen, bevor sie erschöpft ins Bett fielen. Der Laden schloss in der Regel erst um 7 oder 8; offiziell war natürlich um halb 6 Schluss, aber damit nahm es sein Chef nicht so genau.
Er zündete sich eine Zigarette an und setzte sich auf einen Hocker, der am Rand der Theke stand. Einen Moment lang schweifte sein Blick über die Tanzenden, versuchte sich an den Namen des Lieds zu erinnern, das gerade gespielt wurde; jemand sang von der Kürze des Lebens und davon, wie sehr uns die Zeit fehlt, den Anderen zu finden. Dann sah er das Buch.

Es lag zwischen Wand und Theke: Wenn die Wände nicht aus spiegelndem Glas gewesen wären, hätte er es gar nicht entdecken können. Es fiel ihm auf, weil es hier sonst keine Bücher gab; wer würde hier schon lesen wollen? Und doch lag dort, versteckt in der Ecke des hölzernen Bartisches ein Buch. Das heißt, eigentlich war es weniger ein Buch als vielmehr eine Broschüre, ein kleines Heft, nur mit Stahlzwecken gebunden: er griff danach und versuchte, den Titel zu lesen, “Der Traum und die Anderen: Eine Warnung” stand da, auf dünnem Kopierpapier. Er neigte sich ein wenig, so dass die Lampe über der Kasse das Papier etwas erhellte, und legte die Zigarette weg. Es war kein Autor angegeben; in seiner ganzen Ausführung wirkte das Buch auch eher so, als ob es in Heimarbeit erstellt worden wäre. Er sah zu den Gäste, vergewisserte sich, dass er noch Zeit hatte, dann schlug er um.

“Das luzide Träumen ist eine seit Jahrtausenden verwandte Technik, die das bewusste Durchleben und Steuern von Träumen ermöglicht. Viel ist darüber geschrieben worden, auch über spezifische Methoden des Luziden Träumens. Wir werden daher nicht näher auf die Frage eingehen, wie der luzide Traum zu erreichen ist und verweisen stattdessen auf die reichhaltige Literatur zu diesem Thema. In diesem Buch soll es daher um etwas anderes gehen: Wir wollen auf eine Gefahr des luziden Träumens, möglicherweise des Träumens selbst hinweisen. Unsere Botschaft lautet: Wir sind nicht allein im Traum. Dies mag seltsam klingen, gleichsam sicher auch unglaubwürdig, aber es ist die Wahrheit. Einen Beweis kann jedoch nur ein jeder für sich selbst erbringen, und zu diesem Zweck sind Kenntnisse über das luzide Träumen nötig, aber nichts darüber hinaus, abgesehen von einem großen Spiegel (maximal 1,80 mal 0,90 Meter).”

Er blickte auf und sah den Kunden, knickte das Heft und nahm seine gelallte Bestellung entgegen. Geistesabwesend nahm er das Geld, gab zu wenig heraus (aber das bemerkte er erst später) und zapfte ein Bier. Als der Mann gegangen war, wand er sich wieder dem seltsamen Büchlein zu; es war seit langem das interessanteste Objekt, dass er hier gefunden hatte. Natürlich verloren hier viele Menschen das ein oder andere, manchmal sogar Handys oder persönliche Kalender, aber dieses Buch erschien ihm wesentlich spannender, auch wenn er kein Wort glaubte von dem, was darin stand:

“Es sind keine großen Erfahrungen mit dem luziden Traum erforderlich: Erfahrene Anwender können jede Änderung, ja den Traum selbst frei gestalten. Dafür ist einiges Training nötig, doch diese Fähigkeiten sind hier nicht von Belang. Es reicht, wenn sie sich eine der Basismethoden des Luziden Träumens zu eigen machen, so etwa WILD (Wake-Initiation of Lucid Dreams). Von Vorteil ist es, wenn sie diese oder eine der anderen existierenden Methoden einige Male ausprobieren, bevor sie mit dieser Anleitung fortfahren.”

Er blätterte um.

“Nachdem sie sich mit einer Methode vertraut gemacht haben, können sie nun die Anderen treffen. Sollte sich ihr Bett in der Nähe einer Wand oder an einer Wand befinden, so verrücken sie es so, dass es in der Mitte des Raumes steht. Stellen sie den Spiegel (maximal 1,80 mal 0,90 Meter) frontal vor das Fußende ihres Bettes und merken sie sich die Zahl der Schritte, die er vom Bett entfernt ist: Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass sie während des Einschlafvorgangs Sicht auf den Spiegel haben. Versuchen sie nun, einzuschlafen. Fixieren sie dabei immer wieder geistig den Spiegel. Machen sie sich jederzeit klar, dass der Spiegel existiert! Halten sie sich bewusst, wie viele Schritte er vom Bett entfernt ist! Gleiten sie in den Zustand des Träumens hinüber.”

Es war die vorletzte Seite des Buches gewesen; die letzte war fast leer.

“Sind sie sicher, dass sie träumen? Dann treten sie zurück durch den Spiegel!”

Die letzten Gäste gingen schneller, als er es erwartet hatte, und so war es bereits um sieben zu Hause. Das Buch hatte er mitgenommen, zum einen, weil es eine originelle “Trophäe” war, zum anderen, weil er einige Schlagwörter daraus (wie etwa den “luziden Traum”) doch einmal heraussuchen wollte, um zu sehen, ob es wirklich rein ersponnene waren. Google und sogar die Wikipedia kannten den Luziden Traum, stellte er zu seiner Überraschung fest; er war, wie gewöhnlich zu dieser Stunde, zwar müde, aber auch etwas überdreht, und so überflog er fünf oder sechs Artikel darüber und fand sogar die WILD-Methode, die in seinem Büchlein genannt worden war. Von den mysteriösen Anderen aber las er nirgendwo etwas.

Es war schon halb neun, als er seinen Computer wieder ausschaltete. Er stand auf, ging durch den Flur in die Küche, um noch einen Schluck Wasser zu trinken: Da fiel ihm der Spiegel neben der Garderobe ins Auge. Er hatte ihn geschenkt bekommen, ein Nachbar hatte ihn wohl wegwerfen wollen. In dem kleinen Flur wirkte er immer etwas deplatziert, aber er hatte sich nie dazu durchringen können, ihn wegzuwerfen. Er war riesig und ging fast bis zur Decke, die immerhin fast drei Meter hoch war: An einer Ecke hatte er einen kleinen Riss, aber sonst war er völlig intakt.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer blieb er davor stehen und sah sein eigenes Spiegelbild grinsen. Was konnte es schaden? Die Artikel über das Luzide Träumen hatten ihn neugierig gemacht. Angeblich konnten trainierte Träumer in ihren eigenen Träumen fliegen und vieles mehr; er wollte es ausprobieren.

Der Spiegel war nicht so schwer, wie er es erwartet hatte, und so hatte er kaum Mühe, ihn aus dem Flur ins Schlafzimmer zu wuchten. Er schob die Unterlagen, die sich im Zimmer auf dem Boden verteilten, in eine Ecke, und lehnte den Spiegel an die Wand. Dann schob er das Bett über das protestierende Laminat hinweg in die Mitte des Raumes, so dass es genau drei Schritte davor stand. Er zog sich um und stellte fest,  dass ihn die Anstrengung doch müde gemacht hatte; es würde nicht schwer werden, einzuschlafen.

