Eine Maschine

geschrieben am 20. Januar 2007 um 18:11 Uhr

Spezifikationen:

Chassis aus hartem Hydroxylapatit und Kollagen, Außenhülle komplett ohne Nähte gefertigt, wasserabweisend, abwaschbar, reißfest; leichte und flexible Panzerung gegen Umwelteinflüsse wie Kälte, Hitze oder Druck; integrierte chemische Abwehr von Fremdkörpern und Eindringlingen dank fuzzy logic. Autonome Reparatur- und Wartungseinheten, die Risse in der Hülle isolieren und schließen.
Die Transport-Infrastruktur; ein Netz von flexiblen, dünnen Kanälen und Röhren, das spezialisierte Untereinheiten verbindet; darin millionenfach gelöst selbstständige Verteidigungseinheiten. Automatische Erkennung und Beseitigung von Systemfehlern, Chemikalien und Invasoren innerhalb der einzelnen Subsysteme.

Energieversorgung: lokal/chemisch. Interaktion mit der Umwelt über vier periphere Multiwerkzeuge; alle Scharniere reibungsfrei gelagert und selbstschmierend. Präzise dosierbare Kraftübertragung über wartungsfreie Seilzüge. In nahezu jeder Umgebung einsetzbar; Gebirge, Wüste, Wasser etc.; Integrierte Umweltsensoren.
Zentralaggregat integriert, durchschnittliche maximal fehlerfreie Laufzeit > 50 Jahre; selbstwartend, selbstkalibrierend, selbstschmierend. Mit Beschränkung auf leichte Einsatzgebiete kann die Lebensdauer des Aggregats bis auf über 100 Jahre gesteigert werden; Leistung > 40 Watt.

Interne Steuerung über elektrischen Datenbus und Chemikalien; Datendurchsatz > 1 GB/s. Entsprechende Dekoder dezentral in allen wichtigen Subsystemen bis hinunter auf zelluläre Ebene; daher hohe Redundanz bei Teilausfällen.
Zentrale Steuereinheit fest verdrahtet; erhöhter Schutz vor Stößen, chemischen Einflüssen und thermischen Effekten durch verstärkte Panzerung. Betriebssystem inklusive Basis-Softwarepaket und Treiber für Sensorik vorinstalliert; (De-)kodier-, Sortier-, Filter- und Mustererkennungsalgorithmen, Datenbank- und Informationsverarbeitungsfunktionalität sowie logischer Coprozessor built in ab Werk; netzwerkfähig. Optisches, akustisches und taktiles Interface.
Innerhalb der einmalig (in einer 15-25 jährigen Konfigurationsphase) zu setzenden Umgebungsvariablen nahezu beliebig oft neu programmierbar; zerlegt, analysiert und integriert Informationen auf Wunsch selbsttätig. Speichervolumen > 1 Petabyte.
Lernfähig innerhalb der durch die Programmierung gesetzten Grenzen; kann sein Programm selbsttätig an Umwelt anpassen.
Failsafe-Betriebsmodus; bei kritischen Systemschäden werden höhere Anwendungen zu Gunsten der kritischen Anwendungen heruntergefahren.
Auf- und abwärts kompatibel mit Geräten gleichen Typs (Kompatibilität kann nicht in jedem Fall garantiert werden).
Keine Seriennummern; jede ein Unikat.

Betriebsmittel (primär): molekularer Sauerstoff, Wasser, Kohlenhydrate, Aminosäuren.
Betriebsmittel (sekundär): Eisen, Selen, Chrom, Vanadium, Natriumclorid, Ascorbinsäure, Calcium, u.a. (vollständige Auflistung liegt bei)
Native Betriebstemperatur: +37° C, selbstregelnd (integrierter Regelkreis), eingeschränkt funktionstüchtig von 35° C bis ca. 41° C.
Empfohlene Umweltbedingungen: Druck 1013 hPa, Temperatur +19° bis +25° C (aufrüstbar durch externe Isolierung bis -50°/+60°), Atmosphäre aus 70% Stickstoff und 30% Sauerstoff.

„Am Ende wird man einsehen müssen; Wir sind nur Fleisch, Ketten und Knochen.“

Discontra (II)

geschrieben am 7. Januar 2007 um 03:16 Uhr

Wie wichtig das doch alles schien, wie überaus wichtig und unverzichtbar, alle die Namen, die vielen Namen und die geschützten Logos und Farbmuster, nein, niemand würde sie als austauschbar bezeichnen, es waren nicht nur Namen und Ikonografien, sie hatten etwas Magisches, Religiöses, etwas Geheiligtes. Sie schienen realeren Charakter zu besitzen als andere Dinge, sogar als Menschen, obwohl nichts Reales an ihnen war – aber was war schon real, war das nicht ohnehin ein leeres Wort, eine Farce, eine verdrängte Erinnerung an ein Außen, auf das hier nichts mehr verwies?
Dieser Ort war nicht mehr zwingend an Worte gebunden, im Gegenteil, er lehnte das Wort und die inhaltliche Kommunikation ab, sein Code war der des Tanzes und der Marken, der Brüste und Cocktails, und auch das schuf diese greifbare Indifferenz. Hier brauchte es kein Es mehr, kein Ich, schon der Lärm sublimierte jede individuelle Stimme und ließ nur kollektive Symbolik über, sexuelle, ökonomische, technologische. Alle vereint in einem seltsam anmutenden Konsens, denn was außerhalb als Widerspruch erschien, zeigte hier oft sein wahres Gesicht, ein Janusgesicht. Das Artifizielle, Menschengemachte und das Menschliche etwa, beides zerfloß hier, technische Prothesen stützten biologische-sexuelle Parameter, biologische Parameter verstärkten technische Prothesen, beides mischte sich mehr und mehr und schließlich war kaum noch zu entscheiden, was zuerst da gewesen sein könnte, ist es die Kleidung oder die Frau darin?
Menschen schienen hier mehr wie Schattenrisse, oder besser noch, Oberflächen, reine Reliefs, ohne Inhalt, ohne Inneres, die genau wie die Bilder fremder Monde nur Reliefs zeigten; nicht hohl, aber dennoch leer. Ihnen fehlte der Bezugspunkt, sie blieben referenz- und inhaltslos und offenbarten nur das Triviale, Obszöne.
Manchmal fragte man sich vielleicht, ob das gewollt sei, ob es Teil des Spiels sein könnte; die Frage bleibt nicht lösbar, denn der Diskurs oder das Nach-Forschende ist hier ebenso fern wie das Tageslicht. Es gibt hier keine Antworten, weil es auch keine Fragen mehr gibt. Warum auch, warum sollte man diese Fragen noch stellen? Alles ist schon hier, außerhalb gibt es nichts mehr. Es bleibt nur das ewige Spiel der Oberflächen, der Tanz von Codes und Fragmenten, von Symbolen, deren Bedeutung lang, lang schon verloren war – oder hier niemals existent gewesen war.

