In der Stille

geschrieben am 22. Januar 2006 um 22:07 Uhr

Und dann war sie da, plötzlich, wenn auch erwartet, ersehnt, plötzlich stand sie direkt vor ihr, diese Stille, ganz leise und friedlich, die letzten beiden schmerzvollen Töne eines ausklingenden Blues schienen ihr vorausgegangen zu sein, melancholisch, aber befreit, eine Stille, die sie überraschte, auch wenn sie schon immer für diesen Moment gebetet hatte, für dieses befreiende Schweigen.
Ein zynischer Zug ließ sie an die umstehenden Gäste denken, für sie musste diese Stille etwas Fatales haben, etwas von Albträumen, etwas von der Angst vor Unvorhergesehene, für sie quollen sicher Millionen spitzer Fragen aus dieser Stille, Geschossen gleich, Fragen, die nur noch sie beantworten konnte.
Das Warum war sicher auch eine davon, sicher nicht die Allererste, dennoch, das Warum würde sicher jeden interessieren, aber sie würde es ihnen nicht erklären, sie würde nur schweigen, das hatte sie sich geschworen, der Gedanke erfüllte sie mit einem traurigen Stolz, nur noch sie konnte diese Fragen beantworten, nur noch sie, und sie würde schweigen, sie betrachtete noch einmal das Schweigen um sich herum, selbst die Musik war nicht mehr zu hören. Der Ring am Finger des Alten schien kleiner als in ihren Erinnerungen, Relikten aus einer fernen Kindheit, aber das lag vielleicht an dieser Situation, sie sah zur Bar herüber, die ganze Szene schien ihr surreal, eingefroren, einfach angehalten, in ihrem Verlauf gestoppt, nur für diese Stille, für diesen einen Moment, sie hatte die Zeit bestochen für diesen langen Moment.
In ihrem Kopf war auch diese Stille, sie war durch die Augen in sie hineingekrochen und tanzte nun dort, tanzte mit einem kleinen Mädchen, dass dort schon lange saß, tanzte um Erlösung und fand sie zusammen mit dem Mädchen in den letzten beiden ausklingenden Tönen eines alten Blues.
Es war merkwürdig, hier so zu stehen, fand sie und konnte nicht erklären, warum. In ihren Träumen hatte sie schon oft genau hier gestanden, aber doch fühlte es sich jetzt anders an, vielleicht war es einfach das Ende der Reise, vielleicht war es Reue, sie wusste es nicht, aber es war anders als in ihren Träumen, irgendwie anders.
Ihr Blick wanderte hinauf zu dem Gesicht aus ihren Albträumen, es war alt geworden, es war faltig und runzelig geworden, dennoch gab es keinen Grund zu zweifeln, das Markante, das Besondere an diesem Gesicht war immer noch da, es war der Alte, diese kalte Forderung durchzog immer noch die narbigen Wangen, er war es, er musste es sein.
Sie musterte ihn kühl. Seit 21 Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen, Tausende Kilometer sie zwischen ihn und sich gebracht, doch sie war sich sicher, hatte ihn sofort erkannt, wie hätte sie ihn auch vergessen können, diese groben, großen Hände, die breite Statur, den Gestank eines billigen Parfüms.
Sie hatte hierher kommen müssen, die Stille gab ihr Recht, es gab Geschichten, deren Ende geschrieben werden musste, geschrieben werden musste für das Schweigen nach dem letzten Wort.
Er hatte kein Wort mehr gesagt, er war einfach umgefallen, als wäre ihm schwarz vor Augen geworden, er lag einfach still auf dem Rücken, die Gesichtszüge entspannt, in ihrer Vorstellung war es immer viel schmutziger gewesen, aber nein, er war einfach nach hinten gefallen, ohne noch ein Wort zu sagen, in ihren Träumen hatte sie ihn manchmal um Gnade bitten lassen, aber auch das war nicht geschehen, er war einfach umgestürzt, dieser immer noch massive Mann, und nun lag er so auf dem Rücken, sie erinnerte sich dunkel an einen Tag am Strand mit ihm, ganz so lag er jetzt auch auf dem Rücken, die Augen geöffnet, das Gesicht ganz ruhig, nur dieses immer hungrige etwas war zusammen mit dem Alten entflohen, verschwunden, dieses etwas, dass sie damals immer verfolgt hatte, sie stets gierig gemustert hatte, stets mit Gedanken gespickt, die heute ihre Albträumen schuffen, dieses etwas, es war zusammen mit ihm gegangen, geblieben war nur zwei leere und unschuldige Augen, die nicht mehr verrieten als die Stille, die sie für sich und ihn geschaffen hatte.
Einen Moment zögerte sie, dann vergab sie diesen Augen, sie konnten nichts mehr dafür, sie hatten ihre Strafe erhalten und waren nicht länger schuldig.
Sie fühlte, wie die Stille sich langsam zurückzog, sie ließ ihren Arm langsam wieder sinken, das Gewicht in der Hand wurde zu schwer für sie. Etwas Pulverdampf tropfte aus dem Lauf, mischte sich mit der Stille. Einen Moment lang sah sie noch dem Kind in ihrem Kopf zu, sah seinem Tanz zu, sah die Erlösung in seinen Augen wieder schwinden, schwinden wie die letzten beiden Töne des Blues, der eben noch gespielt worden war. Noch einmal wand sie sich diesem Schweigen zu, dieser Stille nach dem Schuss, winkte ihr zum Abschied. Dann rissen die Schreie der Gäste die beiden voneinander los.

„Mit interessieren nicht die vielen Momente, die leicht an uns vorbeirasen, die leicht wie Schmetterlinge auf unserer Seele lasten und keine Spuren hinter sich lassen. Mit interessieren vielmehr die kleinen Augenblicke, die uns bis zum Zerreißen anspannen, die kurzen Momente, in denen ganze Leben sich offenbaren als bloßes Warten auf diesen einen Augenblick, der allem einen Sinn zuspricht, doch hinter sich nur Narben und Verwundungen lässt.“