Die WILD-Methode, so hatte er gelesen, war im Prinzip sehr simpel. Im wesentlichen ging es darum, das Bewusstsein solange wach zu halten, bis der Körper und andere Teile des Gehirns schliefen – dann wechselte man in den Traum, ohne dabei selbst zu schlafen. Er versuchte es; einige Male bemerkte er gerade noch rechtzeitig, wie seine Aufmerksamkeit floh und seine Gedanken verschwanden. Am Anfang versuchte er noch, sich auf einen bestimmten Gedanken, eine bestimmte Sache so sehr zu konzentrieren, dass er nicht wegdämmerte, aber nach einigen Versuchen begriff er, dass es viel einfacher war, die eigene Aufmerksamkeit immer wieder auf neue Dinge zu richten. Eine Zeit lang versuchte er, jeden Gedanken im Geiste auszuformulieren, und jedes Mal dann, wenn er eine bestimmtes Wort dachte, einen neuen Gedanken zu fassen: er wusste nicht, wie lange er das tat, und als er bemerkte, dass auch dieses Spiel ermüdend wurde, fuhr er damit fort und wechselte das Wort selbst, auf welches hin er den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit ändern wollte, wiederum auf ein anderes Wort hin, und so weiter und so fort, bis er eine fast unaussprechliche Verschachtelung dieses Spiels dachte oder spielte. Er war es fast leid, als er plötzlich feststellte, dass die Welt hinter seinen Lidern nicht mehr dunkel war.

“Das Wasser ist nicht tief. Du kannst darin schwimmen, es wird dich tragen.”, sagte ein alter Mann, der wie ein verlorener Kieselstein auf dem Strand saß und dabei an ihm vorbei blickte. Er erkannte den Mann als jemanden, den er als Kind einmal hatte Angeln sehen, und zu seiner Überraschung erkannte er auch den Strand; es war der Strand, an dem er zwei oder drei Urlaube verbracht hatte. Bei genauerer Betrachtung wurde ihm klar, dass es nicht exakt dieser Strand war. Es war eine gewissermaßen geträumte, irgendwie verdunkelte Variante des Strandes in seiner Erinnerung; es gab Sand, es gab das Meer. Es gab die Brücke, einige Hundert Meter entfernt, und sogar einige Strandkörbe waren dort: aber irgendwie schien alles abgedunkelt, als wäre es Nacht, obwohl doch heller Tag war. Selbst die Wellen schienen zu schlafen, denn sie machten kein Geräusch, wenn sie auf den Strand prallten. “Das Wasser ist nicht tief”, sagte der Mann noch einmal, als hätte man ihn nicht richtig verstanden. Etwas trieb ihn ins Wasser; er wollte, musste schwimmen. Kontrolle, dachte er, die Kontrolle war nicht vollständig. Er konnte bewusst zusehen, aber es war schwer, die Handlung zu beeinflussen. Drei Schritte, es waren nur drei Schritte: Der Spiegel. Er sah auf seine Füße und versuchte, sich auf die Bewegung zu konzentrieren. Einen Schritt machte er nach vorne: es funktionierte. Ein zweiter. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, von dem er nicht wusste, ob er ihn hatte, oder ob es jemand anders war, der ihm den Gedanken einflüsterte: Hinter dem Spiegel. Du bist hinter dem Spiegel. Nicht vorwärts: rückwärts! Es war überraschend schwer, der Anweisung zu folgen, und doch setzte er langsam einen Fuß vor oder besser: hinter den anderen. Ein Schritt, ein zweiter, ein dritter. Der alte Mann saß immer noch im Sand und schien ihn gleichgültig zu beobachten. Der vierte Schritt: Nur noch einer, der schwierigste, der entscheidende. Er blickte auf seine Füße und sah, wie sein Bein sich hob, ein Ruck, dann hörte er ein Geräusch in der Stille des Strandes, als ob man mit den Fingern gegen eine Glasscheibe – eine Spiegelscheibe – schnippen würde.

Er hob den Kopf: Der alte Mann war noch da, der Sand war noch da, die Brücke, das Meer, die Strandkörbe. Doch etwas war anders: der Strand war nicht länger leer. In den Körben saßen dunkle Gestalten, die ihn beobachteten: einige von ihnen standen auch auf der Brücke, manche schienen Ferngläser zu halten. Auch im Sand, den ganzen Strand entlang saßen, standen oder lagen die Männer in ihrer schwarzen Kleidung. Selbst auf der nahen Sandbank, an die er zuvor überhaupt nicht gedacht hatte, sah er einige von ihnen. Zwei standen direkt neben dem alten Angler und schienen flüsternd etwas zu erzählen; vier oder fünf standen ihm selbst so nahe, dass er ihre Gesichter erkennen konnte, ununterscheidbare, pergamentartige Züge, mit tiefen Rillen und Furchen. Sie waren viel größer als er selbst, vielleicht 1,90, vielleicht sogar etwas größer. Ihr Alter konnte er nicht schätzen; sie sahen sowohl jung als auch alt aus, und wenn ihr Gesicht etwas ausdrückte, dann war es eine schwere, lang anhaltende Anstrengung. Der, der ihm am nächsten stand, wand seinen Kopf plötzlich: “Der Träumer sieht uns.”, sagte er überrascht, und so etwas wie Erschrecken schien sich darin wiederzufinden.

Tritt zurück, dachte er, du stehst im Spiegel, tritt einfach zurück und erwache. Er machte einen Schritt und fand sich in seinem Bett wieder, doch es war nicht still und friedlich, wie er es erwartet hatte; Dutzende Leute schienen durcheinander zu sprechen. Er sprang auf und fand sich in einem Gemenge, einem wirren Haufen von schwarzen Ärmeln, schwarzen Hosenbeinen und düsteren Gesichtern wieder, “Er gehört zu den anderen!” riefen sie, “Macht euch bereit!”, “Ladet die Waffen!”, er wühlte sich durch den Haufen, und der machte Platz, schien von ihm weichen zu wollen wie er von ihm, er versuchte die Schritte zur Tür zu finden, doch es waren zu viele im Raum, die sich dazu noch umeinander und aneinander vorbei schoben, “Auf mein Kommando!”, brüllten zwei, “Bajonette aufpflanzen!” andere, “Bewahrt die Ruhe, bewahrt die Ruhe!”, die Spannung schien zu einem hörbaren, greifbaren Surren zu werden, während er sich wie die Anderen auch verloren durch das Gemenge kämpfte, mal hier anstieß, mal dort, und schließlich hörte er,

Left to no one
No Space
No time,

Und erkannte seine eigene Stimme, die mühsam die Töne haltend sang, während die Anderen im Chor antworteten,

I’m not to find you,
But if there was just a second,
I would try,
I would try.

Die Männer und er wiederholten den Gesang, immer wieder, und dabei standen sie alle still, konzentrierten sich auf jeden Ton: ihre Stimmen ergänzten seine, und er gab ihnen die Worte, wo sie ihnen fehlten. Das Surren war verschwunden, und in den Augen der Anderen sah er so etwas wie eine friedliche Übereinstimmung. Als sie das Lied einige Male gesungen hatten, begannen sie sich zu der Musik zu bewegen, betont langsam, wohl auch um ihn nicht zu erschrecken, nur um die Anspannung zu lösen, und schließlich wiegten sich alle leise im Takt der Musik. Schließlich hörte einer von ihnen auf zu singen, trat langsam und vorsichtig an ihn heran, ergriff ihn an der Schulter und sagte: “Du bist keiner von uns. Geh lieber in den Flur, dort ist es sicherer.” Sie ließen ihn zur Tür durch, er ging hinaus, zog den Hocker heran und setzte sich. Die Männer hörten nicht auf zu singen und zu tanzen, im Gegenteil, jetzt, wo der Fremdkörper zwischen ihnen entfernt war, schienen sie mutiger zu werden, und sie bewegten sich schnell und geschickt, nie stießen sie aneinander. Er sah ihnen zu bei ihrem Tanz; dann griff er zu dem Aschenbecher und nahm die Zigarette, die er dort abgelegt hatte. Als er wieder hinblickte, erkannte er plötzlich einige der Männer: sie kamen wohl nach der Spätschicht direkt hierher, um noch einige Stunden zu tanzen. Er blickte auf die glimmende Glut; Wann hatte er sich diese Zigarette angezündet? Plötzlich stand jemand vor der Bar und verlangte lautstark ein Weißbier.
Es dauerte eine Weile, bis er reagierte, dann jedoch tat er, was von ihm verlangt wurde. Es war zwanzig nach fünf; immer noch tanzten dreißig oder vierzig Menschen nur einige Meter entfernt. Er suchte nach dem Büchlein, fand es aber nirgendwo; schließlich blickte er in die Ecke, in der er es gefunden hatte. Einen Moment lang glaubte er, es in der Spiegelwand zu sehen. Doch vor dem Spiegel lag kein Buch.

