Klein Pāradies

Diesen Artikel drucken 25. November 2009

Eine Welle schwappt an den Strand, trägt kein Korn davon, fügt kein Gramm hinzu. Die Wellen kommen und gehen nicht – sie bleiben.

Du siehst hinunter auf den Tisch, siehst das mühevoll zubereitete Essen, das schöne Porzellan, die feinen Gläser. Du siehst auch die Gäste, allesamt Verwandte, Freunde. Und alle zusammen sind sie so – mühelos unbeschwert. Und ja;

Solltet ihr nicht glücklich sein? Könnte es nicht schlimmer sein? Könnte es nicht Krieg sein – könnte es nicht Hass sein?

Nein, nicht Krieg, nicht Hass. Nur Sand. Du weißt, unter den Tellern, unter den Gläsern, unter dem Tischtusch da ist der Sand; warm, weich, jedes Korn so weiß, so weiß, dass es schon fast weh tut – aber nicht weiß genug. Weiß, aber nicht zu weiß, warm aber nicht zu warm, strahlend aber nicht zu strahlend. Könnte es nicht viel schlimmer sein? Nein.

Du legst dich nieder in den Sand, hörst die immer gleiche Welle plätschern. Sie streicht über den Sand, verliert ihn wieder.

Weit hinten siehst du ein Boot, ein kleines Ruderboot. Es schwankt von links nach rechts, von rechts nach links.

Du könntest, ja du könntest damit fahren; nicht weit, einige Meter nur. Und dann würdest du zurückwollen und dich matt ins Wasser gleiten lassen. Zurückschwimmen; Schwimmen durch klares Wasser, warm wie der Sand. Durch kleine und große Wellen, kleine ,aber nicht zu kleine, große, aber nicht zu große Wellen. Schließlich lägst du wieder hier; im Sand. Unter einer Sonne, die dich nicht frieren lässt, aber auch nicht verbrennt. In Sand so feinkörnig und weiß und warm, in Sand der dich wärmt, der dich beschützt, der warm ist, weil er keinen Winter kennt und keine Nacht.

Du nimmst ein Stück von deinem Steak, führst die Gabel zum Mund; Oh, wie dieser Sand schmeckt, süß wie Kaugummi. Süß wie die Bonbons, die du als Kind so mochtest. Aber nicht zu süss, nicht zu fett.

Was treibt dich in diesen Sand, an diesen Strand, an dieses über und über vertraute Meer, das Meer ohne Horizont?

Was daran fasziniert, ist nicht sein Ferne; nein. Es ist seine Beständigkeit, es war schon immer da, es wird immer da sein. Du kannst es betreten, jeden Tag, jeden Mittag, jeden Abend. Es ist nie fer,n aber doch unendlich weit von dieser Welt, dieser Welt der Schwierigkeiten, weit von diesen Abgründen; diesen Dingen, die niemand will. Die du nicht willst. Dieser Strand, ja, dieser Strand, liegt dir immer zu Füßen. Du musst nur dorthin finden. Wenn du dort bist, dann legst du dich in den Sand. Du legst dich in Sand, der nie zu warm ist und nie zu kalt; du legst dich in Sand, der so warm ist, weil er keine Nacht kennt und keinen Winter.

Du kennst die Nacht; du kennst den Winter. Und deshalb bleibt er dir immer ein wenig fern, bleibt dir fremd, wie die Umarmung eines Fremden, die zwar zärtlich sein mag und auch gefühlvoll, dich aber niemals kennt; dich niemals verstehen kann, weil sie eben dich nicht kennt. Weil sie den Winter nicht kennt. Und die Nacht.

Du liegst in der Badewanne. Der Schaum ist ganz weich, das Wasser so warm und anschmiegsam. Und wieder ist es Sand: Sand, in dem du liegst an diesem Strand, der nur dir gehört. Es gibt dort keine Fernseher, kein Radio, kein Handy, auch wenn diese Dinge ein Weg zu ihm sein mögen; Es gibt dort niemanden, der dich informiert, belehrt, berät. Der dir sagt, dass diese oder jene Entscheidung notwendig ist oder wichtig. Für den Sand ist nur der Sand wichtig; dem Meer ist nur das Meer wichtig.

Und selbst wenn das Wasser immer das gleiche sein mag, und die Sandkörner, die sich so zärtlich an deinem Körper schmiegen, immer die gleichen Sandkörner sein werden: Ist es nicht richtig so? Ist es nicht dein Ort, deine Heimstatt?