Leicht kommt man auf den Gedanken, dieses Spiel könne womöglich auch reichen; vielleicht ist es die menschliche Natur selbst, die es formt, vielleicht ist es ja umgekehrt: Vielleicht ist es diese Welt, die real ist, vielleicht ist es die Welt dort draußen, die auf Lügen fußt, auf falschen Versprechen und Tiefgründigkeiten, die nur falsche Reflexe sind, die nichts verbergen als Oberflächen. Vielleicht sagt dieser Ort wirklich alles, alles was man wissen muss, wissen muss über uns Menschen.

Ein Gebäude (2)

geschrieben am 19. Dezember 2006 um 19:06 Uhr

Du schrickst hoch, unangenehm berührt von einem Traum, an den du dich schon nicht mehr erinnerst. Halbwach hebst du den Kopf, siehst dich klarer werdend um.

Bist du schon lange hier, fragst du dich, wie lange, wie lange nur?
Der Tisch, auf dem dein Kopf geruht haben mochte, ist mit Büchern übersät, einige sind aufgeschlagen, als hättest du hier gearbeitet, hast du hier gearbeitet?
Nein, das kann nicht sein, was solltest du auch gearbeitet haben, die Seiten sind staubbedeckt, über und über. Nur mit einiger Mühe kannst du ihn herunterwischen.

Und darunter – nur leere Seiten, du blätterst hektisch darin, nur leere Seiten, leere Seiten und kein Wort.

Du greifst nach dem Buch, auf dem dein Kopf lag, der kreisrunde Ausschnitt im Staub verrät es dir.
Die Seiten sind gefüllt mit Buchstaben, du atmest laut auf, überfliegst den Text, während du blätterst. Es fällt dir schwer, alles zu verstehen, Schrift und Sprache scheinen dir alt – wie alt? – und träge.
Es scheint eine Erzählung zu sein, eine merkwürdig handlungsarme Geschichte, in einer ebenso seltsamen Person geschrieben; an manchen Stellen ist das dünne Papier verwaschen und vergilbt, dennoch erkennst du den Stil einer Biografie, der Biografie eines Menschen, dessen Namen du nirgendwo liest, doch das scheint dir nicht so wichtig.
Jemand hat die letzten beiden Seiten herausgerissen, stellst du seltsam erschrocken fest, ja, zwei sind es, du versuchst, die letzten Worte auf den Fetzen zu lesen.

Er schrak hoch, steht dort in vergilbten Lettern, der Rest ist fort. Ein bekanntes Gefühl schleicht sich in dir hoch, hast du diese Worte schon einmal gehört, wo und wann?
Verwirrter als zuvor schlägst du es wieder zu.

Die Wände scheinen dir auch bei näherer Betrachtung einfach nur weiß, oder nicht, doch, es ist weiß. Wirklich? Irgendetwas scheint dir merkwürdig an dieser Farbe, du weißt es nicht genau.
Der Raum ist größer, als du zunächst angenommen hast, er ist voller Bücher und Regale, du sitzt am einzigen Tisch.
Langsam stehst du auf, greifst zufällig ein paar vergilbte Bücher aus den Regalen, sie sind alle leer, alle bis auf das auf deinem Tisch. Du fährst dir durch die Haare, was ist hier geschehen, wo bist du?