Avatar ∞

geschrieben am 7. Dezember 2009 um 02:43 Uhr

In einem Moment
Betrachtete er

die elektronische Oberfläche eines einfachen Moleküls, das am Rande eines Protosterns frei durch den Raum glitt
den Kampf zweier Schlangenwesen auf einem Planeten, der zwischen zwei roten Riesen zerrieben wurde
das Wesen einiger Dutzend emotionaler Zustände einer primitiven Spezies, die auf zwei Beinen lief
und vieles mehr

In diesem einen Moment

verschob er 241 Sterne in der Nähe der zentralen Anomalie, so dass ihre Anordnung in stabile Bahnen überging
schuf er eine neue Spezies reptilienartiger Sechsfüßer, deren Proportionen den Fibonacci-Zahlen entsprachen
ruhte er in der Tiefe eines Plasmasees und hörte das Rauschen von ionisiertem Helium

In einem Augenblick
Erinnerte er sich

an die Femtosekunden und Jahrtausende seiner Existenz
an das fremd gewordene Gefühl von Heimweh
an den winzigen blauen Ball, von dem er stammte

Und tanzte

zwischen diesen, jenen, allen Sternen
in der komplexen Ebene
und im Sonnenwind

In diesem einen Moment

dachte er alle Primzahlen mit Ausnahme der Zwei
berechnete er das Ende des Universums und was danach käme
stellte er die Frage nach dem Sinn seiner Existenz,
gab alle Antworten

und verwarf jede einzelne.


Inspiriert von der Figur ‘Doctor Manhattan’ und Avatar.

Klein Pāradies

geschrieben am 25. November 2009 um 12:28 Uhr

Eine Welle schwappt an den Strand, trägt kein Korn davon, fügt kein Gramm hinzu. Die Wellen kommen und gehen nicht – sie bleiben.

Du siehst hinunter auf den Tisch, siehst das mühevoll zubereitete Essen, das schöne Porzellan, die feinen Gläser. Du siehst auch die Gäste, allesamt Verwandte, Freunde. Und alle zusammen sind sie so – mühelos unbeschwert. Und ja;

Solltet ihr nicht glücklich sein? Könnte es nicht schlimmer sein? Könnte es nicht Krieg sein – könnte es nicht Hass sein?

Nein, nicht Krieg, nicht Hass. Nur Sand. Du weißt, unter den Tellern, unter den Gläsern, unter dem Tischtusch da ist der Sand; warm, weich, jedes Korn so weiß, so weiß, dass es schon fast weh tut – aber nicht weiß genug. Weiß, aber nicht zu weiß, warm aber nicht zu warm, strahlend aber nicht zu strahlend. Könnte es nicht viel schlimmer sein? Nein.

Du legst dich nieder in den Sand, hörst die immer gleiche Welle plätschern. Sie streicht über den Sand, verliert ihn wieder.

Weit hinten siehst du ein Boot, ein kleines Ruderboot. Es schwankt von links nach rechts, von rechts nach links.

Du könntest, ja du könntest damit fahren; nicht weit, einige Meter nur. Und dann würdest du zurückwollen und dich matt ins Wasser gleiten lassen. Zurückschwimmen; Schwimmen durch klares Wasser, warm wie der Sand. Durch kleine und große Wellen, kleine ,aber nicht zu kleine, große, aber nicht zu große Wellen. Schließlich lägst du wieder hier; im Sand. Unter einer Sonne, die dich nicht frieren lässt, aber auch nicht verbrennt. In Sand so feinkörnig und weiß und warm, in Sand der dich wärmt, der dich beschützt, der warm ist, weil er keinen Winter kennt und keine Nacht.

Du nimmst ein Stück von deinem Steak, führst die Gabel zum Mund; Oh, wie dieser Sand schmeckt, süß wie Kaugummi. Süß wie die Bonbons, die du als Kind so mochtest. Aber nicht zu süss, nicht zu fett.

Was treibt dich in diesen Sand, an diesen Strand, an dieses über und über vertraute Meer, das Meer ohne Horizont?

Was daran fasziniert, ist nicht sein Ferne; nein. Es ist seine Beständigkeit, es war schon immer da, es wird immer da sein. Du kannst es betreten, jeden Tag, jeden Mittag, jeden Abend. Es ist nie fer,n aber doch unendlich weit von dieser Welt, dieser Welt der Schwierigkeiten, weit von diesen Abgründen; diesen Dingen, die niemand will. Die du nicht willst. Dieser Strand, ja, dieser Strand, liegt dir immer zu Füßen. Du musst nur dorthin finden. Wenn du dort bist, dann legst du dich in den Sand. Du legst dich in Sand, der nie zu warm ist und nie zu kalt; du legst dich in Sand, der so warm ist, weil er keine Nacht kennt und keinen Winter.

Du kennst die Nacht; du kennst den Winter. Und deshalb bleibt er dir immer ein wenig fern, bleibt dir fremd, wie die Umarmung eines Fremden, die zwar zärtlich sein mag und auch gefühlvoll, dich aber niemals kennt; dich niemals verstehen kann, weil sie eben dich nicht kennt. Weil sie den Winter nicht kennt. Und die Nacht.

Du liegst in der Badewanne. Der Schaum ist ganz weich, das Wasser so warm und anschmiegsam. Und wieder ist es Sand: Sand, in dem du liegst an diesem Strand, der nur dir gehört. Es gibt dort keine Fernseher, kein Radio, kein Handy, auch wenn diese Dinge ein Weg zu ihm sein mögen; Es gibt dort niemanden, der dich informiert, belehrt, berät. Der dir sagt, dass diese oder jene Entscheidung notwendig ist oder wichtig. Für den Sand ist nur der Sand wichtig; dem Meer ist nur das Meer wichtig.

Und selbst wenn das Wasser immer das gleiche sein mag, und die Sandkörner, die sich so zärtlich an deinem Körper schmiegen, immer die gleichen Sandkörner sein werden: Ist es nicht richtig so? Ist es nicht dein Ort, deine Heimstatt?

Entspannt liegst du in deinem Sessel, und betrachtest flackernde farblose Bilder aus einer anderen Zeit, die es nie gab. “It will come to you, this love of the land. There’s no gettin’ away from it.”, sagt ein Mann. Du kennst den Film, kennst sein Ende; du siehst gerne auf deinen Strand. Deine Gliedmaßen werden schläfrig, doch dein Geist reist ohne Mühe zwischen den zwei Welten, an deren einem Ende der Sand wartet. Warmer, weicher Sand. Einen Moment ist da die Fremdheit, das Wissen, dass dies nur Klein Pāradies ist; dann verschwindet jedes Gefühl. Könnte es nicht schlimmer sein? Solltest du nicht glücklich sein? Ja, es könnte schlimmer sein. Ja, du solltest glücklich sein. Dieser – dein Strand – verspricht nicht die Ewigkeit, er ist Ewigkeit.