Entspannt liegst du in deinem Sessel, und betrachtest flackernde farblose Bilder aus einer anderen Zeit, die es nie gab. “It will come to you, this love of the land. There’s no gettin’ away from it.”, sagt ein Mann. Du kennst den Film, kennst sein Ende; du siehst gerne auf deinen Strand. Deine Gliedmaßen werden schläfrig, doch dein Geist reist ohne Mühe zwischen den zwei Welten, an deren einem Ende der Sand wartet. Warmer, weicher Sand. Einen Moment ist da die Fremdheit, das Wissen, dass dies nur Klein Pāradies ist; dann verschwindet jedes Gefühl. Könnte es nicht schlimmer sein? Solltest du nicht glücklich sein? Ja, es könnte schlimmer sein. Ja, du solltest glücklich sein. Dieser – dein Strand – verspricht nicht die Ewigkeit, er ist Ewigkeit.

Partner kannst du verlieren, Jobs, Freunde, Hobbies, Ziele. Der Strand wird immer das bleiben, was er ist; wird immer dort warten, wo er ist. Die Welt, ja selbst Scarletts Welt, ist nicht so weich und warm wie dein Strand. Andere mögen glauben, der Strand könne nicht der Bestimmungsort aller Leben sein. Es ist egal, denn andere gibt es an deinem Strand nicht. Nur dich, das Wasser, den Sand.

Du sitzt auf einem Stuhl in deinem Büro, blickst auf Zahlen und Daten und Aufgaben, auf viel zu wenig Zeit. Einen Moment Pause gestattest du dir, atmest tief ein und hörst das Rauschen der immer gleichen Welle. Denkst an den Strand, den du wieder betreten kannst, wenn die Uhr Sechs zeigt. Du weißt es genau: Um Sechs wirst du wieder da sein, schon auf der Autofahrt, vielleicht, wenn das Radio alte Musik spielt. Vielleicht auch schon auf dem Weg in den Fahrstuhl; die Türen werden sich öffnen, und du wirst lächeln, weil du gar nicht mehr im Lift stehst, sondern bis zu den Knien im Sand. Noch ist es nicht soweit; die Uhr zeigt Vier. Noch weißt du, dass es anderes gibt, andere Menschen, andere Ziele, andere Zwecke, anderen Schmerz. Bald wird eine Welle das Wissen davonspülen, genau wie jeden Gedanken. Als letztes wird ein bestimmter Satz verblassen, immer der gleiche.

Es gibt nur den Strand; mehr als Klein Pāradies kann man nicht erwarten.


PS: Die Notation Pāradies soll andeuten, dass die erste Silbe betont wird.
Dieser Text ist eine Niederschrift eines Improvisationsversuchs, den ich vor einigen Wochen per Mobiltelefon aufnahm. Die letzten vier Absätze habe ich nach der Abschrift hinzugefügt.

