Das Tagebuch – Kinder (2)

geschrieben am 20. August 2007 um 04:53 Uhr

Zweiter Eintrag:

Ich denke, jetzt kann ich wieder schreiben; ja, es geht. Ich habe fast schon geglaubt, dass sei das Ende, aber jetzt bin ich wieder hier und kann dir berichten. Gern würde ich dir genauere Erklärungen liefern als zuvor, aber ich fürchte, es ist nur noch verworrener geworden.

Aber ich sollte vorn beginnen, an der Stelle, an der ich auch aufgehört habe; es kommt mir ein wenig verschwommen vor, was ich dir beim letzten Mal schrieb, als wäre es vielleicht doch nicht richtig: ich muss mich wohl entschuldigen, aber du wirst weiterlesen müssen, ohne einen Namen zu kennen. Es ist schwer zu erklären, aber ich las die ersten beiden Seiten meines kleinen Tagebuchs noch einmal, während das Chaos um mich noch glühend heiß war und ich nichts tun konnte, als auf diese beiden Seiten zu starren. Die Schrift ist seltsam, aber ich habe es geschrieben, daran erinnere ich mich. Dennoch, der Name, er kam mir so fremd vor. So als wäre er gar nicht meiner. Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber ich musste ihn ausradieren, ich konnte nicht anders. Wenn ich es genau bedenke – Nein, das war nicht meine Name. Er kann es nicht gewesen sein; auch wenn einen das Gedächtnis betrügt, müsste da doch ein entferntes Wiedererkennen sein, oder etwa nicht? So war es doch immer mit Namen, die man lange nicht mehr gehört hatte: Vielleicht schienen sie aus der Erinnerung gelöscht zu sein, aber dennoch blieben sie einem vertraut, wenn man sie wieder sah.
Einen neuen Namen habe ich auch nicht – ich habe darüber nachgedacht, aber mir fällt keiner ein. Keiner, der mir wirklich vertraut wäre, und ich möchte dir nicht irgendeinen beliebigen nennen. Wer wäre ich dann noch, hier, am Rand von allem, wenn ich mir irgendeinen Namen geben würde; auch ich wäre dann beliebig, nicht wahr, und so bleibe ich lieber namenlos.

Doch genug davon, ich wollte berichten. Da waren diese Schritte vor meiner Tür, ich habe es dir geschrieben. Kaum hatte ich den Stift beiseite gelegt, da kam wirklich jemand herein. Er kam herein, ohne anzuklopfen, ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren. Ich denke, ich war es selbst; sicher bin ich mir freilich nicht, aber er trug einen gelben Schlafanzug mit einem Muster, das mir bekannt vorkam. Ja, ich denke, so einen hatte ich auch schon einmal. Männchen in bunten Anzügen waren darauf, ich glaube, sie gehören zu einer Fernsehserie; so wird es sein.
Der Junge ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Ich sprach ihn an, doch er reagierte nicht; ich bin mir sicher, dass er mich auch gar nicht hören konnte. Jedenfalls war da nicht das geringste Anzeichen einer Reaktion, als ich sein Gesicht im Halddunkeln sah. Er ging zu seinem Bett und setzte sich darauf, als würde er auf etwas warten. Ich stand auf, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Jetzt weiß ich gar nicht mehr genau, warum ich das tat; eigentlich war ich mir absolut sicher, dass auch das nichts ändern würde. Dies ist nur eine Bühne, dachte ich, und ich bin nur ein Zuschauer. Dennoch stand ich auf. Vielleicht wollte ich nur sehen, ob er wirklich real war, dieser Junge, ob sein Herz schlug. Fast schon war ich mir sicher, dass ich einfach durch ihn hindurchfassen würde, dass ich nur Luft berühren würde. Das auch er nur ein Geist war. Ich hielt den Atem an, als ich neben ihm stand. Er sah immer noch irgendeinen Punkt auf dem Fußboden an.
Und dann spürte ich ein Herz unsicher und hart schlagen, als meine Hand kurz auf seiner Schulter ruhte; ja, er war ein Mensch, das weiß ich nun sicher; ich weiß nicht, was seinen Puls so trieb, aber es war Blut, das durch seinen Körper strömte.
Dann nahm der Junge meine Hand. Für einen Moment glaubte ich, ich hätte eine Art Zauber gebrochen, und gleich würde er zu sprechen beginnen, mich erkennen. Doch nichts dergleichen geschah. Er blickte weiter starr irgendwohin, stand auf und führte mich wieder zu dem Platz, an dem ich zuvor gekauert hatte; es schien, als bewege er sich nicht bewusst. Es war mehr so, als würde er ein Insekt verscheuchen, ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken. Dann ließ er meine Hand los. Ich versuchte, noch einmal in seine Augen zu sehen, doch sein Blick ging ganz natürlich an mir vorbei; ich denke nicht, dass er mich bemerkt hat. Du wirst dich fragen, warum ich ihn nicht geschüttelt habe, warum ich ihn nicht angeschrieen habe. Aber irgendwas in der Berührung seiner Hand ließ mich in dieser Ecke stehenbleiben, während der Junge zurück zum Bett ging. Nun denke ich, dass das auch das Vernünftigste war. Es hätte nichts gebracht, zu toben: Er konnte mich nicht sehen oder hören.
So setzte ich mich wieder in meine Ecke, und dieser kleine Junge – ich bemerkte, ich hatte damals schon diese fast grauen Strähnen im Haar – setzte sich wieder auf das Bett. Es dauerte nicht lange, vielleicht nur Sekunden, dann hörte ich wieder Geräusche von draußen; der Junge seufzte, das konnte ich hören, dann flog die Tür fast aus den Angeln.
Ich schrak zusammen, der Junge blickte nur zu der Gestalt, die dort im neonfarbenen Gegenlicht stand. Sie war groß, vielleicht so groß wie ich. Ich konnte das Gesicht nicht erkennen, wohl aber den Stock in seiner Linken, dicker als zwei oder drei Finger. Der Mann atmete schwer und lehnte sich ganz leicht gegen den Türrahmen. Ich konnte nicht sehen, wohin er blickte, aber ich denke, er sah den Jungen an, zwei, vielleicht drei Sekunden. Dann trat er vor, ganz langsam, bis in die Mitte des Raumes, blieb dort stehen.
Und für einen Moment fühlte ich etwas Seltsames; nun, da es schon eine Weile her ist, verschwimmt die Empfindung: Aber ich denke, ich habe noch nie so sehr gehasst wie in diesem Augenblick. Während er sich mit seinen langsamen, fast lässigen Schritten durch den Raum bewegte, schossen mir die Tränen in die Augen. Ich wollte aufstehen, ich musste, hätte ich es gekonnt, ich hätte die Welt in Stücke gerissen. Aber ich konnte nicht, der Griff des Jungen hatte mich gebannt; schreien wollte ich, schreien und toben, aber nur ein ersticktes Pfeifen kroch über meine zerbissenen Lippen. Jetzt, wo ich es aufschreibe, komme ich mir hysterisch vor: versteh mich nicht falsch, aber ich kannte diesen Mann nicht. Lange habe ich darüber nachgedacht, aber ich kenne ihn nicht, soweit ich mich erinnere. Nichts an ihm hat mich an irgendetwas erinnert, aber in diesem kurzen Moment glaubte ich, ihn und seine Absichten erkannt zu haben; Das ist merkwürdig. Auch wusste ich, dass ich ohnehin nichts tun kann, und es war nicht nur der Wunsch, den Jungen zu beschützen, der mich in diesen Augenblicke packte. Ich würde dir auch gern das erklären, aber ich kann nicht; ich kannte den Mann nicht, und ich möchte auch nicht länger über ihn sprechen. Während ich mich also auf dem Boden wand, ging der Mann einen Schritt auf den Jungen zu, unendlich langsam und gedehnt. Ich sah durch den Tränenschleier, dass der Junge auf den Boden direkt vor sich blickte. Ich sah auch, wie er den Blick langsam hob, als der Mann ruhig und ohne einen Ton ausholte; sein Blick traf mich für einen Moment, und ich erkannte eine klare, überschäumende Kälte darin, die mich meine Wut fast vergessen ließ.

