Der Schalk im Nacken

geschrieben am 20. November 2007 um 18:47 Uhr

Er verfolgt dich, immerzu, und er wird lauter. Bald wirst du wahnsinnig sein; das wird geschehen, es geht nicht anders. Er ist stets bei dir, wie ein Schatten, du schaust die Nachrichten. Beckham kauft sich Schuhe für eine Million Dollar, in Darfur sterben schwarze Kinder, weil sie nichts zu trinken haben, HAHAHA!, HAHAHA!, da ist er schon, du wirst ihn nicht mehr los, HAHAHA!

Jeder Laut reißt ein Stück aus dir heraus, aus deinem Kopf, aus deinem Herz, aus deiner Seele, HAHAHA!, wieder ein Stück weniger. Der Antiterrorminister ist ein Terrorist, HAHAHA!, das Anschlagsopfer selbst ein Täter, HAHAHA! spuckt er dir ins Genick. Schweizer Schokolade finanziert afrikanische Bürgerkriege, HAHAHA!, nein – das ist doch wirklich zum Schießen, oder nicht, Schießen, HAHAHA! Man soll nicht verzweifeln, sagen Sie, und du verzweifelst ja auch nicht, nein, du verzweifelst zumindest nicht daran, dafür ist das Gelächter zu laut.

Du machst den Fernseher aus und verzweifelst nicht, das soll man ja auch nicht, oder. Aber eigentlich willst du nur dieses zynisches Gegacker in deinem Nacken loswerden, und für eine Weile ist es auch still. Du sitzt im Café und hörst die Leute reden, Hartz 4 ist ungerecht sagt der eine, zum Glück sind die Lebensmittel so billig, sagt der andere. HAHAHA!, da ist er schon wieder, HAHAHA!, diesmal muss er sich erklären. Woher kommen denn die ganzen Sozialkürzungen, woher kommen sie denn? Er prustet los. Du zahlst und gehst; die Einschläge kommen näher, du spürst es.

Irgendwann wirst du vor ihm stehen, mit geballten Fäusten. Das ist doch auch keine Lösung, wirst du ihn anbrüllen. Du weißt, was er antworten wird.

HAHAHA, du suchst noch nach einer L-Ö-S-U-N-G, HAHAHA!

Nullpunkt

geschrieben am 14. November 2007 um 00:39 Uhr

Der Begriff des absoluten Nullpunkts entstammt ursprünglich der Physik, genauer der Thermodynamik.
Ganz entgegen dem intuitiven Begriff von Temperatur, der sich vor allem an der Empfindung relativer Kälter beziehungsweise Wärme orientiert, konstatiert die Thermodynamik in einer grundlegenden Definition, dass die Messgröße Temperatur ein Maß für die durchschnittliche Bewegungsenergie der mikroskopischen Teilchen ist, aus denen Materie besteht.
Diese mikroskopischen Teilchen, seien es nun Atome, Moleküle oder Ionen, bewegen sich ungeordnet und statistisch, so folgt aus der Empirie. Durchlaufen sie den Raum weitgehend unbeeinflusst voneinander, etwa in einem Gas, so stoßen sie in gewissen, nur statistisch verteilten Zeitintervallen (die von der Temperatur abhängen) miteinander und sorgen so dafür, dass die Energie im Mittel gleich verteilt ist.
Im gebundenen Zustand dagegen wechselwirken die Teilchen vor allem über Gitterschwingungen miteinander; hier ist die Temperatur ein Maß für die Stärke dieser Schwingungen.
Aus dieser Definition der Temperatur folgt schon recht offensichtlich die Existenz eines absoluten Nullpunkts. Dies ist genau der Punkt, an dem sich die Teilchen nicht mehr bewegen, keine Gitterschwingungen mehr ausführen und auch auf andere Weise keine Energie mehr austauschen.
Über das Verhalten von Materie bei dieser Temperatur ist, wie zu erwarten, nur zu spekulieren. In der Vorstellung eines idealen Gases wird der vom Gas eingenommene Raum bei dieser Temperatur, die man zu 0° Kelvin oder -273,16° Celsius berechnet, gerade Null; Materie eines ideelen Gases besitzt bei dieser Temperatur keine Ausdehnung mehr.
Mit Hilfe der elementaren Sätze der Wärmelehre lässt sich leicht zeigen, dass dieser absolute Nullpunkt niemals erreicht werden kann; formuliert wird dies im Dritten Hauptsatz der Thermodynamik. Aus diesem Grunde sind Aussagen über das Verhalten von Materie am Nullpunkt reine Spekulation.
Wie eingangs schon erwähnt, handelt es sich bei dem Begriff des Absoluten Nullpunkts um einen physikalischen, thermodynamischen, rein theoretischen Begriff, einen Begriff also, der mit der heutigen, allgemein geläufigen Bedeutung kaum noch zu tun hat:

In seiner medizinischen Bedeutung wurde der Terminus 2046 in einem Werbespot der Firma DESIREFREE eingeführt.