Bekenntnisse eines Wissenschaftlers

Diesen Artikel drucken 16. November 2009

Dies kann kein Plädoyer gegen die so genannten Wissenschaften sein: ein solches zu fertigen wäre widersprüchlich und sinnlos. Eine Anklageschrift zu fertigen ist unmöglich. Zwar sind die Verbrechen offenkundig, aber die Vorfälle sind in ihrer Vielzahl kaum zu erfassen; sogar der Anfang ist nicht leicht zu verorten. Vielleicht begann es schon mit den Griechen, vielleicht davor. Vielleicht auch viel später: Man kann es nicht so leicht einordnen. Aber man kann Beispiele angeben, unzählige Beispiele für das Gift und seine Wirkungsweise. Seht euch um: die Schulen sind voll davon, selbst die meisten Kindergärten. In den meisten ernsten Gesprächen ist es schon vorhanden, wenigstens latent. Es umgibt uns, und vielleicht ist das Grund, weshalb wir uns an seine Wirkung schon so sehr gewöhnt haben.Heiligtum
Die einfachsten seiner vielfältigen Ausprägungen beginnen meist mit Erklärungen. So erklärt man dem Kind, dass Schneeflocken nicht schweben können: sie fallen nur langsamer als andere Objekte, aber wie alle Dinge müssen sie sich der Gravitation beugen. Es gibt keine winzigen Engel und auch keine Feen, die sie sachte heben, ihnen ihre Anmut und ihren Glanz verleihen. Schneeflocken, so erklärt man es dem Jugendlichen vielleicht, sind kristalline Ansammlungen von gefrorenem Wasser, und wenn sie zur Erde zu schweben scheinen, dann ist das nur die Folge eines Kräftegleichgewichts zwischen Luftwiderstand und Gravitation. Ihr Aufleuchten im Gegenlicht ist eine rein physikalische Konsequenz, die mit den optischen Eigenschaften von Kristallen zu tun hat. Man muss nicht spitzfindig sein, um darin den Prozess zu erkennen; den eines Zerbrechens, eines Vernichtens von Vorstellungen. Andere Beispiele betreffen eher die Erwachsenen: So wird man nicht müde zu erklären, dass der Mensch das Resultat einer vom Zufall dominierten Entwicklung ist, die gemeinhin Evolution genannt wird. Die Existenz des Menschen besitzt keine auf einen Zweck ausgerichtete Berechtigung; er ist einfach nur da. Ebenso ist die Erde nicht das Zentrum des Universums, und nicht nur das, es gibt überhaupt kein Zentrum. Es gibt kein Gestirn, kein Objekt, um das sich alles dreht. Wir befinden uns am äußeren Rand einer durchschnittlichen Galaxie in einem durchschnittlichen Teil des Alls. Weiterhin, so wird erklärt, ist der Mensch im Kern eine deterministische Maschine, wie ein Dosenöffner oder eine Batterie, und bei allem, was wir tun, sind es doch nicht wir, die sich dazu entschließen, denn es gibt weder einen freien Willen noch ein Ich, für Dosenöffner und Batterien ebensowenig wie für den Menschen. Es gibt auch subtilere Varianten; kleinere, unauffällige Akte der Zerstörung. Einige dieser Manöver nennt man Statistik, andere Studie. Wie man sie auch nennen will, diese Anschläge auf unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen, sie sind zahlreich, und nach und nach, so scheint es, weiten sie sich auf den gesamten Bereich dessen aus, was Menschen Wirklichkeit nennen wollen. Der Mensch glaubt an die göttliche Schöpfung – die Wissenschaften erklären ihm, dass es eine solche nicht gab. Der Mensch flüchtet sich in die Liebe – die Wissenschaften erklären ihm, dass es sich nur um einen chemischen Prozess handelt. Er flüchtet in den Wunsch danach, dass seine Kinder ein besseres Leben führen könnten – die Wissenschaft schärft ihm ein, dass auch die Sorge um den Nachwuchs ein alter, letztlich zufällig installierter Mechanismus ist.
Die Wissenschaften haben im Rahmen eines gigantischen Projekts über viele Hunderte Jahre hinweg systematisch Ordnung geschaffen in der Wirklichkeit; sie haben vermessen, sie haben kartografiert, sortiert, berechnet und studiert. Diese Ordnung begann vielleicht mit Dingen, die der Lebenswirklichkeit fern sind; mit den Planeten und Sternen, mit Begriffen von Glück und Moral, die wenig mit dem zu tun hatten, was der Mensch im Alltag denkt. Doch nach und nach haben Wissenschaftler, haben wir das Projekt ausgeweitet, bis es von den fernen Galaxien über das menschliche Verhalten zu den innersten Sehnsüchten, den tiefsten Wünsche der Menschen reichte.
Und, werte Kollegen, wir haben dabei Schätze gehoben und Unfassbares entdeckt; Wir haben Technologien entwickelt, den Alltag vereinfacht und Erklärungen geliefert.
Aber vor allem haben wir den Menschen ihre Vorstellungen genommen: Wir haben ihnen Erklärungen angeboten, die sie nackt in der Dunkelheit zurücklassen. Wir haben ihre Ideen, ihr kreatives Konstruieren der Welt verhindert und alles Wünschen als nutzlos entlarvt mit unseren Werkzeugen, den Zahlen und Daten und Theorien.

Wir sind Giftmischer, Verhetzer, und schuldig in allen Anklagepunkten; schuldig des Raubens von Illusionen. Schuldig des Zerstörens von Hoffnungen, der Vernichtung aller noch so bescheidenen Vorbilder.

Aber man kann uns nicht bestrafen. Warum?

Weil wir die Gerichte stellen; mehr noch, weil die Gerichte, wie wir sie heute kennen und Mittel der Gerechtigkeit nennen, unsere Idee sind. Uns gehört die Gerechtigkeit genau wie die Rechtfertigung. Kein Herrscher, kein Mächtiger kann sich auf Dauer unserem Wirken entziehen. Sie können einige von uns töten, sie können viele von uns einsperren; aber früher oder später werden sie den Verlockungen erliegen, den Kühlschränken, dem Breitbandanschluss, der Interkontinentalrakete.
Wenn die Menschen es wollten, dann könnten sie unsere Richter stürzen. Sie könnten die Gerichte abschaffen und ihre Mikrofaserkleidung ablegen: sie könnten das Auto stehenlassen und zu Fuß zu den Universitäten gehen, um sie niederzubrennen. Sie könnten, aber sie werden es niemals wollen: Und wenn sie es doch wollen, so wird das nur von kurzer Dauer sein. Am Ende zahlen sie gerne den Preis; Man mag von Macht sprechen, wenn jemand jeden Widerstand zerschlagen kann. Aber diese Autorität, die der äußeren Gewalt, kann nicht bestehen, nicht dauerhaft, denn gegen das Wollen vieler ist selbst Stein weich. Wahre Macht besitzt nicht der, der das Handeln kontrolliert. Doch wenn der Mensch den Kampf nicht wollen kann, dann wird er ihn niemals führen. Unser Preis für ihre Wünsche und Träume ist gut gewählt: sie werden das Geschäft nicht ablehnen.

