Vater und Mutter Diesen Artikel drucken

Sie bemerkten das Klopfen nur, weil der Sturm eine kleine Pause einlegte, der das kleine Haus schon seit Stunden schüttelte und immer wieder bedrohlich laut aufstöhnen ließ. Und zunächst hielten sie das Geräusch auch für eine Täuschung, oder für Einbildung; als sie es aber erneut hörten, leise, aber deutlich, stand der Vater doch von dem Stuhl auf, auf dem er in der kerzenerleuchtenden Stube hockte, und ging langsam zur Türe. Besucher kamen selten, erst recht in dieser längsten Nacht des Jahres, die hier oben im Norden doch fast drei Tage andauerte, und so verrieten seine langsamen Schritte  auch ein gewisses Misstrauen.
Als er die Tür schließlich einen Spalt öffnete, schlug der Sturm einmal mehr zu und hob das schwere Holz fast aus den Angeln: Mit Mühe hielt der Vater die Lade fest und erblickte in dem Schneetreiben, das in die warme Hütte hineindrängte, die kümmerliche Gestalt, die für das Klopfen verantwortlich gewesen sein musste, fast nackt auf der Türschwelle liegen, Arme und Beine fast schon im Schnee begraben.
Als sie es hineinbrachten, waren sie sich sicher, dass das Kind im Sterben lag. Eiskalt war es, und seine Lippen waren blau, schienen fast gefroren zu sein. Die Mutter weinte; der Vater herrschte sie an, mehr um sie zu beruhigen, trug den Knaben in die Stube und ließ sie die beiden Kinder, die ängstlich in ihren Ecken kauerten, in ihre Betten bringen: sie sollten den beinahe toten Jungen nicht sehen. Er legte den Knaben auf dem großen Sessel ab, auf dem er zuvor gesessen hatte, und zog eine Decke hinter dem lodernden Ofen hervor, um sie über ihn zu legen. Einen Moment lang betrachtete er den Jungen, sprach ihn mehrmals an; die Augen des Knaben waren geöffnet, aber er schien nicht bei Sinnen zu sein. Der Vater horchte an seiner Brust: Der Atem war flach, aber regelmäßig, als würde der Junge schlafen.
Die Mutter, die die Kinder unter hastigen, aber liebevollen Worten in ihre Betten gebracht hatte, kehrte mit einigen heißen Tüchern und dem großen Wasserkessel zurück. Ihr Mann blickte sie prüfend an, dann verließ er den Raum, um die Tür zu schließen, die immer noch den kalten Sturmwind hineinließ. Kurz sah er nach draußen, doch er sah niemanden, keine Menschenseele, die mit dem Kind durch die Nacht gewandert war. Nicht einmal die Fußspuren des Jungen konnte er sehen, der Schnee hatte sie wieder bedeckt.
Als er in die Stube zurückkehrte, wickelte die Mutter den Knaben leise weinend in die heißen Tücher. Der Kessel mit dem Wasser hing bereits über dem Ofen. Der Mann strich der Mutter sanft über den Kopf, deutete ihr, sich zu beruhigen. Sie setzten sich auf die Kante des Sessels; die Mutter strich dem Knaben stumm über das Gesicht, das immer noch eiskalt war. Der Vater betrachtete die bläuliche Gestalt; auch in seinem Gesicht stand eine tiefe Betroffenheit. Eine halbe Stunde saßen sie dort so; einmal stand der Vater auf, um etwas Holz nachzulegen, ein weiteres Mal, um eine neue Kerze anzuzünden, und viele Male horchten sie an der Brust des Jungen. Aber sein Atem blieb, wenn er auch unter dem Geräusch des Sturmes schwer zu hören, regelmäßg; er starb nicht. Im warmen Licht der Kerzen schien sogar sein Gesicht langsam wieder etwas Farbe anzunehmen. Schließlich hörten sie, zunächst vom Wind verschluckt, sein leises Wimmern. Inzwischen war das Wasser in dem Kessel heiß genug geworden, um den Knaben mit weiteren Wickeln zu versorgen; die große Tonne, in der die Familie im Sommer badete, stand draußen und war sicher schneegefüllt, so dass sie den Junge nicht baden konnten. Als die Mutter ihm ein neues, heißes Tuch auf die Stirn legte, stöhnte er leise, und seine Augen bewegten sich für einen Moment, ohne eine bestimmte Richtung zu suchen. Wieder sprach der Vater den Jungen an, tätschelte seine Wangen, einmal, zweimal. Es dauerte einige Minuten, bis sein Blick das Gesicht des Vaters festhalten konnte; immer wieder fragte ihn der Vater, was geschehen sei, wo er herkomme, wie sein Name sei.
