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Der Begriff des absoluten Nullpunkts entstammt ursprünglich der Physik, genauer der Thermodynamik.
Ganz entgegen dem intuitiven Begriff von Temperatur, der sich vor allem an der Empfindung relativer Kälter beziehungsweise Wärme orientiert, konstatiert die Thermodynamik in einer grundlegenden Definition, dass die Messgröße Temperatur ein Maß für die durchschnittliche Bewegungsenergie der mikroskopischen Teilchen ist, aus denen Materie besteht.
Diese mikroskopischen Teilchen, seien es nun Atome, Moleküle oder Ionen, bewegen sich ungeordnet und statistisch, so folgt aus der Empirie. Durchlaufen sie den Raum weitgehend unbeeinflusst voneinander, etwa in einem Gas, so stoßen sie in gewissen, nur statistisch verteilten Zeitintervallen (die von der Temperatur abhängen) miteinander und sorgen so dafür, dass die Energie im Mittel gleich verteilt ist.
Im gebundenen Zustand dagegen wechselwirken die Teilchen vor allem über Gitterschwingungen miteinander; hier ist die Temperatur ein Maß für die Stärke dieser Schwingungen.
Aus dieser Definition der Temperatur folgt schon recht offensichtlich die Existenz eines absoluten Nullpunkts. Dies ist genau der Punkt, an dem sich die Teilchen nicht mehr bewegen, keine Gitterschwingungen mehr ausführen und auch auf andere Weise keine Energie mehr austauschen.
Über das Verhalten von Materie bei dieser Temperatur ist, wie zu erwarten, nur zu spekulieren. In der Vorstellung eines idealen Gases wird der vom Gas eingenommene Raum bei dieser Temperatur, die man zu 0° Kelvin oder -273,16° Celsius berechnet, gerade Null; Materie eines ideelen Gases besitzt bei dieser Temperatur keine Ausdehnung mehr.
Mit Hilfe der elementaren Sätze der Wärmelehre lässt sich leicht zeigen, dass dieser absolute Nullpunkt niemals erreicht werden kann; formuliert wird dies im Dritten Hauptsatz der Thermodynamik. Aus diesem Grunde sind Aussagen über das Verhalten von Materie am Nullpunkt reine Spekulation.
Wie eingangs schon erwähnt, handelt es sich bei dem Begriff des Absoluten Nullpunkts um einen physikalischen, thermodynamischen, rein theoretischen Begriff, einen Begriff also, der mit der heutigen, allgemein geläufigen Bedeutung kaum noch zu tun hat:

In seiner medizinischen Bedeutung wurde der Terminus 2046 in einem Werbespot der Firma DESIREFREE eingeführt.

