Kategorie 'Ein Gebäude'

80 Meter hoch, einen Kilometer breit; so liegt es in der Dämmerung – und träumt.

Ein Gebäude (3)

Diesen Artikel drucken 5. Januar 2008

Wenn er nachts durch die Flure schleicht, dann bleibt er ab und zu stehen und horcht: Er schaut links und rechts die Gänge hinunter. Manchmal bleibt er auch unvermittelt stehen und lauscht auf etwas, dass nur er hören kann. In diesem Gebaren hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Katze. Er bewegt sich kaum so geschmeidig wie eine Katze, aber ebenso leise; vielleicht ähnelt er auch eher eine Ratte, die mal hier, mal dort schnüffelt und etwas Essbares zu erspähen sucht; ja, eine Ratte, das kommt auch seiner Gestalt recht nahe.

Früher, als noch alles anders war, da war er ein recht hochgewachsener Mann mit einem etwas dümmlichen, aber klaren Ausdruck in den Augen gewesen: Etwas besonderes war er nie. Seine Vergangenheit war, inzwischen sogar für ihn, nicht der Rede wert; irgendwann nach einer mittelmäßigen Karriere als Kleinkrimineller hat er einmal angefangen, als Hausmeister zu arbeiten, und das tut er immer noch. Ein gewisses Geschick für die kleinen technischen Dinge war ihm schon immer gegeben gewesen, und so konnte er in diesem Beruf einigermaßen über die Runden kommen. Vor diesem Gebäude hat er schon viele andere betreut, Facility Management nennt man das heute, aber das weiß er nur aus seinem Arbeitsvertrag, und an den denkt er nur selten.
Die Menschen, die ihn heute noch sehen, haben seine Veränderung kaum erkannt; sie meiden ihn, wenn sie können, ansonsten sind sie so freundlich wie nötig, um das zu bekommen, was sie von ihm brauchen; meist Hilfe bei verklemmten Türen, streikenden Steckdosen, verstopften Abflüssen, Blutflecken im Flur.
Auch er selbst ist sich der Veränderung nicht immer bewusst; noch kann man von einem Leben sprechen, dass er lebt, vielleicht werden es einmal zwei verschiedene werden, die nichts voneinander wissen. Physisch gesehen ist er in jedem Fall immer noch eine Einheit, auch wenn sich sein Aussehen verändert hat; Sein Rücken ist ganz krumm geworden in den wenigen Jahren, die er hier schon arbeitet. Die Schultern geben langsam der fehlenden Spannung der Nackenmuskeln nach und haben sich dicht an das Rückgrat gelehnt, und so macht er den Eindruck eines alten Kirchenschiffs, das langsam in sich zusammensinkt. Die Augen sind meist blutunterlaufen und liegen in tiefen Kratern, im Halblicht der nächtlichen Beleuchtung kann man sie kaum erkennen. Manche der Schwestern tuscheln, er trinke, aber das stimmt nicht.

Aber nicht nur er hat sich verändert; auch alles um ihn herum ist anders geworden. Als die seltsamen Selbstmorde begannen, war er es gewesen, der Gitter vor den Balkonen anschraubte. Doch danach waren immer wieder Menschen vom Dach in den Tod gestürzt, und niemand konnte es sich erklären; Studenten waren unter den Toten, Ärzte, Patienten, Schwestern. Die meisten hatten sich gegen Morgen das Leben genommen, meist während eines langen Bereitschaftsdienstes oder nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten. Inzwischen ist das der Grund, warum immer mehr Angestellte das Gebäude verlassen und nicht wiederkommen. Auch die Patienten meiden das Gebäude, wenn es möglich ist. Einen Teil der Bettenhäuser hat man schon stillgelegt, weil es nicht genug Personal gibt. Die wenigen, die bleiben oder bleiben müssen, weil sie keine andere Anstellung finden, leisten nur ungern Nachtdienste; manche munkeln, es spuke in dem Komplex. Die Ärzte, die Schwestern, ja sogar schwer kranke Patienten versuchen sich in der Nacht mit Fernsehen, Spielen und Aufputschmitteln wach zu halten, um ja nicht einzuschlafen: Mit trüben Augen und leerem Blick wanken sie dann durch die Gänge, starren auf die Uhren, warten, gehen, warten.