Als die Lippen des Jungen sich schließlich bewegten, hatte der Wind gerade nachgelassen; andernfalls hätten sie seine dünnliche, fast brechende Stimme kaum hören können. Seine Augen hielten sich, beinahe wie im Krampf, an dem Vater fest; kein einziges Mal sah er die Mutter an. Sonne, sagte er leise und immer wieder, Sonne, Sonne, Sonne. Sein Retter glaubte wohl, er sei noch im Traume oder im Wahn, und gab ihm einen leichten Klaps auf die Wange: seine Frau griff augenblicklich nach der großen, groben Hand und sah ihn fest und böse an.
Doch der Klaps schien das Kind wirklich geweckt zu haben: es blickte sich um, bewegte sogar den Kopf, um das Innere des kleinen Raums in Augenschein zu nehmen. Lange blickte es in das Feuer, das in der Ecke des Zimmers brannte: seine Augen leuchteten, als es hineinsah, und für einen Moment sah man nicht, ob es die Augen selbst waren oder doch nur die Spiegelung des Feuers. Noch einmal stellte der Vater seine Fragen; das Kind wand ihm den Kopf zu, dachte wohl einige Momente über die richtigen Antworten nach. Ich lief, sagte es schließlich, wo ist meine Mutter, wo ist meine Mutter? Es wiederholte seine Frage, seine Stimme wurde leiser, und schließlich wurde sie wieder zu dem leisen Wimmern.
Der Vater versuchte, es zu beruhigen, erklärte ihm, dass sie seine Mutter sicher finden würden, fragte es wieder, woher es käme, woher er denn in dieser langen Nacht gekommen sei, nur solle es sich doch beruhigen, es sei hier erst einmal in Sicherheit. Der Knabe versuchte, sich aufzurichten, bis die Hand der Vaters es daran hinderte. Mit unruhigem Blick sah es die beiden an, sie wussten doch nichts davon, sie wussten es doch nicht, stammelte es schließlich, versuchte sich wieder aufzurichten, begann beinahe gegen den leichten Druck zu kämpfen, mit dem der Vater seinen Oberkörper auf dem Sessel hielt, bis die Mutter es leise ansprach und ihm deutete, dass jetzt alles gut sei. Für einen Moment sah der Junge die Mutter ganz starr an, als ob er sie zu erkennen versuchte, dann begann er zu krampfen; das Kind schüttelte sich, die kleinen Arme und Beine bewegten sich hektisch und unkontrolliert, und der Vater brauchte viel Kraft, um es auf dem Sessel zu halten. Draußen heulte und brauste der Sturm wieder auf, ließ die kleine, vom Schnee fast blinde Scheibe, durch die man im Sommer den nahen See sehen konnte, schwer in ihrem Rahmen zittern. Die Mutter kreischte auf, aber das ging im Geräusch des Windes unter, während der Vater weiter mit dem zuckenden Körper kämpfte. Mehr aus Hilflosigkeit schrie er sie an, das Riechsalz aus der Küche zu holen, und sie sprang auf um es zu holen, während die Wände des kleinen Hauses sich merklich bewegten, unter einem grässlichen Ächzen hin und her schwankten. Als sie zurückkam, schien sich der Krampf schon ein wenig gelegt zu haben; zu ihrer Beruhigung wurde auf der Sturm wieder etwas leiser, schickte nur noch schwache Böen gegen das Haus. Der Knabe zuckte noch von Zeit zu Zeit; aber offenbar war er wieder wach. Er starrte den Vater an, zunächst feindselig, dann ängstlich, schließlich wurde sein Ausdruck wieder freundlich, als wäre er aus einem Traum erwacht. Entsetzt von dem Geschehenen hielt der Vater ihn nur fest, so vorsichtig und sanft er es eben konnte; dann sprach der Junge wieder. Der Vater war der, der die Dunkelheit bringt und den Schnee; aber ich bin nicht sein Kind. Die Mutter war die, die das Licht bringt und alles Warme; aber ich bin nicht ihr Kind. Als sie die Worte hörte, legte die Mutter ihr Gesicht tief in Falten; ihr Mann griff nach ihrer Hand, um sie beruhigen. Der Knabe hätte wohl weiter