Archiv für Dezember 2006

Ein Gebäude (2)

Diesen Artikel drucken 19. Dezember 2006

Du schrickst hoch, unangenehm berührt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um.

Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur?
Der Tisch, auf dem dein Kopf geruht haben mochte, ist mit Büchern übersät, einige sind aufgeschlagen, als hättest du hier gearbeitet, hast du hier gearbeitet?
Nein, das kann nicht sein, was solltest du auch gearbeitet haben, die Seiten sind staubbedeckt, über und über. Nur mit einiger Mühe kannst du ihn herunterwischen.

Und darunter – nur leere Seiten, du blätterst hektisch darin, nur leere Seiten, leere Seiten und kein Wort.

Du greifst nach dem Buch, auf dem dein Kopf lag, der kreisrunde Ausschnitt im Staub verrät es dir.
Die Seiten sind gefüllt mit Buchstaben, du atmest laut auf, überfliegst den Text, während du blätterst. Es fällt dir schwer, alles zu verstehen, Schrift und Sprache scheinen dir alt – wie alt? – und träge.
Es scheint eine Erzählung zu sein, eine merkwürdig handlungsarme Geschichte, in einer ebenso seltsamen Person geschrieben; an manchen Stellen ist das dünne Papier verwaschen und vergilbt, dennoch erkennst du den Stil einer Biografie, der Biografie eines Menschen, dessen Namen du nirgendwo liest, doch das scheint dir nicht so wichtig.
Jemand hat die letzten beiden Seiten herausgerissen, stellst du seltsam erschrocken fest, ja, zwei sind es, du versuchst, die letzten Worte auf den Fetzen zu lesen.

Er schrak hoch, steht dort in vergilbten Lettern, der Rest ist fort. Ein bekanntes Gefühl schleicht sich in dir hoch, hast du diese Worte schon einmal gehört, wo und wann?
Verwirrter als zuvor schlägst du es wieder zu.

Die Wände scheinen dir auch bei näherer Betrachtung einfach nur weiß, oder nicht, doch, es ist weiß. Wirklich? Irgendetwas scheint dir merkwürdig an dieser Farbe, du weißt es nicht genau.
Der Raum ist größer, als du zunächst angenommen hast, er ist voller Bücher und Regale, du sitzt am einzigen Tisch.
Langsam stehst du auf, greifst zufällig ein paar vergilbte Bücher aus den Regalen, sie sind alle leer, alle bis auf das auf deinem Tisch. Du fährst dir durch die Haare, was ist hier geschehen, wo bist du?

In einer der Wände dreht sich leise ein Lüfter, flüstert verschwörerische Silben, fast ist dir, als könntest du einen Sinn heraushören, doch dein Geist bildet immer nur die gleichen Worten, die selben wie in deinem Buch, mit einer seltsamen Intonation versehen.
In der Tür des Raumes steckt ein Schlüssel, du drehst ihn herum, öffnest sie. Für einen Moment glaubst du, jemand stünde dahinter, aber nein, der Korridor ist leer, nur ein langer Flur nach links und rechts. Von seinem Boden steigt ein aufdringlicher Geruch übertriebener Hygiene auf, die unter dem surrenden Kaltlicht eine merkwürdig matte Spiegelung erzeugt.
Unschlüssig trittst du heraus, siehst nach links und rechts, während sich die Tür hinter dir leise schließt.
Du entscheidest dich für die linke Seite, gehst los. Deine Schuhe verursachen ein schrilles, quietschendes Geräusch auf dem Linoleum, einem Protest gleich. Schnell erreichst du das Ende des Korridors, hörst hinter der Biegung Stimmen oder vielleicht nur eine Stimme, lächelst, schreitest um die Ecke und blickst – nur einen weiteren leeren Flur herunter.
Oder doch nicht? Du glaubst, einen Schatten am Ende des Korridors gesehen zu haben, als du um die Ecke kamst, rufst, schreist, läufst hinterher, biegst an der nächsten Ecke in irgendeine Richtung ab – und schaust wieder in einen leeren Korridor.
Schwer atmend bleibst du stehen. Über dir vibriert leise ein Klimaanlage wie zum Hohn. Du widerstehst dem Drang, in Panik davon zu laufen. Siehst dich genau um. Und entdeckst die Wegweiser an den Wänden. Einstmal waren sicher Worte und Zahlen darauf geschrieben gewesen, an einigen Stellen sind sie noch zu erkennen, aber unleserlich. Nur die Pfeile sind noch zu sehen, die in die verschiedenen Richtungen weisen, aber auch sie sind alle verblasst und kaum noch zu erkennen – alle, bis auf einen. Ein würdevoll verzierter, schwarzer Pfeil weist noch seine Richtung.
Du beschließt, diesem merkwürdigen, letzten Symbol zu folgen, schlägst eine neue Richtung ein. An der nächsten Abzweigung folgst du ihm weiter. Immer weiter. Und weiter. Bei jeder Richtungsänderung siehst du ihn wieder, diesen Schemen am anderen Ende des Korridors, mehrere vielleicht sogar, und so beschließt du, den Kopf zu senken, lässt dich von deiner Hand führen, die über die kalten Wände streift, während du starr auf den Boden blickst.