Es gibt nur noch einen, der in diesem Gebäude schläft, und das ist er, der Hausmeister. Er ist schon immer von einfachem Gemüt gewesen, und auch deshalb ist er sich dessen gar nicht so recht bewusst. Es fing ganz kurz nach den ersten Selbstmorden an. Er erinnert sich gut daran, denn er war es, der die Blutlachen im Innenhof beseitigen musst; das gefiel ihm nicht, beim ersten Mal war ihm sogar schlecht gewesen. Doch nach ein paar Malen gewöhnte er sich daran, es war auch nur Dreck, Dreck, wie er ihn jeden Tag beseitigte, wenn etwa ein Unfallopfer durch die Flure geschoben wurde.

Dann begannen die Träume. Es waren Albträume, aber seltsame sterile; viele der Menschen, die hier arbeiteten, hatten auch solche gehabt, aber er war der einzige, der sich an einzelne erinnerte. Anfangs waren sie schockierend gewesen, Träume von seltsam verdrehter Grausamkeit, Bilder von den Blutlachen, aber aus einer merkwürdigen Perspektive betrachtet. Menschen, die in den Tod stürzten, Schreie und immer wieder ein verkrüppeltes Lachen wie von Blechdosen, die man zusammendrückte. Und am Ende jedes Traumes ein riesiges Raubtier, so riesig, dass man es nur hören, aber nicht sehen konnte, als wäre man bereits verschlugen worden.

Damals hatte auch er darüber nachgedacht, das Gebäude zu verlassen und zu kündigen. Aber draußen gab es nichts für ihn; eine Frau oder Freundin hat er nie gehabt, Freunde auch kaum. Seine Eltern waren früh gestorben. Vor den Träumen hatte er das Gebäude schon seit Jahren nicht mehr verlassen; er wohnt in einem ausrangierten Patientenzimmer. Was er braucht, kauft er im hauseigenen Laden, wo er Rabatt bekommt; er isst immer in der Kantine.
Es gab nichts, wo er hätte hingehen können, und deshalb blieb er. Am Anfang fiel ihm das schwer, die Träume verstörten ihn mehr und mehr, er schlief wenig. Doch nach einer Weile verflog der Schrecken. Er hatte sie immer noch, diese Albträume, sie machten ihm immer noch Angst; aber es war eine andere Art von Angst, eine sterile vielleicht. Er wachte nicht mehr schweißgebadet auf. Seine Angst vertrocknete langsam, wurde zu einer Konstante seines Alltags, die ebenso wie andere Routinen keine Reaktion mehr provozierte. Mehr noch; in gewisser Weise begann er, etwas Beruhigendes in der ständigen Präsenz dieses großen Tieres zu sehen.

Dann, irgendwann, fiel die Lüftung in seinem Zimmer aus; er bemerkte das nicht sofort, denn das Rauschen der kleinen Lüfter in Decken und Wänden ist zwar allgegenwärtig, aber leise – so leise, dass es drei Nächte dauerte, bis er es bemerkte.
Was ihm auffiel, das war das Fehlen der Träume – sie schwanden zusammen mit dem Flüstern der Lüftung.
Er muss den Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen erkannt haben. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, tauschte er nach diesen drei Nächten den Lüfter in seiner Decke aus und hatte fortan wieder seine Träume.