Partner kannst du verlieren, Jobs, Freunde, Hobbies, Ziele. Der Strand wird immer das bleiben, was er ist; wird immer dort warten, wo er ist. Die Welt, ja selbst Scarletts Welt, ist nicht so weich und warm wie dein Strand. Andere mögen glauben, der Strand könne nicht der Bestimmungsort aller Leben sein. Es ist egal, denn andere gibt es an deinem Strand nicht. Nur dich, das Wasser, den Sand.

Du sitzt auf einem Stuhl in deinem Büro, blickst auf Zahlen und Daten und Aufgaben, auf viel zu wenig Zeit. Einen Moment Pause gestattest du dir, atmest tief ein und hörst das Rauschen der immer gleichen Welle. Denkst an den Strand, den du wieder betreten kannst, wenn die Uhr Sechs zeigt. Du weißt es genau: Um Sechs wirst du wieder da sein, schon auf der Autofahrt, vielleicht, wenn das Radio alte Musik spielt. Vielleicht auch schon auf dem Weg in den Fahrstuhl; die Türen werden sich öffnen, und du wirst lächeln, weil du gar nicht mehr im Lift stehst, sondern bis zu den Knien im Sand. Noch ist es nicht soweit; die Uhr zeigt Vier. Noch weißt du, dass es anderes gibt, andere Menschen, andere Ziele, andere Zwecke, anderen Schmerz. Bald wird eine Welle das Wissen davonspülen, genau wie jeden Gedanken. Als letztes wird ein bestimmter Satz verblassen, immer der gleiche.

Es gibt nur den Strand; mehr als Klein Pāradies kann man nicht erwarten.


PS: Die Notation Pāradies soll andeuten, dass die erste Silbe betont wird.
Dieser Text ist eine Niederschrift eines Improvisationsversuchs, den ich vor einigen Wochen per Mobiltelefon aufnahm. Die letzten vier Absätze habe ich nach der Abschrift hinzugefügt.

Bekenntnisse eines Wissenschaftlers

geschrieben am 16. November 2009 um 10:50 Uhr

Dies kann kein Plädoyer gegen die so genannten Wissenschaften sein: ein solches zu fertigen wäre widersprüchlich und sinnlos. Eine Anklageschrift zu fertigen ist unmöglich. Zwar sind die Verbrechen offenkundig, aber die Vorfälle sind in ihrer Vielzahl kaum zu erfassen; sogar der Anfang ist nicht leicht zu verorten. Vielleicht begann es schon mit den Griechen, vielleicht davor. Vielleicht auch viel später: Man kann es nicht so leicht einordnen. Aber man kann Beispiele angeben, unzählige Beispiele für das Gift und seine Wirkungsweise. Seht euch um: die Schulen sind voll davon, selbst die meisten Kindergärten. In den meisten ernsten Gesprächen ist es schon vorhanden, wenigstens latent. Es umgibt uns, und vielleicht ist das Grund, weshalb wir uns an seine Wirkung schon so sehr gewöhnt haben.Heiligtum
Die einfachsten seiner vielfältigen Ausprägungen beginnen meist mit Erklärungen. So erklärt man dem Kind, dass Schneeflocken nicht schweben können: sie fallen nur langsamer als andere Objekte, aber wie alle Dinge müssen sie sich der Gravitation beugen. Es gibt keine winzigen Engel und auch keine Feen, die sie sachte heben, ihnen ihre Anmut und ihren Glanz verleihen. Schneeflocken, so erklärt man es dem Jugendlichen vielleicht, sind kristalline Ansammlungen von gefrorenem Wasser, und wenn sie zur Erde zu schweben scheinen, dann ist das nur die Folge eines Kräftegleichgewichts zwischen Luftwiderstand und Gravitation. Ihr Aufleuchten im Gegenlicht ist eine rein physikalische Konsequenz, die mit den optischen Eigenschaften von Kristallen zu tun hat. Man muss nicht spitzfindig sein, um darin den Prozess zu erkennen; den eines Zerbrechens, eines Vernichtens von Vorstellungen. Andere Beispiele betreffen eher die Erwachsenen: So wird man nicht müde zu erklären, dass der Mensch das Resultat einer vom Zufall dominierten Entwicklung ist, die gemeinhin Evolution genannt wird. Die Existenz des Menschen besitzt keine auf einen Zweck ausgerichtete Berechtigung; er ist einfach nur da. Ebenso ist die Erde nicht das Zentrum des Universums, und nicht nur das, es gibt überhaupt kein Zentrum. Es gibt kein Gestirn, kein Objekt, um das sich alles dreht. Wir befinden uns am äußeren Rand einer durchschnittlichen Galaxie in einem durchschnittlichen Teil des Alls. Weiterhin, so wird erklärt, ist der Mensch im Kern eine deterministische Maschine, wie ein Dosenöffner oder eine Batterie, und bei allem, was wir tun, sind es doch nicht wir, die sich dazu entschließen, denn es gibt weder einen freien Willen noch ein Ich, für Dosenöffner und Batterien ebensowenig wie für den Menschen. Es gibt auch subtilere Varianten; kleinere, unauffällige Akte der Zerstörung. Einige dieser Manöver nennt man Statistik, andere Studie. Wie man sie auch nennen will, diese Anschläge auf unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen, sie sind zahlreich, und nach und nach, so scheint es, weiten sie sich auf den gesamten Bereich dessen aus, was Menschen Wirklichkeit nennen wollen. Der Mensch glaubt an die göttliche Schöpfung – die Wissenschaften erklären ihm, dass es eine solche nicht gab. Der Mensch flüchtet sich in die Liebe – die Wissenschaften erklären ihm, dass es sich nur um einen chemischen Prozess handelt. Er flüchtet in den Wunsch danach, dass seine Kinder ein besseres Leben führen könnten – die Wissenschaft schärft ihm ein, dass auch die Sorge um den Nachwuchs ein alter, letztlich zufällig installierter Mechanismus ist.
Die Wissenschaften haben im Rahmen eines gigantischen Projekts über viele Hunderte Jahre hinweg systematisch Ordnung geschaffen in der Wirklichkeit; sie haben vermessen, sie haben kartografiert, sortiert, berechnet und studiert. Diese Ordnung begann vielleicht mit Dingen, die der Lebenswirklichkeit fern sind; mit den Planeten und Sternen, mit Begriffen von Glück und Moral, die wenig mit dem zu tun hatten, was der Mensch im Alltag denkt. Doch nach und nach haben Wissenschaftler, haben wir das Projekt ausgeweitet, bis es von den fernen Galaxien über das menschliche Verhalten zu den innersten Sehnsüchten, den tiefsten Wünsche der Menschen reichte.
Und, werte Kollegen, wir haben dabei Schätze gehoben und Unfassbares entdeckt; Wir haben Technologien entwickelt, den Alltag vereinfacht und Erklärungen geliefert.
Aber vor allem haben wir den Menschen ihre Vorstellungen genommen: Wir haben ihnen Erklärungen angeboten, die sie nackt in der Dunkelheit zurücklassen. Wir haben ihre Ideen, ihr kreatives Konstruieren der Welt verhindert und alles Wünschen als nutzlos entlarvt mit unseren Werkzeugen, den Zahlen und Daten und Theorien.