Und dann kannst du sie plötzlich immer sehen, aus den Augenwinkeln, erst ganz verschwommen, dann immer deutlicher. Es sind Menschen, oder Schatten, oder vielleicht Schatten von Menschen, die da mit dir zusammen durch die Gänge huschen. Einmal blickst du kurz auf, willst einen der Schatten genau fokussieren, doch dann verschwindet er plötzlich, erscheint dir erst wieder, als du den Kopf senkst. Deine Verwirrung wird mehr und mehr zu einer gefrorenen Agonie, geronnene Panik rast durch deinen Schädel und lässt nur einen Satz beständig rotieren, Er schrak hoch, wo hast du diesen Ausdruck schon einmal gehört, wo.
Doch das kümmert nur noch den kleinen Rest an Verstand, der dir noch geblieben ist, dein Körper folgt weiter stur dem scharf gezackten schwarzen Pfeil an den Wänden, und du findest – Nur weitere Gänge und verschwommene Gestalten in den Gängen, Phantomen gleich. Ab und zu kommst du an einem blinden Fenster vorbei, stolperst fast, weil deine Hand kurz den Kontakt zu den Wänden verliert, doch durch die milchigen Scheiben hindurch kannst du nichts erkennen, oder doch, du weißt es nicht, vielleicht siehst du ja etwas Wages, etwas, das hier drinnen seinen Platz schon lange verloren hat, aber es interessiert dich auch nicht mehr, du durchläufst nur Korridor für Korridor.
Du merkst dir nicht, wieviel Zeit vergeht, du siehst nicht, dass die amüsierten Neonröhren immer schwächer herabglimmen. Du siehst deine Haare nicht wachsen, den Boden nicht stumpf und alt werden, verlierst dein Empfinden für Hunger und Durst.
Und schließlich, nach Stunden, Wochen oder Jahren – du weißt es nicht -, da stehst du plötzlich vor dieser großen schwarzen Tür, immer noch die letzte Zeile in deinem Buch auf den Lippen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit blickst du wieder vorsichtig auf, musterst sie. Dein Verstand kommt nur langsam wieder an die Oberfläche deiner Wahrnehmung zurück, ein bestimmter Satz liegt dir auf der Zunge.
Ein Ausgang. Endlich.

Und dann bemächtigt sich ein mächtiger Impuls deiner, vor Glück kreischend und halb wahnsinnig rennst du auf die Tür zu, die sich vor dir leise öffnet, und dahinter siehst du nur noch helles Licht, unschuldiges Licht eines wachen Tages. Du läufst in dieses blendende Weiß, du bist frei, und dann

– Dann fällst du.
Und erinnerst dich an dein Buch in dem Zimmer, erinnerst dich wieder, wer die beiden Seiten herausgerissen hat.
Du selbst warst es, stellst du schwerelos fest, dein Geist findet zurück zu diesem Augenblick, du selbst hast die Seiten vor langer Zeit herausgerissen, sie liegen wohl immer noch versteckt zwischen den Lamellen des Ventilators. Deine Augen gewöhnen sich langsam an die Helligkeit, und schwach funkelnd siehst du den Boden tief unter dir näherkommen.
Jetzt erst erinnerst du dich an die Worte auf der letzten Seite deines Buches, ganz unten, siehst dich selber lesen und formst mit deinen Lippen die Worte,

Nach Jahren erst erkennt man: dies ist der Traum eines Gebäudes;
Die Tür zum Dach öffnete sich, ein Ausgang. Endlich.
Er schlug auf.

Und schlägst auf.