In einer der Wände dreht sich leise ein Lüfter, flüstert verschwörerische Silben, fast ist dir, als könntest du einen Sinn heraushören, doch dein Geist bildet immer nur die gleichen Worten, die selben wie in deinem Buch, mit einer seltsamen Intonation versehen.
In der Tür des Raumes steckt ein Schlüssel, du drehst ihn herum, öffnest sie. Für einen Moment glaubst du, jemand stünde dahinter, aber nein, der Korridor ist leer, nur ein langer Flur nach links und rechts. Von seinem Boden steigt ein aufdringlicher Geruch übertriebener Hygiene auf, die unter dem surrenden Kaltlicht eine merkwürdig matte Spiegelung erzeugt.
Unschlüssig trittst du heraus, siehst nach links und rechts, während sich die Tür hinter dir leise schließt.
Du entscheidest dich für die linke Seite, gehst los. Deine Schuhe verursachen ein schrilles, quietschendes Geräusch auf dem Linoleum, einem Protest gleich. Schnell erreichst du das Ende des Korridors, hörst hinter der Biegung Stimmen oder vielleicht nur eine Stimme, lächelst, schreitest um die Ecke und blickst – nur einen weiteren leeren Flur herunter.
Oder doch nicht? Du glaubst, einen Schatten am Ende des Korridors gesehen zu haben, als du um die Ecke kamst, rufst, schreist, läufst hinterher, biegst an der nächsten Ecke in irgendeine Richtung ab – und schaust wieder in einen leeren Korridor.
Schwer atmend bleibst du stehen. Über dir vibriert leise ein Klimaanlage wie zum Hohn. Du widerstehst dem Drang, in Panik davon zu laufen. Siehst dich genau um. Und entdeckst die Wegweiser an den Wänden. Einstmal waren sicher Worte und Zahlen darauf geschrieben gewesen, an einigen Stellen sind sie noch zu erkennen, aber unleserlich. Nur die Pfeile sind noch zu sehen, die in die verschiedenen Richtungen weisen, aber auch sie sind alle verblasst und kaum noch zu erkennen – alle, bis auf einen. Ein würdevoll verzierter, schwarzer Pfeil weist noch seine Richtung.
Du beschließt, diesem merkwürdigen, letzten Symbol zu folgen, schlägst eine neue Richtung ein. An der nächsten Abzweigung folgst du ihm weiter. Immer weiter. Und weiter. Bei jeder Richtungsänderung siehst du ihn wieder, diesen Schemen am anderen Ende des Korridors, mehrere vielleicht sogar, und so beschließt du, den Kopf zu senken, lässt dich von deiner Hand führen, die über die kalten Wände streift, während du starr auf den Boden blickst.

Und dann kannst du sie plötzlich immer sehen, aus den Augenwinkeln, erst ganz verschwommen, dann immer deutlicher. Es sind Menschen, oder Schatten, oder vielleicht Schatten von Menschen, die da mit dir zusammen durch die Gänge huschen. Einmal blickst du kurz auf, willst einen der Schatten genau fokussieren, doch dann verschwindet er plötzlich, erscheint dir erst wieder, als du den Kopf senkst. Deine Verwirrung wird mehr und mehr zu einer gefrorenen Agonie, geronnene Panik rast durch deinen Schädel und lässt nur einen Satz beständig rotieren, Er schrak hoch, wo hast du diesen Ausdruck schon einmal gehört, wo.
Doch das kümmert nur noch den kleinen Rest an Verstand, der dir noch geblieben ist, dein Körper folgt weiter stur dem scharf gezackten schwarzen Pfeil an den Wänden, und du findest – Nur weitere Gänge und verschwommene Gestalten in den Gängen, Phantomen gleich. Ab und zu kommst du an einem blinden Fenster vorbei, stolperst fast, weil deine Hand kurz den Kontakt zu den Wänden verliert, doch durch die milchigen Scheiben hindurch kannst du nichts erkennen, oder doch, du weißt es nicht, vielleicht siehst du ja etwas Wages, etwas, das hier drinnen seinen Platz schon lange verloren hat, aber es interessiert dich auch nicht mehr, du durchläufst nur Korridor für Korridor.
Du merkst dir nicht, wieviel Zeit vergeht, du siehst nicht, dass die amüsierten Neonröhren immer schwächer herabglimmen. Du siehst deine Haare nicht wachsen, den Boden nicht stumpf und alt werden, verlierst dein Empfinden für Hunger und Durst.
Und schließlich, nach Stunden, Wochen oder Jahren – du weißt es nicht -, da stehst du plötzlich vor dieser großen schwarzen Tür, immer noch die letzte Zeile in deinem Buch auf den Lippen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit blickst du wieder vorsichtig auf, musterst sie. Dein Verstand kommt nur langsam wieder an die Oberfläche deiner Wahrnehmung zurück, ein bestimmter Satz liegt dir auf der Zunge.
Ein Ausgang. Endlich.

Und dann bemächtigt sich ein mächtiger Impuls deiner, vor Glück kreischend und halb wahnsinnig rennst du auf die Tür zu, die sich vor dir leise öffnet, und dahinter siehst du nur noch helles Licht, unschuldiges Licht eines wachen Tages. Du läufst in dieses blendende Weiß, du bist frei, und dann

– Dann fällst du.
Und erinnerst dich an dein Buch in dem Zimmer, erinnerst dich wieder, wer die beiden Seiten herausgerissen hat.
Du selbst warst es, stellst du schwerelos fest, dein Geist findet zurück zu diesem Augenblick, du selbst hast die Seiten vor langer Zeit herausgerissen, sie liegen wohl immer noch versteckt zwischen den Lamellen des Ventilators. Deine Augen gewöhnen sich langsam an die Helligkeit, und schwach funkelnd siehst du den Boden tief unter dir näherkommen.
Jetzt erst erinnerst du dich an die Worte auf der letzten Seite deines Buches, ganz unten, siehst dich selber lesen und formst mit deinen Lippen die Worte,

Nach Jahren erst erkennt man: dies ist der Traum eines Gebäudes;
Die Tür zum Dach öffnete sich, ein Ausgang. Endlich.
Er schlug auf.

Und schlägst auf.

Nach einem Kommentar von Tien zu Ein Gebäude

Tiens Blog

Reise

geschrieben am 12. Dezember 2006 um 13:53 Uhr

Ich stehe am Bahnhof, ganz allein. Eine große Eins leuchtet leise surrend über mir, ganz fremd und kühl. Ein Zug rauscht vorbei, das Rattern der Räder übertönt die Leuchttafel, während ich auf meine Uhr blicke, den unruhigen Zeigern einige Sekunden schenke. 34, 35, 36. Wieder drei Sekunden. Wieder vier Schläge.

Ist es wirklich der Zug, der hier vorbeirast? Bin nicht ich es?