Und dann geschah etwas Seltsames. Zunächst dachte ich, der Schläger würde nur noch einen Moment warten, den Augenblick bis zum letzten auskosten, bevor er zuschlug. Aber dann begriff ich, dass ich seine Atemzüge nicht mehr hören konnte. Er stand nur noch da, wie erstarrt, den Arm zum Schlag ausgeholt.
Ich weiß nicht, wessen Stimme es war, die ich hörte; meine war es nicht, auch nicht die des Jungen, auch wenn es seine Lippen waren, die die Worte ausstießen. Ich hörte sie auch nicht sofort, sie schien sich mehrmals zu wiederholen. Als ich die Worte jedoch bewusst hörte, da stand der Junge plötzlich neben mir: Der große Mann war immer noch in seiner Haltung verharrt, er musste an ihm vorbeigegangen sein. Ich blickte in die Augen des Jungen, ich konnte aber auch nicht anders; zum ersten Mal hatten sie mich fixiert, mich wirklich wahrgenommen. Aber es waren nicht seine; vorher waren sie blau gewesen wie meine, jetzt jedoch hatten sie eine unbestimmte Farbe und einen schwer zu lesenden Ausdruck. Es war wohl Trauer, die ich sah, doch das erkannte ich erst, als ich die Stimme des Mädchens, das dort zu mir sprach, zum zweiten Mal hörte; sie sagte nur dieses, mit einem fernen Klang:
„Warum, Vater? Warum?“
Ich hörte diesen Satz wohl noch einige Male und sah, wie eine Träne durch des Gesicht des Jungen, der ich einmal war, lief. Dann wurde es wirklich verrückt.
Die genaue Reihenfolge kann ich dir nicht mehr nennen, es ist alles so verschwommen. Relativ sicher bin ich mir, dass es die Wand hinter dem Bett war, die als erstes explodierte. Zuvor hörte ich eine Maschine oder etwas ähnliches, dann wurde die Wand einfach zerrissen; ich sah dahinter nicht viel, nur Schwärze und einige blendende Lichter. Es ging zu schnell, aber ich denke, es war ein Splitter aus dieser ersten berstenden Wand, die den Jungen am Kopf traf. Er ging sofort zu Boden, und eine Sekunde später konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich glaube, er war sofort tot.
Im Schreck hatte ich mich an die Wand hinter mir gedrückt; diese zerriss als nächstes, ohne mich zu verletzen; wahrscheinlich wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Ein Stück des Fensterbrettes traf den unbeweglichen Schläger, der immer noch ungerührt in der Mitte des Raumes stand, und riss ihm den Bauch auf. Danach schien es mir für einen Moment, als wäre es wieder ruhig; doch dann zerstoben auch die anderen beiden Wände, die Decke, zuletzt der Boden, und ich fiel.
Wie lange ich fiel, kann ich nicht sagen. Es könnte lang, aber auch kurz gewesen sein. Ich denke, eine Zeitangabe würde auch keinen Sinn machen; für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Auf dem Weg sah ich nicht viel: Einmal noch sah ich den Jungen, er sagte wieder diesen seltsamen Satz mit der falschen Stimme. Dann wurde es ganz dunkel; das Denken fiel mir schwer. Eine Sache noch kann ich aus dieser Zeit berichten; ich hörte ein Rauschen, ein rhythmisches Rauschen. Fast wie Atemzüge, aber irgendwie dumpfer.
Schließlich stand ich in einem anderen Zimmer; es gab da keinen Übergang, im einen Moment fiel ich, im nächsten stand ich hier. Während ich schreibe, sitze ich auf einer roten Couch in diesem Raum, in dem ich wieder zu Verstand gekommen bin. Einige Stunden lag ich wohl auch darauf und schlief; ich musste mich eine Weile sammeln. Als ich erwachte, fand ich diesen seltsamen Kasten voller Muscheln neben mir und mein Tagebuch.
Meine Umgebung kann ich nicht einordnen; es sieht ein wenig aus wie das Wohnzimmer in einer Mietwohnung; die Möbel wirken recht billig und modern. An den Wänden hängen Poster mit karibischen Sonnenuntergängen und leicht bekleideten Frauen. Über einem Schrank voller Bücher hängt eine Flagge, ich glaube, sie gehört zu Kuba. In die Bücher habe ich schon hineingesehen; sie sind unleserlich. Manche Seiten sind zwar bedruckt, aber die meisten sind leer. Bei manchen hört der Druck mitten im Satz auf. Die anderen Zimmer habe ich noch nicht gesehen; die Türen sind verschlossen. Auch hier fand ich übrigens eine Muschel; sie lag auf dem Tisch, als Dekoration.
Ich habe übrigens beschlossen, diese Papiere in die alte Kiste aus meinem Kinderzimmer zu legen, die Sammlung werde ich wegwerfen; du wirst das nicht verstehen, weil ich schrieb, wieviel sie mir bedeutet hat. Ich erinnere mich daran; auch erinnere ich mich daran, wie ich sie sammelte, zumindest teilweise. Aber dennoch, die Sammlung kommt mir fremd vor, als hätte ich sie einem anderen gestohlen. Sie bedeutet mir nichts mehr, und ich brauche die Kiste ohnehin, wenn ich mein Tagebuch nicht wieder verlieren will.
So. Ich denke, mehr kann ich dir im Moment nicht berichten. Ich werde noch eine Weile hier sitzen und über den seltsamen Satz nachdenken, den das Mädchen ständig wiederholte. Du musst mir glauben, ich habe nie einem Kind etwas angetan. Du hast Recht, ich kann mich an so vieles nicht erinnern, aber bitte glaub es mir dennoch. Die Stimme des Mädchens kannte ich einmal, da bin ich mir fast sicher; aber ich habe ihr niemals etwas angetan.
Ich werde wieder schreiben, wenn es etwas zu berichten gibt.