Hermetisch

geschrieben am 8. Januar 2006 um 17:01 Uhr

Er spielte seine Rolle, routiniert, ein schelmisches Lächeln auf den trockenen Lippen, ungelenke, künstliche Bewegungen, ein unablässiges Sprudeln von Scherzen und Anzüglichkeiten, er spielte seine Rolle, und die Menschen lachten im Kanon, ein vielstimmiges Brüllen und Juchzen wie Artilleriesalven.
Seine Hände flogen durch die Luft, zeichneten Bilder, verstärkten Reaktionen, die Hände eines Komponisten, der ein großes Orchester dirigierte, ein Orchester aus Lachen und Prusten, hinten das tiefe Gröhlen bärtiger Marineoffiziere, weiter vorne das hellere Kichern von jungen Sanitäterinnen.
Als er noch auf den anderen, großen Bühnen gespielt hatte, da hatte ihn auch dieses Lachen manchmal erfreut, selbst wenn es eigentlich der Applaus war, der ihn als Schauspieler getrieben hatte.
Es hatte sich verändert, schon vor langer Zeit, manchmal dachte er zurück an diese Zeit, an die Zeit vor der Rezession, vor dem Krieg, in manchen Augenblicken dachte er sogar hier auf einer Bühne daran.
Er sprach weiter, immer weiter, persiflierte Engländer, Franzosen, die eigene Luftwaffe, es war seine Aufgabe, die Menschen etwas abzulenken, seine und nur seine Last, oft musste er sich daran erinnern, wenn er in die vielen so verschiedenen Gesichter vor sich blickte, manche grob und von der Front gezeichnet, andere fein, aber dennoch blaß, ja, es war seine Aufgabe, diesen Augen für einen kurzen Moment etwas zu schenken, dass sie ansonsten schon lange verloren hatten.
Er stockte bei diesem Gedanken, machte eine unwillkürliche Pause, schon wieder, erschrak er sich, während er die Hoffnungslosigkeit in den Augen seiner Zuschauer abwog, noch einmal und noch einmal, so als ob es dafür ein präzises Maß gäbe.
Er zwang seine Gefühle zurück, zurück in sein Inneres, seine Stimme hob sich wieder, zunächst etwas brüchig, aber schnell wieder erstarkend, eine kleine Floskel nur, um der Pause ihre Dramatik zu nehmen, er schob sie russischen Kollaborateuren in die Schuhe, einige Sätze aus dem Standard-Repertoire, er grinste wieder krumm, wieder Lachen, sein Redefluß fand zurück auf die Bühne.
Nein, all diese Gedanken, sie mussten dort drinnen bleiben, so tief begraben wie nur möglich, außen durfte nur dieses krumme Lächeln zu sehen sein, nur dieser eine Wesenszug, diese eine Rolle.
Natürlich hatte auch er damals nicht an die Front gewollt, wer hätte das schon gewollt, aber er war naiv gewesen damals, vielleicht wäre es besser so gewesen, auch wenn er wusste, dass er den Menschen gut diente in seiner jetzigen Funktion.
Damals hatte er natürlich ohne Zögern zugesagt, als man ihm anbot, seinen ‚Beitrag‘ hier zu leisten, er hatte nicht an die Front gewollt – niemand hatte das – und sein Theater hatte man wegen der Bomben geschlossen.
Vielleicht war es für ihn persönlich die falsche Entscheidung gewesen, konstatierte er und sah zu, wie Agonie und Gelächter in den Augen seiner Zuhörer miteinander rangen.
Es entbehrte nicht einer gewissen komischen Tragik, als moderner Clown musste er das wohl eingestehen; er hatte in der Tat nie die Front gesehen, dafür aber hatte er zu oft gesehen, was die Front zurückließ, wenn er in den vielen Feldlazaretten auftrat, sie ließ immer nur Zerstörung und Tod, Leichen, die man eiligst beiseite geschafft hatte, die eigenen wie die anderen, Hunderte oder gar Tausende manchmal an einem Orte, inzwischen mussten es Millionen sein, Millionen.
Davon wussten die meisten Menschen nichts, die Presse verschwieg es, aber sie alle hatte eine Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl, dass das Ende kommen würde, und, so bekräftigte er sich, genau aus diesem Grund stand er noch hier und spielte seine Rolle, immer seine Rolle, alles andere blieb tief verborgen.
Die Führung sprach immer noch vom Sieg, nur noch hohle Propaganda natürlich, durch die vielen Besuche an verschiedenen Orten hatte er sich ein viel zu gutes Bild machen können, es ging auf das Unvermeidliche zu, bald würde alles zusammenbrechen.
Er kam wieder ins Stocken, diesmal aber hatte er es erwartet und fing die peinliche Stille schnell ab, drehte sie in eine Pointe um, festigte seine Stimme und redete weiter, das gleiche Lächeln auf den trockenen Lippen.
Manchmal erschien es ihm immer noch unfair, wie er hier oben vor allen stand und sie alle zum Narren hielt, obwohl er doch genauer als jeder andere wusste, wie es stand, und zunächst hatte er sich auch versetzen lassen wollen, als er die Brisanz der Lage begriff, doch er hatte einfach nicht aufhören können, er ihnen nicht das auch noch das letzte Stück Leben, das letzte Lachen rauben wollen, auch wenn selbst das schal und ausgemergelt klang an Tagen wie diesen. Natürlich, er könnte aufhören sie zu belügen, ihnen eine Welt vorzuspielen, die nichts mit der Bitterkeit der Realität zu tun hatte, aber was brachte ihnen die Wahrheit schon? Das Ende würde kommen, keiner von ihnen konnte das ändern, ob sie es nun wussten oder nicht, und so spielte er immer noch seine Rolle, stiftete Lachen, wo die Hoffnung schon starb, auch wenn das für ihn bedeutete, all die ungeheuerlichen Dinge für sich zu behalten, nur für sich, sie einzuschließen und zu vergraben, es musste sein, niemand sonst konnte diesen letzten Beitrag leisten.
Seine Schlußnummer kam, endlich, und er legte eine Pause ein, bewusst diesmal, wie er es immer tat seit einiger Zeit, er zählte die Sekunden, blickte in die Runde, verunsicherte Gesichter, aus einem Traum vom Lachen und Leben unsanft geweckt, fast angsterfüllt.
Nein, keiner dieser Menschen wollte wissen, was er wusste, sie bettelten nach Hoffnung, selbst wenn Hoffnung nur ein Lachen bedeutete, dachte er, seine Lächeln taute wieder auf, drei letzte Sätze, der Raum gröhlte wieder, etwas unsicher, aber umso lauter, er trat von der Bühne, immer noch das schiefe Lächeln im Gesicht, alles andere musste tief vergraben bleiben, abgesichert und verschlossen wie in einem Panzerschrank, hermetisch abgeriegelt.

„Das Vergnügen kann auf der Illusion beruhen, doch das Glück beruht allein auf der Wahrheit.“ – Nicolas-Sébastien de Chamfort.

Spätestens…

geschrieben am 3. Januar 2006 um 14:59 Uhr

Freitag kommt auch etwas Neues.

– bad_indicator.