Eine Frage der Perspektive, möchte ich antworten, nur eine Frage der Perspektive. Aber das stimmt nicht, ich weiß. Eine Maschine aus Stahl und Rädern schenkt keinerlei Perspektive irgendeine Aufmerksamkeit; sie rollt nur voran, voran, voran. Die Maschine sieht sicher viele Dinge auf ihren Wegen, ich stelle sie mir vor, während der aufgewirbelte Wind an meiner Kleidung zerrt. Berge im Morgenlicht. Die sanften, bewaldeten Täler der Umgebung. Die Lichter, die wir nachts in unseren Siedlungen entzünden.
Für sie aber bedeutet das alles nichts; es macht keinen Unterschied. Sie rollt voran, ihr Ort ändert sich, das ist alles.
Menschen dagegen sind sich ihrer Reise bewusst. Ich bin nicht nur an einem Ort; ich blicke zu den Orten, an denen ich sein werde, ich sehe zurück auf die, an denen ich einmal war, soweit mich Erinnerung und Vorstellung tragen.

Und vielleicht ist das der Unterschied; der Zug besitzt nur die Gegenwart, und so steht er eigentlich still. Nur der Verschleiß erzählt von seiner Vergangenheit. Ich dagegen reise, denn ich besitze eine Vorstellung von einem Pfad. Eine verblassende, eine unvollständige, eine vielleicht ständig neu konstruierte, aber immerhin eine Vorstellung. Eine, von der niemand sagen kann, sie sei falsch oder richtig; sie ist nur eine Konstruktion, fern von diesen Kategorien. Jeder Mensch ist auf seiner Reise, jeder besitzt seine Konstruktion. In gewisser Weise ist das unwirklicher als der Weg dieses Zuges; grausamer vielleicht. Seinen ‚Artgenossen‘ muss er ebenso wenig Aufmerksamkeit zollen wie den Orten, die er erreicht; es bedeutet nichts. Wer sich nicht erinnert, kennt auch niemanden und nichts.
Wir begegnen uns nur ebenso flüchtig auf unseren langen Pfaden. Berührungen bleiben kurz und unstet. Man teilt seinen Weg mit dem einen oder dem anderen, ein Stück weit, und dann trennen sich die Wege wieder, manchmal ganz begründet, manchmal auch einfach nur zufällig. Eine Weiche stellt sich um, der andere folgt seinem eigenen Pfad, fort ist er. Mit der Zeit verblassen diese Wegbegleiter, machen Platz für neue, die alten wirft man ab, ohne es zu wollen.
Gefühle aus früheren Tagen werden fremd, dann Stimmen, sogar Gesichter, schließlich bleibt nur ein diffuser Rest.

Auch die stärksten Erinnerungen helfen darüber nicht hinweg, es bleibt immer der Zweifel: Habe ich dich wirklich berührt, warst du das? War ich denn da? Warst du denn da? Ist das wirklich geschehen? Eine Gewissheit gibt es nie, nicht, so lange unsere Füße uns tragen, nicht, so lange unsere Leben uns davonzerren. Und so suchen wir vielleicht oft nur nach dieser unerreichbaren Gewissheit.
Ich schaue dem Zug noch einige Sekunden nach. Die roten Schlußleuchten verschwinden in der Dunkelheit, schon ist er fort, gefangen in seiner Gegenwart. Ich blicke wieder auf die Uhr, zähle einige Sekunden ab. Ich stelle mir eine wohlbekannte Frage, in gewisser Weise routiniert; Sollte ich ihn beneiden?

Und dennoch zieht mich mein Weg weiter
Und Dich von mir weg
Du vergraebst, was war
Unter Deinem toten Haar
Ich frag mich jeden Tag, wirst Du mir jemals vergeben
Du bist bei mir – uns trennt das Leben – Thomas D.

Willkommen!

geschrieben am 11. Dezember 2006 um 04:20 Uhr

…in meinem neuen Blog.

Die Ordnung und ihr Ende (4)