Der Spot war Teil einer Kampagne für ein damals neuartiges medizinisches Verfahren; der sich wiederholende Lauftext im Werbefilm, später zum Slogan von DesireFree erhoben, lautete: „Wir bringen sie an den Nullpunkt. Den absoluten Nullpunkt!“
Die Kampagne wurde von der Fachwelt zunächst kaum beachtet, da sie aus offensichtlichen Gründen sehr vage und mysteriös formuliert worden war. Als jedoch Details in der Öffentlichkeit bekannt wurden, löste dies eine lang anhaltende Debatte aus, an der sich nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligten.
Bei der Nullpunkt-Technologie, so die offizielle Patentbezeichnung, handelt es sich um ein komplexe, neurophysiologisches Verfahren zur permanenten Verhaltensmodifikation.
Die genauen medizinischen Details können hier eben so wenig erläutert werden wie die mathematischen und technischen Hintergründe der Thermodynamik. Zudem ist die gesamte Spezifikation des Verfahrens rechtlich geschützt.
Es lässt sich jedoch sagen, dass es sich bei dem Verfahren um eine Kombination aus neurales Reprogrammierung und der gezielten Elimination minimalster Teile des Hirngewebes mit Hilfe von flüssigem Helium handelt.
Ohne die entsprechende fachliche Terminologie ist das Ziel und die Wirkung des Verfahrens schwer zu beschreiben. Daher greifen wir an dieser Stelle der Darstellung auf eine Analogie zurück, die DesireFree in einem ihrer ersten Werbefilme verwendete.
Ein Mensch, so der Spot, ähnelt vor der Therapie einem flachen See im Wind. In seiner Oberfläche spiegelt sich der Himmel; auch Wolken, die Sonne. Emotionale Impulse, im Spot durch wechselhafte Winde dargestellt, lassen das Wasser unruhig werden. Es bilden sich zunächst kleine Verwerfungen, schließen größere Turbulenzen und Wellen. In der Metapher könnte man sagen, der Wind habe eine kaum zu überschätzende Wirkung auf die Seeoberfläche. Ist er nur stark genug, so kann er das Wasser sogar aus seinem Bett heben.
Demgegenüber stellt DesireFree einen Menschen nach der Nullpunkt-Behandlung – nun ist der metaphorische See rundherum von hohen Bergen umgeben. Diese Berge sorgen dafür, dass der Sturm das Wasser kaum aufwühlen kann; versinnbildlicht wird dies durch die klare, ungestörte Reflexion der rapide ziehenden Wolken.
Das Verfahren wurde anfangs entwickelt, um Traumaopfer zu behandeln; letztlich führte es zu einem Produkt, dass nahezu alle emotionalen Störzustände, die Menschen durchlaufen können, eliminiert, in dem es die meist unerwünschten Langzeiteffekte vollständig ausschaltet. Laienhaft ausgedrückt könnte mal also sagen, die Nullpunkt-Technologie dämpfe die Intensität emotionaler Verwerfungen; klarer ist es allerdings, wenn man davon spricht, dass sie das emotionale Gedächtnis hemme, ja sogar ausschalte.
Historisch gesehen musste DesireFree diese Wirkungsweise schnell nach Bekanntwerden der neuen Entwicklung vor Gericht belegen. Mehrere Staaten nahmen Verfahren auf, um das Verfahren zu prüfen. Fraglich war, ob nicht schon die Intention und sicher auch die Wirkung des Verfahrens der Menschenwürde zuwider liefen; sie nehme den Menschen ihre Emotionen, behaupteten die Ankläger, und diese seien als integraler Bestandteil des Mensch-Seins zu schützen.
DesireFree konnte letztlich in weitreichenden, langwierigen psychologischen Test belegen, das ihr Verfahren keineswegs die Fähigkeit zerstörte, emotionale Zustände zu durchlaufen oder zu empfinden. In der Tat kamen alle diesbezüglichen Verfahren zu dem Urteil, dass Probanden des Nullpunkt-Verfahrens all die Emotionen durchleben konnten, die sie auch vorher schon besaßen; Angst, Freude, Wut, Liebe, Hass, Trauer in vielerlei Abstufungen.
Hemmend wirkte Nullpunkt-Therapie nur auf die Langzeit-Effekte, die mit emotionalem Erleben in der Regel verbunden sind. Gleichfalls konnte das Unternehmen aufzeigen, welch positive Auswirkung die Behandlung hat; die Wahrscheinlichkeit, Depressionen, Zwangsstörungen oder Stresssyndromen zu erleiden, sowie der Zahl der Fälle von Selbstmorden, Gewaltverbrechen und Unfällen in Folge menschlichen Versagens waren bei den Probanden signifikant geringer als bei der restlichen Bevölkerung. Die Gründe dafür liegen auf der Hand; In eigenen Studien konnte DesireFree nachweisen, dass die mittlere Verweildauer von Behandelten in einem emotionalen Zustand (ohne weitere äußere Reize) nicht mehr als 29,6 Sekunden beträgt. Das bedeutet; das Empfinden von Gefühlen beschränkt sich ohne äußeren Einfluss auf kurze Augenblicke. Auch das wurde von Teilen der Gesellschaft thematisiert und als menschenunwürdig bezeichnet; letztlich konnten sich diese Gruppen nicht durchsetzen, weil die Mehrheit der Bevölkerung die Vorteile der Behandlung längst erkannt hatte.
Trotz der juristischen Erfolge wechselte DesireFree ihre Kampagne und ihr Logo noch während der Verfahren vollständig aus. Nach eigener Darstellung geschah dies, weil der Terminus des ‚Nullpunktes‘ und insbesondere auch die Spots nicht deutlich genug machten, was die Technologie leisten konnte und was nicht. Insbesondere die physikalischen Wurzen des Begriffs hätten, so eine Pressemitteilung, Kunden abgeschreckt.
In der Bevölkerung hatte sich der Terminus jedoch schon durchgesetzt, ebenso der Begriff ‚Nullpunkt-Mensch‘ (manchmal auch: ‚0.Mensch‘) für diejenigen, die sich bereits der Behandlung unterzogen hatten. Daher griff das Unternehmen den Slogan zwei Jahre später wieder auf.
Im Jahre 2078, also heute, sind etwa 76% aller Menschen in allen Industrieländern mit der Nullpunkt-Technik behandelt worden; für andere Länder lässt sich dies schwer angeben, weil es eine hohe Anzahl von illegalen Operationen gibt. Die Gründe für den rasanten Absatz des Verfahrens sind vielfältig, aber größtenteils pragmatischer Natur. Wie Studien rasch belegten, gibt es weder versteckte Nebenwirkungen noch echte Nachteile der Technologie. In den Anfangsjahren gab es zwar einige Fälle, in denen die Elimination der beteiligten Hirnbereiche nicht vollständig durchgeführt wurde. Patienten klagten nach der Therapie über einseitige emotionale Schübe, die bis hin zu schweren Zwangsstörungen reichten. In einem besonders tragischen Fall wurde einige Parameter, die für Jähzorn und Agression zuständig sind, nicht richtig eingestellt; ein 56jähriger geriet danach in einen psychotischen Zustand und tötete drei Menschen. Das Nullpunkt-Verfahren wurde danach beinahe verboten. Heute jedoch handelt es sich um eine Standardbehandlung, die absolut sicher in der Handhabung und nur minimal invasiv ist.
Die gesamtgesellschaftlichen Erfolge des Verfahrens sind heute offensichtlicher denn je. Die Verbrechensrate ist stark gesunken, ebenso die Zahl psychischer Erkrankungen. Der Zufriedenheitsindex ist seit 2046 um vierzehn Punkte gestiegen. Die Zahl der Unfälle in Folge menschlichen Versagens ist beinahe bei Null – auch deshalb, weil Nullpunkt-Behandelte am Steuer nahezu aller öffentlichen Verkehrsmittel sitzen.
Und das Wachstum geht weiter – für das Jahr 2100 rechnet DesireFree mit einer beinahe hundertprozentigen Versorgung des westeuropäischen/nordamerikanischen Marktes.

Auszug; Website von DESIREFREE Global, Rubrik: Historisches – ein kritischer Blick von unabhängigen Geschichtswissenschaftlern.

Professional losing – Verlieren als Lebenskonzept (Poetry Slam – Finalrunde)

geschrieben am 4. November 2007 um 15:55 Uhr

Diesen Text habe ich im Finale gelesen.
Allzu oft wird es als selbstverständlich angesehen – dabei ist es gar nicht so einfach, wie es aussieht: Verlieren.

Nur wenigen ist bekannt, dass man das auch professionell betreiben kann, und ich möchte die knappe Zeit einmal nutzen, um eine kurze Einführung zu liefern.

