Flecken im Dickicht Diesen Artikel drucken

Im ersten Moment sah ich die Augen nicht: ich war nur stehengeblieben, weil ich dieses Gefühl in der Magengegend hatte, dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn man etwas neben sich spürt, obwohl man doch allein sein sollte. Der Park war verlassen um diese Uhrzeit. Es muss halb vier gewesen, vielleicht später; ich war auf dem Heimweg, hatte mich noch lange im Büro aufgehalten und war darüber eingeschlafen. Ich muss fast schlaftrunken gewesen sein, als ich die Abkürzung durch den Park wählte: die Stadt ist klein, aber auch in einer kleinen Stadt sollte man so spät in der Nacht nicht allein im Dunkeln gehen.

Als ich aber an diese besondere Stelle kam, da war ich plötzlich hellwach; mein Herz raste wie von einer großen Anstrengung, und dieses Gefühl im Bauch loderte ihn mir auf. So stark hatte ich es noch nie empfunden; es war, als läge ein Gewicht in meiner Brust, drückte auf all die Organe in meinem Inneren. Ich sah mich um; sie schalteten um diese Uhrzeit jede zweite oder dritte Laterne aus, um den Strom zu sparen, aber viele der Lampen funktionierten ohnehin nicht mehr, so dass ich kaum etwas erkennen konnte. Schemenhaft erkannte ich noch den Weg aus weißen, bald grauen Steinen. Links und rechts begann das Unterholz, dass schon seit Jahren ungehindert wucherte.

Flecken im Dickicht

Und so brauchte es dieses winzige, dieses kaum hörbare Geräusch, um meine Augen in seine Richtung zu lenken. Es klang ein wenig wie ein unterdrücktes Jaulen, aber es könnte auch ein winziger Ast gewesen sein: hätte ich nicht so angestrengt gelauscht, ich hätte es sicher nicht gehört. Es müssen noch einige Sekunden vergangen sein, bis ich die beiden ganz leicht funkelnden Augen entdeckte und erstarrte. Ich kann unmöglich sofort erkannt haben, um wessen Augen es sich handelte, aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich es gleich gewusst; es waren die Augen einer Wildkatze, einer großen Wildkatze. In diesem Moment aber, als ich die Augen im Gras sah, da habe ich gar nichts mehr gedacht oder gewusst. Wie angewurzelt stand ich da und starrte. Und die Augen starrten zurück. Ich glaube, sie haben mich schon länger beobachtet; sicher lag sie schon lange dort. Vielleicht war sie mir auch auf meinem Weg gefolgt, war ganz leise und vorsichtig neben mir gelaufen, ich auf dem steinernen Weg, sie im tiefen Dickicht der kleinen Bäume und Büsche. Wir sahen uns an, Sekunden, Minuten lang. Und je länger ich hinsah, desto mehr Details konnte ich ausmachen. Ich sah spitze Ohren, die sich ganz leicht gegen den Hintergrund abhoben, und einen großen Kopf. Dann begriff ich die Bösartigkeit, die die Augen dieses Wesens ausstrahlten. Hätten meine Lungen Luft gehabt, hätte ich sicher geschrieen, aber mein Atem stand still; in den Pupillen dieses Wesens sah ich eine Boshaftigkeit, eine Art von Verletztheit und Rachsucht, die ich mir nie habe vorstellen können, von einer Intensität und Kraft, die mich auch heute noch manchmal zittern lässt, wenn ich in einem dunklen Zimmer sitze. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesen Ausdruck silbriger Augen blickte, mich darin fast verfing, fast aufging. Aber es war das Tier, welches sich zuerst bewegte; die Katze kam einen, vielleicht zwei Meter auf mich zu. Meine Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen einen schlanken, dunklen Körper, der sich ganz knapp über dem Boden bewegte, und dann, kaum zu erkennen, das kurze Aufblitzen der schwarzen Flecken. Die Katze schlich bis auf wenige Meter an mich heran: ich war immer noch unfähig, mich zu bewegen. Todesangst befiel mich. Sie hätte mich ohne Zweifel zerreißen können, ich wäre ihr zum Opfer gefallen, ohne auch nur noch einen Laut von mir geben zu können. Doch dann, ich weiß nicht wieso, blieb sie stehen. Der Ausdruck ihrer Augen wandelte sich: es mag unwahrscheinlich klingen, aber ich glaube so etwas wie Angst erkannt zu haben. Die Katze blickte mich noch einige Sekunden an. Ich sah ihren Schwanz unruhig zittern: Dann sah ich nur eine schnelle Bewegung, deren Richtung ich nicht ausmachen konnte. Einige Äste hörte ich zerbrechen, die Büsche raschelten. Ich war wieder allein.