/btw (3)

geschrieben am 14. August 2007 um 05:26 Uhr

Über etwas gänzlich Fremdes kann man nicht schreiben; die Spur der Autors, der Weg durch sein Universum zum Text hin, bleibt immer vorhanden. Manchmal gelingt es vielleicht, eine Wendung, eine Drehung dieses Universums herbeizuführen; mehr kann man nicht verlangen.

Der Weg nach oben

geschrieben am 11. August 2007 um 06:36 Uhr

Der Regen peitscht in dein Gesicht, tiefer noch, du fühlst, wie er durch dich hindurch geht, wie Nadeln durchstoßen die Tropfen Haut und Fleisch, prallen an den weiß hervortretenden Knochen ab, schleifen sie langsam, aber mit der Stetigkeit der Zeit herunter, ganz so wie sie es schon Bergen angetan haben, Kontinenten, Welten.
Ab und zu siehst du auf deine Hände, versuchst sie zu erkennen in den Wogen aus gläsernen Splittern, die von der Welt geblieben zu sein scheinen, versuchst das Weiß auszumachen, es gelingt dir nicht. Irrst du dich, irrst du in allem, du musst es wissen. Für einen Augenblick nur berühren sich deine Fingerspitzen und fühlen das Reiben der blanken Knochen, das Knirschen mißhandelter Gebeine, es ist also wahr.
Und dennoch, es gibt nur diesen Weg, nicht wahr, nur diesen einen Pfad, und so gehst du voran, beschleunigst deinen Schritt sogar etwas, du musst hinauf. Die Nadeln werden zu Nägeln, dann zu fast metallischen Splittern, verirrten Splittern einer herrenlose Granate vielleicht, in einem explosionslosen Rausch aus wütendem Glas. Du wirst wieder langsamer, so schnell geht es nicht, so schnell geht es nicht voran, es ist nicht möglich, aber zu langsam darfst du auch nicht werden. Das wäre das Ende, du festigt dein ursprüngliches Tempo, nein, das wäre das Ende, an dieser Stelle wie an jeder anderen waren unzählige schon zum Stehen gekommen, und dann hatten sie sich einfach niedergelegt und waren gestorben. Sie ruhten für ein Weile, einen kurzen Augenblick nur, und dann war es um sie geschehen, zu spät, zu spät. Niemand hat dir das gesagt, in keinem Buch hast du es gelesen, aber du erkennst es dennoch, es steht im Regen geschrieben, in jedem einzelnen Moment.
Ihre Überreste kannst du nicht erkennen, aber du weißt, sie waren, sie sind hier. Sie feuern dich an, weiterzugehen, Schritt um Schritt, nur nicht ruhen, immer weiter, auf die Spitze des Berges, mitten durch das Tal. Voran, voran, es gibt keine Rettung außer der in deinen Schritten. Aber nicht nur diese Stimmen hörst du, auch ist da die Stimme des Anderen, dessen Reich du betreten hast. Seinen mißgestalteten Körper durchschreitest du hier, es war dir klar, als du diesen Platz betratest, er gehört ganz und gar ihm, und mit allem Hass in seinen stählernen Eingeweiden versucht er nun, dich zurückzuwerfen, dich zu stoppen, deiner habhaft zu werden. Diese Stimme übertönt selbst das Rauschen des Wassers, auch die Stimmen der Toten am Wegesrand, wechselhaft ist sie, nur die spurhafte Boshaftigkeit bleibt ihr immer. Wenn sie spricht, verlässt auch dich der Mut manchmal für einen Moment, einige Male hättest du ihr fast nachgegeben. Einmal zitierte er die Bibel, einen bekannte Stelle über das Wandern in finsteren Tälern, fast zu spät erkanntest du die Korruptheit darin, die Kälte einer Rasierklinge, als die der Andere sich gerne sah. So hat er dich schon begrüßt, Eine Klinge bin ich wohl, hatte es durch die Ebene gedonnert, geschmiedet im Feuer der Angst, ein gröhlendes Lachen, dann hatte der Regen begonnen.
Nein, hier gab es keinen Herrn außer dem Anderen, keinen Stecken und keinen Stab, keinen Trost. Nur den düsteren Pfad, steil den Berg hinauf, den du mehr fühlst als siehst, vielleicht ist da nicht einmal ein Weg, deine Augen sehen kaum noch bis zum Boden hinab. Mehr Sicht lässt er dir nicht, nicht mehr als das millionenfach im Regen gebrochene Licht einer fahlen, fernen Sonne, die du hoch am Horizont erahnst. Manchmal stolperst du, schlägst fast auf den schlammigen Untergrund, kannst dich gerade noch fangen, ruderst einen Herzschlag lang hilflos mit den Armen. Dann lacht er, lacht lauthals, während du mit dem Gleichgewicht kämpfst und mühsam einen Fuß vor den anderen setzt, um ja nicht stehen zu bleiben. Aber es gelingt dir, wieder und wieder, und Wut strömt dann durch seine Stimme, spitzt die flüssigen Dolche noch ein wenig, Du bist mein, mein, mein.
Du schluckst den Schrecken herunter, verschließt dich seinem Brüllen oder versuchst es zumindest, Schritt um Schritt, die Bergspitze rückt näher, sie muss. Dort, über den Wolken, muss die Sonne nah sein und der Himmel klar, du bist dir sicher, und für einen Moment findest du im Geiste dorthin, atmest tief ein, fühlst die Wärme. Dann spürst du wieder das Peitschen des Regens, den Wind im Gesicht, die toten Stimmen im Boden und die schreiende über dir. Schritt um Schritt, es gibt nur diesen Weg. Du musst hinauf.