Schattenarchitekt

Diesen Artikel drucken 22. Februar 2009

Jede Maschine, sei sie noch so groß oder klein, besteht aus einzelnen Teilen, denen jeweils eine bestimmte Funktion zukommt. Die kleine Apparaturen, zu deren Bau selbst Menschen fähig sein mögen, bestehen aus Zahnrädern, aus Drähten und Platten, Hebeln und Lämpchen. Andere, kompliziertere, wie etwa diejenigen, die ihr benutzt, ohne sie gebaut zu haben, bestehen selbst aus Menschen.
Auch die gigantische Maschine, die die Welt beständig schafft und erneuert, der Apparat, den ihr nur schemenhaft begreift, mal als schöpferische Natur, mal als einfältigen Gott, besteht aus einzelnen Teilen.
Ihrem ungleich höheren Zweck entsprechend sind ihre einzelnen Bauteile komplizierter als eure einfachen Schwungräder und Scharniere. Auch sind die Elemente der Großen Maschine in sich wiederum aus Teilen zusammengesetzt, und jedes noch so kleine Teil eines Teiles ist größer und komplizierter als jede eurer Maschinen. Jedes einzelne für sich ist sinnlos, ebenso wie eine Feder aus euren mechanischen Uhren allein nichts bedeutet und zu nichts fähig ist, was einem höheren Zweck entspräche: So ist es auch mit uns.

Der SchattenarchitektEines der Elemente der Großen Maschine bin ich, und kein anderer Grund befiehlt meine Existenz. Meine Funktion bestimmt mich wie auch jedes andere Teilchen der Maschine durch seine Funktion bedingt ist; darüber hinaus gibt es nichts zu fragen, auch wenn ihr es vielleicht als unverständlich sehen werdet.
Wir, die Teile der Großen Maschine sind, wurden mit ganz verschiedenen Eigenarten entworfen. Einige von uns etwa füllen die Zeit nach, wenn sie zur Neige zu gehen droht. Andere schöpfen ein wenig ab, wenn zuviel davon in der Welt ist. Wieder andere schieben die Sterne und Planeten durch das All, die größten unter uns gar die Galaxien. In einigen von uns wurde die Fähigkeit angelegt zu erschaffen, in manchen dagegen die zu zerstören.
Ich bin nicht mehr als ein geringes unter der schier unendlichen Zahl der Elemente, auch wenn viele von euch mit meiner Arbeit vertraut sind. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man mir die Kenntnis eurer Sprache eingab. In dieser niederen Sprache, die eure Ohren verstehen können, würdet ihr mich einen Architekten nennen, genauer, den Architekten der Schatten.

Ich allein bin es, der sie entwirft, sie mit all ihren Eigenarten bestimmt und erschafft. Es mag euch verwundern, da ihr meine Schatten nicht einmal zählen könnt, aber ich kenne jeden einzelnen der Myriaden von Schatten beim Namen, und jeder trägt einen anderen. Beinahe meine ganze Zeit verwende ich darauf, sie immer wieder  neu zu formen und zu entwickeln. Mit dem geringen künstlerischen Talent, dass man mir gegeben hat, suche ich die Glorie des Ganzen auch in den Schatten auszudrücken, und auch ich wachse an dieser Aufgabe. So dauerte es Äonen, bis ich verstand, dass es ausschließlich auf den Charakter des Schattens ankommt, nicht auf seine Form oder seine äußere Beschaffenheit. Von meinen frühen Arbeiten ist daher nicht viel geblieben, aber eine könnt ihr vielleicht sehen, wenn euer grelles, künstliches Licht scharf über einer Kante abfällt: Sie stammt noch aus einer Zeit, da es nicht einmal die Sterne gab.

Manche meiner imposantesten Werken werdet ihr nie erblicken, weil eure Sonne verlöschen wird, bevor ihr die Orte auch nur erreichen könntet, an denen ich sie geschaffen haben; aber die subtilsten, die auf die eine oder andere Art eindrucksvollsten meiner Kreationen existieren fast ausschließlich in eurer Nähe. Es gibt keine Regel dafür; es gibt kein Gesetz, das dies so vorschreibt. Aber ich denke, meine Sympathie für euch ist kein Zufall. Nein, man hat es sicher absichtlich so eingerichtet: Und so bin ich meist in eurer Nähe. Mit Leichtigkeit könnte ich die äußersten Bereiche des Universums erkunden. Ich könnte Schatten malen, die von gigantischen toten Sternen geworfen werden oder solche, deren Existenz allein euch schon erschrecken würde. Aber stattdessen verbringe ich so viel Zeit wie möglich damit, die Schatten auf Bahnsteigen zu malen; die Schatten von Butterblumen, von Bergen.