gesprochen, ohne dass die beiden im Raum etwas verstanden hätten, wenn ihn nicht ein weiterer Krampf  geschüttelt hätte; wieder nahm der Sturm an Stärke zu, doch diesmal wurde er von den Geräuschen übertönt, die von dem Jungen aufstiegen, einem Würgen und Spucken tief in der Kehle, lauter, als man es bei einem solch kleinen Körper glauben würde. Ohne ein Wort des Vaters griff die Mutter nach dem großen Eimer, der unter einem Schemel in der Stube stand, doch als sie dem Knaben das Gefäß hinhalten konnte, hatte er schon große Brocken klebrigen Schnees erbrochen. Fassungslos sahen die beiden Älteren zu, wie das Kind immer wieder unter dem Aufheulen des Sturms und einem quälend tiefen Laut des Würgens Schneeballen herausbrachte; der Eimer war fast gefüllt, als es schließlich erschöpft in den Sessel zurückfiel. Die beiden sagten nichts zu ihm; kein Wort der Beruhigung fiel ihnen ein. Sie sahen sich nicht einmal an. Für einen Moment schloss der Knabe die Augen, schien sich zu entspannen. Schließlich war es die Mutter, die den Knaben ansprach und nach der Geschichte fragte, die er zu erzählen begonnen hatte: ihre Stimme zitterte dabei. Zunächst schien es, als hätte er sie nicht gehört; doch dann antwortete der Knabe, ohne die Augen zu öffnen.
Mutter und Vater hatten drei Kinder; doch nur zwei kamen zur Welt, Bruder und Schwester. Doch man sagte es ihnen nicht; sie konnten es doch nicht wissen. Das Gesetz befahl es.

Der Vater deutete seiner Frau, nicht weiter nachzufragen, um das Kind mit seiner wirren Erzählung nicht weiter aufzuregen, aber das Kind sprach von alleine weiter, mit ruhiger, fast schläfriger Stimme.
Die Tochter sollte im Reich der Mutter leben und nur dort; Der Sohn nur im Reich des Vaters und nur dort. Deshalb sind sie nach Norden gegangen, wo das Reich der Mutter und des Vaters länger währen. Sie wussten nicht davon; man sagte ihnen nicht, wessen Kinder sie waren. Das Gesetz befahl es.
Der Knabe öffnete die Augen, griff nach der Hand der Mutter, die sich wieder auf den Sessel gesetzt hatte; ihr Gesicht war kreidebleich geworden, war sie sich doch sicher, dass der Junge sterben würde und nur noch im Wahn zu ihnen sprach. Einen Moment schien das Kind zu prüfen, ob die Hand der Mutter warm genug war oder vielleicht, ob sie zu warm war, dann zog es die Mutter heran und legte die schlanke Hand auf die eigene Wange. Der Vater lockerte den Arm, mit dem er den Knaben auf dem Sessel gehalten hatte, und legte den anderen beschwichtigend auf die Schulter seiner Frau. Der Blick des Kindes verfinsterte sich schlagartig, und so etwas wie Hass blitzte urplötzlich darin auf; die Mutter deutete ihrem Mann mit der Schulter, den Arm zu entfernen: er tat es, doch es war schon zu spät; der Sturm donnerte, stärker als jemals zuvor, gegen das kleine Haus, und trotz der großen Statur des Vaters hatte er dieses Mal größte Mühe, den kräftigen kleinen Körper zu bändigen. Ein Ruck hob das Dach merklich an, und weiter hinten im Haus schrien die Kinder, unter ihren Betten liegend, aber das hörten die Eltern nicht. Sie sahen gebannt zu, wie der Knabe wieder Schnee erbrach, Schnee in solchen Mengen, dass sie einen zweiten Eimer holen musste. Schließlich beruhigten sich die beiden, Sturm und Kind, wieder, und der Junge fiel erschöpft zurück auf sein Lager. Der Vater hielt den Oberkörper des Jungen fest mit beiden Armen umklammert und lockerte seinen Griff nur wenig, als dieser wieder zu sprechen begann. Die Mutter strich dem Knaben sanft über die Stirn und sah ihn zweifelnd, aber mitleidig an: Beide bemühten sich, einander nicht zu berühren oder auch nur anzusehen.