Wir sind Giftmischer, Verhetzer, und schuldig in allen Anklagepunkten; schuldig des Raubens von Illusionen. Schuldig des Zerstörens von Hoffnungen, der Vernichtung aller noch so bescheidenen Vorbilder.

Aber man kann uns nicht bestrafen. Warum?

Weil wir die Gerichte stellen; mehr noch, weil die Gerichte, wie wir sie heute kennen und Mittel der Gerechtigkeit nennen, unsere Idee sind. Uns gehört die Gerechtigkeit genau wie die Rechtfertigung. Kein Herrscher, kein Mächtiger kann sich auf Dauer unserem Wirken entziehen. Sie können einige von uns töten, sie können viele von uns einsperren; aber früher oder später werden sie den Verlockungen erliegen, den Kühlschränken, dem Breitbandanschluss, der Interkontinentalrakete.
Wenn die Menschen es wollten, dann könnten sie unsere Richter stürzen. Sie könnten die Gerichte abschaffen und ihre Mikrofaserkleidung ablegen: sie könnten das Auto stehenlassen und zu Fuß zu den Universitäten gehen, um sie niederzubrennen. Sie könnten, aber sie werden es niemals wollen: Und wenn sie es doch wollen, so wird das nur von kurzer Dauer sein. Am Ende zahlen sie gerne den Preis; Man mag von Macht sprechen, wenn jemand jeden Widerstand zerschlagen kann. Aber diese Autorität, die der äußeren Gewalt, kann nicht bestehen, nicht dauerhaft, denn gegen das Wollen vieler ist selbst Stein weich. Wahre Macht besitzt nicht der, der das Handeln kontrolliert. Doch wenn der Mensch den Kampf nicht wollen kann, dann wird er ihn niemals führen. Unser Preis für ihre Wünsche und Träume ist gut gewählt: sie werden das Geschäft nicht ablehnen.

Monstrum/Drei Bilder

geschrieben am 6. November 2009 um 12:05 Uhr

Was sie dort wohl tun, fragte er sich. Was sie dort wohl tun. Er zog an einer Zigarette und blickte weiter aus dem Fenster. Die Antwort auf seine Frage lag vor ihm, lag groß und mächtig vor ihm, aber er würde sie nie verstehen, verstehen können, wollen.

Was sie dort wohl tun, fragte er sich, und blickte auf die Fabrik. Sie lag nicht einmal zum Schein verborgen zwischen den Wohnhäusern. Ihre silberne, an einigen Stellen vom Rost zerfressene Haut war eine Beleidigung, ein offener Affront: zwischen ihr und der ansonsten ruhigen Wohngegend rundherum herrschte so etwas wie ein ästhetischer Krieg. Es ließ sich nicht genau bestimmen, wie hoch der ewig dampfende Schornstein war, der mitten aus dem silbernen Panzer herausragte. In der Umgebung gab es kein Gebäude, keinen Fixpunkt, der auch nur annähernd so hoch war, und deshalb schien er bis in den Himmel zu ragen wie ein übergroßer Zeigefinger.

Monstrum Viel mehr wusste niemand über die Fabrik; sie stand da, war wie eine zum Stillstand gekommene Wucherung in die Stadt gewachsen, und blieb. Er hatte die Nachbarn gefragt, um was für eine Anlage es sich handelte, aber auch sie wussten nicht mehr darüber und wollten – so schien es – auch nicht darüber sprechen. Es war so, als wüsste überhaupt niemand irgendetwas darüber. Alle kannten die Stahlhaut, den grotesken Turm, mehr nicht. Den meisten war dieser Fremdkörper ein Dorn im Auge, sicher; aber er hatte nie von offenem Protest gehört, einer Petition oder Bürgerinitiative.  Und niemandem konnte entgehen, wie sehr die Präsenz dieses seltsamen Monstrums die plangenau angelegten Straßen und Häuserblocks, die Vorgärten und Hinterhöfe rundherum zu verzerren schien; wenn man aus einem der oberen Stockwerke auf die Stadt und die Fabrik blickte, schien es so, als sei die Stadt um das Monstrum in ihrer Mitte angelegt worden, als solle jeder Weg dorthin führen.

Und dabei gab es niemanden, der dort arbeite. Das war falsch, natürlich; dort mussten Menschen arbeiten, manchmal sah er auch einige Gestalten über das Gelände huschen, und die Geräusche, die das Ungetüm selbst in der Nacht von sich gab, ließen auf unablässige menschliche Geschäftigkeit schließen. Aber niemand aus der Stadt arbeitete dort, und niemand kannte jemanden, der es tat; sie mussten von weit her kommen.

Er beobachtete, wie ein kleiner Hubschrauber am Horizont auftauchte, sah ihn auf die Fabrik zuhalten. Einige Minuten umkreiste er den stahlgrauen Zeigefinger, schien etwas zu suchen. Es war ein schwarzer, schmaler Helikopter, der höchstens für zwei Personen Platz bieten konnte, wie er glaubte:  die Scheiben waren geschwärzt, und so konnte er die Insassen nicht sehen. Er blickte auf seine Uhr, als der Pilot wieder abdrehte und in die Richtung zurückflog, aus der er gekommen war: die gleiche Zeit wie immer.

Was sie dort wohl tun. Das fragte er sich und schloss das Fenster wieder.

-

Der Zug hatte Verspätung gehabt, wie so oft, und so stand er viel zu spät vor seiner Wohnung. Er drehte den Schlüssel im Schloss und trat ein: Die Luft roch abgestanden. Einige Sekunden horchte er und genoss die Stille. Dann ließ er seine Tasche auf den Boden fallen, setzte sich. Atmete tief durch. Und befühlte fast unwillkürlich den Riss, den niemand sah.

Ja, er war wieder größer geworden: aber wen hätte das verwundern sollen? Es würde sich nicht mehr ändern. Das Loch würde wachsen, auch wenn er nicht sagen konnte, wohin: es würde seine Organe auflösen und Platz für die Leere schaffen, auch wenn er sich nicht einmal sicher war, wo der Riss genau verlief. Manchmal dachte er, er oder es wäre in seiner Brust; dann war es wieder der Bauch. Manchmal glaubte er, ihn mit den Fingerspitzen zwischen zwei Rippen zu spüren. Dann wieder war er sicher, dass der Riss quer über seine Stirn lief. Wenn er aß, dann schien alle Nahrung durch den Riss zu sickern und er blieb hungrig, immer hungrig: war ihm nach Weinen zu Mute (und das geschah oft), so schienen die Tränen in dem Loch zu verschwinden.

Sie hätten es erklären müssen, dachte er oft. Natürlich hatte er den Vertrag gelesen, und natürlich hatten sie ihn in gewisser Weise darüber informiert, dass es Unannehmlichkeiten mit sich bringen würde. Aber sie hatten ihm nichts von dem Riss erzählt. Die Einspeisung war irreversibel gewesen, das wusste er; er hatte es in Kauf genommen, weil die Bezahlung gut war.

Er stand auf und ging zum Kühlschrank, fand nichts Essbares vor. Sinnlos, dachte er, und setzte sich wieder. Das Schlimmste an der Einspeisung war, dass sie niemand sah. Früher hatte er sich nicht einmal getraut, bei Tageslicht auf die Straße zu gehen, weil er dachte, die Passanten würden erschrecken. Aber niemand sah ihm an, was mit ihm geschah, wie ihn die Arbeit langsam auffraß. Einmal hatte er den Kassierer im Supermarkt angesprochen; er hatte nicht gewusst, wie er es sagen sollte, und so hatte er alles auf einmal und dabei doch gar nichts gesagt, als ob selbst die Worte in dem Abgrund zwischen seinen Schultern verschwinden würden. Der Mann hatte ihn einige Sekunden angestarrt und dann gelacht: Das kennen wir doch alle, hatte er gesagt, und nicht das Geringste verstanden. Sie sahen den Riss nicht; sie sahen ihn einfach nicht.