Er vermutet manchmal, diejenigen, die schon den Tod gefunden haben, könnten ähnliche Träume gehabt haben. Dann fragt er sich auch, warum er nicht gesprungen ist, und weiß die Antwort, ohne sie aussprechen zu können. Seit die Träume da sind, ist er unwirscher geworden, er spricht kaum noch mit anderen Menschen. Die anderen, selbst verängstigt, manche vielleicht schon vollkommen von Sinnen, meiden ihn umso mehr, aber das stört ihn nicht mehr. Wenn sie etwas von ihm wollen, dann lächelt er sie schief an und sein Gegenüber erkennt, dass dieses Lächeln aufgesetzt ist, nur eine Maske. Manche erkennen noch etwas anderes, etwas Bedrohliches in diesem Lächeln, etwas, dass sie an kaltes Linoleum erinnert, aber sie brauchen ihn, und deshalb akzeptieren sie das; einmal wollte man ihn ersetzen, aber niemand wollte seine Arbeit machen. Also ist er geblieben und kommt seinen Aufgaben nach: Wenn ihn jemand bittet, die losen Teile der Balkongitter wieder festzuschrauben oder die Wegweiser an den Wänden neu zu tünchen, dann lächelt er wieder schief und tut es.
Nachts jedoch, wenn er fast allein in dem Gebäude ist, da steht er manchmal auf, schleicht durch die Gänge, um ungesehen zu bleiben, und schraubt die Gitter wieder lose. Oder er reißt wahllos Pfeile von den Wänden. Oder sperrt Türen auf, die eigentlich verschlossen bleiben sollten.

Ihm ist nicht zu jeder Zeit klar, dass er das tut. Noch ist seine Psyche zwar ein zusammenhängendes Ding, eine Person. Doch sie ist verbogen, gekrümmt wie sein Rücken, und manchmal kann man deshalb nicht mehr von einem Ende hinüber zum anderen sehen. Dann kann er sich nicht daran erinnern, Hausmeister zu sein; oder er kann sich nicht daran erinnern, nachts aufgestanden zu sein.
Manchmal bemerkt er diese Lücken sogar; aber es berührt ihn nicht, im Gegenteil. Er ist gern die Ratte, er mag seine Metamorphose: dieses Wort kennt er noch nicht lange, jemand hat es ihm eingeflüstert. Er spricht es immer noch falsch aus, wenn er mit sich selbst redet.
Seine Metamorphose, seine Veränderung begann, nachdem er die Lüftung in seinem Zimmer erneuert hatte und er wieder seine Träume durchlebte.

Denn von nun an sprach das Raubtier zu ihm.

Ihm ist nicht klar, warum das so ist. Er versteht auch nicht alles, was dieses Ding zu ihm sagt. Manchmal jedoch erzählt es ihm einfach Geschichten, oft gruselige, brutale Märchen, in denen es um lebende Häuser geht und um kleine tückische Wesen, die sie bewohnen. In einigen Nächten trägt es ihm nur lange, monotone Gedichte vor, deren Begrifflichkeiten er nicht versteht; doch er versteht den Ausdruck, den die Stimme des Raubtiers dabei hat.
Manchmal gibt ihm das Ding auch Anweisungen; etwa den Auftrag, die Tür zum Dach wieder aufzuschließen. Er befolgt die Anweisungen immer sofort. Danach erzählt es ihm oft eine neue Geschichte. Die Stimme in seinem Kopf lässt nie einen Zweifel daran, dass er nichts bedeutet; er und das Tier werden nie Freunde sein, aber von Freundschaft hat er nie viel gehalten. Das Ding in seinen Träumen ist viel mächtiger und stärker als er, auch das versteht er. Aber das Tier braucht ihn für einige Tätigkeiten, und das macht ihn zu einem mächtigen Mann. Er hat sich noch nie im Leben so mächtig gefühlt, bevor er zu der Ratte wurde. Ratte, so nennt ihn das Ding in seinen Träumen.