Der Spot war Teil einer Kampagne für ein damals neuartiges medizinisches Verfahren; der sich wiederholende Lauftext im Werbefilm, später zum Slogan von DesireFree erhoben, lautete: „Wir bringen sie an den Nullpunkt. Den absoluten Nullpunkt!“
Die Kampagne wurde von der Fachwelt zunächst kaum beachtet, da sie aus offensichtlichen Gründen sehr vage und mysteriös formuliert worden war. Als jedoch Details in der Öffentlichkeit bekannt wurden, löste dies eine lang anhaltende Debatte aus, an der sich nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligten.
Bei der Nullpunkt-Technologie, so die offizielle Patentbezeichnung, handelt es sich um ein komplexe, neurophysiologisches Verfahren zur permanenten Verhaltensmodifikation.
Die genauen medizinischen Details können hier eben so wenig erläutert werden wie die mathematischen und technischen Hintergründe der Thermodynamik. Zudem ist die gesamte Spezifikation des Verfahrens rechtlich geschützt.
Es lässt sich jedoch sagen, dass es sich bei dem Verfahren um eine Kombination aus neurales Reprogrammierung und der gezielten Elimination minimalster Teile des Hirngewebes mit Hilfe von flüssigem Helium handelt.
Ohne die entsprechende fachliche Terminologie ist das Ziel und die Wirkung des Verfahrens schwer zu beschreiben. Daher greifen wir an dieser Stelle der Darstellung auf eine Analogie zurück, die DesireFree in einem ihrer ersten Werbefilme verwendete.
Ein Mensch, so der Spot, ähnelt vor der Therapie einem flachen See im Wind. In seiner Oberfläche spiegelt sich der Himmel; auch Wolken, die Sonne. Emotionale Impulse, im Spot durch wechselhafte Winde dargestellt, lassen das Wasser unruhig werden. Es bilden sich zunächst kleine Verwerfungen, schließen größere Turbulenzen und Wellen. In der Metapher könnte man sagen, der Wind habe eine kaum zu überschätzende Wirkung auf die Seeoberfläche. Ist er nur stark genug, so kann er das Wasser sogar aus seinem Bett heben.
Demgegenüber stellt DesireFree einen Menschen nach der Nullpunkt-Behandlung – nun ist der metaphorische See rundherum von hohen Bergen umgeben. Diese Berge sorgen dafür, dass der Sturm das Wasser kaum aufwühlen kann; versinnbildlicht wird dies durch die klare, ungestörte Reflexion der rapide ziehenden Wolken.
Das Verfahren wurde anfangs entwickelt, um Traumaopfer zu behandeln; letztlich führte es zu einem Produkt, dass nahezu alle emotionalen Störzustände, die Menschen durchlaufen können, eliminiert, in dem es die meist unerwünschten Langzeiteffekte vollständig ausschaltet. Laienhaft ausgedrückt könnte mal also sagen, die Nullpunkt-Technologie dämpfe die Intensität emotionaler Verwerfungen; klarer ist es allerdings, wenn man davon spricht, dass sie das emotionale Gedächtnis hemme, ja sogar ausschalte.
Historisch gesehen musste DesireFree diese Wirkungsweise schnell nach Bekanntwerden der neuen Entwicklung vor Gericht belegen. Mehrere Staaten nahmen Verfahren auf, um das Verfahren zu prüfen. Fraglich war, ob nicht schon die Intention und sicher auch die Wirkung des Verfahrens der Menschenwürde zuwider liefen; sie nehme den Menschen ihre Emotionen, behaupteten die Ankläger, und diese seien als integraler Bestandteil des Mensch-Seins zu schützen.
DesireFree konnte letztlich in weitreichenden, langwierigen psychologischen Test belegen, das ihr Verfahren keineswegs die Fähigkeit zerstörte, emotionale Zustände zu durchlaufen oder zu empfinden. In der Tat kamen alle diesbezüglichen Verfahren zu dem Urteil, dass Probanden des Nullpunkt-Verfahrens all die Emotionen durchleben konnten, die sie auch vorher schon besaßen; Angst, Freude, Wut, Liebe, Hass, Trauer in vielerlei Abstufungen.
Hemmend wirkte Nullpunkt-Therapie nur auf die Langzeit-Effekte, die mit emotionalem Erleben in der Regel verbunden sind. Gleichfalls konnte das Unternehmen aufzeigen, welch positive Auswirkung die Behandlung hat; die Wahrscheinlichkeit, Depressionen, Zwangsstörungen oder Stresssyndromen zu erleiden, sowie der Zahl der Fälle von Selbstmorden, Gewaltverbrechen und Unfällen in Folge menschlichen Versagens waren bei den Probanden signifikant geringer als bei der restlichen Bevölkerung. Die Gründe dafür liegen auf der Hand; In eigenen Studien konnte DesireFree nachweisen, dass die mittlere Verweildauer von Behandelten in einem emotionalen Zustand (ohne weitere äußere Reize) nicht mehr als 29,6 Sekunden beträgt. Das bedeutet; das Empfinden von Gefühlen beschränkt sich ohne äußeren Einfluss auf kurze Augenblicke. Auch das wurde von Teilen der Gesellschaft thematisiert und als menschenunwürdig bezeichnet; letztlich konnten sich diese Gruppen nicht durchsetzen, weil die Mehrheit der Bevölkerung die Vorteile der Behandlung längst erkannt hatte.
Trotz der juristischen Erfolge wechselte DesireFree ihre Kampagne und ihr Logo noch während der Verfahren vollständig aus. Nach eigener Darstellung geschah dies, weil der Terminus des ‚Nullpunktes‘ und insbesondere auch die Spots nicht deutlich genug machten, was die Technologie leisten konnte und was nicht. Insbesondere die physikalischen Wurzen des Begriffs hätten, so eine Pressemitteilung, Kunden abgeschreckt.
In der Bevölkerung hatte sich der Terminus jedoch schon durchgesetzt, ebenso der Begriff ‚Nullpunkt-Mensch‘ (manchmal auch: ‚0.Mensch‘) für diejenigen, die sich bereits der Behandlung unterzogen hatten. Daher griff das Unternehmen den Slogan zwei Jahre später wieder auf.
Im Jahre 2078, also heute, sind etwa 76% aller Menschen in allen Industrieländern mit der Nullpunkt-Technik behandelt worden; für andere Länder lässt sich dies schwer angeben, weil es eine hohe Anzahl von illegalen Operationen gibt. Die Gründe für den rasanten Absatz des Verfahrens sind vielfältig, aber größtenteils pragmatischer Natur. Wie Studien rasch belegten, gibt es weder versteckte Nebenwirkungen noch echte Nachteile der Technologie. In den Anfangsjahren gab es zwar einige Fälle, in denen die Elimination der beteiligten Hirnbereiche nicht vollständig durchgeführt wurde. Patienten klagten nach der Therapie über einseitige emotionale Schübe, die bis hin zu schweren Zwangsstörungen reichten. In einem besonders tragischen Fall wurde einige Parameter, die für Jähzorn und Agression zuständig sind, nicht richtig eingestellt; ein 56jähriger geriet danach in einen psychotischen Zustand und tötete drei Menschen. Das Nullpunkt-Verfahren wurde danach beinahe verboten. Heute jedoch handelt es sich um eine Standardbehandlung, die absolut sicher in der Handhabung und nur minimal invasiv ist.
Die gesamtgesellschaftlichen Erfolge des Verfahrens sind heute offensichtlicher denn je. Die Verbrechensrate ist stark gesunken, ebenso die Zahl psychischer Erkrankungen. Der Zufriedenheitsindex ist seit 2046 um vierzehn Punkte gestiegen. Die Zahl der Unfälle in Folge menschlichen Versagens ist beinahe bei Null – auch deshalb, weil Nullpunkt-Behandelte am Steuer nahezu aller öffentlichen Verkehrsmittel sitzen.
Und das Wachstum geht weiter – für das Jahr 2100 rechnet DesireFree mit einer beinahe hundertprozentigen Versorgung des westeuropäischen/nordamerikanischen Marktes.

Auszug; Website von DESIREFREE Global, Rubrik: Historisches – ein kritischer Blick von unabhängigen Geschichtswissenschaftlern.

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