Feldgrau

geschrieben am 27. November 2005 um 18:02 Uhr

Das war es jetzt also?, denkst du dir.
Das war jetzt also?, jedes Mal, immer wieder und wieder, und dein Blick richtet sich nach innen, weit in die Vergangenheit, du wägst ab, das war es jetzt also?, hast du genug gelebt, hast du getan was du tun wolltest, warst du ein guter Mensch, was wird jetzt werden?
Die vielen Facetten deines kleinen, verbrauchten Lebens tauchen schnell wie das Licht vor dir auf, nicht in der Form eines klischeehaften Filmchens, kein revue deines ‚Werdegangs‘, wie man so schön sagt, nein, es sind kontraststarke, stille Bilder, ein Kinderwagen, ein Gesicht, ein Ort im Süden, ganz erschrockene Fotografien, überbelichtet, wie von einem hellen Blitz eingefroren, überzeichnet und ganz anders in deiner Erinnerung.
Ja, du hast dein persönliches Fotoalbum im Kopf, hast es dir jederzeit schon zurechtgelegt, und während dein Außen über Gräben und Asphalt robbt und dein getriebenes Keuchen im Lärm untergeht, da blättert eine unsichtbare Hand in deinem Kopf die Seiten um, in aller Ruhe, stetig, ohne Unterlass.
Irgendwann fängst du an, darüber nachzudenken, woher kommen diese Bilder, wer hat sie für dich gewählt, manche erscheinen dir weniger passend für einen Nachruf, hast du sie selber ausgewählt, wer war es sonst, deine verdreckten Gliedmaßen krümmen und strecken sich automatisch, dein Verstand dreht sich weit ab um diese Fragen.
Doch niemand hat sie ausgewählt, es dauert nicht lange, bis du das erkennst, es dauert nicht lange, du misst die Zeit anhand der Feuerpausen, niemand hat sie gewählt, das Album bleibt, wo es ist, zeigt weiter stumm seine Bilder, unvollständig komprimierte Ansichten eines ganzen Lebens, der hoffnungslose Versuch deines Unterbewusstseins, dein Leben ganz zu erfassen und damit abzuschließen, damit abzuschließen und auf das Ende zu warten, dass in jedem Moment kommen soll und dich doch wieder und wieder nicht erreicht hat, deine Glieder kümmert das nicht mehr, strecken, krümmen, strecken, krümmen, das Gewehr hinterherziehen, der simpelste Algorithmus, den dein Stammhirn beherrscht, in einer Endlosschleife, ein Reflex lässt dich den Leichen ausweichen, du denkst nicht mehr darüber nach, bist ganz auf das Album fixiert, auch wenn du weißt, dass du unter jedem Helm nur dein totes Gesicht erkennen würdest, nur dein eigenes Gesicht im Dämmerlicht der Leuchtspurmunition, es berührt dich nicht mehr, du blickst nur starr auf deine zuckenden Arme, den Kopf tief gesenkt, und siehst die Bilder in deinem Album, immer wieder und wieder, die Motive werden fern wie die Sterne, der Weg nach Hause eine Ewigkeit, die Kälte des helllodernden Nacht, die du schon lange nicht mehr gespürt hast, sie kriecht in deinen Verstand, von innen, ein langsam wirkendes Gift, dass deinen Verstand müde und träge macht, während dein Körper weiter funktioniert, wie er sollte, wie du es trainiert hast, robben, ducken, schießen, ein gut geölter Roboter, der noch tadellos funktioniert, während dein Verstand nur noch apathisch den Bildern und ihrem Tanz zusieht und wartet, auf den einen Splitter wartet, der nicht verfehlt, den einen Volltreffer, den dir der Lärm der Detonationen schon so lange verspricht.
Aber er kommt nicht, kommt wieder und wieder nicht, immer nur wieder krümmen und strecken, krümmen und strecken, während du in diesem Roboter sitzt und weiter wartest, wartest.
Irgendwann lassen deine Glieder locker, du bleibst im Dreck liegen, eine Weile.
Dann stehst du auf, irgendwie, spürst deine Knochen nicht mehr.
Und fühlst die Stille um dich herum, das Fehlen des Donners und der vielen kleinen Blitze. Für einen Moment bist du frei, du lebst, für einen Moment.
Du gehst nach Hause, siehst all die kleinen Motive wieder, all die Bilder aus deinem Album, doch das Album selbst, die unsichtbare Hand, die die Seiten bewegte, sie bleiben beide verschwunden, verbrannt.
In deinem Kopf bleibt nur die Kälte der brennenden Nacht, das ewig graue Feld aus jener Finsternis, das war es jetzt also?, krümmen und strecken, krümmen und strecken, diese ganzen kleinen Motive, die du in dem Album gesehen und nun wieder lebendig vor dir hast, sie werden fern wie die Sterne, der Weg nach Hause zu einer Ewigkeit, und dein Verstand wird immer nur weiterrobben, ewig, das war es jetzt also.

„Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.“ – Platon

Schwarz auf Weiß

geschrieben am 29. Oktober 2005 um 15:13 Uhr

Er saß wieder, saß wieder an seinem Tisch, wo auch sonst, seine Papiere, wie er sie nannte lagen verstreut darauf herum, ungeordnet für die Augen anderer, doch nicht für ihn, nein, nicht für ihn, jede Seite hatte ihren Platz, ihre wohldefinierte Position, das vereinfachte seine Arbeit.
Auch würde das ungeübte Augen wohl kaum erkennen, woran er da arbeitete, jeden Tag, bis spät in die Nacht hinein, denn viele der Symbole auf diesen seinen Papieren wirkten befremdlich, nur wenige andere Menschen konnten sie deuten.
Es waren Zahlen, endlose Kolonnen von Zahlen, auch andere Symbole dazwischen, manche wie Runen, andere fast wie zufällige Tintenkleckse eines Kindes, auch wenn ihre offensichtliche präzise Anordnung dies unwahrscheinlich erscheinen ließ.
Seine Arbeit war schwer, und sie wurde in keinem Moment leichter, das betonte er gern vor Freunden, aber eigentlich, so musste er bei solchen Gelegenheiten ebenso gestehen, bereitete sie ihm auch eine große Freude, was auch dazu geführt hatte, dass er selten zu Hause mit seinen Kindern aß.
Manchmal vergass er fast, dass er nichts Konkretes über seine Arbeit verlauten lassen durfte, er schmunzelte immer noch manchmal über diesen Satz, es war der Wortlaut eines Uniformierten gewesen, er konnte sich noch genau an die Begebenheit erinnern, sein Gedächtnis war trainiert, „Ich weise sie darauf hin, dass sie nicht befugt sind, konkrete Informationen über ihre Arbeit bei uns verlauten zu lassen.“, das hatte er gesagt, ein älterer Herr mit funkelnden Augen, und dann noch etwas von Kriegsfall und Hochverrat hinzugesetzt, er erinnerte sich nicht mehr genau.
Er selbst verabscheute Krieg, verabscheute Gewalt an sich, dass Menschen anderen Menschen weh taten hatte er nie verstehen können. Auch deshalb war er froh, nicht an die Front geschickt worden zu sein, wo immer die sich auch gerade befand, er wusste es nicht genau, hielt sich von diesem widerlichen Geschehen, wie er sagte, „so fern als möglich“.
Es war sein Glück gewesen, dass er diese Anstellung bekommen hatte, er betonte das stets und fühlte es immer, wenn er mit seinen Kindern am Tisch saß, es war ein Glücksfall gewesen, eine glückliche Fügung. Zwar hatten sie schon zweimal umziehen müssen – die Front war ihnen wohl zu nahe gerückt – aber das belastete nur seine Frau, nicht ihn, nicht, so lange seine Familie mit ihm kam – und natürlich seine Papiere.
Seine Papiere – Wenn er mit ihnen am Tisch saß, so schien ihm der Krieg oft ebenso fern wie seine Kinder. Selbstverständlich wusste er, dass auch sein Werk etwas mit dem Krieg zu tun hatte, aber, so wusste er, nur indirekt, nur indirekt hatte er etwas damit zu schaffen, nur indirekt, er wurde nie müde dies zu erklären.
Und wenn er erst einmal hier saß und die unzähligen Zahlen und Symbole besah, so vergingen seine Zweifel und auch die Gedanken an den Krieg, der draußen irgendwo tobte, ein gräßliches Geschehen, es blieben nur noch schwarze, klare Piktogramme auf makellosem Papier, keine Abwägungen, keine Konflikte, keine unsinnigen Abstufungen, nur noch die Zeichen auf seinen Papieren.
Kaliber, Treibladungsdichte, Detonationsradius, Geschoßbahnkurve, letale Effizienz, kritische Masse, Wirkungsradius – all diese Dinge verloren hier ihre schroffe, debile Ambivalenz, ihre grausam lärmenden Konnotationen, ihr schmutzig-graues Wesen, und was von ihnen blieb füllte seine Papiere, füllte sie Seite für Seite, Buch um Buch, frei von jeder Mehrdeutigkeit.
Er stellte sich seine Gleichungen oft als Skelette vor, Skelette der realen Dinge, und wie auch die Skelette von uralten Sauriern keine Bedrohung darstellten, so waren auch seine Bücher für jedermann ungefährlich.
Und wenn er nach mancher langen Nacht doch einmal zweifelnd auf die Zahlen hinunter blickte, nur für einen Moment, so nahmen sie ihm seine Unruhe schnell wieder, er hatte mit dem Krieg, mit dem Töten, nur indirekt, kaum zu tun, es blieb das Schwarz und Weiß auf seinen Papieren, scharf begrenzt und nie verschwommen, nur Symbole und Zahlen und die ihnen inhärenten abstrakten Strukturen, ungefährlich, unschuldig.
Eigentlich hatte er nie etwas anderes machen wollen, dachte er oft, auch das war sicher ein Glücksfall, ein ganz besonderer sogar. Er liebte seine Papiere, liebte die Art, wie die Piktomgramme miteinander interagierten, sich hinter seinen Augen verbanden zu kühl schwebenden Abstraktionen, manchmal geometrische, fast visuelle Strukturen, manchmal unaussprechliche, nicht zu beschreibende Muster und Verknüpfungen.
Mit Erstaunen nahm er oft wahr, was andere Menschen lasen; Romane, Zeitungen, Biographien, Geschichtsbücher und viel mehr, das er nicht so recht kannte, er hatte das nie verstanden, auch wenn er es oft genug versucht hatte.
Vielleicht waren diese Schriften nicht abstrakt genug, er wusste es nicht, aber diese anderen Papiere bereiteten ihm ein großes Unbehagen, und so las er sie nur selten und widerwillig, auch wenn seine Frau es sicher gern sehen würde, wenn er das ein oder andere Mal die Zeitung aufschlagen würde.
Seine Papiere und Bücher dagegen schienen ihm perfekt, eine makellose Choreographie von abstrakten Modellen, Symbole und Zahlen, die in seinem Geist tanzten wie es kein Mensch könnte, nichts an ihnen verwies auf etwas Reales, und schon deshalb konnten sie wohl kaum mit dem Töten zusammenhängen, so hatte er es -verbotenerweise- seiner Frau erklärt, sie waren nur Schwarz auf Weiß, Buchstaben auf Papier, scharf begrenzt, eindeutig, der Welt abgewandt und unschuldig. Er wusste, dass er Recht hatte.
Nur manchmal in letzter Zeit, da war etwas Unangenehmes geschehen, wenn er lange gearbeitet hatte, er erinnerte sich jetzt nur noch selten daran. Die Piktogramme, sie waren vor seinen Augen merkwürdig verschwommen gewesen, spät in der Nacht, am Anfang nur ein klein wenig, er war nicht mehr Jüngste, dass wusste er, und so hatte er es ignoriert, es beiseite geschoben, sich einfach tiefer über die Papiere gebeugt.
Doch Nacht für Nacht war es schlimmer geworden, die Zahlen und Zeichen wurden immer unschärfer und grauer, und es wurde ihm eine große Last, weiterzuarbeiten.
Eines Nachts dann schließlich, für ihn lag es nun schon eine ganze Weile zurück, da hatte er plötzlich stichiges Rot zwischen seinen ehemals schwarzen Symbolen gesehen, und er war so erschrocken, dass er nach Hause ging und in dieser Nacht nicht mehr arbeitete.
Es musste an der Müdigkeit liegen, hatte er entschieden, er war ja auch nicht mehr der Jüngste, natürlich, eine optische Täuschung.
In dieser Nacht hatte er nicht so gut geschlafen wie sonst, wohl wegen des Schrecks, hatte er am nächsten Tag am Küchentisch gewitzelt.
Am Nachmittag verließ er den Stützpunkt, kaufte sich eine Brille. Und – das war fast wichtiger, hatte er entschieden – etwas Medizin, „damit er länger wachbleiben könne“, wie der Doktor gesagt hatte.

„Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik!“ – Enrico Fermi, 1945 als Direktor der Abteilung für theoretische Physik in Los Alamos auf Einwände von Kollegen gegen den Bau der Atombombe.

Ein Gebäude (1)

geschrieben am 12. Oktober 2005 um 23:15 Uhr

Wenn es etwas leiser ist, nachts etwa, oder auch an Feiertagen, da kann man es atmen hören, kann das millionenfache Drehen der Lüfter und Klimaanlagen, das leise Surren der Neonröhren hören. Es ist noch nicht sehr alt, auch wenn Alter kein Begriff ist in seinen Dimensionen, und so ist es auch recht stolz auf sich, auf seine staatliche Größe etwa, 65 Meter hoch ragt es in den Himmel, oder auf die tausend spiegelnden Fenster mit ihren funkelnden Stahlrahmen. Manchmal, wenn es sich langweilt, da zählt es die Räume in seinem Bauch, betrachtet die kilometerlangen Gänge mit ihrem glänzenden Linoleumboden, die vielen kleinen Winkel. Menschen und ihr Tun finden weniger sein Interesse, auch wenn es glaubt, eine gewisse Ehrfucht bei den Menschen zu wecken. Jeden Tag, jede Stunde verschluckt es viele Hundert Menschen und trägt sie in seinem Bauch durch die Zeit, manche spuckt es nach Stunden oder Tagen aus, andere behält es für immer. Das erscheint ihm sehr merkwürdig, und manchmal fragt es sich, was die Menschen immer wieder in seinen Bauch treibt. Vor einiger Zeit haben die Menschen seine Balkone vergittert, weil manche Menschen wohl heruntergefallen sind, wie es gehört hat, auch wenn es nicht versteht, was ‚fallen‘ in diesem Zusammenhang bedeutet. Es erinnert sich nur an die Lachen, an die roten Lachen in seinen Innenhöfen, und es erinnert sich gerne daran. Aber die Menschen haben jetzt Gitter vor seine Augen legt, und das hat es sehr wütend gemacht, so wütend, dass es in dem Bereich, den die Menschen „Quarantänestation“ nennen, die Luft angehalten hat. Einige Stunden später kam ein Mensch, der den Lüfter austauschte; es hasst, so behandelt zu werden, aber die Menschen haben nun einmal die Kontrolle über seine Teile, das kann es nicht leugnen. Und wenn es sich wieder einmal über diese Menschen mit ihren merkwürdigen Tätigkeiten geärgert hat, dann beruhigt es sich wieder bei dem Gedanken an sein Hobby.
Es weiß natürlich nicht, was die Dinge bedeuten, die die Menschen in seinem Bauch tun. Natürlich hat es aber darüber nachgedacht, und letztlich ist es zu dem Schluß gekommen, das es gar nicht verstehen kann, was die Menschen da tun. Es kennt den Begriff „Konstruktion“ und auch seine Bedeutung, auch weiß es, dass es selbst ein Konstrukt ist; nichtsdestotrotz versteht es keine konstruktive Tätigkeiten, wie es das nennt. Das hat es bemerkt, als auf den anderen Straßenseite ein Haus gebaut wurde. Es konnte einfach nicht den Gesamtzusammenhang dessen, was dort drüben geschah, verstehen und so wachte es eines Morgens auf und sah das neue Gebäude dort stehen. Und so vermutet es nun seit geraumer Zeit, es könnte es sich auch hierbei um konstruktive Tätigkeiten handeln. Es ist keineswegs traurig, dass sein Geist die Menschen nicht gänzlich durchdringen kann; es sei natürlich, nur natürlich, dass eine Konstruktion keine Konstruktion versteht, argumentiert es häufig, es ist ein recht weiser Philosoph geworden. Ein ordentliches Konstrukt habe destruktiv zu sein, glaubt es.
Vor einiger Zeit hat es bemerkt, dass es einen Teil der Menschen in seinem Bauch manipulieren kann. Es fing an, als es unter den Menschen dort unten einige junge bemerkte, die erst freudig und schnell, später träger und älter durch seine Flure huschten und aus großen, schweren Büchern Dinge lernten, die das Gebäude nicht verstand. Zunächst war es verwundert, warum diese kleinen Menschen offensichtlich so viel lernten, dass es ihnen mehr eine Last denn als eine Freude wurde, aber in dem Punkt hat es beschlossen, die Verrücktheiten der Menschen einfach hinzunehmen. Und so versuchte es nun von Zeit zu Zeit, am Morgen so laut wie möglich zu atmen, damit seine kilometerlange Stahlfront noch bedrohlicher und überlegener vor den kleinen Menschen aufragte. Es war ihm eine große Freude zu sehen, welche Wirkung das auf die Menschen hatte, und so fand es ein Hobby. Es fand schnell viele Mittel und Wege, diese kleinen Insekten in seinem Bauch zu manipulieren, so ließ es ab und zu einige Türen offen, so dass der Wind durch seine Adern fegte und ein tief melancholisches Geräusch schuf. Dann sah es zu, wie die kleinen Menschen mit ihren Büchern noch hoffnungsloser in ihre Stühle rutschten und lachte laut auf.
Manche von den kleinen Menschen fielen irgendwann von den Balkonen, es verstand nicht warum, aber eine große Rolle spielte das auch nicht. Sie waren dann weg, und das war gut so, es mochte keinen der Menschen. Sie hatten nicht das Recht, in seinem Bauch ihr verrücktes Leben zu führen, davon war es überzeugt. Jetzt aber haben sie die Balkone vergittert, und sofern das Gebäude richtig verstanden hat, konnte jetzt niemand mehr herunterfallen, wie sie das nannten. Es war sehr erregt darüber gewesen, aber inzwischen hat es sich wieder etwas beruhigt. Es muss ständig darüber nachdenken, ob die Menschen nicht auch von seinem Kopf, dem Dach, fallen könnten, es weiß darüber nicht genau Bescheid, hält es aber für plausibel; es hofft, dass seine Theorie richtig ist, und nach allem, was es erlauschen konnte, wäre das auch gut möglich.
Und so liegt es immer noch jeden Abend zufrieden in der Dämmerung, fast so wie ein großes Raubtier, und schläft langsam ein, dimmt die Beleuchtung, dimmt auch das bienenstockartige Summen der Lüfter etwas, und wenn man genau hinhört, dann kann man es leise im Traum flüstern hören, flüstern hören von Lachen in seinen Innenhöfen.