Was bleibt

geschrieben am 10. August 2007 um 00:36 Uhr

Er sah ganz nach unten auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte. Da war eine horizontale Linie, wie man sie oft in Büchern sah, darunter stand eine kleine Zahl; überhaupt war die ganze Schrift kleiner als die des Textes darüber. Dann waren da zwei Worte geschrieben, ein Name, sein Name. Daneben waren noch zwei kurze Sätze, eben so klein gedruckt wie die Zahl, die einige wichtige Fakten aufzählten; das war sein Leben, oder zumindest eine grobe Zusammenfassung davon. Immerhin war es eine betragsmäßig kleine Zahl, das tröstete ihn für einen Moment, eine kleine, die nur zwei Stellen hatte; aber er hatte schon weiter hinten im Buch nachgesehen, die größte war knapp dreistellig, und das war nicht wirklich beruhigend. Er las die beiden Sätze gar nicht; sie interessierten ihn nicht mehr. Er starrte nur eine Weile auf seinen Namen, ohne etwas bestimmtes zu denken. Dann suchte er wieder die Stelle, an der eine kleine, tiefgestellte Zahl auf diese, seine Fußnote verwies, und las die Zeilen darüber und darunter. Es waren keine besonderen Sätze; sie waren nicht fett gedruckt oder irgendwie auffällig, auch der Stil war nicht einmal passabel. Es war einfach ein Bericht oder etwas ähnliches, nicht unbedingt nüchtern, aber auch nicht von herausstechender Erzählweise. An irgendeiner Stelle war da also dieser Satz, dass die Protagonistin jemanden kennengelernt hatte; einen Moment lang war er sich nicht mehr sicher, wie sie hieß, und dachte an allerlei andere Menschen, aber dann fiel ihm der Name wieder ein. Nun, dort stand in simplen Worten, dass sie jemanden kennenlernte; das war er selbst. Über seinem Namen stand diese kleine Zahl, die auf die Fußnote verwies. Wenn er ein Buch las, übersprang er solche Verweise meist, wenn das nicht das Textverständnis störte; die meisten Menschen machten das wohl so.
Seine Fußnote brachte in der Tat kein wichtiges Element hinzu, dass für den Textfluß von essentieller Bedeutung gewesen wäre. Es war die Anmerkung eines aufmerksamen Verfassers, der seinem Leser jede erdenkliche Zusatzinformation liefern wollte, auch wenn er den Bericht einer Notwendigkeit folgend auf das Nötigste beschränken musste. Er fühlte sich zumindest ein wenig bestätigt, als er die Zeilen unter dem Verweis gelesen hatte; er tauchte weiterhin auf, in den acht folgenden Sätzen zumindest. Neun Sätze also, neun Sätze waren geblieben von ihm; er zählte noch einmal, ihm wurde schlecht. Aber was hatte er erwartet? Er wusste es ziemlich genau, wagte aber nicht, es auszusprechen. Es war ihm zu wenig, das gestand er sich ein, während er immer wieder diese neun Sätze las. Das Buch legte einen gewissen Wert auf die Kohärenz der Sätze untereinander, und einem anderen Leser würde es sicher so erscheinen, als beschrieben diese neun Sätze alle wesentlichen Ereignisse in nahtlosem Übergang, aber für ihn klafften da kilometerbreite Lücken selbst zwischen den Worten. Er erinnerte sich an einen Abend auf einer Brücke, im Sommer: es war heiß gewesen, und die meisten anderen Menschen waren aus der Stadt geflohen, an den nahen Badesee. So waren sie fast allein gewesen auf dieser Brücke in der Nähe der großen Kirche. Sie waren geblieben bis nach Mitternacht; er erinnerte sich noch an die Geräusche des Wassers, an das leise Gespräch. An das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben.
Er suchte nach diesem Abend; er fand ihn nicht. Er suchte in den Konnotationen, in dem Flüstern zwischen den Sätzen; auch dort, nichts.
Eine Stunde verbrachte er damit, auch wenn er schon längst wusste, das er ihn nicht finden würde. Er war einfach nicht da; und schlimmer noch, er selbst wurde sich unsicher, ob seine Erinnerung ihn nicht betrog; das Buch hatte doch keinen Grund zu lügen, nicht wahr, es war nur ein Bericht. Nach einer Weile wurde er wieder ruhiger; der Abend an der Brücke war nicht da. Natürlich war das nicht der einzige Moment, der er vermisste; er begann es kurz zu überschlagen, ihm fehlten etwa acht Monate. Acht Monate, einfach weg. Es war aussichtslos, nach ihnen zu suchen; mehr war davon einfach nicht übrig. Von ihnen beiden nicht. Er sortierte die Sätze gedanklich; einer von ihnen beschrieb, wie sie sich kennengelernt hatten. Vier fassten singuläre Ereignisse oder gemeinsame Unternehmungen zusammen, fast unfassbar grob in seinen Augen, aber zumindest las er dort die beiden Worte ‚glücklich‘ und ‚zufrieden‘. Einer beschrieb ihr Liebesleben, einer so etwas wie eine allgemeine Entwicklung, zwei das Ende. Einige Minuten versuchte er, die vier beschriebenen Momente im Gedächtnis wiederzufinden, es gelang ihm nicht. Erst als er kurz den Blick von der kalten Beschreibung abwandte, erinnerte er sich wieder, und als er danach wieder auf das Buch blickte, verzweifelte er innerlich. Es war doch ganz anders gewesen, oder? Der Zweifel wurde nur stärker, als er dann die beiden Trennungssätze las, und auch deshalb wurde er fast wütend: Es war so vereinfacht, auf so unfaire Weise vereinfacht. Er hätte gerne darüber gestritten, dargelegt, was fehlte, aber da war niemand. Nur dieses dumme Buch. Er schloss es und schob es von sich fort. Starrte eine Weile auf den Deckel, schmollend. Dann zog er es wieder zu sich heran, seufzte dabei leise. Es nützte ja nichts. Er betrachtete den Einband, den Namen der Protagonistin, dann blätterte er einige Minuten unschlüssig. Hätte er vor einem Jahr hineingesehen, vor zweien, dann wären da sicher mehr Sätze gewesen; vielleicht wäre die Fußnote sogar im Fließtext aufgetaucht. Aber das war vergangen.
Als er später wach da lag, fand er diesen Gedanken wieder: die ganze Sache war war nicht fair, ein schlechter, ein böser Scherz. Nicht nur, dass man immer nur ein Abschnitt des Leben eines anderen wurde, ein Kapitel oder auch nur ein Absatz. Nein, nicht nur das; auch schrieb jeder sein eigenes Buch beständig neu. Das lag nicht an den Menschen, sie taten es ohnehin kaum bewusst, vielmehr war der Platz in jenen Büchern begrenzt, so schien es zumindest. Kam etwas Neues hinzu, musste etwas Altes weichen; der Anstand gebot, nur Weniges ganz zu verwerfen, sondern eben zu kürzen, weiter zusammenzufassen. Nach und nach verschwanden die Details, dann die Momente, am Schluss die Menschen, die aber nur selten ganz. Meist blieb zumindest eine Art Karikatur übrig, etwas Fratzenhaftes wie diese seine Fußnote.
Man sagte, manche Erinnerungen blieben stärker als andere, und so schlug er das Inhaltsverzeichnis auf; tatsächlich, mehr als zwei Drittel des Buches schienen die Kindheit zu beschreiben. Gegen Ende wurden die Kapitel immer kürzer; beim Überfliegen fand er weiter hinten auch sehr viel mehr Fußnoten. Einige Namen erkannte er, andere waren ihm völlig fremd, und das ließ in ihm eine tiefe Beklemmung wachsen. Das war das schlimmste, dafür hätte er nicht herkommen müssen, er wusste es schon lange; das man ausgesperrt war aus dem Leben eines anderen, nicht mehr daran teilhaben konnte, das war schlimmer als alles andere. Er las die Fußnoten, die zu den Unbekannten gehörte und versuchte, sich dadurch ein Bild von ihnen zu machen. Für einen Moment gelang es, es gefiel ihm sogar – und schockierte ihn im nächsten Augenblick so sehr, dass er fast erwacht wäre. Wenn er das konnte, dann war es auch anderen möglich. Noch schlimmer, andere Leser würden seinen Namen lesen, seine Fußnote, sie würden sich ein Bild machen. Er dachte daran, was sie dann sagen würden: Ja, würden sie sagen, so ein Mensch war das also, deshalb konnte es nicht gutgehen, ja, man sieht es gleich, das ist eine stimmige Geschichte.
Zitternd blätterte er zurück zu der Seite, auf der er auftauchte und nach neun Sätzen wieder verschwand. Er nahm sich vor, die beiden Seiten davor und danach zu lesen: Er achtete darauf, keine der Zahlen unten auch nur aus den Augenwinkeln zu betrachten. Zunächst deprimierte ihn die Schilderung nur noch mehr, doch dann verglich er die beiden; es war in dem trockenen Sprachstil schwer zu erkennen, und er war sich nicht sicher (und würde sich nie sicher sein), ob es nicht mehr sein Wunsch war als etwas, das wirklich in dem Buch zu finden war. Natürlich fand er keine direkten Verweise auf seine Person; abgesehen von dieser einen Seite, den neun Sätzen darauf und der Fußnote existierte er in der Schilderung schlicht und einfach nicht. Doch wenn er den weiteren Verlauf ihres Lebens las, dann erkannte er eine Art Ablenkung, eine Veränderung, subtil und kaum zu erkennen, als ob die gekreuzten Wege ihren Pfad abgelenkt hatten. Vielleicht war es wirklich nur sein frommer Wunsch, aber die bloße Möglichkeit ließ ihn lächeln. Es war kein gelöstes Lächeln, es war zerknittert und hatte Risse, aber immerhin war es ein Lächeln. Noch einmal sah er auf seine Seite hinab, las die brutalen Sätze. Dann schloss er das Buch, hielt es für einige Minuten in den Händen und dachte noch einmal an all die Dinge, die wenigstens in seiner Erinnerung noch existierten. Dann stand er auf und stellte das Buch in ein Regal, das Sekunden vorher sicher noch nicht da gewesen war. Das machte nichts; er wusste inzwischen, dass er träumte.
In dem Regal waren noch andere Bücher, auch das verwunderte ihn nicht mehr. Ein Einband fiel ihm sofort ins Auge; sein Name stand darauf. Er hatte die gleiche Farbe und war, bis auf den Namen, fast nicht von dem anderen zu unterscheiden.
Als er Sekunden später erwachte, schämte er sich. Noch halb im Schlaf versuchte er, die Menschen auszumachen, die für ihn zu Fußnoten geworden waren. Es dauerte eine Weile, aber dann fielen ihm ein paar Namen ein; ja, es war wirklich beschämend. Neben den Namen fielen ihm nur kurze Beschreibungen ein – zwei oder drei Zeilen. Wie gemacht für Fußnoten.

