Der Alte am Strand Diesen Artikel drucken

Nienhagen/Rostock, Strand Der alte Mann ging den Strand entlang, wie immer, was hatte er auch sonst noch zu tun.
Das war ein Klischee, er wusste das, aber es störte ihn nicht, im Gegenteil. Sogar Klischees waren in seiner Zeit etwas Wertvolles.
Seine Kleidung war kaum abgewetzt, wenn auch schlicht und von einem leichten Grauschleier bedeckt, bei diesem Licht; einen Beobachter aus früheren Tagen hätte das wohl irritiert, doch die synthetischen Fasern der Wohlfahrt ließen keinen Verschleiß mehr zu, wurden weder schmutzig noch alt. Und so schien es, als ob es die zu weite Hose war, die den dürren alten Körper des Mannes trug und nicht umgekehrt; auch das wusste er, aber er scherte sich nicht darum, denn es schien ihm passend; in gewisser Weise stimmte das sicher auch.
Wurde er müde vom Laufen, dann setzte er sich auf einen Stein in der Nähe des Wassers und ruhte eine Weile aus, während er auf das grau-blaue Meer starrte und einen Proteinriegel der Wohlfahrt zu sich nahm, ohne den penetrant-künstlichen Geschmack sichtbar zu registrieren. Mehr hatte er nicht zu tun; mehr gab es nicht. Mehr als dieser Strand war von der Welt nicht mehr übrig geblieben.
Manchmal dachte er wahrscheinlich auch diesen Gedanken, aber dann hätte er wohl gelacht oder zumindest gelächelt, denn auch das schien ihm klischeehaft.
Außerdem stimmte es nicht; ‚das‘ Meer, ‚der‘ Strand, diese Kategorien hatten nicht einmal in seiner Kindheit wirklich existiert.
Was er heute so bezeichnete, dass war ein kiesiger Sandstreifen voller toter Muschelskelette; ab und an musste er aufpassen, nicht in irgendeine Flüssigkeit zu treten, die in einer verätzten Mulde vor sich hin trocknete, und wenn er einmal eine übersah, begannen seine Schuhe schimpfend zu dampfen.
Das Meer war dagegen wieder besser geworden; offensichtlich hatten die Menschen einen Weg gefunden, es zu reinigen, aber darüber wusste er nichts Genaues, nur dass das Grau im Wasser in den letzten beiden Jahren abgenommen hatte. Manchmal fand er jetzt sogar einen toten Fisch, wenn er so den Strand abging. Sie sahen alle gleich aus, hatten sogar alle die gleiche Maserung; er hatte ein Bild von einem gezeichnet, um sie vergleichen zu können. Wahrscheinlich stammten sie aus einem Labor, vermutete er.
Davon abgesehen war es schön an seinem Strand; so schön, dass ab und zu sogar Ausflügler kamen, wie man sie früher genannt hatte. Sie liefen dann auf dem Kies umher, einige Stunden zumindest, manche badeten sogar in hauchdünnen Anzügen. Der alte Mann hatte nichts gegen sie, manchmal sprach er einige Worte mit ihnen; er war oft wochenlang allein unterwegs und glaubte, das ein wenig Austausch nicht schaden konnte. Doch diese Begegnungen blieben ihm selten im Gedächtnis. Einmal hatte er ein Pärchen getroffen, dass ihm von den großen Restaurationsprojekten im Norden erzählt hatte. Die Küste würde viel schöner werden, hatten sie gesagt, viel schöner sogar als sie früher war. Das würde sie nicht weniger künstlich wirken lassen, hatte er zufrieden gedacht, es aber nicht ausgesprochen; es war ihm im Prinzip gleich, und vielleicht würden die ganz Jungen einen neuen, verbesserten Strand auch ganz authentisch finden – falls er sie überhaupt noch interessieren würde. Nie fragte ihn jemand, wo er herkäme, aber auch das war ihm ganz lieb. Er hätte die Frage ohnehin nicht beantworten können; eine Heimatstadt gab es schon lange nicht mehr, eigentlich für niemanden, es gab nur noch die Städte, durch die man einmal gereist war, und es hätte ihn und die Touristen entschieden zu lange aufgehalten, dass zu erklären.
Und doch, der Stadt seiner Geburt zollte er immer noch einen gewissen Respekt, wenn auch indirekt. Seine Musikauswahl beschränkte sich ausschließlich auf schwere, alte, elektronische Tracks, schlecht synthetisiert von dem Wohlfahrtsplayer.