Natürlich hat jeder schon einmal irgendwann verloren. Mancher Amateur empfindet sich gar als ‚Loser‘ – aber mit der professionellen Variante, mit dem Lebenskonzept Niederlage hat das meist noch wenig zu tun. Zum Profi-Loser braucht es eine Menge Disziplin, Stärke und manchmal auch Durchsetzungsvermögen. Doch die Anstrengung lohnt sich; in die tiefsten Tiefen des Selbstmitleids werden nur diejenigen finden, die trainieren, trainieren und nochmal trainieren. Für die Einsteiger hier einige kurze Hinweise für die ersten Schritte als Profi-Verlierer:

Punkt 1: Nimm das Endergebnis vorweg!

Der mit Abstand wichtigste Ratschlag; Bevor du irgendetwas anfängst, egal ob beruflich oder privat, musst du dir absolut sicher sein, dass du eine vernichtende Niederlage erleiden wirst.

Lass keinen positiven Gedanken zu; Es kann nicht funktionieren – nur dann wird es auch nicht funktionieren.

Punkt 2: Stürze dich nicht in jedes sinnlose Abenteuer!

Gerade Amateure machen den Fehler, sich in zu viele haarsträubende Unternehmungen auf einmal zu stürzen. Das Problem; statistisch gesehen muss man nur genügend aussichtslose Abenteuer beginnen, bis eines gelingt. Das ist natürlich kontraproduktiv. Also: Wähl genau aus, was du tun möchtest!

Punkt 3: Du bist selbst schuld!

Nur Amateure berufen sich darauf, dass die anderen böse sind und die Welt schlecht ist. Profis geben sich an jedem Fehlschlag selbst die Schuld. Mach dich fertig! Trainier vor dem Spiegel, bis du weinst – und dann trainier dir die Tränen ab. Du brauchst sie vor Fremden.

Punkt 4: Es geht gar nicht anders!

Schlag dir die Illusion aus dem Kopf, es gäbe freie Entscheidungen – denn es gibt keine, zumindest für dich nicht. Du musstest in der Klausur durchfallen, du konntest nur krank werden, du musstest dich betrinken; lass dir nie eine Wahl. Du bist nicht frei; mach das deiner Umwelt klar. Und sieh auf keinen Fall ein, dass das Punkt 3. widerspricht – das tut es nämlich nicht.

Punkt 5: Wenn du auf eins von zwei Pferden setzen sollst – setze auf gar keins!

Nichts liefert dem professional losing mehr Vorschub als nicht zu handeln; das solltest du dir merken. Vermeide es, Probleme anzusprechen oder gar aufzulösen. Warte einfach, bis sie dir nach Jahren um die Ohren fliegen; sicherer geht es gar nicht.

Punkt 6: Trage vereinzelte Erfolge mit Fassung!

Selbst dem besten kann es mal passieren – aus irgendeinem glücklichen Zufall heraus klappt etwas. Auch der Profi ist davor nicht gefeit. Wichtig dabei; bewahre Haltung! Wenn du es geschickt anstellst, kannst du jeden zufälligen Erfolg in eine totale Niederlage umdeuten. Das ist gar nicht so schwer. Beispiele gefällig? „Die Note hatte ich überhaupt nicht verdient!“ oder auch „Das war reiner Zufall!“, im Privaten auch gerne „Jetzt bin ich zwar mit ihr zusammen, aber das will ich ja auch nicht!“. Wer sich an solche Sätze hält, der kann sogar mit Erfolgen umgehen.

Beherzige diese sechs goldenen Regeln – dann steht einer Profikarriere wirklich nichts mehr im Weg.

Die Stadt und ihr Untergang (Poetry Slam – Vorrunde)

geschrieben am 4. November 2007 um 15:53 Uhr

Diesen Text habe ich anlässlich des Poetry Slams am 3.11. gelesen. Es handelt sich um eine gekürzte Variante eines längeren Textes, den ich später fertigstellen werde. Übrigens bin ich unter den zehn Teilnehmern der Vorrunde auf Platz drei gekommen. In der Finalrunde mit den drei Erstplatzierten habe ich dann (zusammen mit Dominik Bartels) einen guten zweiten Platz gemacht.