Wach

geschrieben am 1. August 2007 um 01:54 Uhr

Er vermied Schlaf, wenn er es konnte. Manchmal reichten ihm der Fernseher und viel Kaffee, um sich wachzuhalten, aber seit einer Weile nahm er auch Tabletten. Inzwischen hatten sich tiefe, dunkle Gräben unter seinen Augen gebildet, wie Narben, und einige Arbeitskollegen hatten ihn darauf angesprochen; er hatte irgendeine Begründung genannt, und seitdem hatte ihn niemand mehr gefragt, auch wenn er nicht glaubte, dass sie ihm geglaubt hatten. Er vermutete, die Schatten fielen einfach niemandem mehr auf; ihre Tiefe blieb inzwischen gleich, und an konstante Dinge gewöhnten sich Menschen schnell.
Er hätte viel erklären müssen, hätte er den wirklichen Grund für seine übernächtigten Gesichtszüge genannt. Vielleicht hätte er einfach sagen können, dass er nicht gerne schlief; aber das hätte mehr Fragen provoziert, und darauf hätte er wieder Antworten finden müssen. Tatsächlich hielten ihn in gewisser Weise seine Träume vom Schlafen ab, aber auch das war nicht richtig, oder zumindest nicht ganz so einfach, wie es sich zunächst darstellte.
Nein, es war schon gut gewesen, den anderen irgendeine Begründung zu liefern; es war ohnehin seine Sache, und die anderen hätten ihm womöglich dumme Ratschläge gegeben oder ihn auch nur merkwürdig angesehen. Beides wollte er vermeiden.
Meist saß er abends einfach allein vor dem Fernseher, im Sessel, und trank noch einen Kaffee. Natürlich war ihm klar, dass er irgendwann schlafen musste, alles andere wäre unvernünftig gewesen; auch konnte er nicht einfach noch mehr Aufputschmittel nehmen. Es würde der Gesundheit schaden.
Aber immerhin konnte er entscheiden, wann und wie viel er schlief.
Meist schlief er irgendwann gegen drei ein, in dem Sessel. Sein Bett hatte er schon lange nicht mehr benutzt, es war ihm zutiefst zuwider, und so hatte er eine Tagesdecke darauf gelegt oder gespannt, wie in einem anonymen Hotel, und es seit Monaten nicht mehr angerührt. Wenn er es richtig machte, dann schlief er nur drei Stunden und ging nahtlos vom Verfolgen eines Filmes in eine Art Bewusstlosigkeit über, aus der er später fast erfrischt wieder erwachte. Mit etwas Glück hatte er sogar fast das Gefühl, den Film mit in den Schlaf zu nehmen, so dass es ihm manchmal schien, als wäre er die ganze Zeit wach gewesen.
Trotzdem forderte diese Art der Lebensführung natürlich ihren Tribut. Oft war er unkonzentriert oder der ganze Tag erschien ihm wie durch einen dichten Nebel verhüllt. Seine Arbeitsleistung war dadurch gesunken, aber er glich es durch Überstunden aus, so dass es niemandem wirklich auffiel. Das war ihm wichtig; aber es war auch ein Gewinn für ihn selbst, weil er weniger Zeit herum bringen musste. Inzwischen hatte er sogar begonnen, am Sonntag zu arbeiten. Man hatte ihm eine Beförderung angeboten, aber die hatte er abgelehnt; er war sich nicht sicher, ob er ein größeres Arbeitspensum noch bewältigen konnte. Und so liefen alle sieben Tage der Woche etwa gleich ab; gegen sechs erwachte er in seinem Sessel. Dann begab er sich ins Bad, frühstückte etwas Brot, ging zur Arbeit. Er blieb dort meist bis neun Uhr abends, manchmal auch länger; zu Hause setzte er sich wieder in den Sessel, kochte Kaffee und ließ sich etwas zu Essen bringen.
Es war egal, was danach geschah; wichtig war nur, dass er nicht zu viel schlief, nicht zu früh einnickte. Es war auch nicht so wichtig, was er im Fernsehen eigentlich sah. Nur Kitsch mied er. Manchmal sah er schlechte Horrorfilme; ihrem Plot konnte der Geist folgen, ohne dass er dämmerig wurde. Oder er sah alte Dokumentationen, Konzerte manchmal. Irgendetwas. Nur Romantik mied er, Familienfilme, Schnulzen.
Er hätte zu einem Arzt gehen können, aber das tat er nicht. Warum auch, er funktionierte doch.
Außerdem, was hätte er sagen sollen; weder fiel ihm das Schlafen schwer, in der Tat war das sogar ein Teil des Problems. Noch jagten ihn Albträume. Da waren keine verdrängte Kindheitserinnerungen oder Kriegstraumata, keine schweren Unfälle oder unterdrückten Gefühle.
Nein, ganz im Gegenteil:

Er träumte – gar nicht.

Ihm war nicht mehr ganz klar, wann das begonnen hatte . Das mochte auch daran liegen, dass er so wenig schlief, seine Erinnerung an Vergangenes war oft bruchstückhaft, zumindest in Bezug auf die letzten Jahre. Und so musste es auch vor einigen Jahren gewesen sein, als er plötzlich nicht mehr träumte. Am Anfang war es wohl schleichend gewesen, er hatte damals noch mit Bekannten darüber gesprochen. Sie hatten ihn beruhigt, dass viele Menschen gar nicht träumten. Aber das stimmte nicht, das wusste er. Die meisten Menschen erinnerten sich zwar selten an ihre Träume, aber sie träumten dennoch, jede Nacht. Er hatte Studien dazu gelesen. Natürlich behaupteten viele genau deshalb, sie würden selten träumten; tatsächlich aber war nur ihre Erinnerung daran verwischt.
Das war irgendwann anders geworden bei ihm. Schlief er eine Nacht wirklich durch, und von Zeit zu Zeit geschah das, weil er übermüdet auf seinem Schreibtisch oder in seinem Sessel zusammen sackte, dann erinnerte er sich danach an alles. Und damit an Nichts. An eine stundenlange, gähnende Leere im Inneren seines Kopfes.
Er hatte oft darüber nachgedacht, wie es so gekommen war. Früher hatte er oft geträumt, manchmal sogar am Tage. Alle Arten von Träumen hatte er erlebt. Die angstvollen, die des Versagens, des Gejagtwerdens, des Alleinseins, des Sterbens, die man gerne abschütteln wollte. Aber vor allem auch die von der Zukunft. Die von den seltsamen Reisen an ferne Orte, manchmal absurd, manchmal ernst und ehrfürchtig. Die von fremden Menschen, die im Traum Freunde oder gar Familie wurden. Die vom eigenen Zuhause.
Natürlich waren es nur Trugbilder, und so hatten sich all diese Dinge niemals erfüllt; weder die angstvollen noch die hoffnungsfrohen. Auch das wusste er, und früher hatte er dem Träumen auch deshalb keine große Bedeutung geschenkt.
Er fand keinen Punkt in seiner Vergangenheit, der seine Veränderung so einfach erklären konnte; da kam es einfach keinen kritischen Moment, in dem alles umgestürzt war. Er war zur Schule gegangen, hatte seine Ausbildung gemacht, er hatte eine Arbeit gefunden. Er hatte eine Wohnung gemietet, er zahlte seine Steuern. Einmal im Jahr machte er einen Urlaub in der Sonne. Einsam war er schon immer gewesen, das gestand er zu, aber das waren viele Menschen, oder etwa nicht.
Irgendwann hatte er aufgehört, darüber nachzudenken, und auch das lag teilweise sicher am Schlafmangel. Es fiel ihm schwer, das auch nur sich selbst schlüssig zu erklären, aber diese Leere, diese Stille in seinem Kopf, die fürchtete er mehr alles andere, was ihm in seinem Leben begegnet war. Einmal hatte er versucht, es aufzuschreiben, dieses Gefühl, diesen Zustand, aber danach hatte er das Geschriebene gelesen und sofort weggeworfen. Manchmal dachte er daran, es erneut zu versuchen, aber er verwarf den Gedanken immer wieder. Seiner Einsicht nach war er einfach nicht gut darin, sich auszudrücken, und ändern würde es ja doch nichts. So hatte er mit sich selbst das stille Abkommen getroffen, nicht mehr darüber nachzudenken als unbedingt nötig.
Daran hielt er sich. Zumindest meist. Tatsächlich lag im untersten Fach eines Wandschrankes in seinem Büro ein kleines Heft, in das er von Zeit zu Zeit – vor allem, wenn er wieder einmal einfach über der Arbeit zusammengesunken war – hineinsah, ohne dass er von der Existenz dieses Büchleins wirkliche – ständige – Notiz nahm. Das war seine Art von Selbst-Subversion, dachte er manchmal.
Mehrfach hatte er Seiten oder ganze Abschnitte herausgerissen und auf dem Fensterbrett verbrannt, dennoch hatte er sich nie entschließen können, es ganz zu vernichten. So war es inzwischen ein recht ungeordneter Haufen ohne Zusammenhang. Zeichnungen war dabei, meist von fast abstrakter Amateurhaftigkeit. Teilweise waren darin Träume skizziert, an die er sich noch aus früheren Zeiten erinnern konnte, so etwas das Bild von vielen, kleinen, beinahe strichhaften Menschen an einem See oder Strand. Einer mit nur zwei Menschen darauf, auf einem Berg oder Hügel. Auch ein Albtraum war dabei, mit Kugelschreiber und flüssiger Tinte hingekritzelt.
Aber neben den Zeichnungen waren da auch einige Blätter mit Worten darauf, Sätzen, meist aus dem Zusammenhang gerissen, vielfach im Nachhinein auch für ihn unverständlich. Auf einigen war nur ein Warum? zu lesen, mit stichartigen, kantigen Strichen fast aus dem Papier gerissen. Auf anderen waren detailliertere Ausführungen zu finden, auf einem Blatt etwa hatte er alles aus seiner Kindheit vermerkt, an das er sich noch erinnern konnte, und danach mit rotem Filzstift alle Punkte abgehakt, die er als Ursache für sein Leiden ausschließen konnte. Keiner war übrig geblieben.
Einmal hatte er auch versucht, seine Wünsche für die Zukunft aufzuzeichnen, aber über zwei war er nicht hinausgekommen. Der erste bezog sich auf seine Unfähigkeit zu träumen, den zweiten hatte er später dick umrandet, auch mit Rot. Und den Zettel ein paar Minuten später verbrannt.
Möglicherweise hatte er auch schon mehrfach Ähnliches geschrieben oder zumindest gedacht; seine Erinnerung daran war schwach, und außerdem hatte er ja ein Abkommen, an das er sich meistens hielt. Meistens. Nur wenn er sich einmal wieder auf dem Papierwustes seines Schreibtisches wiederfand, langsam erwachend, und immer noch diese immense Stille, diesen lebendigen Tod in sich fühlte, dann griff er ganz selbstverständlich nach dem Büchlein, fügte etwas hinzu, riß etwas heraus. Danach stellte er es wieder zurück, vergaß es fast. Und kochte Kaffee.