geschrieben am 19. November 2006 um 01:30 Uhr

Er erkannte, dass etwas nicht richtig war, dass hier etwas nicht an seinem Platz war, als er die Verriegelung seines Wagens zuschnappen ließ. Unschlüssig blieb er in der Einfahrt stehen, die reuige letzte Nacht pochte noch in seinem Hinterkopf, und so brauchte es einige Sekunden, bis sein Verstand erkannte, was er vermisste.
Seine Statue. Sie war nicht an ihrem Platz auf dem sorgsam gepflegten Rasen des Vorgartens.
Nervös schritt er auf ihren leeren Platz zu, die Schlüssel in der Hand. Nur einige weiß-graue Splitter waren noch da, wo sie gestanden hatte, immer gestanden hatte.
Er starrte den Platz eine Weile an, dann ging er zur Haustür. Was war nur geschehen?
Seine Hände zitterten leicht, als er auf die Tür zutrat, doch noch bevor er die Hand mit dem Schlüssel darin heben konnte, schwang sie auf.
Die Ehefrau stand vor ihm, doch ihrem Gesicht fehlte der übliche, freudige Ausdruck des Wiedersehens. Sie schien geweint zu haben, konstatierte er verblüfft. War es wegen der Statue?
Sein Geist begann, in einem gewählten Tonfall eine Frage zu formulieren, er öffnete den Mund, doch die Frau drehte sich abrupt um und ließ ihn stehen.
Mit unsicheren Schritten folgte er ihr ins Haus.
Der Flur, sonst aufgeräumt, ordentlich, fast leer, war voll mit Unrat, alte, längst weggeworfene Zeitungen lagen auf dem Boden, leere Verpackungen, dazwischen andere Gegenständen, Kleiderbügel, alte Jacken und Mäntel.
Taumelnd versuchte er, auf keinen der Gegenstände zu treten, sein Geist gab dem Schrecken und dem Chaos nach.
Er erreichte ein Zimmer. Sie stand in der Ecke, blickte auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes.
Apathisch sah er sich um. Alle Schränke standen offen, die Schubladen waren aus den Kommoden gerissen und ihr Inhalt auf dem sauberen Teppich ausgeteilt worden, selbst – sein – Sekretär gähnte ihn leer an. Geschirr, Papiere, alte Zeichnungen, Kerzen, zerschlagene Gläser und Teller, all das lag auf dem Boden in einem chaotischen Durcheinander ohne Ordnung oder Sinn.
Endlich blickte er auf den Tisch, der seltsam aufgeräumt wirkte.
Auf ihm lag, sorgsam ausgebreitet und rechteckig angeordnet, gut ein Dutzend roter Zettel. Sein Verstand zählte genauer, vierzehn, es waren vierzehn rote Zettel, Hotelrechnungen. Einige waren schmutzig und ausgeblichen, sie musste sie aus den Mülleimern herausgesucht haben.
Er begriff erst, als sie zu reden begann.
Seine Augen wanderten ziellos durch den Raum, was war das doch für ein Chaos, was für ein regelloses Durcheinander, und er hörte nur halb zu, als sie sprach.
Die Ehefrau redete von Scheidung, sie würde gehen, hörte er sie fern sagen, die Worte schienen ihr schwer zu fallen, ein unterdrücktes Schluchzen lag darin, er wisse, warum.
Wieder öffnete sie sein Mund, doch er fand keine Worte, und so zog er nur stumm einen der Stühle heran und ließ sich auf die Sitzfläche sinken, während sie mit einem Satz, den er nicht mehr verstand, den Raum verließ.
Zitternd zogen seine Hände einen weiteren roten Zettel aus der Manteltasche hervor, den fünfzehnten, er legte ihn neben die anderen und starrte auf den Tisch. Erst als sie wieder den Raum betrat schaute er auf, sah die trotzige Wut und die Trauer in ihren Augen und die Koffer in ihren Händen.
Es schien, als wolle sie noch etwas sagen, doch dann ging sie entschlossen an ihm vorbei. Er hörte, wie die Haustür donnernd hinter ihr ins Schloß fiel.
Seine Ordnung, sein Leben, was war nur geschehen, dachte er, bruchstückhaft und fast im Wahn. Sie war doch seine Frau, sie konnte nicht so einfach gehen, durfte nicht.
Was war nur geschehen, warum hatte sie ihm so nachspioniert, hatte er nicht immer alles für sie getan?
Er hörte, wie draußen ein Kofferraum ächzend aufschnappte.
Jetzt lag alles in Scherben, dachte er, alles, seine Ordnung, sein Leben. Und es war nicht fair, er hatte Fehler gemacht, aber war er nicht immer gut zu ihr gewesen, hatte er ihr nicht ein Leben bieten können, Regeln und Strukturen, damit sie sich in der Welt zurechtfand?
Nein, er konnte das nicht zulassen, dachte er, stand auf, ging zum Sekretär. Es war nicht fair, sie war ein Teil von ihm, sie konnte nicht gehen, er würde das verhindern. Einige Sekunden brauchte er, um mit seinen zitternden Händen die unterste Schublade aufzuschließen, für diese hatte sie keinen Schlüssel, hatte sie nie einen gehabt. Er zog den sorgsam eingewickelten Revolver heraus, dann lief er zur Tür. Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloß.

Die Nachbarn hörten, wie ein Motor aufheulte, dann einen Schuss. Das Motorgeräusch erstarb. Dann, einige Sekunden später, hörten sie einen zweiten Schuss. Danach wurde es ruhig.

Grüne Augen (3)