Es ist aus eurer Sicht schon eine lange Zeit vergangen, seit ich euch entdeckte. Schon die ersten von euch hatten dieses besondere an sich, dass ich mir immer nicht zu erklären vermag. Schnell wurde mir klar, dass ihr mir, so primitiv ihr auch seid, in gewisser Weise ähnlich seid: auch ihr versteht etwas von den Schatten; Ich kann es sehen, wenn ihr sie anseht. Aber auch über euch huschen Schatten; manche eurer Gesichter sind voll davon, und in ihrer Art und Verschiedenheit sind sie kaum zu zählen. Einmal fuhr ich in einer eurer Straßenbahn und sah einen alten Mann, der kein zu Hause mehr hatte: nicht weniger als 78 Schatten zählte ich in seinem schlafenden Gesicht, und keiner von ihnen hatte etwas Ordinäres.

So könntet ihr mich manchches Mal beobachten; gern fahre ich in Zügen. Meist sehe ich in die Dunkelheit, beobachte die Silhouette des Zuges. Ich weiß nicht, woher eure Leidenschaft für die Schatten kommt. Meine wurde mir in die Wiege gelegt, bei euch bin mir nicht mehr sicher. Ich beobachte euch gerne: auch wenn ihr so simpel konstruiert seid, auch wenn eure Körper so zerbrechlich sind und euer Verstand so gering, da ist etwas besonderes an euch. Man erwartet von mir nicht, dass ich Fragen stelle, und so besitze ich nicht die Neugier, Fragen zu stellen oder gar nachzuforschen, aber ich denke, eins ist mir inzwischen klar: Ihr seid nicht Teil der Großen Maschine.

Wie wir Feinde wurden

Diesen Artikel drucken 16. Februar 2009

Wir kannten uns schon lange, hatten viel miteinander erlebt, und deshalb betrübte es mich sehr, als ich es erkannte. Es begann wie jede große Veränderung mit einem einzigen Wort, oder auch einem Satz. Wir waren auch früher manchmal unterschiedlicher Meinung gewesen, so ist das nun mal, wenn man sich lange kennt.
So war es auch, als es begann: Ich schenkte dieser Meinungsverschiedenheit keine große Bedeutung, erklärte mich und meine Gedanken, ließ es dabei bewenden. Dabei hätte es mir klar sein müssen, als ich sah, wie er sich kurz von mir abwandte, bevor er das Thema wechselte. Ich glaube, der Riss war schon in diesem Moment da; er konnte mich nicht ansehen, er konnte es einfach nicht ertragen, in das Gesicht zu blicken, das ihm widersprochen hatte. Das verstand ich nicht sofort, erst später habe ich mich daran erinnert. Damals habe ich es nur verwundert registriert; ich bemerkte auch, wie er immer stiller wurde, aber konnte mir darauf ebenfalls keinen Reim machen. Doch schließlich schwieg er mich immer an: wenn ich fragte, was denn sei, reagierte er störrisch und sah an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Er antwortete nur, er sei müde oder krank oder betrunken. Einige Zeit später fiel mir auf, wie sehr sich unsere Freunde veränderten, was ihr Verhalten mir gegenüber anging. Immer hatte ich das Gefühl, sie wüssten etwas, das mir entgangen war. So, als ob jemand ihnen peinliche oder geheime Dinge über mich erzählt hätte, Dinge, die ich niemandem erzählen würde – von ihm einmal abgesehen. Es dauerte noch eine Weile, bis der Verdacht in mir wirklich keimte, schließlich hatte er schon so viel für mich getan, ohne Dank zu verlangen. Nicht ohne Grund hatte ich diese Dinge nur ihm erzählt.
Als ich jedoch endlich seine Veränderung, sein zurückgezogenes und grantiges Auftreten mir gegenüber dazu nahm, war der Argwohn in mir geweckt. Also stellte ich ihn zur Rede; ich fragte ihn, ob er wüsste, was mit unseren Freunden sei, warum sie mich so seltsam behandelten. Er schüttelte nur den Kopf und sah wieder an mir vorbei. Ich glaubte ihm nicht und fragte ihn noch einmal. Er knurrte; wirklich, er knurrte wie ein Hund. Ich verlangte von ihm, mir Antwort zu geben, mit mir zu sprechen, wenigstens das sei er mir schuldig, doch er gab mir keine. Nur sein Knurren wurde lauter. Ich konnte sehen, wie er die Augen verdrehte. Einen Schritt ging ich auf ihn zu, rief ihn an, er solle sich  bekennen. Er knurrte nur weiter, ich sah, wie seine krallenartigen Finger sich verkrampfen, er fletschte die Zähne wie ein Tier: so hatte ich ihn nie zuvor erlebt. Und immer noch starrte er an mir vorbei. Schließlich konnte ich nicht anders: Meine Hände fanden seinen Kopf, und einen Moment lang rangen wir miteinander. Dann ergab er sich, wie er sich meiner Gewalt bisher immer ergeben hatte, und ließ mich seinen Kopf drehen, so dass er mir in die Augen sehen musste. In seinem Ausdruck sah ich die seltsamste Empfindung, die ich mir denken kann, und ich weiß nicht, ob ich jemals richtig beschreiben werde. Es war Wut, aber nicht seine. Es war ein Gefühl, das eigentlich ich haben sollte. Doch nicht so, als ob mir dieses Gefühl fehlen würde; ganz im Gegenteil, der Wut fehlte ihr Träger, und so war sie auf ihn übergegangen, quälte ihn, machte ihn fast tollwütig vor Schmerz. Ich war erschrocken, mitleidig. Er hatte mir so lange Zeit so gut gedient, und jetzt war etwas geschehen, etwas, das wir beide nicht verstanden. Das dachte ich, als ich seinen Blick sah. Es dauerte nur Sekunden, nur einen Moment gestattete er mir, einen letzten Blick auf seine Augen zu werfen, dann riss er sich los und biss mir in der Hand; das hatte er noch nie getan. Jaulend lief er davon, während ich mir die schmerzende Hand hielt.
Seitdem habe ich nicht mehr ihm gesprochen. Er hält sich irgendwo im Verborgenen auf, ich weiß nicht, wo: er war immer gut darin, sich zu verstecken. Ich weiß bis heute nicht, warum es geschah, und allein die Frage danach, was überhaupt geschehen war, ließ mich lange grübeln.