Inzwischen kann er das Tier auch tagsüber hören, wenn er wieder durch die Korridore schleicht, leise und verstohlen; die Lüfter sind überall in dem Gebäude, die Stimme ist allgegenwärtig. Manchmal bleibt er dann stehen, meist unter einem der Lüftungsrohre, und lauscht der Stimme.
Ihm ist klar geworden, dass dieses Tier in den Mauern stecken muss, oder dahinter; mehr weiß er nicht, aber mehr will er auch nicht wissen. Ihm reicht die Gewissheit der Stimme in seinem Kopf. Er findet es nicht mehr falsch, wenn die Menschen vom Dach stürzen: Das Tier hat Recht, denkt er. Die anderen gehören nicht hierher. Diese Welt gehört nur dem Raubtier – und ihm.

Ein Gebäude (2)

Diesen Artikel drucken 19. Dezember 2006

Du schrickst hoch, unangenehm berührt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um.

Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur?
Der Tisch, auf dem dein Kopf geruht haben mochte, ist mit Büchern übersät, einige sind aufgeschlagen, als hättest du hier gearbeitet, hast du hier gearbeitet?
Nein, das kann nicht sein, was solltest du auch gearbeitet haben, die Seiten sind staubbedeckt, über und über. Nur mit einiger Mühe kannst du ihn herunterwischen.

Und darunter – nur leere Seiten, du blätterst hektisch darin, nur leere Seiten, leere Seiten und kein Wort.

Du greifst nach dem Buch, auf dem dein Kopf lag, der kreisrunde Ausschnitt im Staub verrät es dir.
Die Seiten sind gefüllt mit Buchstaben, du atmest laut auf, überfliegst den Text, während du blätterst. Es fällt dir schwer, alles zu verstehen, Schrift und Sprache scheinen dir alt – wie alt? – und träge.
Es scheint eine Erzählung zu sein, eine merkwürdig handlungsarme Geschichte, in einer ebenso seltsamen Person geschrieben; an manchen Stellen ist das dünne Papier verwaschen und vergilbt, dennoch erkennst du den Stil einer Biografie, der Biografie eines Menschen, dessen Namen du nirgendwo liest, doch das scheint dir nicht so wichtig.
Jemand hat die letzten beiden Seiten herausgerissen, stellst du seltsam erschrocken fest, ja, zwei sind es, du versuchst, die letzten Worte auf den Fetzen zu lesen.

Er schrak hoch, steht dort in vergilbten Lettern, der Rest ist fort. Ein bekanntes Gefühl schleicht sich in dir hoch, hast du diese Worte schon einmal gehört, wo und wann?
Verwirrter als zuvor schlägst du es wieder zu.

Die Wände scheinen dir auch bei näherer Betrachtung einfach nur weiß, oder nicht, doch, es ist weiß. Wirklich? Irgendetwas scheint dir merkwürdig an dieser Farbe, du weißt es nicht genau.
Der Raum ist größer, als du zunächst angenommen hast, er ist voller Bücher und Regale, du sitzt am einzigen Tisch.
Langsam stehst du auf, greifst zufällig ein paar vergilbte Bücher aus den Regalen, sie sind alle leer, alle bis auf das auf deinem Tisch. Du fährst dir durch die Haare, was ist hier geschehen, wo bist du?