Für den restlichen Weg benötigte ich nur wenige Minuten, so schnell lief ich. Als ich zu Hause war, zitterte ich am ganzen Leib, ließ mir ein Bad ein und wusch mich. Obwohl das Tier mich nicht berührt hatte, fühlte ich mich unendlich schmutzig. Schließlich ging ich ins Bett; ich muss unter Schock gestanden haben, anders kann ich es mir nicht erklären. Erst, als ich schließlich auf meinem Bett lag und endlich einschlief – der Morgen neigte sich da schon gegen Mittag – fiel mir der Name des Tieres ein. Ich war einem Leoparden begegnet.

Leopard (2)

Als ich am Abend wieder erwachte, erschien mir dies alles unwahrscheinlich, unmöglich: ein Leopard im Stadtpark. Ich hätte die Polizei anrufen können, aber ich tat es nicht. Sie hätten mich wohl für verrückt erklärt, und mir selbst kam die Geschichte immer seltsamer vor, je länger ich darüber nachdachte. Du warst müde, du hast Dinge gesehen, die nicht da waren, dachte ich bei mir. Und in der Tat brachte meine Erinnerung nicht viel mehr auf als Schatten und Schemen: ich war mir ja sogar unsicher, wo genau ich sie gesehen hatte. Also ließ ich die Sache auf sich beruhen. In dem Park war ich seither aber nur noch am Tage: In der Dunkelheit gehe ich lieber den anderen Weg, außen herum, auch wenn dieser länger ist.

Dies alles geschah fünf Tage, bevor der erste Mensch verschwand. Es war eine ältere Frau, die gegen Abend ihren Hund spazieren führte. Die Zeitung berichtete, dass sie gegen neun Uhr aufgebrochen war. Als sie gegen elf immer noch nicht wieder zu Hause war, suchte ihr Mann sie. Er fand nur den völlig verängstigten, aber unversehrten Hund, der unter einem Baum kauerte und winselte, von der Frau aber fehlte jede Spur. Das Kriminallabor fand etwas Blut und Kleidungsreste auf den Steinen, nicht weit von dem Ort, an dem man den Hund gefunden hatte. Doch die Frau oder ihr Leichnam blieb verschwunden.

Als ich davon in der Zeitung las, war mir schon im ersten Moment klar, dass es mit dem Leoparden zu tun haben musste. Meine Erinnerung war nicht falsch, ich hatte nicht geträumt: es war der Leopard gewesen, er hatte die Frau getötet. Mir war klar, dass ich zur Polizei gehen musste, und das tat ich auch: ein streng dreinblickender Beamter hörte sich meine Geschichte an und machte sich dabei Notizen. Er erklärte mir, dass sie den Park am Tag schon dreimal mit mehreren Dutzend Polizisten durchkämmt hatten, ohne etwas Ungewöhliches zu finden; einen toten Fuchs hatten sie gefunden, aber der war einer Krankheit erlegen und ganz sicher nicht, wie er es sagte, einem Urwaldtier. Während ich ihm zuhörte, wurde mir klar, dass er mich nicht ernstnehmen würde. Und so war es auch: er fragte mich zuletzt nur, ob ich trinken würde, und ob ich wegen psychischer Probleme in Behandlung gewesen sei. Das Gespräch wurde sehr unangenehm: schließlich fragte er mich sogar, wo ich in der Nacht gewesen, in der die Frau verschwunden war. Als ich das Polizeigebäude schließlich enttäuscht verließ, wurde mir klar, warum sie den Leoparden nicht fanden, und ich lächelte; er jagte nur in der Nacht. Sie aber hatten am Tag gesucht.