Das Ende war so leise in den kleinen Ort gekommen, dass die meisten es ignorierten, bis das Fernsehbild ausfiel. Begonnen hatte es mit verstörenden Meldungen, die mit der Zeit nicht klarer wurden, sondern immer bruchstückhafter, bis sie sich schließlich widersprachen. Der Physiklehrer der Oberschule im Ort hatte im eilig zusammengerufenen Stadtrat versucht, sie zu deuten, und hatte etwas von thermonuklearen Reaktionen und der Atmosphäre gemurmelt. Die anderen Anwesenden hatten artig genickt und kein Wort verstanden. Natürlich wusste auch der Lehrer nicht, wovon er da genau sprach, aber er war der einzige Physiklehrer im Ort und fühlte sich in gewisser Weise verantwortlich.
Kurz danach war das Fernsehbild ganz verschwunden. Aber auch diesen seltsamen Moment sah kaum jemand in dem kleinen Ort. Der Stadtrat hatte beschlossen, dass dieser außergewöhnlichen Lage nur eins zu entgegnen war: Normalität. Und so befand sich mehr als die Hälfte der Einwohner auf dem Schützenfest, dass man zu diesem Zwecke um fast eine Woche vorverlegt hatte. Das hatte den Zorn der Schützen erregt, aber unter dem Druck der Situation hatten sie schließlich eingewilligt.
Es war am darauf folgenden Sonntag, kurz nachdem auch das Radioprogramm seine Hiobsbotschaften eingestellt hatte, als der ortsansässige Pfarrer zum ersten Mal von der Apokalypse sprach. Nicht viele im Ort waren religiös, aber doch immer noch genug, um gerade angesichts der Situation einen angemessenen Gottesdienst abzuhalten.
Natürlich hatten sich schon viele im Ort darüber ihre Gedanken gemacht, sofern ihre Arbeit dies zuließ: Nicht zuletzt das stille, beständige Aufflackern des Horizonts während der Feierlichkeiten hatte bei vielen einen gewissen Eindruck hinterlassen. Auch kamen seit einigen Tagen keine Autos mehr über die nahe gelegene Bundesstraße in die Stadt, und diejenigen, die hinaus gefahren waren, waren nicht wieder gekommen. Der letzte Bus, der die Stadt erreicht hatte, war voller Verletzter gewesen, und selbst der oberflächlich kaum verletzte Busfahrer war nicht zu mehr als bloßem Gestammel fähig gewesen. All dies zusammen also hatte bei den meisten Einwohnern einige sehr elementare Überlegungen ausgelöst.
Dennoch ging ein obligatorisches Raunen durch den kleinen Kirchensaal, als der Pfarrer zum ersten Mal offen vom Ende der Welt sprach. Er tat es in der wohl gewählten Weise, die ein Pfarrer nun mal beherrschte, und die meisten Anwesenden sahen sich unsicher an oder nickten.
Auch dem Pfarrer war dieses Thema nicht geheuer, und so kam er etwas holprig auf die Wichtigkeit einer gewissen Ordnung und die weitgehende wirtschaftliche Unabhängigkeit einer Kleinstadt zu sprechen.
Nachdem er gesprochen hatte, verließen alle zügig die Kirche und begaben sich schweigend nach Hause.
In der Woche danach hörten die Blitze am Horizont plötzlich auf. Am Tag darauf kam der Sand.
Selbstverständlich war auch das dem Physiklehrer des Ortes unerklärlich, aber in inzwischen routinierter Weise erklärte er dem Stadtrat genau das, was eigentlich jeder sehen konnte: Der Sand kam. Es war ein hell-gelbliches, kleinkörniges Granulat (so hatte es der Lehrer bezeichnet), dass innerhalb von wenigen Dutzend Stunden das gesamte Umland bedeckte. Man entschied sich, einige Hilfskräfte zum Abtragen des Sandes an den Stadtgrenzen einzusetzen; die lokale Arbeitsvermittlung wurde damit beauftragt und brachte so, wie man in der lokalen Zeitung schrieb, drei Menschen in Lohn und Brot, die zuvor als Arbeitslose ein tristes Dasein geführt hatten. Zwei weitere wurden dazu abgestellt, ein örtliches Großlager freizuhalten, denn man hatte sich dafür entschieden, die dort gelagerten Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Zwar war bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Knappheit zu befürchten gewesen, dennoch wollte man lieber sicher gehen und gab so schweren Herzens der Enteignung des Lagers statt. Auch hatte sich der Rat darauf verständigt, eine generelle Ausgangssperre zu verhängen, was das Verlassen der Stadt anging; man hielt es für das beste, derartigen Exkursionen vorzubeugen.
Die meisten Menschen gingen weiterhin ihrer Arbeit nach und selbst am toten Bahnhof der Stadt lungerten dieselben Jugendlichen herum, wenn sie schwänzten; allerdings waren es seit dem Untergang mehr geworden. Meist saßen sie herum und tranken Bier, dass ihnen der Betreiber der Tankstelle verkaufte.
Dort tankten nicht mehr so viele Menschen wie vor der Apokalypse, aber es waren noch genug, um den Tankwart zu ernähren; natürlich waren etliche Personen, allen voran die Frau des Pfarrers und die des einzigen Buchhändlers, von der Lage am Bahnhof entrüstet, insbesondere auch vom dortigen Bierkonsum. Aber das war schon zuvor so gewesen, und so scherte sich auch niemand darum; es war das übliche Tagesgespräch, mehr nicht.
Anderen Geschäftszweigen dagegen ging es besser als vor dem Untergang. Man hatte die Lokalzeitung schon auflösen wollen, doch dann bemerkte man, dass sich die Zeitung besser als zuvor verkaufte. Zwar konnte man keine Agenturmeldungen mehr abschreiben, aber dafür war es nun leichter, das Bedürfnis der Leser nach lokalen Nachrichten zu befriedigen. Und so hatte sich Auflage des Blattes fast verdoppelt, während die Zahl der Seiten von 20 auf immerhin noch fünf geschrumpft war. Zunächst hatte man noch überlegt, alte Ausgaben der Klatschspalte anzuhängen, aber das Interesse an Tratsch beschränkte sich offenkundig nun auf die Stadt. Den größten Absatz fand in den ersten Wochen die Ausgabe mit dem Aufhänger “Satellit stürzt auf Stadt!”, denn tatsächlich stürzte, einige Tage nachdem der Sand gekommen war, ein Objekt von der Größe eines Wohnwagens kurz vor der Stadt brennend nieder. Der Artikel war insofern historisch, als dass er der erste war, der nicht mehr den Namen des Ortes im Titel trug, sondern schlicht nur noch von ‘der Stadt’ sprach; den Lesern fiel es nicht auf, in ihrem Sprachgebrauch war es nie anders gewesen.
Ganz entgegen der allgemeinen Vorurteile brach in keinster Weise Chaos aus. Es dauerte nur wenige Wochen, bis alle Begriffe für das, was früher ‚außen’ gewesen war, verschwanden: wirklich wichtig war das nie gewesen, und jetzt war da draußen wirklich nur noch der Sand, so weit man das beurteilen konnte.
Das Leben in der kleinen Stadt blieb, wie es war. Die wenigen, die die Welt nach der Apokalypse nicht ertrugen, brachten sich nach und nach um oder liefen in die Wüste, die vor der Stadt begann; viele waren es nicht. Die meisten lebten exakt das Leben weiter, dass sie auch geführt hatten, bevor die Welt draußen untergegangen war. Wer Arbeit hatte oder arbeiten musste, der arbeitete. Wer keine Arbeit hatte, der bemühte sich um welche, trank oder tat, wonach ihm sonst der Sinn stand. Die Lagerhalle, die von der Stadt okkupiert worden war, war schlicht riesig; Auch auf lange Sicht würde niemand verhungern müssen.
Abends sah man dann wieder fern. Es gab zwar kein aktuelles Programm mehr, aber letztlich war ja auch das immer eine endlose Wiederholung gewesen; also tauschte man Videoaufzeichnungen alter Sendungen aus, und außerdem war da ja auch noch die Videothek am Stadtrand.
Natürlich sahen nicht alle fern; einige, darunter auch die Frau des Pfarrers und des Buchhändlers trafen sich in kleinen Gruppen und sprachen über das, was sie für tiefsinnig hielten, lasen, sahen sich alte Vorführungen an.
Sie waren interessanterweise die ersten, die der Apokalypse etwas Positives abgewinnen konnten. Schon zwei Wochen nach dem Ausfall des Fernsehbilds saßen sie beisammen und stellten leise flüsternd fest, dass ihrer Heimstadt jetzt endlich die Bedeutung zukam, die ihr schon immer gebührte.

Poetry Slam

geschrieben am 27. Oktober 2007 um 11:33 Uhr

Genau wie schon wie im letzten Jahr bin ich auch in diesem für den von CUKS ausgerichteten Poetry Slam in Helmstedt angemeldet, und zwar am 03.11.07 um 20 Uhr im Autohaus Bottke. Zuhörer müssen sich natürlich nicht anmelden 😉

edit: Den Text, den ich vortragen möchte, werde ich danach hier veröffentlichen. Soviel nur; es geht um Kleinstädte & die kleine Welt, die sie darstellen.