„Freude und Angst sind Vergrößerungsgläser.“ – Jeremias Gotthelf, Zeitgeist und Berner Geist

Morgengrauen

geschrieben am 7. Oktober 2005 um 20:35 Uhr

Ich grüße dich, mein guter alter Freund.
Dies wird der letzte Brief sein, der dich erreicht, einen weiteren kann es nicht geben, wie du weißt.
Ich hocke hier im schummrigen Licht der Dämmerung auf dem Schemel und starre in die Düsternis, die sich draußen zwischen den Gitterstäben erstreckt.
Es ist merkwürdig, aber ich bin jetzt ganz ruhig geworden. Du weißt, wir sprachen das letzte Mal noch über die heutige Nacht, du versuchtest mir Mut zu machen, doch glaubte ich insgeheim, die Angst würde mich trotz aller Bemühungen doch noch packen.
Nun ist es eine Nacht geworden, dunkler als die vier zuvor, doch ganz ohne Angst und Unruhe. Im Gegenteil, ich fühle eine seltsame Zufriedenheit, eine unsterbliche Ruhe in mir, als ob nichts auf der Welt mir schaden könnte.
Vor einigen Stunden war der Pfarrer hier, du errätst sicher den Grund seines Besuches, aber um dir die Frage gleich zu beantworten, nein, ich habe mich nicht bekannt, nicht gebeichtet und auch nicht mit ihm gebetet. Er hat mich noch nach dem Grund meiner Ablehung gefragt, kannst du dir das vorstellen? Ich habe ihn nur angesehen und gefragt, ob er wisse, was ich getan habe. Er nickte wortlos und verschwand, Pfaffen!
Lange könnte ich mich über sie auslassen, doch du weißt, mir bleibt kaum noch Zeit, kaum noch Zeit auch nur Atem zu holen, schon kann ich fern die Turmuhr hören, die von meinem Tod künden wird.
Ich freue mich nicht recht auf diesen letzten Schlag, aber natürlich nicht. Noch bin ich dem Wahn nicht verfallen, das bin ich nicht, du weißt, das bin ich nicht, und so freue ich mich auch nicht auf das Ende.
Wohl aber, und dies mag dich in der Tat verwundern, fühle ich mich nicht mehr eingesperrt oder bedrängt, ganz im Gegenteil.
Schon lange muteten mir dein Mitleid und das der deinen für meine Lage seltsam an, doch konnte ich mir dieses Gefühl nicht erklären.
Gestern jedoch, wie ich hier früh morgens auf meiner Pritsche saß und zwischen den Gitterstäben hindurchstarrte, da dachte ich daran, wie wohl das trübe Licht der Deckenlampe von draußen wirken würde, wie es wohl auf die freien Menschen wirken würde. Und bei dem Gedanken, mich könnten alle so in meiner Lage sehen, da fühlte ich meinen Stolz verletzt und in meiner Wut zerschlug ich die Lampe mit den bloßen Händen.
Nun, das ist einmal wieder ganz typisch für mich wirst du sagen, ich weiß und lache mit dir.
Danach jedoch geschah etwas Merkwürdiges;
Als das Licht in meiner Zelle verlosch, sah ich plötzlich das aschfahle Licht der Dämmerung, dass in den dunklen Raum fiel, und für einen vertauschte ich im Geiste meine Zelle mit der Welt dort draußen. Es war nur ein Gedankenspiel, zunächst, das Spiel eines müden Geistes, fast ein Zufall, wenn nicht das schwache Sonnenlicht mich an das Licht der Lampe erinnert hätte. Doch ich blieb bei dem Gedanken, sponn ihn weiter, und er hat mich zur Ruhe kommen lassen.
Denn bedenke;
Bin ich wirklich derjenige, der euer Mitleid verdient?
Ich weiß, wann es zu Ende gehen wird. Und kann leben, planen, sein, denn meine Zeit ist wohlbemessen und folgt dem Klang eben dieser Turmuhr, die vor meiner Zelle weit aufragt. Ihr dagegen seid ewige Todeskandidaten, über euch kreist von der Geburt an das Beil des Scharfrichters und schwebt mal Minuten, mal Jahrzehnte über euch, bevor es schließlich seine unvermeidliche Bahn zieht.
Ich werde in zwei Stunden sterben. Ihr dagegen sterbt euer ganzes Leben lang, euer eigener Tod ist die ständige Unwägbarkeit, die immanente Unsicherheit in eurem Leben; ihr könnt nicht leben, denn der Tod ist eine ständige Dimension, ein ständiger Begleiter eures Lebens. Die Folgerung mag sogar dir, obwohl du mich wohl kennst, wirr erscheinen, aber nicht ich bin es, der in der letzten aller Zellen sitzt. Mein Tod wurde nur auf einen Tag, auf eine Stunde festgelegt, euer Tod dagegen wurde auf jeden Tag und jede Stunde eures Daseins festgelegt. Ihr habt mich nicht zum Tode verurteilt; ihr habt mich zum Leben verurteilt und mich nicht ein- sondern vielmehr ausgesperrt aus eurer großen Zelle des Todes.
Und vielmehr noch; euer Tod wird sinnlos sein, das Finale eines sinnentleeren Lebens, ein bloßer Mechanismus, eine natürliche Notwendigkeit sein. Wenn ich gehe, so bringt das den toten Männern Gerechtigkeit und ihren Nächsten Genugtuung. Mein Tod wird Sinn machen, er ist ein Handel mit der Welt: Mein Leben für die Sache.
Verlach mich nicht, aber ich werde so sterben wie ein Held. Mein Leben wird nicht gegeben, aber genommen werden für die Sache, für die Gerechtigkeit, und so bin ich auch ein wenig ein Held, etwa so wie Prometheus auch ein klein wenig ein Räuber war.
Du siehst, meine Lage ist eigentlich nicht euer Mitleid wert; vielmehr ist es Neid, der euch antreiben sollte.
So muss ich dann auch schließen, habe alles Wichtige geschrieben, und auch wenn ich noch Stunden und Tage weiterschreiben möchte, höre ich doch schon die Hacken der Wärter über den Flur knallen.
Und sei versichert; ihr alle habt mein tief empfundenes Mitgefühl, denn euer Morgengrauen wird ein Leben lang dauern.