geschrieben am 19. November 2006 um 01:28 Uhr

Das bläuliche Leuchten des Bildschirms verlieh seinen Gesichtszügen eine besondere, blasse Strenge, eine Straffheit, die ihm das Alter eigentlich schon genommen hatte.
Er blickte herab von dem Monitor, nahm die Brille ab, die er sich vor Jahren hatte kaufen müssen, rieb sich leicht gerötete Augen.
Die Uhr an der Wand zeigte 00:30, er konnte eine kleine Pause machen, entschied er, ohne den Gedanken an sein Projekt, wie man im Jargon seines Berufsstandes sagte, vollkommen zu verdrängen.
Dennoch, mit einer gewissen Ruhe, die er sich nun gestattete, sah er auf seine flimmernden Konstruktionszeichnungen, griff dann blind zu der Tasse, die wie immer präzise an ihrem Platz stand, trank einen Schluck.
Die Zeichnung auf dem Bildschirm, sofern andere Menschen sie als Zeichnung bezeichnen würden, bestand aus klaren Linien, Knotenpunkten, Symbolen, die Informationen über Statik lieferten, über Kabelkanäle und Wasserleitungen.
Für andere wäre sie sicher nur schwer zu entziffern, aber für ihn war sie klar und einsichtig. Auch seine Frau würde sie wohl kaum durchschauen, er hatte sich nie die Mühe gemacht, ihr von seinem Beruf zu erzählen, sah keinen Sinn darin. Sie musste nichts darüber wissen, ihre Funktion, ihre Aufgabe war eine andere.
Er lehnte sich ein wenig zurück, das weiche Leder gab nach. Um diese Uhrzeit war immer alleine hier, die anderen waren schon lange gegangen, das war gut so.
Ein Teil von ihnen machte die Arbeit recht gut, auch wenn er es war, der mit den komplexeren Problemen betraut wurde. Doch die meisten Mitarbeiter waren ihm fremd oder fremd geworden, sie mochten – zufällig – etwas von der Arbeit verstehen, aber ihre Haltung gefiel ihm nicht. Sie verstanden nicht viel von den Regeln und Strukturen, die so wichtig für das menschliche Zusammenleben waren, sie waren unstet und manchmal wie die alten Freunde aus Studienzeiten, vergnügungssüchtig, laut und inkonsequent.
Zwar ließen sie ihn in Ruhe, mieden ihn gar, doch dennoch war er lieber alleine hier. Und so arbeitete er oft spät in der Nacht, wenn diese anderen Menschen den Beschäftigungen nachgingen, denen er nichts abgewann, suchten ihr Glück in der Zerstreuung.
Solche Angestellten waren ein unhaltbarer Zustand in seinen Augen, aber seine Proteste hatten nichts geändert an der „Einstellungspolitik“ des Unternehmens, wie sich der Personalchef ausgedrückt hatte.
Seit diese andere Frau in sein Leben getreten war hatte er sich bemüht, den anderen Angestellten mit etwas mehr Nachsicht und Güte gegenüber zu treten, schließlich hatte auch er ja Fehler gemacht. Doch hatte er aus ihnen gelernt, während diese Wilden gar nicht daran dachten, sich ebenso strengen Maximen und Regeln unterzuordnen wie er selbst, und so hatte er diese Nachsicht wieder verworfen.
Ein Bild der Ehefrau stand auf dem Tisch, er betrachtete es einige Sekunden lang, trank noch etwas Kaffee.
Ja, es war ein Fehler gewesen, dieser Frau gegenüber hatte er eine Pflicht verletzt, sogar einige Male. Aber das würde nicht wieder geschehen. Er hatte sich gebraucht, diese Nächte mit der anderen Frau, seine Gedanken fanden zurück zu diesen Stunden, ohne das er sich dessen erwehren konnte. Ihre süßen Worte, ihre sanften grünen Augen, er hat sie vielleicht wirklich gebraucht, ja, auch wenn er wusste, das es nicht richtig gewesen war. Das entschuldigte nichts, doch auch lag all das hinter ihm, er würde ihr nie wieder zuhören, sie nie wieder so ansehen.
Er stellte den Becher wieder ab, streifte dabei die gerahmte Fotografie der Ehefrau, etwas Kaffee floß auf den Schreibtisch.
Einige Sekunden lang starrte er auf den schwarzen Fleck. Dann stand er verärgert auf, holte ein Tuch, entfernte den Kaffee von der makellosen Oberfläche. Schließlich schob er die Fotografie ein wenig weiter nach hinten, neben den stumm leuchtenden Bildschirm, betrachtete die neue Ordnung kritisch.
Ein seltsam drängendes Gefühl der Schuld berührte ihn plötzlich. Nein, er musste sein Vergehen büßen, entschied er. Der Ehefrau konnte er nicht offenbaren, was er getan hatte, nein, das würde ihr Kummer bereiten, und ob schon sie nicht immer seinen Ansprüchen genügte, war sie doch immer noch eine gute Ehefrau. Nein, sie musste in dieser Welt aus seinen Regeln bleiben, durfte nie den Glauben an sie – und ihn – verlieren. Das gebot schon die Nächstenliebe, dachte er etwas zufrieden; ohnehin, was geschehen war lag in der Vergangenheit, es gab keinen Grund, sie damit zu behelligen.
Aber er konnte, er musste etwas anderes tun.
Sorgsam sicherte er seine Entwürfe, damit sie nicht verloren gingen. Den Becher wusch er aus, stellte ihn vorsichtiger als sonst an dem ihm bestimmten Platz.
Dann griff er zum Telefon, wählte eine ihm wohlbekannte Nummer. Nannte den Namen eines Hotels vor der Stadt, eine Uhrzeit.
Er musste einen Schlußstrich ziehen unter diese ‚Angelegenheit‘, wenn es auch nur ein symbolischer sein würde. Das würde ihn reinwaschen.
Doch sie würde nicht einfach so mit ihm reden wollen, natürlich nicht. Seine Hände griffen nach dem Inhalt seiner ordentlich sortierten Schreibtischschublade, zogen ein Bündel glatter, gebügelter Geldscheine heraus, steckten sie ein.
So etwas würde ihm nie wieder geschehen, versicherte er dem warnenden Tonfall seiner eigenen Gedanken, und auch deshalb würde er heute Nacht einen Schlußstrich ziehen.
Er nahm seinen Mantel, verließ das Büro und fuhr los.
Das der Schatten einer alten Frau zwischen den Bäumen der Allee beobachtete, wie er in den Wagen stieg, entging ihm.

Gegen 08:30 Uhr erwachte er in einem Hotelzimmer, die Augen auf die Zeiger des Weckers gerichtet, neben ihm eine junge Frau. Ohne zu zögern zog er sich an, verbat sich dabei jeden Gedanken an die letzte Nacht und an sein Versagen, legte einige abgezählte Scheine auf den Nachttisch und verließ das Hotel, ohne die schlafende Person noch eines Blickes zu würdigen.