Erst, als ich ihn einmal lange im Spiegel betrachtete, ihn wieder und wieder sah, begriff ich es wirklich. Wir waren Feinde geworden. Wir würden immer Feinde sein.

Der arme Hass

Diesen Artikel drucken 12. Februar 2009

Wieviel klarer könnte eine Empfindung noch sein? Einzig und allein ihr Gegenteil besitzt die gleiche (eine größere?) Klarheit und Einfachheit. Spricht man von ihr, muss man eigentlich nichts mehr erklären; das warum ist vielleicht noch eine Frage wert, aber das betrifft das Gefühl selbst nicht, ist nur eine Ergänzung, eine kontingente Information, die ebenso zum Hass gehört wie die Ursache des Unfalls zum Unfall selbst; man mag danach fragen, vielleicht ist es sogar vernünftig, nach einer Antwort zu verlangen, aber wenn man sie hat, ändert das nichts. Aber schon in der Frage selbst unterscheidet sich Hass von seinem Gegenteil: man kann fragen, warum jemand liebt, aber die Frage selbst ist schon widersprüchlich.
Und vielleicht ist dieser Unterschied der Ursprung der Armut. Sicher, oft haben wir gute Gründe zu hassen: manchmal glauben wir das auch nur, aber oftmals mag es stimmen. Vielleicht verhält es sich so bei Kriegstreibern; bei Mördern; bei kalt rechnenden Bürokraten. Wenn es nicht zynisch wäre, könnten wir sagen, es sei klug, vielleicht sogar gut, diese Menschen zu hassen.
Wir gehen gern in diese Falle. Es scheint uns logisch: ist es nicht gerecht, diese Menschen zu hassen? Kann man uns dafür verdammen, dass wir diese Kreaturen, diesen Abschaum hassen? Und dann hat uns die Armut auch schon.
Es ist keine Armut des Geistes, auch keine der Worte oder der Antworten. Nein, alles ist ganz klar und einfach, so wie die Empfindung selbst. Aber sie reicht nicht aus, nicht einmal sich selbst, und darin besteht die Armut.
Wir denken an einen anderen, an das Objekt unseres Hasses. Wir denken an diese verhassten Taten, diese verhasste Art. Vielleicht geschieht es, während wir die Nachrichten schauen. Wir sehen das Gesicht eines Vergewaltigers oder Kriegsverbrechers – und dann hassen wir. Das dreckige Grinsen dieser Fratze stiert uns zuerst aus dem Bildschirm, dann aus dem Inneren unseres Kopfes an. Und die Fratze hat einen Mund. Sie hat Wangen und Ohren. Sie hat Augen. Sie steckt auf einem Hals, der auf einem Oberkörper ruht. An diesem sind Arme und Beine befestigt, an denen ihrerseits wiederum Hände und Füße mit Fingern und Zehen hängen. Alles ist gebildet von Haut und Fleisch, darunter von Knochen und Gelenken.
Wie wir es auch drehen wollen, diese Kreatur, dieses Objekt unseres Hasses ist – ein Mensch. Und bleibt ein Mensch.
Aber ist sie nicht doch ganz anders als wir? Müsste sie es nicht sein? Ist sie nicht ein Dämon, eine ganz andere Art von Wesen als wir? Wir schauen noch einmal auf das Bild: kein Dämon, ein Mensch. Ein verstörender Gedanke kommt uns: vielleicht sind wir ihr ähnlich. Aber das kann nicht sein: sie kann nicht sein wie wir. Und doch sieht sie so aus wie wir, isst wie wir, geht wie wir. Sie kleidet sich so wie ein Mensch: Sie spricht unsere Sprache.
Und dann bleibt nur noch eins: Wir müssen es ändern. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Ding, dieses Höllenwesen uns nicht mehr ähnelt: es reicht nicht, es zu hassen. Denn das schafft einen Unterschied, einen Graben zwischen uns und ihm, der sich in der Wirklichkeit – noch – nicht wiederfindet. Noch nicht. Vielleicht würde es schon reichen, wenn die Kreatur eingesperrt wäre. Vielleicht wäre das Differenz genug. Aber reicht das wirklich aus? Wahrscheinlich nicht. Schließlich spricht sie immer noch unsere Sprache, hat einen Körper, der unserem ähnlich ist. Was mehr könnten wir tun? Wir könnten ihm das Recht nehmen, zu sprechen; zu gehen; zu essen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Wir lassen sie hungern, und schon ist ihre abgemagerte Kontur der unseren nicht mehr so verwandt. Wir prügeln die Sprache aus ihr heraus. Was dann noch an Gestammel bleibt, erinnert kaum noch an die schönen Worte, die wir verwenden. Wir brechen ihr die Beine, und schon kann sie uns auch das Gehen nicht mehr gleichtun.
Aber ist das genug? Ist der Abstand zwischen uns und ihr groß genug? Ist da nicht immer noch der Hass, der uns sagt, dass dieses Ding nicht einmal in der Erinnerung mit uns verwandt sein darf? Und hat sie nicht immer noch unsere Gliedmaßen? Immer noch Augen, die uns auf so vertraute Weise anstarren?
Es reicht nicht, es reicht immer noch nicht: Es wird nie reichen. Wir können ihr die Augen ausbrennen, die Gliedmaßen abschneiden, wir können sie ermorden. Sie bleibt ein Mensch.
Hass ist arm; ihm fehlt die Wirklichkeit. Er muss sie schaffen. Immer weiter schaffen.