Droge

geschrieben am 26. Oktober 2007 um 01:14 Uhr

Wir sind süchtig. Weil wir Menschen sind. Man kann es drehen und wenden, wie man will; wir sind süchtig, nach jeder Form dieses Stoffes. Vielfach reden wir uns ein, es sei keine Droge, sei nur Ausdruck des Mensch-Seins an sich. Aber wer könnte das mit Sicherheit sagen; für die meisten legalen Drogen haben wir letztlich einen rein virtuellen Raum aus Zwecken und Rechtfertigungen konstruiert. Alkohol ist ein gesellschaftliches Stilmittel, Nikotin die eigentliche Waffe des Cowboys.
Die Sucht nach dieser anderen Substanz freilich ist leichter zu befriedigen, und obwohl sie viel später legalisiert wurde als andere – kaum 150, 200 Jahre ist es her – scheint uns ihre Rolle als Droge seltsam unvertraut. Sicher hat das auch damit zu tun, dass ihre Befriedigung soviel einfacher ist; zumeist kostet sie kein Geld, und oft reicht schon ein Telefon, um sich eine geringe Dosis zu verabreichen. Dennoch ist es wie mit allen Drogen. Die meisten Menschen arrangieren sich mit ihr, nehmen hin und wieder etwas, können damit umgehen und akzeptieren sie als Lebens-Mittel, als etwas, dass man manchmal braucht, von dem aber zuviel nie gut sei kann.
Andere dagegen, wenige, schaffen das nicht. Sie schreien nach immer höheren Dosen, immer aufregenderen Trips, immer größeren Abenteuern. Morgens erwachen sie dann verkatert, ausgebrannt, leer, stehen auf und suchen nach dem nächsten Schuss. Sie sind es auch, die – wie alle Junkies – daran zu Grunde gehen. Daran ist alles verkehrt, oder gar nichts; es ist eine Frage der Perspektive. Wie alle psychoaktiven Substanzen hat auch diese sicher Tausende von Schriftstellern, Musikern, Bildhauern inspiriert; die größten von ihnen waren sicher unkontrollierte, gefährliche Abhängige, die stetig nur nach dem nächsten Kick gierten, und so beschrieben sie uns auch genau solche Menschen; Junkies, Verlorene wie Werther oder Luise Miller, die sich im Rausch zu Grunde richten.
Wie alle Drogensüchtigen, die keine Kontrolle mehr haben, stellen auch diese eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Da gibt es die Beschaffungskriminalität, das klassische Eifersuchtsdrama etwa. Ein guter Teil aller Morde geschieht in diesem Zusammenhang. Und es gibt die Selbstmorde, die psychischen Erkrankungen. Die meisten Amokläufe der jüngsten Zeit haben zumindest indirekt mit der Droge zu tun; nicht, dass sie sie ausgelöst hätte, aber sie trug sicher dazu bei.
Viele Aussteiger versuchen sich den Stoff mit anderen Drogen zu entziehen, aber auch das scheitert – selbstverständlich – meist kläglich. Statistisch gesehen erhöht sich so etwa die Wahrscheinlichkeit, dem Alkohol zu verfallen, nach einer Scheidung signifikant; wer die eine Droge nicht mehr bekommt, steigt auf eine andere um. Riesige Therapiezentren beschäftigen Tausende von Menschen, die letztlich nur die Abhängigen behandeln sollen. Kalter Entzug, Antidepressiva gegen die Entzugssymptome, Gruppentherapie für den sozialen Austausch, Verhaltenstherapien für den möglichen Wiedereinstieg in die Gesellschaft. Das selbe Programm wie bei Heroin, Kokain und LSD.
Dabei ist die Rückfallquote dennoch höher als bei diesen konventionellen Substanzen. Wer auf Heroin war, muss seine Umgebung verändern, seine Freunde wechseln, sich von den Versuchungen fernhalten, neu anfangen; dann hat er eine Chance.
Wer einmal an dieser anderen Droge hing, dem reicht das alles nicht. Solange er sich nicht allein auf eine einsame Insel begibt, ist er in Gefahr – selbst in Therapie. Beim Einkaufen, im Kino, bei der Arbeit, überall reicht vielleicht ein Blick oder einige flüchtige Sätze, um die Verlockung wieder aufschäumen zu lassen. Dann ist der Rückfall vorprogrammiert, oder zumindest naheliegend.
Sicher ist es diese ansonsten kaum zu findende Schwerstabhängigkeit, die die Menschen dazu motivierte, ihr den Decknamen einer simplen menschlichen Emotion zu geben, einem Teil des Mensch-Seins an sich. Vielleicht ist sie das sogar, vielleicht macht sie uns zu Menschen, diese Abhängigkeit. Aber – wer könnte das schon mit Sicherheit sagen?

Asphaltwüste

geschrieben am 7. Oktober 2007 um 00:56 Uhr

Es ist ein recht übliches, verbreitetes Orange, dass vom Asphalt geschluckt und von den weißen Streifen dazwischen müde reflektiert wird. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße steht ein Haus; in dem Reklameschild davor spiegelt es sich am stärksten. Der Ton geht dann fast in Rötliche, aber auch diese Farbe findet sich im Licht aller Laternen dieses Typs. Es ist, und das macht ihn immer wieder betroffen, eine ganz und gar gewöhnliche Lichtquelle, die an jedem Fußgängerüberweg des Landes steht oder stehen könnte. Das Design entstammt den unkreativsten Episoden der Achtziger Jahre; der Fuß ist aus einem kaum kaschierten, blanken Stahlrohr gefertigt. Das Rohr ist der einzig runde Aspekt dieser Installationen. Alles andere an den Leuchtanlagen, wie es im Straßenbau wohl heißt, ist eckig und nicht einmal symmetrisch. Er hat sich schon oft darüber informiert, doch mit der Recherche wurde ihm nur klarer, dass da wirklich nichts Besonderes an der Laterne ist; sie wurde 1981 aufgestellt, als man den Fußgängerüberweg baute. Das Leuchtmittel, eine Gasröhre eines taiwanesischen Betriebs, hält im Schnitt 40.000 Stunden lang, und findet in über 10.000 Laternen baugleichen Typs Verwendung.
Die Laterne in der Nähe des Hauses, das er früher bewohnte, ist die einzige, die er häufig besucht. Ein Foto von ihr hängt sogar an seinem Kühlschrank, er sieht jeden Morgen darauf.
In anderen Städten fielen ihm die Anlagen gleichen Typs meist gar nicht auf. Manchmal ging er in einer unbekannten Stadt spazieren, spät am Abend, wie es seine Gewohnheit ist, und blieb nicht einmal stehen, wenn er an einem der orangefarbenen Flecken vorbeikam. Das erstaunte ihn von Zeit zu Zeit; dass er, der doch viel mit diesem Modell verband, keinen Zusammenhang herstellte zwischen dieser einen Laterne und allen anderen, die doch gleich waren.
Er hatte die Nachforschungen irgendwann einmal aufgegeben; ihm war klar geworden, dass seine Frage von Anfang an falsch gestellt war. Er hatte herausfinden wollen, was so besonders an dieser einen Anlage war, was sie unterschied; dabei hatte er die Antwort schon immer gekannt und vielleicht nur eine rationale Zuflucht gesucht, die ihm niemand geben konnte. Es war nichts anders an dieser Laterne; sie war nur eine von Tausenden des Typs Xeril LeAn 122b. Anders war nur seine Beziehung zu ihr, und es war offensichtlich, woran das lag, absolut offensichtlich und trivial.