In jeder klaren Nacht

geschrieben am 12. November 2006 um 03:53 Uhr

Und dann lächeln sie dich an, die Sterne, mit geblichen, lückenhaften Zähnen, mehr ein schales Grinsen. Der kalte Wind scheint dir wie ihr Atem, ein wenig grausam und ohne Mitgefühl.
Sie und du, ihr seid aus demselben Grund hier.
Entscheidungen sind es, die dich hierher und sie dorthin geführt haben, Entscheidungen.
Entscheidungen?
Du denkst noch einmal darüber nach und erwiderst dieses Grinsen am Himmel, nein, keine Entscheidungen.
Entscheidungen erfordern Alternativen, Alternativen fordern Auswege, und Auswege gibt es nie.
Kein Teil von dir hat gewählt, hier zu sein und nicht dort, kein kleinstes bisschen dessen, was du Ich nennst.
Und kein Bruchstück dieser fernen Sterne hat gewählt, dort zu sein und nicht hier; Atome kennen keinen Willen, kennen nur die totalen Regeln der Natur.
Seinen Weg zu wählen bleibt eine Illusion, ein Trugbild, das nicht vor diesem kalten Wind und dem Blick zum Himmel schützen konnte.
Deshalb bleibt das Warum leer, bleibt bloßer Zufall. Da ist keine Verbindung zwischen euch, nur blinde Ähnlichkeit; du bist eine Struktur, durch die Materie fließt, bis sie schließlich von der Zeit eingeholt wird. Auch sie sind solche Strukturen, auch sie warten nur auf ihre Zeit. Ihr Grinsen erzählt von ihrer Einsamkeit, von der großen Leere zwischen den Sternen. Dein Grinsen erzählt von deiner Einsamkeit, von der Leere zwischen den Gedanken.
Doch niemand von euch kann oder will trösten, ihr könnt und wollt euch nicht einfach in dem Arm nehmen. Ihr seid Fremde, zufällig dem gleichen Weg ohne Ziel unterworfen, und weder du noch sie wollen mehr Schwäche zeigen als eben dieses falsche Grinsen.
Du wünscht dir vielleicht eine sternenlose Nacht, kalt und leer wie die Straße, auf der du stehst, damit du nicht nach oben schauen musst. Damit das Grinsen verschwindet, damit du die einzig vergrämte Seele in der Welt sein kannst.
Du bist sicher; in der Ferne denken sie genauso.
Aber der Zufall hat es anders gewollt; du schaust hoch – sie schauen herab.
Die gleiche Frage quält euch, die nach dem Warum, dem Warum ich, dem Warum ich allein. Niemandem könnt ihr sie stellen, denn neben euch ist da nur das Nichts zwischen Sternen und Gedanken.
Du und die Sterne, ihr erkennt in jeder klaren Nacht aufs Neue;
Nur Koinzidenz lässt dich hier sein.
Nur Koinzidenz lässt sie in der Ferne leuchten.
Und so bleibt nur eins zu sagen;
Sie bleiben allein dort oben, du bleibst allein hier unten.
Sie grinsen schal herab –
Und du erwiderst diesen Blick, bevor du weitergehst.

„They cannot scare with their empty spaces
Between stars – on stars where no human race is.
I have it in me so much nearer home
To scare myself with my own desert places.“ – Robert Frost, Desert Places.

Venus

geschrieben am 25. Oktober 2006 um 14:41 Uhr

Wenn er so hinaufsah, dann erschien ihm dieser leuchtende Fleck am Himmel immer noch realer, realer als all das hier, realer als die leuchtenden Gebäude oder die großen, städtischen Adern aus Licht.
Eigentlich gab es auch nicht mehr als diesen kleinen Stern, der dort knapp über dem Horizont hing, nicht mehr, nicht für ihn.
Stundenlang konnte er so dastehen, vor den hohen Zäunen des Centers, und diesen Punkt dort betrachten, während seine Finger still die Münzen in seiner Tasche zählten.
Zu einer weit entfernten Welt gehörte er, dieser Fleck am Himmel, unvorstellbar weit entfernt. Durch eine große, kalte Leere müsste man reisen, um sie zu erreichen, es wäre eine lange Reise, wenn auch nur ein Katzensprung auf den Skalen des Universums.
Fremdartige Wolken bedeckten sie, diese andere Welt, entzogen sie jedes direkten Blickes, und verborgen darunter lag eine unwirkliche, rot-braune Ebene aus Fels und Gas.
Stünde er dort, ein schwerer, heißer Wind aus Gift und Gas würde ihn umhüllen, nicht zu vergleichen mit irdischen Stürmen oder gar der lauen Brise, die an solchen Abenden die Fahnen des Centers sachte flattern ließ, es war ein extremer Ort, ja, aber dafür auch kaum ambivalent, von konsequentem, fremdem Gemüt.
Und deshalb war diese Welt für ihn erstrebenswerter und wahrhaftiger als alles auf diesem blauen Planeten.
Dem irdischen Leben gewann er schon lange nichts mehr ab, all den vielen obszönen Details und den Verworrenheiten, den komplexen Bindungen, die Menschen einzugehen pflegten, den Ausflüchten, die sie alle für ihre Fehler und Laster vorbrachten. Auch er war einmal so gewesen, eine Ameise, die auf einem blauen Ball umherlief ohne nach oben zu schauen, damals, bevor seine Frau weggegangen war. Doch schon lange war das her, und er vermisste ihr Gesicht kaum noch.
Nein, sein Streben galt einzig und allein noch diesem Fleck dort oben, sie beide verband etwas, fühlte er, ihr Schicksal musste verknüpft sein.
Und auch wenn kein menschliches Auge sie je erblickt hatte, diese andere Welt, und auch wenn sie jedem menschlichen Leben die Existenz verweigern würde, in seinen Gedanken und Träumen existierte nur noch sie, und manchmal glaubte er, beinahe eine Geliebte, eine Liebe von fremdartiger Schönheit in diesem flimmernden kleinen Fleck zu erkennen.
Eine ‚Göttin‘ hatte die Antike sie genannt, eine von großer Schönheit, obwohl man damals nur ihren fahlen, fernen Schein in der Dämmerung gekannt hatte, nichts gewusst hatte von Gestirnen oder Instrumententrägern.
Anders als die Menschen der Antike hatte er natürlich die Aufnahmen gesehen, die ihre nichtmenschlichen Besucher von ihr gemacht hatten, Bilder von bedrückender Feindlichkeit, in stechend-gelangweilten Farben, ganz anders als in der Vorstellung der Antike. Doch in seinem Geiste sah er ein anderes Bild, ein ähnliches zwar, aber ein wenig heiterer, etwas verschoben, von einer tiefer liegenden Ästhetik gezeichnet, gesegnet.
Eine entstellte Schönheit blieb schön, wenn es echte Schönheit war, das glaubte er. Und so sah er in diesem hellen Fleck nicht den säureummantelten Vorhof der Hölle, den manche seiner Mitarbeiter sahen, er konnte und wollte nicht, und so verschwieg er ihnen meist seine Gedanken. Trotz der Widrigkeiten und all der Umständen; sie blieb ein warmer, ein seltsam mythischer Ort inmitten einer großen kalten Leere.
Er war sich sicher; eines Tages würde er dieses große Nichts durchqueren, das die physische Welt auszumachen schien, in einem unsicheren, winzigen Gefährt. Und nach einer langen Reise würde er sie schließlich erreichen. Sie würde ihn sicher herzlich aufnehmen, auf ihre Weise.
Und dann würde er für immer bei ihr bleiben.