Einige Wochen später verschwand ein Vierzehnjähriger. Er war viel zu spät von einer Geburtstagsparty gekommen und hatte wohl deshalb gegen den Rat seiner Eltern durch den Park abgekürzt: man fand seinen linken Schuh, sonst nichts. Die Polizei besuchte mich einige Tage später und stellte mir wieder Fragen. Offenbar war ich für sie ein Verdächtiger geworden, nur weil ich ihnen von dem Leoparden erzählt hatte. Ich versuchte, ihren Verdacht auszuräumen; als sie doch wieder nach dem Tier fragten, log ich und erklärte, ich wäre an diesem Abend sehr betrunken gewesen. Der Verdacht, der von mir abfallen sollte, ist nicht der einzige Grund dafür, dass ich ihnen diese Lüge auftischte. Ich glaube, es war kein Zufall, dass ich den Leoparden zuerst sah. Er wollte, dass ich ihn sehe, und er ließ mich aus einem bestimmten Grund gehen . Trotz all der Dinge, die der Leopard getan oder auch nicht getan haben mag, darf ich doch auch nicht vergessen, dass er mich verschonte – und warum.

Ich weiß, irgendwo im Park liegt er in seinem Versteck. Es ist vielleicht eine kleine Höhle oder ein dichtes Gewächs, ich glaube, ich weiß, wo man suchen müsste. Dort erwacht er nachts, ohne den Tag hier verbracht zu haben. Er geht auf die Jagd, schleicht durch die Nacht. Sie können ihn kaum sehen, bevor es zu spät ist: Nur Flecken im Dickicht.

Einst erschien ich nur zur Stunde des Schlafes, war ein Traumwesen, dass mit dem Erwachen ging. Ich jagte durch Dschungel, durch Steppe, über Asphalt und in Tiefgaragen: Dem Menschen war ich Vehikel, war ich Avatar und Traumfreund. Ich schlug meine Zähne in vielerlei Arten von Beute; Gazellen waren ebenso darunter wie Menschenväter und Menschenbrüder. Doch all dies reichte nicht. Ich wusste schon lang, dass es eines Tages geschehen würde, dass der Traum nicht auf ewig mein Reich bleiben durfte. Ein ums andere Mal suchte mich der Träumer zu verjagen, obwohl er es doch war, der mich träumte. Ich konnte nicht gehen, ich durfte nicht bleiben: ich lebte im Dschungel, tief verborgen von seinen Augen: er brannte alles nieder. Ich floh in die Steppe, litt Hunger und rastete an den wenigen Wasserstellen: er vergiftete mein Wasser.
Doch ebenso, wie er mich zu zerstören suchte, brauchte er mich auch. Ebenso, wie er den Feind in mir sah, erblickte er auch sich selbst in dem gleichen Bild. Schließlich musste der Widerspruch aufgelöst werden, so verlangt es die Natur: wenn Zwei nicht miteinander leben können, die eigentlich Eins sind, so muss das Eine eben zu Zweien werden. Und so lag der Träumer ein letztes Mal im Kampfe mit mir oder sich selbst; mein kräftiger Rücken hielt seinen Schlägen stand, wie er es immer getan hatte.

Doch diesmal barsten seine Fäuste, und sich selbst verschlingend gebar der Mensch mich auf dem steinernen Boden. Nur einen Moment hielt er inne und sah mich an, diesen Teil seiner selbst, von ihm erträumt, von ihm verfolgt: Dann lief er davon, die Hände voll von meinem Blut, und ließ mich, geschunden und geschwächt, zurück. Ich schleppte mich ins Dickicht, verbarg mich vor fremden Blicken und ließ meine Wunden heilen. Der Wald, so entdeckte ich auf meinen ersten Streifzügen, war reich an Kaninchen und Füchsen. Ein gutes Leben könnte ich hier führen, ein gutes, ein Blutleben, wie es meine Vorfahren schon verbracht hatten, über unzählige Generationen.

Und doch weiß ich, dass ich nicht bin wie sie. Ich bin kein Tier. Die Menschenwesen, die ich töte, verschlinge ich nicht, sie sind für mich ungenießbar: Stundenlang liege ich voller Reue vor ihren toten Körpern, bedauere ihren Tod und meine Mordlust. Doch ich muss es tun, werde es immer wieder tun. Auch wenn wir nicht mehr eins sind, so folgt mein Biss doch immer noch seinem Befehl. Ich bin keine Raubkatze, ich bin ein Traumwesen; Ich bin Vergeltung und schwärzeste Nacht. Ich bin Hass. Ich bin Tod. Ich bin sein Leopard.

edit: Das zweite Bild wurde mir von overclouded_tangle zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

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