Marsch

geschrieben am 24. Juli 2007 um 01:43 Uhr

Schwer sind unsere Stiefel,
Schwer ist unser Schritt

Augenpaare, viele an der Zahl, alle mit Blei gefüllt, bis zum Rande, ein seltsam leerer Blick, an dessen Grund sich ein gefangenes Tier versteckt, getrieben, verzweifelt, allein.

Der Herr hat uns gesandt,
Zu suchen

Keine Sonne, kein Himmel, kein Horizont, nur die ewige Stille einer toten Welt, die weder Hoffnung noch Furcht kennt. Nur der Marsch, der endlose Marsch voran, die stille Frage nach dem Wohin.

Nach der schwarzen Blüte,
die kein Licht uns lässt

Rüstungen aus Bitterkeit tragen sie, schwarz vom Hass, grau vom Staub der Zeiten. Auch Lanzen, Schwerter, Schilde, immer noch fest in die starren Hände gepresst, obwohl sie nur noch Schatten ihrer eigentlichen Aufgabe sind, zerschlissen, verrottet. Keiner geht ihnen voran, niemand führt sie an.

Voran, voran, voran,
ohn‘ Umkehr, voran.

Ihre Abdrücke im staubigen Grund verblassen schnell, doch sie drehen sie nicht um. Sie waren schon an jedem Ort, in dieser und in vielen anderen Welten, doch ihr Ziel bleibt immer weit vor ihnen. Manchmal glauben sie es zu erkennen, in der Ferne, aber auch das bleibt ein Trugbild, eine Täuschung. Und so haben sie seit Jahrhunderten nicht mehr gedacht, gesprochen, gerastet, sie haben es verlernt.

Schwer sind unsere Speere,
Schwer ist unser Schritt

Und noch länger sind sie schon auf ihrer Reise, haben auf ihrem Weg voran alles, alles zu Asche werden lassen, am Anfang vielleicht mit ihren Schwertern, viellleicht sogar unwillig. Mit der Zeit wurden ihre Zweifel taub und blind, ihr Gewissen verging mit ihren Seelen, und nun stirbt alles um sie herum nur durch ihren Anblick. Selbst ihre Heimat haben sie zerstört, zerstört und dann vergessen, vielleicht war es auch umgekehrt. An ihnen klebt kein Blut mehr; auch das haben sie sich genommen und verbrannt.

Lang vergangen ist der Herr,
Lang vergangen ist sein Reich

Gäbe es noch Betrachter dieses seltsamen Marsches, sie würden nichts hören außer den schweren Stiefel im Sand und dem Knirschen der alten Harnische, dem Klirren des alten Stahls. Und dem Lied, dass sie stets auf den narbigen Lippen tragen. Es ist kaum mehr als ein Flüstern, es hat jede Betonung verloren, jede Leidenschaft eingebüßt. Nur die Worte selbst sind noch übrig, und so sprechen sie die Silben wie ein entleertes Gebet oder wie eine ziellose Meditation, mit trockenen, hohlen Stimmen, die schon lange wie eine einzige klingen.

Wir suchen noch die Blüte,
die kein Licht uns lässt

Von Zeit zu Zeit fällt einer von von ihnen hin. Für einige Minuten gibt einer der Männer auf, vergisst zu Atmen. Und dann steht er wieder auf, singt das alte Lied, als hätte er sich an etwas Wichtiges erinnert; Marschiert voran, voran. Als es noch Legenden gab, da sagte man von den Männer, sie seien verflucht; aber das stimmt nicht. Niemand hat sie verdammt. Kein Gott will sie strafen; auch ihre Götter haben sie umgebracht, einen nach dem anderen, und selbst das ist schon lange vergessen.

Voran, voran, voran,
ohn‘ Umkehr, voran

Manche sagten auch, niemand hätte ihnen ihre seltsame Aufgabe aufgetragen, sie seien selbst ihre eigenen Herren gewesen, schon immer. Manche behaupteten, es sei das Blei in ihren Augen gewesen, das sie auf diesen Feldzug gesandt hatte. Vielleicht ist auch das wahr, aber das macht keinen Unterschied; es gibt ohnehin nur noch sie und den Sand unter ihren Füßen. Geschichten sind verblasst, allesamt. Auch der Sand will keine neuen erzählen, keine alten behalten, und deshalb verschluckt er die Schritte der Männer. Geblieben ist nur die Legion – und ihr altes Lied.

Voran, voran, voran,
ohn‘ Umkehr, voran

Zur schwarzen Blüte,
wir tragen sie schon lang.

/btw (2)

geschrieben am 19. Juli 2007 um 20:10 Uhr

Vor jedem Kampf, ob metaphorischer oder unmittelbarer, intellektueller oder physischer Natur, sollte man in einen Abgrund schauen. Nur lang genug, um die Wahrheit zu erkennen; dass jeder Sieg nur temporär, endlich ist. Dass nichts zu erstreiten ist, weil alles schon immer verloren war. Und dann sollte man sich umdrehen und losschlagen. Nicht, weil das etwas ändern würde, sondern nur, weil die Alternative nicht lebenswert wäre.