Er seufzte leise, und für einen Augenblick glaubte er, so etwas wie ein tiefes, fast stummes Echo zu hören. Es war bereits halb eins; nur an der Tankstelle würde er noch etwas zu Essen bekommen, und dann blieb zum Schlafen kaum noch Zeit. Wenn er noch etwas zu sich nehmen wollte, dann musste er jetzt losgehen; einen Moment lang versuchte er, sich an den Weg zu erinnern, den er nehmen musste.

Aus dem Haus heraus, dann über die Straße. An der Ecke vor der Schule musste er links abbiegen auf den Zubringer; dann immer geradeaus, zwischen den beiden Brücken hindurch, immer entlang der großen Straße, auf der ein beständiger Strom von silbrigen Fahrzeugen in jedwede Richtung fuhr. Vorbei an den stahlgrauen Bürokomplexen, in denen um diese Zeit kein Licht mehr brannte, immer weiter parallel zur Leitplanke, die im Licht der Scheinwerfer so vertraut funkelte, funkelte wie ein Zeigefinger in dunkler Nacht. Irgendwo hier hätte er noch einmal abbiegen müssen, aber wo, wo nur, es half nichts, er musste zunächst weiter geradeaus, hin zu dem Ungetüm, silbrige Haut und ein 50 Meter messender Stachel, immer weiter darauf zu, kein Weg zurück, er musste weiter, er hörte schon das unablässige Klopfen, konnte den Rauch aufsteigen sehen, fühlte, wie der Riss von seinem Bauch in die Brust und dann in den Kopf wuchs, sah sich selbst, ein Fleck Nicht-Anwesenheit zwischen Bordstein und Häuserwand, ein Riss mit einem Stachel, der 50 Meter in die Nacht wuchs.

Als er erwachte, fand er sich auf dem Stuhl wieder, auf dem er eingeschlafen war. Er blickte auf die Uhr, es wurde Zeit. Ein letztes Mal atmete er tief ein. Es mißlang ihm; der Riss gestattete es nicht. Dann nahm er seine Tasche und lief durch die Dunkelheit zum Zug.

-

Er blickte auf die Zigarettenschachtel, dann nahm er die letzte Zigarette heraus und fröstelte. Es war kalt um diese Uhrzeit: er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so früh noch wach gewesen war. Seine Uhr zeigte 4 Uhr 22, und es war noch immer niemand in Sicht. Vor einer halben Stunde wäre er fast schon nach Hause gegangen, und je früher es wurde, desto verlockender erschien ihm sein Bett. Seine Neugier war groß genug gewesen, um sich in der Nacht aus dem Haus zu schleichen; jetzt stand er schon fast fünf Stunden in dieser düsteren Ecke zwischen zwei Häusern in der Nähe der Fabrik. Irgendwann mussten sie hier vorbeikommen; er wusste, manche kamen mit dem Zug, vielleicht sogar alle. Er trat die Zigarette aus; jetzt konnte er nicht einmal mehr rauchen. Lautlos fluchte er. Wie war er nur auf diese Idee gekommen? Es war eine Fabrik, jeder konnte es sehen. Wen scherte es schon, was sie genau darin taten? Und wer würde so dumm sein, die ganze Nacht frierend zu warten, nur um einen der Arbeiter aus der Nähe zu sehen? Er selbst, dachte er und musste fast lächeln, auch wenn er seine Lippen kaum noch spürte. Noch einmal sah er auf die Uhr; 4 Uhr 33. Um halb fünf kamen sie also auch nicht. Er gab seinem frierendem Körper nach, schüttelte seine Füße einige Momente aus, um wieder etwas Wärme hineinzubringen, dann trat er aus der Ecke heraus und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war erst einige Meter gegangen, da bemerkte er, wie sehr es ihn erleichterte, von dort verschwinden zu können: Nachts und aus der Nähe wirkte die Fabrik noch seltsamer, nicht nur befremdlich, sondern fast beängstigend. Er fragte sich immer noch, was darin vorging: aber das musste warten, vielleicht auf den Sommer. Ja, im Sommer würde er es vielleicht länger dort aushalten.

Er sah den Mann in Arbeitskluft erst, als er in eine Seitenstraße einbog, und prallte fast gegen ihn. Es war ein Arbeiter, dass war ihm sofort klar; er trug den Overall mit dem seltsamen Emblem, das auch den Turm zierte. In der Hand trug er nur eine dünne Aktentasche, und es wirkte so, als wäre sie sehr leicht.

Er starrte den Arbeiter an: “Verzeihung” murmelte er  “Mein Fehler.” antwortete der andere. Einige Sekunden blieb er stehen und musterte den Mann in dem Overall; der tat es ihm gleich.

Die ganze Nacht lang hatte er gewartet und sich Fragen zurecht gelegt; er war sich ganz sicher gewesen, was er fragen musste und in welcher Reihenfolge. Doch jetzt fiel ihm kein Wort mehr ein. Einige verirrte Silben entflohen ihm, ziellos, aber der Arbeiter schien irgendetwas davon zu verstehen und nickte. Sein Gesichtsausdruck wurde düster, und mit der freien Hand schien er instinktiv nach etwas zu greifen, dass sich an oder in seinem Overall befinden musste.

“Das machen sie. Es frisst uns auf.”

Für einen Moment versuchte der Anwohner zu lächeln; sein Mund öffnete sich, er wollte sagen, dass es ihm auch manchmal so geht. Dann sah er, wonach der Arbeiter gegriffen hatte; das heißt, eigentlich war er sich nicht sicher, was er sah, aber es ließ ihn verstummen. Das Lächeln verschwand, Entsetzen kam. Einige Sekunden starrte er auf die Brust, oder den Bauch, oder den Kopf des Arbeiters, der immer noch zitternd seine Aktentasche hielt.

“Das geht uns doch allen so. Die Arbeit frisst einen auf!”, sagte er dann und lachte bellend laut. Er ließ den Mann mit dem Loch in der Brust hinter sich, eilte nach Hause und versuchte schon auf dem Weg alles zu vergessen, was er jemals über diese Fabrik gehört hatte.

Sie suchen

geschrieben am 23. September 2009 um 14:22 Uhr

In den Taschen ihrer Sakkos
Zwischen den Ritzen ihrer Sessel
An den Rändern ihrer Vorgärten

Sie durchwühlen
Festplatten und Handyspeicher
Schränke und Handschuhfächer
Essensreste und Weinkeller

Zählen ab, zählen durch
Autos
Häuser
Jobs

Und finden nichts
Weil doch alles da ist
Alles an seinem Platz
Alles und

Nichts.

Todesurteil

geschrieben am 7. September 2009 um 15:22 Uhr

Am 2. Verhandlungstag wurde die Anklageschrift verlesen. Sie war verrworren, und der Stimme des Staatsanwalts war neben der autoritären Grundhaltung eines Mannes im Staatsdienst so etwas wie eine gewisse Unbedarftheit zu entnehmen, so als ob man ihm selbst diese Schrift erst kurz vor Verhandlungsbeginn zugestellt hätte.