Der stille Begleiter

geschrieben am 12. September 2006 um 23:49 Uhr

Ich grüße dich,

Ich weiß nicht genau, auf welche Weise ich dich ansprechen soll, und vielleicht sollten wir diese Frage – vielleicht meine einzige – zuerst behandeln.
Sie scheint eine der elementarsten Fragen der Kommunikation zu sein, geht notwendigerweise meist ihr voraus, und so mag es manchem merkwürdig erscheinen, dass ich einen Brief verfasse, ohne sie beantworten zu können:

Wer bist du?
Wer bist du, Adressat dieses Briefes?

Ich bin mir sicher, ich kenne dich, ich weiß, du kennst auch mich. Wir sind schon lange miteinander bekannt, du und ich, ja, soviel steht fest. Denn niemand, keiner außer dir weiß soviel über mich wie du; du kennst mehr meiner Schwächen als meine Freunde und mehr Geheimnisse als meine Vertrauten. Oft scheinst du mir sogar in Dinge eingeweiht, von denen selbst ich nur weiß von Zeit zu Zeit.
Wenn ich gehe, so gehst du neben mir, wenn ich reise, so reist du mit mir. Selbst in meinen Träumen bist du bei mir, einige beherrschst du sogar.
Und dennoch kenne ich deinen Namen nicht. Auch weiß ich nicht, wo du wohnst, oder was du tust wenn ich tief und traumlos schlafe.
Lass mich auch fragen;
Von welcher Natur ist deine Person? Bist du ganz Einbildung? Bist du real? Liegt die Wahrheit vielleicht dazwischen?
Manchmal denke ich, wir könnten Zwillinge sein; oder anders, zwei Teile von einem Ganzen, Zerbrochenen. Ja, vielleicht ist diese Vorstellung der Wahrheit nah; wir sind die beiden Teile eines Gemäldes, eines Ganzen. Natürlich sind wir verschieden; ein bisschen wie Feuer und Wasser an vielen Tagen. An manchen raufen wir sogar miteinander im Kampfe, und oft bist du der Stärkere.
Trotzdem, wenn ich so in den Spiegel schaue, so sehe ich dir ein wenig ähnlich, denke ich, auch wenn ich dich natürlich noch nie gesehen habe. Es ist mehr ein Gefühl als eine Wahrnehmung. So siehst wohl auch du aus, das denke ich mir dann und sehe etwas Vertrautes in meinem Spiegelbild. Es ist wie in manchen Momenten, wenn wir zusammen an einem fremden Ort sind; wenn ich dann plötzlich deine unsichtbare Hand auf meiner Schulter fühle, so warnend, da erkenne ich dich in mir selbst.
Es ist merkwürdig – sind wie verwandt, sind wir von derselben Art? Oder erliege ich einer Täuschung und wir haben nichts gemein? Ich weiß es nicht, und deshalb schreibe ich dir diesen Brief.
Sind wir Freunde? Es besteht kein Zweifel, du bist mir oftmals überlegen, aber bist du mir auch freundlich gesonnen? Ich frage nicht ohne Grund, wie könnte ich. Manchmal scheinst du mich beschützen zu wollen, ergreifst mich mit den Armen und zerrst mich weg von manchen Plätzen oder Menschen; und auch wenn ich dann die Furcht spüre, das Ausgeliefertsein, so meine ich doch eine gute Absicht dahinter zu erkennen. Du packst mich nicht nur grundlos, machst mir nicht aus einer perversen Freude heraus Angst, du willst mich vielmehr vor größerem Schaden schützen, der mir die Nähe anderer Menschen bringen würde; ja, das möchte ich gerne glauben.
In anderen Momenten aber verstehe ich dich nicht, ich sehe den Sinn in deinem Tun nicht, und dann scheinst du mir fast brutal; du scheinst in manchen Augenblicken nur zu warten, auf den richtigen, den passenden, den schwachen Moment zu warten, indem ich dir gerne zuhöre und all das tue, was du sagst. Fast so, als wäre ich nur noch und ganz Du. Oft erscheint mir dein – mein Handeln dann widersinnig, gar selbstzerstörerisch, von einer undifferenzierten Gnadenlosigkeit getrieben.
Daher weiß ich es nicht; bist du Freund oder Feind?

Bitte gib mir Antwort, ich bitte dich darum. Bedenke; du scheinst soviel über mich zu wissen, aber ich weiß nur so wenig über dich – obwohl ich jeden Tag mit dir leben muss; das scheint – vielleicht – auch dir nicht fair.

Wartend, ein Freund(?)