Zum einen lieferte ihm dass einen beruhigenden Kontrast zu den Momenten, in denen die Sonne fast klar durch die gelben Wolken fiel und beinahe eine Idylle schuf. Aber auch erinnerte ihn diese Musik an seine Geburtsstadt oder besser, was er dafür hielt; der Ort war im Laufe der Jahre mit anderen Orten zu der riesigen Textur aus Lagerhallen, Industriekomplexen und neon-gelb leuchtenden Roboterfabriken verschmolzen, die man heute nur noch selten Westeuropa nannte. Aber eigentlich dachte er auch nicht viel an diesen Ort, der sich auf so seltsame Art und Weise aufgelöst hatte. Überhaupt dachte er nicht viel; Einige Stunden des Tages schlief er, einige ging er, ein paar Minuten verschwendete er an die Proteinriegel. Den Rest der Zeit starrte er auf seine Füße und die Wellen. Wenn es dunkel wurde, schlief er wieder, das warme Klima und die Wohlfahrtskleidung machten es ihm bequem.
Das einzig Unfunktionale seiner wenigen Habseligkeiten war ein Foto, dass er stets in der linken Hand hielt, zu einer gelangweilten, drucklosen Faust geballt. Aber er sah nur selten darauf, ihm genügte das Wissen, es bei sich zu tragen. Es war aus einem alten Material, dass man inzwischen vermutlich lange verboten hatte, denn es alterte und ließ sich vermutlich kaum recyclen. Er war ein wirklich alter Mann, aber selbst er wusste nicht, wie man das Material nannte; ein Fremder hatte ihn einmal danach gefragt und vorgeschlagen, es zu einer modernen Holografie restaurieren zu lassen, denn das Bild war an den Rändern schon ganz eingerissen und teils unkenntlich. Die Sonne hatte die Farben blass werden lassen, und von der abgebildeten Person war nur noch ein blau-grauer Umriss zu erkennen. Die kostenlose Holografie aber hatte er abgelehnt, nicht weil er nicht verstand, sondern weil ihm das alternde Bild gefiel.
Der Fremde hatte erwidert, dass man ja nicht einmal mehr die Augenfarbe seiner Frau erkennen könne. Blau hatte der alte Mann geantwortet, ohne zu zögern, dann hatte er hinzugesetzt, sie sei nicht seine Frau. Dann war er einfach gegangen.
Und es stimmte wohl, er erinnerte sich genau, auch wenn das Foto nach dieser langen Zeit nur noch zwei blasse graue Pupillen zeigte, sie waren blau gewesen, blau. Nicht das Blau des Himmels seiner Kindheit, dass ihm immer scharf und klar erschienen war. Auch nicht das Blau des großen Ozeans, weder die tiefe, schwere Farbe der alten Aufnahmen noch der warnende Graustich der Gegenwart. Es war das helle, ganz und gar vorsichtig strahlende Blau-Grün einer fernen Bucht, bevor Menschen sie betreten hatten. Ein Blau, in dem kleine Wellen auf- und abrollten, miteinander spielten, einander im Spaß jagten, umeinander tanzten. Kein Blau, dass man leicht fand, weder hier noch irgendwo.
Selbst das Foto hatte sie irgendwann vergessen, diese Farbe, und so blieb nur noch der Alte, der von ihr wusste, wenn auch nicht viel mehr.
Einmal, nur ein einziges Mal hatte einer der seltenen Besucher gefragt, wen das Foto ursprünglich gezeigt hatte. Da war so etwas wie Verlegenheit über sein faltiges, freundliches Gesicht gehuscht, eine seltene Emotion.
Auch das hatte ihm die Zeit genommen, er erinnerte sich nicht mehr; vielleicht war er ihr nur flüchtig begegnet, vor Jahrzehnten, vielleicht hatte er sie auch gut gekannt, eine lange Zeit mit ihr verbracht, er wusste es nicht genau.
Das hätte er erklären können, aber auch das hätte ihn wohl zu lange aufgehalten, und so hatte er es nicht erwähnt, nur einige Sekunden gezögert, die Antwort überdacht.
Ein anderes Leben, hatte er dann gesagt, eine andere Welt, dann war der unsichere Ausdruck in seinem Gesicht wieder gewichen. Die Frau hatte ihm noch einen der ekelhaften Riegel geschenkt, er hatte sich höflich bedankt und war weitergegangen. Seine Augen hatten sich wieder starr an die Wellen geheftet. Und die ferne Verwandtschaft zu der Farbe in seinen Erinnerungen gesucht.

2 Antworten zu “Der Alte am Strand”

  1. Xilef sagt:

    wunderschöne Geschichte, die trotz der Melancholie wunderbar schwerelos und poetisch ist.

  2. […] Fotos beschäftigen möchte. So haben eine Texte schon ein passendes Bild bekommen, so etwa “Der Alte am Strand“. Im Zuge der Integration des entsprechenden Plugins musste ich die Struktur der Permalinks […]

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