Jedenfalls erfuhr er, 42, ledig, arbeitslos, erst an diesem Tag, was ihm vorgeworfen wurde. Das heißt, eigentlich erfuhr er es nur ungefähr – ein halbes Dutzend Tatbestände schienen, jedenfalls auf den ersten Blick, in Frage zu kommen. Natürlich forderte man ihn auf, sich zu äußern. Es fiel ihm nichts ein; er beteuerte natürlich seine Unschuld, aber das schien niemand anders zu erwarten. Der Richter hörte sich seine Geschichte an, und stellte nur zwei Fragen; er fragte, ob er sich schuldig bekennen wolle, und ob die Zustände in der U-Haft erträglich seien. Er beantwortete die Fragen, während der Richter auf seine Notizen starrte. Die Protokollantin tippte monoton jedes Wort.

Auf dem Weg zurück in die Zelle versuchte er von seinem Anwalt zu erfahren, was nun geschehen würde; er sei nie politisch gewesen, und überhaupt könne es sich nur um ein Missverständnis handeln. Der Mann, ein junger Kerl mit durchgelaufenen Schuhen, reagierte nervös, fast ängstlich. Er murmelte nur, dass der Gerechtigkeit schon Genüge getan werden würde und dass sich das ganze sicher bald aufklären würde, wenn er nur kooperativ bliebe. Auf die Frage, ob er nun genauer sagen könne, was ihm überhaupt zur Last gelegt werde, blieb er zunächst stumm. Schwitzend sah er zu den Vollzugsbeamten, die unbeteiligt neben ihnen saßen. Es sei eine Farce, flüsterte er dann und konnte nicht aufhören, dabei zu zwinkern.

Todesurteil

Am nächsten Verhandlungstag saß ein anderer Anwalt neben ihm im Gerichtssaal, ein älterer, der viel resoluter auftrat und seine Fragen nur beantwortete, indem er aus einer schwarzen Mappe vorlas. Schließlich sah er ein, dass auch sein Verteidiger ihm nicht sagen wollte, warum er u.a. des Verrats angeklagt war und was nun geschehen würde, und sprach kaum noch mit ihm. Der Anwalt schien damit zufrieden.

Am 10. Verhandlungstag begann man, Beweise vorzubringen. Die Staatsanwaltschaft legte in endloser Folge Gegenstände und Papiere vor; am 12. Tag verbrachten sie den ganzen Vormittag mit der Zahnbürste des Angeklagten (niemand sprach seinen Namen aus, er war und blieb „der Angeklagte“), am 13. war es ein Brief, den er angeblich geschrieben hatte und in dem viele Worte auftauchten, die er hier zum ersten Mal hörte; wie es das Gesetz verlangte, wurde er an jedem Tag befragt, ob er sich zu den Beweisen äußern wolle. Die Protokollantin war die einzige, die von seinen Angaben Notiz nahm. Am 14. Tag legte der Staatsanwalt eine alte Arbeitsmontur vor, am 15. war es ein Buch, das er angeblich besessen hatte, und so ging es weiter, Gegenstände, von denen er nicht verstand, was sie mit den Vorwürfen zu tun hatten., wechselten sich mit ganz offenkundig gefälschten Beweisen seiner Täterschaft ab. Dabei schien niemand ernsthaft behaupten zu wollen, es sei bewiesen, dass er diesen oder jenen Gegenstand besessen, dieses oder jenes Flugblatt verfasst hatte; als er einmal den Staatsanwalt direkt darauf ansprach, blickten alle im Saal auf, und der Richter erklärte ihm, es könne nicht als sicher gelten, dass dies seine Habseligkeiten seien, es sei aber doch recht wahrscheinlich, da die Polizei diese Dinge in seiner Wohnung gefunden habe. Als er daraufhin andeutete, dass die Ermittlungsbehörden selbst vielleicht diese Beweise platziert hätten, fuhr ihn der Richter scharf an, er solle seine Zunge hüten. Daraufhin blieb er bis zum 30. Verhandlungstag stumm; die Tage schienen sich zu wiederholen, man behandelte eine Mischung aus Dingen, die ihm gehörten, aber nichts mit der Sache zu tun hatten, wie einen Staubsauger (16.) und eine alte Schreibmaschine (25.), die seit Jahren nicht mehr funktionierte, in die man aber offenbar ein ganz neues Band eingelegt hatte, und anderen Gegenständen oder Schriften, die ganz offensichtlich nicht ihm zuzuordnen war, so etwa eine Maschinenpistole (17.) oder zwei Briefe (24.), in unterschiedlichen Handschriften verfassst, an einen Mann namens Dimitri , von dem er noch nie etwas gehört hatte.

Nachdem er am 30. Verhandlungstag in einem Anflug von Heroismus gebrüllt hatte, diese ganze Veranstaltung sei ein unrechtmäßiges Verfahren und alle Beteiligten eingeweiht, legte man ihm am 31. vor Beginn der Verhandlung einen Knebel an, und so blieb es für nächsten sechs Tage. Es waren große, starke Männer mit Handschuhen, die dies erledigten; ein Art stilles Abkommen führte dazu, dass er sich den Knebel fast selbst anlegte, während die Männer nur daneben standen und aufmerksam zusahen. Im Gegenzug wurden sie nicht grob.

Als die Aufnahme der Beweise geschlossen wurde und die Vernehmung der Zeugen begann, ließ der Richter ihm den Knebel abnehmen, selbstverständlich unter der Bedingung, dass er sich nun zu benehmen habe, ansonsten würde er nicht zögern, die Maßnahme, wie er sie nannte, wieder anzuordnen.

Der Angeklagte hielt den Mund, wenigstens für eine Weile. Die ersten drei Zeugen (36.-54.), unter ihnen auch jener Dimitri, an den er angeblich Briefe verschickt hatte, waren ihm gänzlich unbekannt. Ihre Aussagen widersprachen sich nicht, und dennoch konnte er sich kein richtiges Bild von der Geschichte machen, die sie zu erzählen versuchten; alles blieb nebulös und unbestimmt, immer wieder fielen Namen, teilweise von Personen, aber auch von Gruppierungen, die er nicht kannte und deren Zusammenhang oder Zusammenwirken niemand erklären wollte. Nachdem er einige Tage nur zuhörte, bis ihm klar wurde, dass man auch nicht erwartete oder auch nur wollte, dass sich ein beständiges Bild ergab, beschloss er, seine Verteidigung auf andere Weise zu führen. So begann er, mit ruhigen und gezielten Fragen nach dem Verhältnis der Zeugen zu ihm Widersprüche zu suchen. Meist sah er den Zeugen bereits beim Stellen seiner Fragen an, dass sie nervös wurden. Dimitri etwa fuhr sich unentwegt durch die Haare, eine andere Zeugin, deren Name geheim blieb, zitterte so sehr, dass sogar er es deutlich sehen konnte, obwohl er doch fast zehn Meter weit weg saß.

Doch seine Fragen brachten kein Ergebnis. Einmal sagte eine Zeugin auf seine Nachfrage aus, er sei als Schlosser angestellt gewesen (42.), was natürlich nicht stimmte (er hatte nicht einmal diesen Beruf gelernt), aber es geschah nichts weiter, als dass der Richter die Protokollantin, die schon zum dritten Mal ausgetauscht worden war, anwies, diesen Teil der Aussage zu ignorieren und aufzuschreiben, die Zeugin habe nicht geantwortet und sei deshalb mit einer Ordnungsstrafe von fünfzehn Tagessätzen zu belangen. In der Folge waren es immer häufiger Staatsanwalt und Richter, die seine Fragen an die Zeugen beantworteten, wenn diese nervös wurden. Schließlich herrschte ihn der Richter an, dass seine Fragen irreführend seien; außerdem wäre es längst als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass er all diese Menschen kannte. Als er weiterhin die gleichen Fragen stellte und einmal sogar den Staatsanwalt darauf hinwies, die Frage gelte nicht ihm, ordnete der Richter wieder sechs Tage Knebel an (49.).