Nach einem Kommentar von Tien zu Ein Gebäude

Tiens Blog

Reise

Diesen Artikel drucken 12. Dezember 2006

Ich stehe am Bahnhof, ganz allein. Eine große Eins leuchtet leise surrend über mir, ganz fremd und kühl. Ein Zug rauscht vorbei, das Rattern der Räder übertönt die Leuchttafel, während ich auf meine Uhr blicke, den unruhigen Zeigern einige Sekunden schenke. 34, 35, 36. Wieder drei Sekunden. Wieder vier Schläge.

Ist es wirklich der Zug, der hier vorbeirast? Bin nicht ich es?

Eine Frage der Perspektive, möchte ich antworten, nur eine Frage der Perspektive. Aber das stimmt nicht, ich weiß. Eine Maschine aus Stahl und Rädern schenkt keinerlei Perspektive irgendeine Aufmerksamkeit; sie rollt nur voran, voran, voran. Die Maschine sieht sicher viele Dinge auf ihren Wegen, ich stelle sie mir vor, während der aufgewirbelte Wind an meiner Kleidung zerrt. Berge im Morgenlicht. Die sanften, bewaldeten Täler der Umgebung. Die Lichter, die wir nachts in unseren Siedlungen entzünden.
Für sie aber bedeutet das alles nichts; es macht keinen Unterschied. Sie rollt voran, ihr Ort ändert sich, das ist alles.
Menschen dagegen sind sich ihrer Reise bewusst. Ich bin nicht nur an einem Ort; ich blicke zu den Orten, an denen ich sein werde, ich sehe zurück auf die, an denen ich einmal war, soweit mich Erinnerung und Vorstellung tragen.

Und vielleicht ist das der Unterschied; der Zug besitzt nur die Gegenwart, und so steht er eigentlich still. Nur der Verschleiß erzählt von seiner Vergangenheit. Ich dagegen reise, denn ich besitze eine Vorstellung von einem Pfad. Eine verblassende, eine unvollständige, eine vielleicht ständig neu konstruierte, aber immerhin eine Vorstellung. Eine, von der niemand sagen kann, sie sei falsch oder richtig; sie ist nur eine Konstruktion, fern von diesen Kategorien. Jeder Mensch ist auf seiner Reise, jeder besitzt seine Konstruktion. In gewisser Weise ist das unwirklicher als der Weg dieses Zuges; grausamer vielleicht. Seinen ‚Artgenossen‘ muss er ebenso wenig Aufmerksamkeit zollen wie den Orten, die er erreicht; es bedeutet nichts. Wer sich nicht erinnert, kennt auch niemanden und nichts.
Wir begegnen uns nur ebenso flüchtig auf unseren langen Pfaden. Berührungen bleiben kurz und unstet. Man teilt seinen Weg mit dem einen oder dem anderen, ein Stück weit, und dann trennen sich die Wege wieder, manchmal ganz begründet, manchmal auch einfach nur zufällig. Eine Weiche stellt sich um, der andere folgt seinem eigenen Pfad, fort ist er. Mit der Zeit verblassen diese Wegbegleiter, machen Platz für neue, die alten wirft man ab, ohne es zu wollen.
Gefühle aus früheren Tagen werden fremd, dann Stimmen, sogar Gesichter, schließlich bleibt nur ein diffuser Rest.

Auch die stärksten Erinnerungen helfen darüber nicht hinweg, es bleibt immer der Zweifel: Habe ich dich wirklich berührt, warst du das? War ich denn da? Warst du denn da? Ist das wirklich geschehen? Eine Gewissheit gibt es nie, nicht, so lange unsere Füße uns tragen, nicht, so lange unsere Leben uns davonzerren. Und so suchen wir vielleicht oft nur nach dieser unerreichbaren Gewissheit.
Ich schaue dem Zug noch einige Sekunden nach. Die roten Schlußleuchten verschwinden in der Dunkelheit, schon ist er fort, gefangen in seiner Gegenwart. Ich blicke wieder auf die Uhr, zähle einige Sekunden ab. Ich stelle mir eine wohlbekannte Frage, in gewisser Weise routiniert; Sollte ich ihn beneiden?

Und dennoch zieht mich mein Weg weiter
Und Dich von mir weg
Du vergraebst, was war
Unter Deinem toten Haar
Ich frag mich jeden Tag, wirst Du mir jemals vergeben
Du bist bei mir – uns trennt das Leben – Thomas D.

Willkommen!

Diesen Artikel drucken 11. Dezember 2006

…in meinem neuen Blog.