Ein Märchen

geschrieben am 16. Juli 2007 um 09:00 Uhr

In einer dunklen Nacht, die der heutigen nicht ganz unähnlich war, da spielte ein trockener Sturmwind über einem kleinen Städtchen. Es war schon spät, die meisten Wesen hatten sich schon zur Ruhe gebettet. Niemand sah mehr zu, ohne Zuschauer war es nicht mehr so halb so spannend, und so war es nur eine laue, manchmal auffrischende Brise, die über die Straßen hüpfte und in Gassen Verstecken spielte, in den Fenstern der Häuser leise Lieder spielte. Am Himmel über der Stadt hing nur eine einzige, große Wolke, ganz schwarz und hoch. Auch sie schlief schon, so wie alles in ihr ebenso, und so hörte man lange Zeit nichts außer dem Wind, der seine Spiele spielte.
Doch dann, es muss fast schon gegen Morgen gewesen sein, fiel ein kleiner Tropfen aus der kalten Wolke; nun, das an sich ist nicht weiter ungewöhnlich, das ist es nun mal, was Tropfen tun, nicht wahr? Sie fielen vom Himmel, sickerten in den Boden, nahmen einen weiten Weg, und irgendwann löste sie die Sonne wieder und brachte sie zurück in die Höhe, die so sehr liebten. Dann begann der Kreislauf wieder von vorne. Auch dieser Tropfen hatte sicher schon Tausende Male solch einen seltsamen Kreis durchlaufen, und keineswegs unzufrieden mit seiner Rolle in der Welt. Aber diesmal war etwas anders, denn nur einziger fiel aus dieser Wolke, nur dieser eine Tropfen, ganz alleine.
Wie die meisten Kreaturen, die unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden, war auch dieser Tropfen nicht minder entsetzt, als er plötzlich kopfüber in die pechschwarze Nacht stürzte. Er fiel einige hundert Meter tief, bis er der Situation wirklich gewahr wurde, und weitere hundert, bis er endlich einen entsetzten Schrei ausstieß; Regentropfen pflegten in großen Zahlen zu reisen, und beinahe nie machten sie sich alleine auf den Weg, schon gar nicht so unfreiwillig. Der Schrei dauerte an, fast eintausend Meter lang, und noch bevor sein Veruracher sich der eigenen Lautstärke bewusst wurde, hatte der Wind in dem kleinen Städtchen ihn schon gehört und zischte voller Neugier heran. Einige Böenfinger stoppten den Wassertropfen schließlich vorsichtig, warfen ihn spielerisch wieder einige Meter in die Höhe und versetzten ihn dabei derartig in Drehung, dass ihm schwindelig wurde und er laut aufquiekte, halb aus Angst, halb aus der Erleichterung heraus, nicht mehr allein zu sein.
„Was ist denn los? Was machst du denn so einen Krach?“, fragte der Wind behutsam, sah die Panik des kleinen Tropfens und ließ ihn ganz vorsichtig schweben, um ihn nicht noch mehr zu erschrecken. „Ich bin ganz alleine“, antwortete der leise, „ich bin noch nie alleine gereist“, fügte er schüchtern an. „Aber, aber“, beruhigte ihn der Wind, strich mit dem kleinen Finger über seinen kugelrunden Kopf, „hab keine Angst, du bist nicht allein.“ Der Tropfen fasste wieder etwas Mut und bemühte sich, seine Gestalt wieder etwas zu straffen. „Wer bist du?“, fragte er etwas lauter. „Ich? Ich bin nur der Wind.“, sagte der Wind freundlich, „Es wundert mich nicht, dass du meinen Namen nicht kennst; ihr achtet selten auf mich, wenn ihr in euren großen Schwärmen reist.“
Darauf wusste der Tropfen nichts zu sagen, außer, dass das stimmen mochte. „Wollen wir ein Spiel spielen?“, flüsterte der Wind schelmisch, und noch bevor der Wassertropfen antworten konnte, wurde er auch schon hoch in Luft geworfen, etwas vorsichtiger als vorhin. Zuerst hatte der einsame Tropfen wieder Angst, doch die Stimme des Windes war nicht feindselig gewesen, und so ließ er es einfach geschehen; einige Meter weiter fing der Wind ihn wieder auf, um ihn wieder hochzuschleudern, und nach einer Weile genoss er das Spiel und lachte vergnügt mit den kleinen Böen um ihn herum.
Auf diese Weise legten sie eine weite Strecke über dem Ort zurück, mal in geringer, mal in großer Höhe, und der Tropfen staunte, was er alles auf dem Boden entdecken konnte, jetzt, wo er so langsam unterwegs war. Einmal strichen sie über eine Straße hinweg, und der Tropfen betrachtete zum ersten Mal einige Häuser genauer, die er sonst immer nur im Sturzflug gesehen hatte. Ein anderes Mal wanden sie sich um die Äste einer alten, kahlen Esche, und er staunte, wie schön Bäume waren, wenn man einmal genauer hinsah.
Schließlich erreichten sie einen Hügel in der Nähe, und der Wind ließ von seinem Spiel ab, stieg weit in den Himmel.
„Das war schön!“, rief der Regentropfen, ganz außer Atem. „Ja, das war es, mein Freund“, gab der Wind zurück und blickte dabei zum Horizont, wo sich der Morgen langsam ankündigte, „Aber ich muss jetzt gehen, siehst du den fernen Schatten dort?“, er zeigt in eine Richtung, „Dort muss ich sein, bevor der Morgen hier ist.“. Da sackte der Tropfen wieder in sich zusammen, und wäre er nicht aus Wasser gewesen, er hätte geweint. „Aber dann bin ich wieder ganz alleine…“, brachte er flüsternd heraus. Der Wind strich noch einmal über seinen Kopf, „Du bist nicht allein, mein neuer Freund. Ich bin der Wind; wo immer du auch bist, ich war schon da und bin es immer.“, er lächelte leise,“Wenn du mich kennst, dann bist du nirgendwo einsam.“, dann war er mit einem Heulen fort.

Der obige Text ist schon etwas älter, entgegen meiner ursprünglichen Absicht veröffentliche ich ihn jetzt doch. Ich hoffe, er ist nicht allzu kitschig.

Literaturprojekt

geschrieben am 2. Juli 2007 um 22:45 Uhr

Zusammen mit Vandel, dessen Weblog auch schon in der Linkliste eingetragen ist, beginne ich zur Zeit mit einem Gemeinschaftsprojekt. Noch ist nicht viel zu sehen, der Kern jedoch ist Dystopia, die Stadt aller Städte oder auch nur die Idee der Stadt, der Urstadt:

Die Stadt selber, wenn man von den Gestaden an der weißen Wüste und dem Rand der Endwelt nicht dazuzählt, verhält sich wie ein verworrener Traum aus allen Städten die es je gab. Auch hier gibt es Regionen und Orte, die man wieder finden kann, selbst nach langer Zeit, doch sind die Gebiete dazwischen instabil und verändern sich fortlauffent. Manchmal verändert ein Haus seine Bewohner, manchmal andersherum. Realität, Traum, Kollektiver Glaube, all das zusammen ergibt die Summe der Stadt. Der Einzigen Stadt.

Weiteres ist hier zu finden.

/btw

geschrieben am 24. Juni 2007 um 14:12 Uhr

Der Kern jeder Entschlossenheit ist Kälte.

Die neue Kategorie /btw (für: by the way) enthält kurze Bemerkungen, flüchtige Eindrücke, Zitierfähiges und Aphorismen.