Gräme dich nicht, mein Freund. – W.

„Bei unserer Geburt treten wir auf den Kampfplatz und verlassen ihn bei unserem Tode.“ – Jean-Jacques Rousseau

Master/Slave (1)

geschrieben am 24. September 2005 um 01:27 Uhr

Der Frühstückstisch war gedeckt, präzise, akkurat, scheinbar mühelos in Perfektion zusammengestellter Chromglanz, dazwischen weiße Porzellanteller, poliert, das Licht müde spiegelnd. Ein hoher Raum, identitätslos, nur ein stilles weißes Grinsen an den Wänden, eine nichtssagende Kücheneinrichtigung, leer, sauber. Er saß auf seinem Stuhl, sie auf ihrem, es war 9:03 Uhr, das wusste er genau, denn er schlug gerade sein Ei auf, schlug immer sein Ei auf um 9:03 Uhr.
Die Zeitung lag auf dem Tisch, sauber gefalzt, die Titelseite nach oben, die Schrift zu ihm gerichtet, drei Zentimeter von dem dunkel eingefassten Rand der Tischplatte entfernt. Er nahm einen Bissen von seinem Ei. Erst essen, dann lesen, beides zugleich konnte er nicht..
Kleine, glänzende Löffel, Messer, die über das Porzellan rasen, ein stummer Tanz von Händen, die Buchstaben in die Luft zeichnen, eine technische, scharfkantige Schrift.
Kein Wort wurde gesprochen, es war auch nicht nötig, dachte er, es war nicht notwendig, dies hier war der Frühstückstisch, es gab keinen Grund, keine rationalen Erfordernisse, wie er gerne sagte, es keinerlei Grund dazu, hier zu sprechen, er blickte in das ausdruckslose Gesicht ihm gegenüber und erkannte sich selbst, nein, es gab keinen Grund, es war perfekt so, die Funktionalität war perfekt, perfekt.
Er blickte auf die Uhr, orientierte sich an den schleichenden Zeigern, es war Zeit für das Brötchen, er führte das Messer mit einer langsamen, geschmeidigen Bewegung, die Augen fest an die Schnittlinie geheftet. Bissen um Bissen aß er, nicht hektisch, aber auch nicht langsam, er hasste diese Art von Trägheit, die manche Menschen beim Essen an den Tag legten, dieses scheinbare Lebensgefühl, dieses Genießen, hinter der sich eine simple Charakterschwäche verbarg, er dachte kurz an einen Schulfreund, an den er sich noch blaß erinnerte, ein Gesicht unter vielen, die schon gegangen waren, während er zurückgeblieben war, ja, er war so ein Mensch gewesen, müde und träge und unendlich genießerisch. Er hatte immer gelacht und gescherzt und gesprochen beim Essen, immerzu, furchtbar, er sah nicht den Sinn dahinter, es war sinnlos, irrational, es gab nun einmal die Zeit des Amüsierens und die Zeit der Nahrungsaufnahme, es war unlogisch beides zu vermischen, warum sollte man auch, es war kindisch.
Die Frau und er, sie hatten nie Kinder gehabt. Vielleicht hatte sie Kinder gewollt, er wusste es nicht genau, sie hatten nie darüber gesprochen. Er selbst es nie gewollt, Kinder machten ihn unsicher, sie waren unberechenbar, stellte er lakonisch fest, sie wussten nichts von Strukturen und Regeln, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass er ein guter Vater gewesen wäre.
Er besann sich zurück auf den Teller vor sich und griff zu dem Behälter, der immer rechts in der Mitte des Tisches stand, mit Kanten, die parallel zu denen des Tisches verliefen.
Er war zu leicht, er sah kurz hinein, leer.
Die Frau sah zu und ließ für einen kurzen Augenblick das Messer in ihrer Hand nach unten kippen, so dass die Schneide fast den Tisch berührte, er befürchtete schon, sie würde das makellose Schwarz des Tisches verunreinigen, dann schien sie sich daran zu erinnern und hob die Klinge in einer steifen Bewegung wieder an, sie hatte wohl wieder diese Schmerzen im Handgelenk, dachte er und sah sie argwöhnisch an.
„Wir haben keine Milch mehr. Ich muss heute einkaufen.“ sagte sie in einem lakonischen Tonfall, ein leichte Vibration schwang darin mit, wie ein Lüfter, der nicht ganz rund lief, es musste ihr Handgelenk sein, schloß er, ja, das war logisch, deshalb war sie so unkonzentriert gewesen, er blickte sie noch einen Augenblick an, dann ließ er das Mißfallen wieder aus seinen Augen weichen und ersetzte es durch die gestrenge Milde, die er zu oft besaß.
„Dann werde ich den Kaffee wohl ohne Milch trinken müssen.“ gab er zurück, kopierte ihren Tonfall und strich nur die Vibrationen heraus, aß weiter, trank den Kaffee mit vorsichtigen, kleinen Schlücken, es war keine Milch darin, nun, das war zu verzeihen, entschied er, trank aus.
Seine Fingerspitzen hoben das Besteck, loteten in einem streng eingeübten Augenblick den korrekten Winkel, die korrekte Lage aus, und legten es dann ab, er war zufrieden damit.
Er zog die Zeitung heran, schlug sie vorsichtig auf.
Die Frau, die ihr Frühstück ebenfalls beendet hatte, saß ihm kerzengerade gegenüber, beobachtete ihn träge, wartete auf das Unvermeidliche.
Seine Lippen bewegten sich, er las einige Titelzeilen vor, modulierte seine Stimme dabei, um dem ganzen einen für sie adäquaten Ausdruck zu geben, zog eine Spur Ärger mit hinein, wenn der Titel „Politiker flog auf Staatskosten“ lautete, eine Spur Witz, wenn sie „Igel zerstört Müllfabrik“ lautete. Dann endete sein Vortrag in Schweigen, er hatte seine Schuldigkeit erfüllt, konnte stumm weiterlesen.
Sie stand auf, nahm seinen Teller und ihren, legte beides in der Spüle ab.
Einen Moment lang sah er ihr hinterher, glaubte ein kurzes Zögern zu erkennen in ihren Bewegungen. Die Frau war alt geworden, entschied er in einer kühlen, distanzierten Überlegung, aber das war folgenlos für ihn, sie lebten schon lange zusammen, und wenn er von der fehlenden Milch heute morgen absah, so war sie immer noch eine gute Ehefrau.
Die Güte, die er so oft zu spüren glaubte, stieg wieder in ihm hoch, ja, es war auch Güte, dass er bei ihr blieb, sie war auf ihn angewiesen, an ihn gebunden, konnte nicht allein leben. Das war es, sie war allein lebensunfähig, brauchte Anleitung, Führung in dieser chaotischen Welt, brauchte Regeln und Strukturen, ja Regeln und Strukturen, ein guter Ausdruck, befand er, er erinnerte ihn an seinen Beruf.
Die Frau hatte ihre Aufgabe fast beendet, die Teller standen wieder steril an ihrem Platz, sie drehte sich um, noch einen der Löffel in der Hand, sah ihn unsicher an. Lächelte.
Er blickte zurück, neutral. Ihre Aufgabe war nicht erfüllt.
Sie drehte sich wieder um, und kurz schien es ihm, sie wollte das Besteck in die Spüle werfen, und er erschrak von dem Gedanken. Nein, er täuschte sich, musste sich täuschen, sie legte auch den letzten Löffel an seinen Platz.
Dennoch, er sah sie weiter an, verfolgte ihre Bewegungen.
Früher, vor vielen Jahren, da war sie schön gewesen, sehr schön sogar. Er dachte daran, wie unpräzise, wie unaufgeräumt ihr Leben damals noch war, und er schüttelte sich innerlich. Dennoch, damals war sie schön gewesen, er korrigierte sich, vielleicht objektiv nicht überdurchschnittlich schön, aber doch attraktiv. Das war lange Zeit her, erinnerte er sich, und nun hatte sie keinen Reiz mehr für ihn. Er hatte sich das schon lange eingestanden, es stellte kein Problem für ihn dar, sagte er sich immer wieder, es berührte ihn nicht weiter, die tägliche Routine funktionierte, und außerdem brauchte sie ihn.
Die Frau kam wieder in den Raum, Jacke und Hut im Arm.
Er faltete die Zeitung, trank seinen Kaffee aus, der ihn immer noch bitter an ihre Fehlbarkeit erinnerte, stand auf. Für einen Moment ließ er seine Gedanken schweifen, sah die Frau an. Sah plötzlich andere Augen, gift-grün, makellose Haut, junge Lippen, die leise Worte ausstießen, Flüche jetzt in seinen Ohren. Sein Verstand fing den Gedanken wieder ein, löschte ihn aus.
Es war nicht seine Schuld, sagte er sich, was geschehen war, war geschehen, er konnte es nicht mehr ändern.
Die Jacke wurde ihm übergeben, er blickte in die Augen der Frau und fühlte keine Verantwortung.
Die andere Frau hatte ihn manipuliert, er hatte beschlossen es so zu nennen, immer wieder und wieder manipuliert, dafür konnte er nicht verantwortlich gemacht werden und seine eigene Fehlbarkeit war zu verzeihen, es würde nicht wieder geschehen.
„Bis heute Abend.“, sagte er in einem genauestens austarierten Tonfall, tausendfach geübt.
„Bis heute Abend.“, gab sie zurück, wollte ihn küssen, aber er hatte sich schon umgedreht.
Die Frau blieb in dem Raum, wartete, bis die Tür sich hinter ihm schloß. Schritt zum Tisch, legte die Händen um den leeren Behälter, ließ ihn auf dem Tisch.
Und drehte ihn um einige Grad.