In einer der Wände dreht sich leise ein Lüfter, flüstert verschwörerische Silben, fast ist dir, als könntest du einen Sinn heraushören, doch dein Geist bildet immer nur die gleichen Worten, die selben wie in deinem Buch, mit einer seltsamen Intonation versehen.
In der Tür des Raumes steckt ein Schlüssel, du drehst ihn herum, öffnest sie. Für einen Moment glaubst du, jemand stünde dahinter, aber nein, der Korridor ist leer, nur ein langer Flur nach links und rechts. Von seinem Boden steigt ein aufdringlicher Geruch übertriebener Hygiene auf, die unter dem surrenden Kaltlicht eine merkwürdig matte Spiegelung erzeugt.
Unschlüssig trittst du heraus, siehst nach links und rechts, während sich die Tür hinter dir leise schließt.
Du entscheidest dich für die linke Seite, gehst los. Deine Schuhe verursachen ein schrilles, quietschendes Geräusch auf dem Linoleum, einem Protest gleich. Schnell erreichst du das Ende des Korridors, hörst hinter der Biegung Stimmen oder vielleicht nur eine Stimme, lächelst, schreitest um die Ecke und blickst – nur einen weiteren leeren Flur herunter.
Oder doch nicht? Du glaubst, einen Schatten am Ende des Korridors gesehen zu haben, als du um die Ecke kamst, rufst, schreist, läufst hinterher, biegst an der nächsten Ecke in irgendeine Richtung ab – und schaust wieder in einen leeren Korridor.
Schwer atmend bleibst du stehen. Über dir vibriert leise ein Klimaanlage wie zum Hohn. Du widerstehst dem Drang, in Panik davon zu laufen. Siehst dich genau um. Und entdeckst die Wegweiser an den Wänden. Einstmal waren sicher Worte und Zahlen darauf geschrieben gewesen, an einigen Stellen sind sie noch zu erkennen, aber unleserlich. Nur die Pfeile sind noch zu sehen, die in die verschiedenen Richtungen weisen, aber auch sie sind alle verblasst und kaum noch zu erkennen – alle, bis auf einen. Ein würdevoll verzierter, schwarzer Pfeil weist noch seine Richtung.
Du beschließt, diesem merkwürdigen, letzten Symbol zu folgen, schlägst eine neue Richtung ein. An der nächsten Abzweigung folgst du ihm weiter. Immer weiter. Und weiter. Bei jeder Richtungsänderung siehst du ihn wieder, diesen Schemen am anderen Ende des Korridors, mehrere vielleicht sogar, und so beschließt du, den Kopf zu senken, lässt dich von deiner Hand führen, die über die kalten Wände streift, während du starr auf den Boden blickst.

Und dann kannst du sie plötzlich immer sehen, aus den Augenwinkeln, erst ganz verschwommen, dann immer deutlicher. Es sind Menschen, oder Schatten, oder vielleicht Schatten von Menschen, die da mit dir zusammen durch die Gänge huschen. Einmal blickst du kurz auf, willst einen der Schatten genau fokussieren, doch dann verschwindet er plötzlich, erscheint dir erst wieder, als du den Kopf senkst. Deine Verwirrung wird mehr und mehr zu einer gefrorenen Agonie, geronnene Panik rast durch deinen Schädel und lässt nur einen Satz beständig rotieren, Er schrak hoch, wo hast du diesen Ausdruck schon einmal gehört, wo.
Doch das kümmert nur noch den kleinen Rest an Verstand, der dir noch geblieben ist, dein Körper folgt weiter stur dem scharf gezackten schwarzen Pfeil an den Wänden, und du findest – Nur weitere Gänge und verschwommene Gestalten in den Gängen, Phantomen gleich. Ab und zu kommst du an einem blinden Fenster vorbei, stolperst fast, weil deine Hand kurz den Kontakt zu den Wänden verliert, doch durch die milchigen Scheiben hindurch kannst du nichts erkennen, oder doch, du weißt es nicht, vielleicht siehst du ja etwas Wages, etwas, das hier drinnen seinen Platz schon lange verloren hat, aber es interessiert dich auch nicht mehr, du durchläufst nur Korridor für Korridor.
Du merkst dir nicht, wieviel Zeit vergeht, du siehst nicht, dass die amüsierten Neonröhren immer schwächer herabglimmen. Du siehst deine Haare nicht wachsen, den Boden nicht stumpf und alt werden, verlierst dein Empfinden für Hunger und Durst.
Und schließlich, nach Stunden, Wochen oder Jahren – du weißt es nicht -, da stehst du plötzlich vor dieser großen schwarzen Tür, immer noch die letzte Zeile in deinem Buch auf den Lippen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit blickst du wieder vorsichtig auf, musterst sie. Dein Verstand kommt nur langsam wieder an die Oberfläche deiner Wahrnehmung zurück, ein bestimmter Satz liegt dir auf der Zunge.
Ein Ausgang. Endlich.