Er hatte sie hier zuletzt gesehen.

Das war nicht nur sachlich falsch, sondern auch gelogen, denn eigentlich wusste er in aller Konsequenz, dass es nicht stimmte. Er hatte sie später auch an anderen Orten noch einmal gesehen, an unzähligen vor dem Ende sogar. Das jedoch gab er nur selten zu: Hier hatte er sie zuletzt gesehen, nirgendwo anders.
Doch wie er den Begriff der Wahrheit auch drehte, für ihn blieb es eine Lüge. Er bemühte sich nur oberflächlich, diesen offenkundigen Widerspruch durch eine Rekonstruktion der Vergangenheit zu kitten; nach außen hin hielt er das Bild aufrecht, aber im Inneren schien ihm das nur ein Schneckenhaus mit dünnen Wänden, die jederzeit reißen konnten. Es gab keine zwei Versionen der Vergangenheit, sondern nur eine und den beschämenden Versuch, sie zu erpressen; So lief er nie Gefahr, in Schizophrenie oder Wahnsinn zu enden, ganz im Gegenteil. Das Leben mit und durch diesen Widerstreit schärfte vielmehr seinen Blick für das, was wirklich gewesen war, uns so konnte er, zumindest in milden Nächten, noch den stimmlose Kuss auf seinen Lippen fühlen, wenn er den orangeroten Fleck passierte. Dann hatte er oft auch eine Kamera dabei und fotografierte die Laterne. Im Sucher sah er dann eine kerzengerade, weißliche Fackel über der Laterne, die stumm flackerte. Natürlich war das eine unbeabsichtigte Fehlfunktion des CCD-Moduls, die man nicht einmal festhalten konnte; auf den tatsächlichen Aufnahmen war sie nicht mehr zu entdecken.
Aus diesem Grund stand er minutenlang da und starrte auf die kleine Kamera, bevor er abdrückte. Ganz verschiedene Dinge gingen ihm dabei durch den Kopf. Oft fragte er sich zum Beispiel, wann sie die Laternen wohl austauschen würden. Es war klar, dass sie nicht ewig hier stehen würden; die Ampeln waren schon lange modernisiert worden, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis den Stadtvätern auch diese alte Laterne ins Auge fallen würde. Man würde sie herausreißen und an ihre Stelle eine vermutlich nicht minder hässliche, neue aufstellen. Er war nicht sicher, ob er das begrüßen oder ablehnen würde: natürlich konnte er zumindest sich selbst gegenüber nicht leugnen, dass ihm dieser Kuss immer noch nachhing. Das war eine der letzte zärtlichen Momente seines bisherigen Lebens gewesen und würde es vermutlich auch bleiben, so dass er sich diese Affektiertheit auch nach den vielen Jahren vergeben konnte.
Andererseits konnte er nicht sagen, dass er diese Momente unter der Laterne genoß. Er fühlte sich dabei eher wie ein Verbrecher, der sich, Jahre, Jahrzehnte nach seiner Tat zum Ursprung des Verbrechens hingezogen fühlt und wieder und wieder die Spuren der Tat zusammensetzte zu diesem Moment unter der Laterne; nicht etwa, um noch einmal den Rausch der Tat nachzufühlen, sondern nur um das Unbegreifliche daran noch einmal zu durchleuchten.
Er war natürlich kein Verbrecher; zumindest in dieser Hinsicht nicht. Nicht mehr als jeder andere Mensch, auch das war ihm klar. Das Urverbrechen war nun mal die Wahl, das Wählen einer Richtung, und in diesem Zusammenhang waren die meisten Menschen schuldig. Dennoch, es fühlte sich unangenehm an, diesen Ort so oft zu besuchen, und so wusste er nicht, was er von seiner faktischen Zerstörung halten sollte; natürlich gab es da diesen Augenblick, wo er sich klar an das Ereignis erinnern konnte, oder besser an die Ereignisse, denn es waren mehrere gewesen: Sie hatten sich dort oft getroffen.
Wenn er zurück an diesen Punkt gelangte, dann war es so, als wären die Jahre dazwischen nie vergangen, als würde er gleich ihre Stimme hören. Doch dieser Eindruck blieb, und das war ebenso offensichtlich wie unvermeidlich, nur einen Herzschlag lang. Wurde es ihm bewusst, so war der Moment schon vergangen, und übrig blieben nur noch die Verweise, Köder; die Laterne blieb. Und dann erkannte er jedes Mal aufs Neue, dass er nur eine Täuschung gefunden hatte, mehr nicht. Was er suchte, dass war nicht nur an einem anderen Ort, es war einfach verschwunden, vollends zerstört, vielleicht sogar niemals gewesen. Die Laterne und ihr Licht ließen nur Erinnerungen anklingen wie die Tasten eines Klaviers, das lange nicht mehr gestimmt worden war, und hinter ihren schrägen Disharmonien verbarg sich nicht mehr als die asphaltgraue Wüste des Gewesenen.