Das Vlies

Diesen Artikel drucken 15. Mai 2008

Die Farben sind prächtig, die Muster von seltsam krummer, komplizierter Ästhetik. Man könnte sich darin verlieren, schlecht könnte es einem werden, wenn man zu lange den winzigen Strukturen folgt, im Sturzflug in immer winzigere Stickereien abgleitet wie in die Untiefen eines Fraktals.
Doch an diesem Stück ist nichts mathematisch; rechte Winkel sind hier unbekannt, alles windet sich, fließt sogar, wenn man die Augen halb schließt und nur vorsichtig darüber hinweg sieht. Viele Webknechte, Sticker und Schneider hat es gebraucht, um dieses Werk zu vollenden, das nie ganz fertiggestellt ist oder im Moment seiner Vollendung vergeht. Unzählige Materialien sind verwandt worden, exotische sind darunter, solche, die man nicht kaufen kann, Geduld etwa, oder Jähzorn, manchmal sogar Versprechen. Die meisten kann man nicht mehr erkennen, sind sie einmal in das Werk eingeflossen, dafür sind sie trotz der farbenfrohen Struktur nicht ausdrucksstark genug, oder genauer; sie lassen sich nicht mehr trennen, die Abstufungen zwischen ihnen verschwinden.
Und jeder der Arbeiter, so kurz er auch an dem Vlies beteiligt war, ob er nun ein Meister seines Faches war oder nur ein Laie, dem man die Nadeln kurz überlassen hat, hat seine Signatur, seine Spur im Vlies hinterlassen; nichts davon ist verloren, auch wenn vieles nicht leicht oder gar nicht mehr aufzufinden ist, wenn man nicht zufällig darüber stolpert: So tief sind die Arbeiten, gerade die kleinen, manchmal aber auch die großen Flächen, mit den anderen Teilen des Werkes verwoben. Mancher Laie ist für den winzigen Bogen eines kaum zu erkennenden Ornaments verantwortlich gewesen; mit einer Lupe erkennt man leicht seine Handschrift, hat man die Stelle erst einmal ausgemacht. Doch auch die riesigen Muster verschwinden manchmal unter den Hunderten und Tausenden von Stickereien über ihnen; man muss das Vlies schon aus großer Entfernung sehen und man muss auch wissen, was man sucht, dann kann man es erkennen, es ist verborgen wie die Muster von Nazca.
Andere Arbeiten sind leichter zu erkennen; meist sind es die, die zuerst ausgeführt wurden. Nicht, dass es dafür einen Plan gäbe. Es kann 80, 100 Jahre dauern, bis alles getan ist; manchmal geschieht jahrelang scheinbar nichts, nur mit einer Lupe kann man dann die Veränderungen erkennen, die tagtäglich eingeflochten werden. Doch zumeist sind es die ersten Künstler, die das Gesamtbild bestimmen; viel wird sich noch daran verändern, aber die ersten Jahre der Schaffenszeit legen so etwas wie das grundlegende Motiv, das Thema des Werks fest. Ist es schlampig oder hektisch eingewoben worden, so braucht es schon gute und liebevolle Sticker, um wenigstens noch etwas zu retten. Sieht man später darauf, wenn die ersten der Künstler schon lange gegangen sind, wird man das Grundmotiv leicht erkennen, und so fällt es schwer, es später zu verbergen. Natürlich kommt es auch immer wieder zu Unfällen; dann waren sich die verschiedenen Autoren uneins, wie sie ein Ornament zu führen haben, oder man hat sich einfach nicht darüber abgesprochen. Manchmal schleichen sich auch unmotivierte oder sogar schlechte gesinnte Handwerker ein und zerstören das feine Gewebe an einigen Stellen mit ihren Exzessen. So können von Zeit zu Zeit Versetzungslinien oder sogar dunkle Scharten im Gewebe entstehen; entscheidend ist dann immer die Kunstfertigkeit und Hingabe der später kommenden Akteure. Verstehen sie etwas von dem Werk, so können sie wieder kitten; eine Windung hier, eine scharfe Kurve dort, schon ist alles wieder integriert. Gerade dieses Chaos, dieses Aufeinanderfolgen von Bruch, Umbruch und Vereinigung geben jedem einzelnen Werk eine ganz eigene, seltsame Schönheit; ohne Trennungslinien, ohne Wiedergutmachungsfäden und Vergebungsflicken wäre das Vlies symmetrisch geblieben, und sein wahrer Ausdruck wäre nie zur Geltung gekommen. In der Wandlung liegt das Leben, nicht in der Strenge gerader Linien.
Und so geht es bei dieser Art von Kunst auch nicht um die Fertigstellung; die meisten Besucher kommen schon während der Schaffenszeit, sogar schon, wenn erst wenige, grobe Muster zu erkennen sind. Ihnen geht es nicht um das Sein, sondern um das Werden des Werks, viele von ihnen werden sich später selbst daran beteiligen, ihren Fingerabdruck im Gewebe hinterlassen. Andere kommen nur, um den Fortschritt zu sehen, der sich seit ihrem Fortgehen ereignet hat. Vielleicht suchen sie unter den vielfältigen Ornamenten die groben Muster, die sie einst eingeprägt haben, oder wollen sich nur vergewissern, dass ihre alten Fehler von anderen korrigiert oder besser: integriert wurden. Alles ist wiederzufinden; es mag schwer zu erkennen sein, aber kein Quentchen Leben, dass im Vlies gewirkt hat, ist verloren. Der Stoff erinnert sich selbst an das Kleinste, auf eine geheime, kunstvolle Art: Alles ist da, verborgen in den Details.