Und dann bemächtigt sich ein mächtiger Impuls deiner, vor Glück kreischend und halb wahnsinnig rennst du auf die Tür zu, die sich vor dir leise öffnet, und dahinter siehst du nur noch helles Licht, unschuldiges Licht eines wachen Tages. Du läufst in dieses blendende Weiß, du bist frei, und dann

– Dann fällst du.
Und erinnerst dich an dein Buch in dem Zimmer, erinnerst dich wieder, wer die beiden Seiten herausgerissen hat.
Du selbst warst es, stellst du schwerelos fest, dein Geist findet zurück zu diesem Augenblick, du selbst hast die Seiten vor langer Zeit herausgerissen, sie liegen wohl immer noch versteckt zwischen den Lamellen des Ventilators. Deine Augen gewöhnen sich langsam an die Helligkeit, und schwach funkelnd siehst du den Boden tief unter dir näherkommen.
Jetzt erst erinnerst du dich an die Worte auf der letzten Seite deines Buches, ganz unten, siehst dich selber lesen und formst mit deinen Lippen die Worte,

Nach Jahren erst erkennt man: dies ist der Traum eines Gebäudes;
Die Tür zum Dach öffnete sich, ein Ausgang. Endlich.
Er schlug auf.

Und schlägst auf.

Nach einem Kommentar von Tien zu Ein Gebäude

Tiens Blog

Ein Gebäude (1)