„Schlimm ist der Zwang, doch es gibt keinen Zwang, unter Zwang zu leben.“ – Epikur

post scriptum: Beginn einer neuen, fortlaufenden Erzählung, angelegt auf etwa vier Teile (bisher).

Die Asche in deinen Augen

geschrieben am 20. August 2005 um 18:01 Uhr

Mein Liebes, du weißt, dein Blick ist etwas trübe, er hat etwas Gelangweiltes, Müdes, Mürbes, Zersetztes oder Zersetzendes, aber er fesselt mich dennoch, lässt mich niemals los, hält mich stetig fest.
Weder kann ich mich dagegen wehren, noch kann ich mir dieses Mysterium erklären, der Grund bleibt oft unsichtbar für mich, doch ich habe eine Ahnung, eine gewisse Idee, ich muss sie dir darlegen, ich kann nicht anders, sie beschäftigt mich stetig und ist zu einer großen Last geworden.
Bitte lach nicht über mich, doch ich denke, es die Asche in deinen Augen, die mich so gefangenhält, die Asche in und hinter deinen Augen, ich weiß, das klingt merkwürdig, wie könnte es auch nicht, natürlich klingt es absurd, aber denke deshalb nicht schlecht von mir, es ist mein voller und aufrichtiger Ernst, wenn ich dir das sage, du hast Asche in deinen Augen, Asche.
Eine weitere Erklärung muss ich dir wohl schuldig bleiben, ich kann nur beschreiben, was ich sehe, und ich sehe nun einmal Asche, Asche hinter deinen Augen.
Oft erinnere ich mich an Tage, an denen die Asche sich ein Stück hervorschiebt aus ihrem geheimen Versteck, ein endloser Strom wie von einem Vulkan ausgestoßen, weder Tränen noch Stofftücher können sie vertreiben.
Ich sehe dich so vor mir, dicke runde Tropfen rinnen deine Wangen hinab und du weißt, du weißt, dass auch sie nicht helfen können. Ich glaube, du hast oft darüber nachgedacht, die Asche mit einer Gabel oder einem Messer herauszubrechen, doch nur dein Augenlicht würdest du dabei verlieren, glaube es mir, es wären nur deine Augen, die du zerstören könntest, die Asche würde bleiben und leise über dich kichern.
Aus einem Grund, den ich dir nicht nennen kann noch will, ist es diese Asche, die mich so fesselt, die deine Augen so faszinierend verschleiert, etwa so, wie eine dunkle Wolke, die vor den Sternen liegt.
Ich sehe dich so vor mir, während ich hier sitze und diesen Brief schreibe, der dich wohl nie erreichen wird oder aber schon erreicht hat, so sehe ich dich vor mir, und ich bemühe mich wirklich, genau zu beschreiben, was ich dabei fühle, obwohl ich weiß, wie merkwürdig, wie makaber das Ganze ist.
Die Asche, ich denke die Asche ist nicht ekelerregend in einem pathologischen Sinne, nein, sie besteht nicht aus den verbrannten Überresten von Holz oder Fleisch, du riechst ja auch nicht nach Asche, – was für ein absurder Gedanke, nicht wahr – nein, sie ist von ganz und gar anderer Gestalt als gewöhnliche Asche.
Je länger ich dich so vor mir sehe, im Geiste, desto klarer wird es mir, es sind verbrannte Träume, die da leise in deinen Augen schwelen, es sind Dinge, die man mit dir getan hat oder die du getan hast, die sich da kalt und schweigend verstecken, allesamt verbrannt und vermischt zu eben dieser Asche, von der ich spreche und die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme.
Sicher, auch du bist es, der für sie verantwortlich ist, es ist auch deine Schuld, aber so ganz möchte ich das nicht glauben, dein Leiden schmerzt mich zu sehr. Verzeih mir – und halte nicht für brutal, du kennst mich ja – , aber wenn ich erkennen könnte, wessen Asche es ist, wer sie hinter deine Augen geblasen hat, ich würde ihn finden und verbrennen, all sein Fleisch und Blut zu ebensolcher Asche verbrennen wie der in deinem Blick, bis nichts mehr von ihm bliebe außer einem Häufchen Schmutz, ich würde sie alle finden und verbrennen.
Doch ich kann es nicht erkennen, das scheint mir ebenso eine zynische Wendung wie auch eine bedeutende Eigenschaft von Asche zu sein; sie macht unkenntlich, wer oder was sie einmal war, zurück bleibt nur der amorphe Stoff, er lässt keine Rückschlüsse mehr zu, verschweigt seinen Ursprung.