Nach einer Nacht in Genf

Diesen Artikel drucken 17. Februar 2008

Städte wie diese enthüllen die ungeheure Dichte an Geschichten, die ständig an jedem Ort geschehen; die kleinen wie die großen, die alltäglichen Geschehnisse wie die lebensumwälzenden Dramen. Die Enge der Gassen; die dicht gedrängten Fenster und Balkone; die Lichtermeere an den Ufern des Sees; all diese Details erzeugen den Eindruck, vor etwas Großem, Unvermittelbarem zu stehen, vor einem Gewirr an Stimmen, Namen und Richtungen, das niemand enträtseln kann.

Sieht man die Gebäude nur als ebensolche, als tote Skelette, Konstrukte einer längst vergangenen Kultur vielleicht, dann erscheint diese Enge, diese Dichte als etwas Homogenes; dann besitzt jede Stadt den Charakter eines toten Bienenstocks, dessen leere Waben schon immer nur Identisches beinhalteten, oder zumindest sehr Ähnliches. In dieser Vorstellung wird aus dem vielstimmigem Chor der Geschichten nur eine einzige, leere Stimme; leer, weil sie schon lange verklungen ist, nur die Waben sind übrig. Ganz so, als ob jede unserer Geschichten dazu verdammt sei, von jeder anderen ununterscheidbar zu sein. Als wären wir selbst immer nur Variationen ein und desselben Dings, ein und derselben Honigbiene. Das scheint erschreckend und intuitiv zugleich; wie sonst könnten wir so symmetrische, selbstähnliche Formen wie Städte schaffen?

Gerade deshalb ist es etwas Seltsames – und vielleicht Schönes – an uns Menschen, dass es sich doch anders verhält. Hinter den augenscheinlich gleichen Waben, Parzellen, Gardinen, Zimmern, Appartements stecken immer ganz verschiedene Geschichten. Es gibt keine Homogenität in den Erzählungen unserer Leben, aber auch keine Identität, keine Getrenntheit; hinter den scharfen Grenzen unserer Lebensräume schneiden sich unsere Lebenswelten. Sie kollidieren, überlappen, divergieren, vereinen sich, immerzu. Und auch deshalb bleibt Architektur ein Rätsel.