Kirchenschiff

geschrieben am 14. September 2007 um 14:26 Uhr

Hier scheint der Begriff des Kirchenschiffs nicht aus der Luft gegriffen oder zufällig; er bekommt eine echte Bedeutung. Ja, dies ist ein Schiff, 40 Meter lang, 20 Meter hoch. Es bewegt sich kein Stück nach vorne, und doch fährt es unter vollen Segeln. Die einzigen Fenster, links und rechts und ganz vorne, sind blind, so groß sie auch sind. Aber man muss auch nicht hindurchsehen können; es wäre sinnlos. Da ist kein Ziel, keine Küstenlinie auszumachen, nichts, was man sehen könnte. Und dennoch steuert dieses riesige Schiff mit seiner Besatzung auf etwas zu. Es ist ein Leuchtturm, oder mehr ein Leuchtfeuer; man kann es nicht sehen, und doch strahlt es hell. Es ist wie mit den alten Schatzkarten, man sieht das Ziel nur, wenn man ein Eingeweihter ist. Und trotzdem gibt es keine Rätsel auf, keine Aufgabe, die man für das Verstehen lösen müsste. Um dieses helle Flamme zu sehen, muss man das einfachste oder vielleicht schwerste tun, wozu ein Mensch nur fähig ist; man muss glauben. Wer an den Leuchtturm und sein weit entferntes Licht glaubt, der erkennt das Ziel des Schiffes. Nicht seine Route, aber immerhin den Endpunkt, den Ort, an dem die Reise enden soll. Hat man es einmal gesehen, so ist man Teil der Besatzung; man muss nicht immer an Deck bleiben. Es reicht, sich ab und zu dort zu treffen, die Erinnerung daran wachzuhalten. Manchmal mag man den Glauben an dieses Licht verlieren; das ist leicht. Nichts ist leichter als der Zweifel. Es reicht ein Windhauch, und der Nebel schiebt sich wieder davor. Von Zeit zu Zeit geschieht es, dass viele zweifeln; dann sind da zu wenig Matrosen, um den Kurs zu halten, denn kaum einer weiß noch, wohin es geht. Es ist schwer, ohne eine Route zu manövrieren; unmöglich ist es, es ohne die Gewissheit des Leuchtturm zu tun. Manchmal zerschellen dann Schiffe an den Klippen, oder sie laufen auf Grund. Diejenigen, die zweifeln, retten dann gerade noch ihr Leben auf ein Eiland, dass direkt vor ihren Füßen beginnt. Dort bleiben sie, ihr Leben lang vielleicht. Manchmal denken sie noch an die Fahrt, aber jeder Schiffbrüchige wird nach einer Weile sesshaft, und so vergessen sie sie irgendwann einmal.
Diejenigen, die immer noch von der Reise überzeugt sind, werden von anderen Schiffen aufgelesen oder versuchen es auf eigene Faust, auf einem kleinen Floss; zurück bleibt nur das zerbrochene Schiff, viele gibt es davon. Sie alle liegen geborsten herum, in den Städten, auf dem Lande. Aus ihren Planken dringt nur der schale Geruch von Tod; ihre Gesangsbücher schweigen.
Wer die Fahrt in Gemeinschaft fortsetzen will, der findet auch eine Besatzung, an einem anderen Ort vielleicht. Er ordnet sich ein, schaut wieder auf den Leuchtturm.
Das scheint Außenstehenden absurd; die Reise, das Schiff, das Leuchtfeuer, alles.
Doch absurder noch als ein Schiff, dass sich auf seiner Reise nicht vom Fleck bewegt oder ein Ziel, zu dem es keine oder tausende Routen gibt, ist die Abwesenheit der Trauer.
Man stellt es sich so vor; ein Reise zu einem unbekannten Ziel, von dem man nur ein Licht, eine Verheißung kennt. Eine nie befahrene Route, an deren Rändern Untiefen und Strudel lauern, Dämonen und Felsen. Es schwebt einem eine Trauer vor, die tiefe Melancholie einer Unwissenheit, pechschwarze Nacht, das Keuchen der Männer und Frauen, die in der Flaute rudern müssen. Aber da ist nichts davon; weder Mühsal noch Melancholie.
Ganz im Gegenteil; es ist eine seltsame Art von Glück, die die Besatzung umfängt, und diese tiefe Zufriedenheit ist die Grenze, die den Besucher vom Matrosen trennt, unaufhebbar. Man kann sie sehen, diese Hoffnung, wenn man sich umschaut; die Anwesenden zerfallen leicht in die beiden Gruppen, wenn man auf ihren Blick achtet. Wir, die Besucher, sind hier wirklich nur Gäste; begrenzt im Verstehen, blicken wir auf eine seltsame Welt.