So begann die Vernehmung der weiteren Zeugen, es waren mindestens 15, am 53. Verhandlungstag ohne seine Mitwirkung. Er kannte gut die Hälfte der folgenden Zeugen, die teilweise von seinem Verteidiger als Entlastungszeugen geführt wurden, Die meisten waren ihm nur flüchtig bekannt, so erkannte er den Besitzer des Kiosks in seiner Wohngegend und zwei ehemalige Arbeitskollegen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Alle wirkten sehr eingeschüchtert, und die, die er kannte, wagten nicht ihn anzusehen und lasen von kleinen Zetteln ab, was sie zu sagen hatten. Im wesentlichen, soviel verstand er, waren sie nur geladen, um die Aussagen der ersten drei Zeugen zu stützen. Dabei waren die Aussagen selbst so platt und unbestimmt, dass keiner Zeugen allein die nur in Schemen zu erkennende Theorie der Staatsanwaltschaft bestätigte; nur einer der Zeugen, ein ehemals recht guter Freund, sagte tatsächlich Substanzielles aus, und seine Aussage war deutlich besser fingiert als die der anderen. Er vermutete, dass es sein Verteidiger war, der sich diese Einlage ausgedacht hatte: zunächst entlastete der Zeuge ihn. Offenbar war er gar nicht instruiert worden, und so bestritt er beinah alles, was während der Verhandlung bisher ausgesagt und dargelegt worden war. Erst am dritten und letzten Tag seiner Vernehmung kam der Zeuge sichtlich verstört und mit Striemen im Gesicht zur Verhandlung. Die Verteidigung ließ die Aussagen noch einmal zusammenfassen, bis schließlich der Staatsanwalt anmerkte, noch eine Frage zu haben und dem Zeugen einen offenbar gefälschten Brief vorlegte, welcher diesen ebenfalls mit Dimitri in Verbindung brachte. Wie gewünscht „brach der Zeuge zusammen“, wie der Richter es formulierte, und widerrief seine Aussagen. Sein Verteidiger entschuldigte sich lächelnd, aber „zerknirscht“ bei den Anwesenden, auch bei dem Angeklagten, zu dessen Entlastung er den Zeugen ja aufgerufen habe. Die nächsten zwei Verhandlungswochen verbrachte der Angeklagte in Hand- und Fußfesseln sowie geknebelt wegen „fortgesetzter Störung des korrekten Ablaufs des Verfahrens und Angriffs auf seinen Rechtsvertreter“. Als ihm die Fessel und Knebel wieder abgenommen worden waren, stand mit dem 73. Verhandlungstag bereits das Plädoyer des Staatsanwalts an. Er war recht gespannt, weil er zumindest hoffte, jetzt zu erkennen, welche Beweise und Taten man ihm konkret anlasten wollte, wurde aber bald enttäuscht, weil auch die Zusammenfassung der Staatsanwaltschaft so verworren blieb, dass am Ende nur drei Dinge klar wurden; er, der Angeklagte, sei schuldig (wessen?) und dies sei durch das Verfahren eindeutig belegt worden (wodurch?).

Weiterhin sei er mit dem Tode zu bestrafen.

Dies hatte man ihm schon früh in Aussicht gestellt, und so war er nicht überrascht, als der Staatsanwalt diese Strafe forderte; nachdem er es mit Kooperation versucht hatte, mit Argumentation, dann mit Subversion und schließlich sogar mit roher Gewalt (dafür hatte er die Knebelstrafe bekommen), war er des Prozesses so müde, dass ihn nur noch der Ausgang interessierte; er stellte keine Fragen mehr, und wenn man ihn etwas fragte, dann wiederholte er nur noch, er sei unschuldig, woraufhin die Protokollantin jedes Mal notierte, er verweigere die Aussage.

Dennoch dauerte es drei Tage, bis der Staatsanwalt sein Plädoyer beendet hatte, und weitere fünf, bis auch sein Verteidiger Position bezogen hatte; dieser argumentierte, er sei zwar schuldig, dennoch solle der Staat Milde walten lassen; er forderte eine lebenslange Haftstrafe für seinen Mandanten. Es folgten einige Tage, in denen sich das Gericht mit teilweise lächerlichen Details beschäftigte; man prüfte einen Antrag auf Verlegung in ein anderes Gefängnis, da dort seine Zuckerkrankheit besser zu behandeln sei (dem Antrag wurde letztlich stattgegeben; er hatte gar kein Diabetes, auch wenn drei Ärzte das Gegenteil aussagten) und einen weiteren, der mit Wahl seines Verteidigers zu tun hatte und schließlich abgelehnt wurde. Als man ihm sagte, das Urteil sei bis zum 90. Verhandlungstag zu erwarten, war er darüber sogar erleichtert; egal wie es ausging, es würde ausgehen.

Am 87. Verhandlungstag schließlich war es an ihm, sich zum letzten Mal vor der Urteilsfindung zu äußern. Er sei unschuldig, bekräftigte er nur; das schien dem Gericht nicht zu reichen.

Der Staatsanwalt starrte ihn an; ebenso der Richter, sogar die Protokollantin sah zu ihm auf. Niemand im Gericht sagte etwas; keiner regte sich. Eine halbe Stunde ging das so, dann fragte er resigniert nach, was man noch von ihm hören wolle: er sei keines Verbrechens schuldig, und mehr könne er nicht sagen. Eine weitere halbe Stunde verging, bis schließlich sein Verteidiger, mit dem er seit langer Zeit kein Wort mehr gewechselt hatte, laut fragte, ob er sich von diesem Gericht ungerecht behandelt fühle.

Einen Moment lang witterte er eine neue Falle, dann aber antwortete er: Ja, wenn man ihn so frage, dann sei dieses ganze Verfahren eine einzige Farce, ein riesiges Lügengebäude, in dem Richter, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Polizei gleichermaßen beteiligt seien.

Er erwartete eine weitere Ordnungsstrafe, womöglich sogar schon das Urteil oder einfach nur Gelächter darüber, dass er so Offensichtliches, so offensichtlich Nutzloses sagte, aber es blieb still im Saal.

Schließlich bekannte der Staatsanwalt, dass er möglicherweise tatsächlich befangen sei, jedenfalls nicht für diesen Prozess geeignet, und deshalb sein Amt vorübergehend niederlege, bis die Sache geklärt sei. Der Verteidiger erklärte, so wie die Dinge lägen, müsse er wohl tatsächlich einen Befangenheitsanstrag gegen den Richter und sich selbst stellen; zu spät erkannte der Angeklagte, worum es eigentlich ging. Der Richter gab nachdenklich zu, möglicherweise ungeeignet zu sein, und ließ das Verfahren vertagen.

Drei Monate später begann das neue Verfahren; alle Beteiligten waren, bis auf ihn, ausgetauscht worden. Am 2. Verhandlungstag, der für den Angeklagten schon der 89. war, wurde die Anklageschrift vorgelesen, die man nur unwesentlich verändert hatte.

Am 117. Verhandlungstag gab der Angeklagte sein Geständnis zu Protokoll. Das Urteil sollte zwei Tage später verkündet werden, und Expertisen, die den Ausschluss des Geständnisses und – damit verbunden – eine Neuaufnahme des Verfahrens nahelegten, waren schon angefertigt worden. Die entsprechenden Zeugen, Ärzte und Psychologen, hatte man bereits eingeschüchtert oder bestochen, um die emotionale Instabilität des Angeklagten und die massiven Einschüchterungen durch anonyme Mitglieder des Justizvollzugs zu belegen. Das Verfahren würde in die dritte Runde gehen. Aber dazu kam es nicht mehr.