Diesen Artikel drucken 12. Oktober 2005

Wenn es etwas leiser ist, nachts etwa, oder auch an Feiertagen, da kann man es atmen hören, kann das millionenfache Drehen der Lüfter und Klimaanlagen, das leise Surren der Neonröhren hören. Es ist noch nicht sehr alt, auch wenn Alter kein Begriff ist in seinen Dimensionen, und so ist es auch recht stolz auf sich, auf seine staatliche Größe etwa, 65 Meter hoch ragt es in den Himmel, oder auf die tausend spiegelnden Fenster mit ihren funkelnden Stahlrahmen. Manchmal, wenn es sich langweilt, da zählt es die Räume in seinem Bauch, betrachtet die kilometerlangen Gänge mit ihrem glänzenden Linoleumboden, die vielen kleinen Winkel. Menschen und ihr Tun finden weniger sein Interesse, auch wenn es glaubt, eine gewisse Ehrfucht bei den Menschen zu wecken. Jeden Tag, jede Stunde verschluckt es viele Hundert Menschen und trägt sie in seinem Bauch durch die Zeit, manche spuckt es nach Stunden oder Tagen aus, andere behält es für immer. Das erscheint ihm sehr merkwürdig, und manchmal fragt es sich, was die Menschen immer wieder in seinen Bauch treibt. Vor einiger Zeit haben die Menschen seine Balkone vergittert, weil manche Menschen wohl heruntergefallen sind, wie es gehört hat, auch wenn es nicht versteht, was ‚fallen‘ in diesem Zusammenhang bedeutet. Es erinnert sich nur an die Lachen, an die roten Lachen in seinen Innenhöfen, und es erinnert sich gerne daran. Aber die Menschen haben jetzt Gitter vor seine Augen legt, und das hat es sehr wütend gemacht, so wütend, dass es in dem Bereich, den die Menschen „Quarantänestation“ nennen, die Luft angehalten hat. Einige Stunden später kam ein Mensch, der den Lüfter austauschte; es hasst, so behandelt zu werden, aber die Menschen haben nun einmal die Kontrolle über seine Teile, das kann es nicht leugnen. Und wenn es sich wieder einmal über diese Menschen mit ihren merkwürdigen Tätigkeiten geärgert hat, dann beruhigt es sich wieder bei dem Gedanken an sein Hobby.
Es weiß natürlich nicht, was die Dinge bedeuten, die die Menschen in seinem Bauch tun. Natürlich hat es aber darüber nachgedacht, und letztlich ist es zu dem Schluß gekommen, das es gar nicht verstehen kann, was die Menschen da tun. Es kennt den Begriff „Konstruktion“ und auch seine Bedeutung, auch weiß es, dass es selbst ein Konstrukt ist; nichtsdestotrotz versteht es keine konstruktive Tätigkeiten, wie es das nennt. Das hat es bemerkt, als auf den anderen Straßenseite ein Haus gebaut wurde. Es konnte einfach nicht den Gesamtzusammenhang dessen, was dort drüben geschah, verstehen und so wachte es eines Morgens auf und sah das neue Gebäude dort stehen. Und so vermutet es nun seit geraumer Zeit, es könnte es sich auch hierbei um konstruktive Tätigkeiten handeln. Es ist keineswegs traurig, dass sein Geist die Menschen nicht gänzlich durchdringen kann; es sei natürlich, nur natürlich, dass eine Konstruktion keine Konstruktion versteht, argumentiert es häufig, es ist ein recht weiser Philosoph geworden. Ein ordentliches Konstrukt habe destruktiv zu sein, glaubt es.
Vor einiger Zeit hat es bemerkt, dass es einen Teil der Menschen in seinem Bauch manipulieren kann. Es fing an, als es unter den Menschen dort unten einige junge bemerkte, die erst freudig und schnell, später träger und älter durch seine Flure huschten und aus großen, schweren Büchern Dinge lernten, die das Gebäude nicht verstand. Zunächst war es verwundert, warum diese kleinen Menschen offensichtlich so viel lernten, dass es ihnen mehr eine Last denn als eine Freude wurde, aber in dem Punkt hat es beschlossen, die Verrücktheiten der Menschen einfach hinzunehmen. Und so versuchte es nun von Zeit zu Zeit, am Morgen so laut wie möglich zu atmen, damit seine kilometerlange Stahlfront noch bedrohlicher und überlegener vor den kleinen Menschen aufragte. Es war ihm eine große Freude zu sehen, welche Wirkung das auf die Menschen hatte, und so fand es ein Hobby. Es fand schnell viele Mittel und Wege, diese kleinen Insekten in seinem Bauch zu manipulieren, so ließ es ab und zu einige Türen offen, so dass der Wind durch seine Adern fegte und ein tief melancholisches Geräusch schuf. Dann sah es zu, wie die kleinen Menschen mit ihren Büchern noch hoffnungsloser in ihre Stühle rutschten und lachte laut auf.
Manche von den kleinen Menschen fielen irgendwann von den Balkonen, es verstand nicht warum, aber eine große Rolle spielte das auch nicht. Sie waren dann weg, und das war gut so, es mochte keinen der Menschen. Sie hatten nicht das Recht, in seinem Bauch ihr verrücktes Leben zu führen, davon war es überzeugt. Jetzt aber haben sie die Balkone vergittert, und sofern das Gebäude richtig verstanden hat, konnte jetzt niemand mehr herunterfallen, wie sie das nannten. Es war sehr erregt darüber gewesen, aber inzwischen hat es sich wieder etwas beruhigt. Es muss ständig darüber nachdenken, ob die Menschen nicht auch von seinem Kopf, dem Dach, fallen könnten, es weiß darüber nicht genau Bescheid, hält es aber für plausibel; es hofft, dass seine Theorie richtig ist, und nach allem, was es erlauschen konnte, wäre das auch gut möglich.
Und so liegt es immer noch jeden Abend zufrieden in der Dämmerung, fast so wie ein großes Raubtier, und schläft langsam ein, dimmt die Beleuchtung, dimmt auch das bienenstockartige Summen der Lüfter etwas, und wenn man genau hinhört, dann kann man es leise im Traum flüstern hören, flüstern hören von Lachen in seinen Innenhöfen.

„Freude und Angst sind Vergrößerungsgläser.“ – Jeremias Gotthelf, Zeitgeist und Berner Geist