Die Nacht

geschrieben am 22. August 2007 um 04:10 Uhr

Vor ewiger Zeit, als die Sonne noch jung war und ihre Strahlen die immer helle Erde erleuchtete, da gab es noch keine Nacht: Der Tag blieb für immer, die Nacht war noch nicht erfunden. Es gab damals auch noch keine Menschen, die Schöpfung war noch nicht ganz fertig mit ihm.
Eines Tages jedoch, da stand in einer weiten Ebene der erste von uns; unsicher noch blickte er sich um, sah all die Schönheit der Welt, ahnte noch nicht, dass er es sein würde, der diese Schönheit eines Tages ganz und gar beherrschen, sie vielleicht sogar zerstören würde.
Es muss an diesem Tag gewesen sein, dass er zum ersten Mal Abend wurde auf Erden: noch wurde es nicht ganz Nacht. Die Nacht stand auf der Türschwelle des Lebens und zögerte noch einen langen Augenblick, bevor sie eintrat. Und so wurde es nur Abend: Die Sonnenstrahlen bekamen einen rötlichen Beiklang, und ihr Körper schien ferner als sonst am Rande des Horizonts zu stehen. Die meisten Tiere ängstigten sich an diesem ersten Abend, verkrochen sich in Erdlöchern oder Nestern. Nur der Mensch stand weiterhin in der Ebene, immer noch neugierig, und starrte in die rote Glut.
Dann, nach Wochen, da trat die Nacht zum ersten Mal auf die Bühne. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, und die Nacht legte sich mit ihrem prächtigen Kleid über die Welt. Die elegante Kälte ihrer geschwungenen Formen ließ den Menschen zittern, doch der Schöpfer schickte einen Blitz, welcher das erste menschliche Feuer entzündete. Der Mensch nahm es dankbar an und lernte schnell, es zu nutzen. Wenn die Nacht kam, so legte er neue Scheite auf und setzte sich davor; wenn sie ging, achtete er darauf, dass es nicht ganz verlosch.
Es war für lange Zeit das einzige Feuer, das auf der Erde loderte, und das muss der Grund gewesen, weshalb sich die Nacht entschied, nach Einbruch der Dämmerung zu dem Menschen zu reisen, ganz in seiner Gestalt.
Das wusste der Mensch natürlich nicht; er saß nur wieder an seinem Feuer, starrte hinein und wartete darauf, dass es wieder hell wurde. Für ihn war noch nicht ganz sicher, dass der Tag wiederkehren würde, und deshalb war es nie langweilig, dort zu sitzen, am Feuer, und auf den Tag zu warten.
Doch irgendwann bemerkte er, dass jemand neben ihm saß; er konnte diesen anderen nicht sehen. Wenn er hinblickte, dann war da nur Schwärze, als wäre dort ein Loch, aus dem kein Licht hervor drang. Doch aus den Augenwinkeln sah er etwas anderes; es dauerte eine Weile, aber schließlich erkannte er eine Person, eine Frau. Er wusste nicht, was eine Frau war; Geschlechter waren erst viel später erfunden worden, aus einer Laune heraus. Er erkannte in dieser Frau nur die Ähnlichkeit zu sich selbst, und war tief von ihre Schönheit berührt. Sie trug einen Schleier vor dem Gesicht, doch die Züge darunter waren von solcher Anmut, dass er sie nie wieder vergessen würde. Noch heute trägt jeder Mensch einen Teil dieser Erinnerung bei sich, und manchmal stolpern wir über sie, wenn wir einen anderen Menschen ansehen.
Natürlich war ihr Kleid schwarz, und dunkle Steine funkelten darauf wie die Sterne.
Der Mensch und die Nacht saßen eine Weile so um das Feuer herum, und niemand sagte etwas. Schließlich beschloss der Mensch, das Schweigen zu brechen, und nach einigem Nachdenken über die seltsame Besucherin sagte er schließlich:
„Ich denke, ich habe euch jetzt erkannt; Ihr seid die Nacht, nicht wahr?“
Die Nacht lächelte, und ihre Zähne waren von so blendendem Weiß, dass er wegschauen musste.
„Ja, die bin ich wohl. Verzeiht mir meinen Spaß; ich wollte sehen, ob es stimmt, was man von euch Menschen sagt. Und ja, in der Tat seid ihr nicht dumm.“
Einige Minuten schwiegen sie wieder, dann sprach die Nacht weiter.
„Schon oft sah ich dein Feuer, Mensch, und ich wollte kommen und es aus der Nähe sehen. Seine Wärme beruhigt auch mich von Zeit zu Zeit, wenn ich durch die Täler streife oder das Unterholz durchstöbere. Du musst wissen, noch nie habe ich den Tag gesehen und die strahlende Sonne, von der die Tier soviel flüstern, wenn ich die Dunkelheit bringe. Ist es der Sonne ähnlich, dieses Feuer?
„Ein wenig schon, aber sie ist größer, viel größer. Und sie ist noch schöner.“ antwortete der Mensch, dann herrschte wieder Stille.
„Ich würde dir gern eine Frage stellen, Nacht.“, sagte er schließlich, „Warum tust du, was du tust?“
Die Nacht lächelte wieder, und der Mensch fuhr fort: „Es ist kalt, wenn du kommst. Die Dunkelheit bringt vielen Tieren den Tod, und selbst in mein Herz zieht sie von Zeit zu Zeit ein. Ich halte mein Feuer nicht nur der Wärme wegen in Gang; auch mein Geist braucht dieses Licht in der Dunkelheit. Am Tage ist da die Sonne, die mich wärmt und die Einsamkeit vertreibt, aber wenn du kommst, dann sitze ich vor meinem Feuer und bin allein.“
Die Nacht streckte die Hand aus, und zwei behandschuhte Finger berührten den Menschen kurz; es war nicht so kalt, wie er erwartet hatte, und er erkannte das Mitgefühl in ihrer Geste.
„Nur wegen dir bin ich geschaffen worden; es war der Tag deiner Geburt, an dem auch ich in die Welt geworfen wurde.“
„Aber warum? Wozu..“, unterbrach der Mensch, doch eine sachte Berührung ließ ihn verstummen.
„Du weißt es noch nicht, aber du und deiner Kinder, ihr werdet groß werden auf dieser Welt, größer als die Erde vielleicht sogar; ihr werdet sie formen und gestalten; die Sterne erzählen schon davon, wenn man ihnen nur genau zuhört. Deine Kinder werden die Schönheit in der Welt sehen und deshalb weinen; kämpfen; lieben sogar. Ihr werdet nicht sein wie die Tiere, ihr werdet eure Pfade selbst wählen können. Nicht immer werdet ihr die richtigen finden, und deshalb bin ich hier.“
Sie sah, dass der Mensch nicht verstand, und sprach weiter: „Siehst du, noch bist du frei, und für eine Weile wird dies auch noch so bleiben. Bald jedoch werden andere kommen, und ihr werdet langsam lernen müssen, zusammen zu leben. Ihr werdet Unterkünfte bauen, später Städte. Ihr werdet euch mißverstehen, euch bekämpfen. Ihr werdet euch in die Arme nehmen. Vieles von dem, was ihr tun werdet, wird nicht das richtige sein: Und deswegen wurde ich geboren.“
„Wirst du uns dann den Weg zurück weisen? Wirst du unsere Fehler erkennen und wiedergutmachen?“
Die Nacht blickte einen langen Moment in die Glut, und der Mensch sah so etwas wie Schmerz in ihren Augen.
„Nein, das ist mir nicht möglich. Ihr selbst werdet eure Fehler erkennen müssen, nur dabei kann ich euch helfen. Wenn ich komme und mit mir die Dunkelheit, dann wird das deinen kampfeslustigen Söhnen Tränen abnötigen. Sie werden in ihren Betten liegen und sich fragen, was sie getan haben. Den Armen und Verbitterten dagegen bringe ich den sanften Mantel des Vergessens und der Auflösung; den Hochmütigen bringe ich Träume vom Fall. Dichter werden auf mein Kleid starren und ihre eigenen Ideen darin erblicken. Schlechte Menschen werden versuchen, sich in ihm zu verstecken und dabei nie sich selbst entkommen. Alle, alle deine Kinder werden während meiner Herrschaftszeit Rechenschaft ablegen müssen, vor sich selbst. Sie werden sich fragen, ob sie auf dem richtigen Pfad sind. Die Verzweifelten werde ich trösten; die Schlechten werde ich quälen, bis sie bereuen. Das ist meine Aufgabe, mein Zweck.“
Es wurde wieder still; nur das Atmen des Feuers war noch zu hören. Eine Sternschnuppe zog über den Himmel, dann eine zweite.
Schließlich wollte der Mensch noch eine Frage stellen, doch da war niemand mehr, dem er sie hätte stellen können.

Die Nummer

geschrieben am 22. August 2007 um 00:35 Uhr

Er hatte nur wenige Vorstellungen, wenn er arbeitete, aber die beherrschende war die von einem Telefonat; das war sicher zynisch, denn er arbeitete in einem modernen Callcenter und telefonierte zigfach in jeder Stunde. Das war einfach; er drückte auf einen Knopf neben dem Hörer, und schon wurde er ganz zufallsgesteuert mit irgendeinem Anschluß in Deutschland verbunden. Dann sagte er seinen Vers auf und stellte seine Fragen. Meist waren es belanglose; eigentlich sogar immer. Wie viel Wein verbraucht ihr Haushalt im Monat, welche Shampoo-Linie bevorzugen sie, verwenden sie Teflonpfannen.
Er war es gewohnt, solche Fragen zu stellen, und er dachte nicht mehr viel darüber nach. Nur diese Vorstellung, die machte ihm zu schaffen. Sie überkam ihn, wenn er eine Pause machte, manchmal aber auch auf dem Weg nach Hause. Selten überraschte sie ihn, wenn er eine Lasagne oder einen Hotdog in die Mikrowelle schob. Oder wenn er sich Schach-Turniere im Fernsehen ansah, früh morgens um vier. Es war immer die gleiche Szene.
Da war dieses Telefon mit Wählscheibe; meistens wusste er nichts damit anzufangen, weil ihm keine Nummer einfiel. Etwas Drängendes wollte er sagen, musste, doch er wusste nicht, wen er anrufen sollte; manchmal fiel ihm auch jemand ein, meist waren es alte Freunde, an die er schon lange nicht mehr gedacht hatte. Er wählte zwei oder drei Ziffern; Aber dann wusste er nicht weiter. Selten wurde ihm klar, was er sagen wollte, aber dringend war es sicher; es war auch keine einfache Nachricht, das war ihm klar. Dennoch erinnerte es ihn jedes Mal an seine Arbeit; Verwenden sie Teflonpfannen? Meist schämte er sich dafür; nicht für den Tagtraum, sondern für die Ähnlichkeit. Es gab einen starken, einen unüberwindbaren Unterschied zwischen Beidem, aber die Ähnlichkeit war doch da. Von Zeit zu Zeit durchstöberte er die Nummern in seinem Telefonbuch und fand nie die, die er in der Vorstellung vergeblich gesucht hatte.