Aus der Asche entsteht wieder Leben, so sagen die Menschen. Ich weiß nicht, ob das die Wahrheit ist, ich kann es auch nicht beurteilen, aber vielleicht, vielleicht ist es ja wahr, und wenn ich so darüber nachdenke, dann erscheint es mir plausibel, denn ich kann mich gut erinnern; manchmal, selten, doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit, da sitzt du so vor mir, mit deiner Asche in den Augen, all den verbrannten Wünschen und Verwünschungen, und so etwas wie ein Luftzug geht durch sie hindurch, geht durch deinen ganzen Körper und dann durch deine Augen, und für einen kurzen Moment leuchtet die Asche hell auf. Vielleicht ist doch noch etwas Leben darin, ich weiß es nicht, wie könnte ich auch, vielleicht ist es auch weniger ein Luftzug als ein Funke, ein kleiner Funke, der die Asche wieder aufglimmen lässt, für einen Augenblick.
In solchen Momenten tropft manchmal etwas von der Asche auf den Boden oder auf ein Blatt Papier, ganz so, als wollte sie sich mit ihrem Ursprung wieder vereinen, fließend, fliehend, wie eine Flüssigkeit, die eine Höhe herabrinnt. Doch nicht nur aus deinen Augen fließt die Asche, sie flieht auch durch deinen Mund, in manchen kurzen Momenten sogar wie ein tief schäumender Strom, Tausende Wort fließen dann aus deinem Mund, tiefdunkel mit Asche bedeckt, ich kann es so direkt vor mir sehen.
Ich kann dir nicht sagen, ob das ein Weg der Heilung ist, ich weiß es nicht, kann es auch nicht beurteilen, vielleicht kann das niemand, vielleicht kannst du es nur selber.
Doch wenn ich dich dann so sehe ist mir, als ob die Schleier in deinen Augen dünner werden würden, als ob die Asche zögern würde, ganz so, als ob ihre Präsenz abnehmen würde, aber ich bin mir nicht sicher, ich könnte es nicht versprechen oder gar beschwören, es ist nur mein Eindruck, eben meine Empfindung.
Ich hoffe, du vergibst mir diesen Brief, ich weiß, er hat etwas sehr Seltsames, fast schon Verrücktes, ich weiß das, doch ich musste es dir schreiben, vielleicht kann ich nun wieder etwas besser schlafen. Das mag selbstsüchtig klingen, in meinen Ohren klingt es so, aber glaub mir, gäbe es einen Weg, ich würde gern deine Asche hinter meinen Augen tragen, ich verspreche es dir.
Du magst über diesen Brief lachen oder ihn nicht einmal bis zum Ende studieren, doch ich kann nicht zurücknehmen, was in ihm steht, es ist die Wahrheit, ich bestehe darauf:
Du hast Asche in deinen Augen, Du.
Oder Ich?

„And he says:
‚I swear I’m not the devil,
Though you think I am,
I swear I’m not the devil.‘ “ – Staind

Level Eins

geschrieben am 17. August 2005 um 20:42 Uhr

Ins Licht stolpern.
Schlafen.
Aufwachen.
Schlafen.
Ich-Erwachen.
Laufen lernen.
Mit Papa und Mama spielen.
In den Urlaub fahren.
Geschwister kennenlernen.
Weinen, weil Papa den Fernseher ausgemacht hat.
Mit den Geschwistern spielen.
Spielplätze lieben.
Schäufelchen klauen und weinen, weil Mama schimpft.
Fremde Kinder mißtrauisch beäugen und dann doch mit ihnen spielen.
Von Mama zum Kindergarten gefahren werden.
Trotzig sein.
Eingeschult werden.
Merken, wie das ewige Kinderlächeln der Ernsthaftigkeit weicht.
Andere Menschen finden und verstehen, was ‚Beziehung‘ bedeutet.
Den modus operandi von Freundschaften ausloten.
Viel Lachen.
Im anderen sich selbst und das Fremde entdecken.
In der Schule gut oder schlecht sein.
Sich mit anderen raufen.
Hinfallen und weinen.
Die erste fünf/eins schreiben.
Sauer auf die Eltern sein.
Hormone im Blut haben.
Schmutzige Wörter lernen.
Sich von einigen Menschen wieder verabschieden, weil man auf eine andere Schule kommt.
Manchmal einsam sein und merken, wie beschissen das ist.
Das Sein des Wahnsinns oder den Wahnsinn des Seins verstehen.
Viel lesen.
Rücken an Rücken mit dem Anderen stehen.
Lernen zu lernen.
Sich über Lehrer lustig machen.
Ein schlechtes Gefühl haben, weil man die Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Mädchen entdecken.
Plötzlich aufs Aussehen achten.
Musik und Klamotten kaufen, die alle kaufen.
Merken, wie blöd das ist, ausmisten.
Sich über Tamagotchis aufregen.
Einen Computer kaufen.
Zusammen mit anderen zocken.
Sich mit Leuten verkrachen und wieder vertragen.
Von alten Menschen Abschied nehmen.
Ernsthafte Partnerschaften eingehen.
Ziele und Vorstellungen entwickeln.
Die Welt nicht verstehen.
Sich auf andere verlassen können.
Parties entdecken.
In Discos gehen und nur noch über Mädels reden.
Aus Versehen viel zu viel trinken und nicht wirklich daraus lernen.
Erfahrungen machen.
Verzweifelt die Welt zum Teufel wünschen.
Alles ändern wollen.
Überlegen, was man später machen will.
Von der Schule gehen.
Überlegen, was man später machen will.
Zum Zivil/Wehrdienst herangezogen werden.
Sich anbrüllen/langweilen lassen.
Wieder nach Hause kommen.
Schreiben.
Wissen, was man jetzt machen will.
Ausziehen.

Eine Kosten/Nutzen-Rechnung schreiben.
Sich darüber ärgern, dass man nicht jedes Risiko mitgenommen hat.
Über Fehler lachen und dennoch nicht ihre Lehre vergessen.
Narben betrauern und allen unendlich dankbar sein.
Versuchen, sich zu erinnern.
Immer noch nicht wirklich wissen, was zählt.
Eine Ahnung haben.

Was bleibt noch?
Traurig aus dem Fenster sehen.

Und sich auf Level Zwei freuen.