Sohn und Tochter aber trafen sich, nachdem sich ihre Eltern längst für immer Lebewohl gesagt hatten. An zwei Tagen im Jahr konnten sie einander besuchen; sie wussten es doch nicht, das Gesetz hatte es bestimmt. Es war nicht ihre Schuld, dass man es ihnen nicht gesagt hatte. Bruder und Schwester erkannten sich nicht; wohl aber liebten sie einander. Bruder und Schwester bekamen einen Schandkind; des Gesetzes wegen bekam es keinen Namen und war nirgendwo zu Hause. Seiner Abstammung wegen kann es weder im Reich des Großvaters noch in dem der Großmutter leben; es lebt im Schnee und friert; es lebt in der Sonne und verbrennt.
Als der Junge seinen Satz beendet hatte, wirkte er wieder völlig klar. Er blickte kurz zu dem Vater, der ihn immer noch hielt, halb abwehrend, halb beschützend, dann zu der Mutter, deren Hand immer noch über seine Stirn strich. Die beiden sahen einander nicht an, sondern nur den Jungen; zu leicht hätte ein weiterer Krampf das Haus zerstören können. Einige Minuten war alles still: nur das leiser gewordene Rauschen des Windes war zu hören. Schließlich fragte die Mutter, halb über die eigene Frage zweifelnd, halb ängstlich, was man für das Kind aus der Geschichte tun könne.
Der Knabe schien nicht lange überlegen zu müssen; dennoch sah er die Mutter einige Minuten an, bevor er antwortete. Er schien in ihrem Gesicht etwas zu suchen, und als er es gefunden hatte, antwortete er schließlich. Das Kind leidet, es wird immer leiden; seine Abstammung ist unrein, und es wird nie einen Namen tragen. In der Dunkelheit friert und zittert es, und seine Eingeweide hassen die Kälte: In der Sonne aber wird seine Haut schwarz und dünn: sein Fleisch verbrennt. Am Tag vermisst es den Vater, der ihn zeugte; in der Nacht aber vermisst es die Mutter, die ihm sein Halbleben schenkte.
Der Knabe schaute die Mutter der beiden Kinder, die im Nebenzimmer unter ihren Betten lagen und wimmerten, streng an, als müsste sie jetzt verstehen. So saßen die drei dort einige Minuten und nichts geschah. Der Wind nahm wieder etwas zu, dann wieder etwas ab; die alten Dielen knarrten. Das Holz im Ofen knisterte.
Schließlich stand der Vater ohne eine Wort auf. Das Paar sah sich nicht an, sie sprachen nicht. Der Vater stand nur auf, ging in das Hinterzimmer, in dem die Kinder inzwischen vor lauter Erschöpfung unter den Betten liegend eingeschlafen waren, und schloss die Tür hinter sich.
Die Mutter dagegen deutete dem Junge, ein wenig auf die Seite zu rücken, und legte sich neben ihn: Der Knabe blieb stumm, aber in seinen Augen funkelte so etwas wie eine schläfrige Zufriedenheit.
Als der Vater einige Stunden später die ersten Sonnenstrahlen nach der langen Polarnacht sah, die durch die winzigen Ritzen in den Dielen schienen, ging er wieder hinüber in die Stube. Der Ofen war fast aus; ansonsten war alles so, wie es in der Nacht gewesen war. Auf dem großen Sessel fand er seine Frau vor, schlafend. Von dem Jungen war keine Spur geblieben. Nichts abgesehen von dem kalten Wasser in zwei Eimern.


4 Antworten zu “Vater und Mutter”

  1. overclouded_tangle sagt:

    Und gerade heute habe ich ausdiskutieren müssen, ob es noch Mythen gibt oder nicht 😉

    Wie auch immer, ist ’ne sehr dichte und vor allem dicht geschriebene Geschichte. Mir gefällt, wie du den Leser ein wenig an der Nase herumführst, weil die erwartete Rückkopplung zwischen den Figuren von Vater und Mutter zum Geschwisterpaar Tag und Nacht-Mensch oder vielleicht auch zwischen eben diesem Geschwisterpaar und den beiden Kindern von Vater und Mutter nur angedeutet wird. So ist der Text nicht wirklich zirkulär, enthält aber mehrere mögliche Drehungen. Das liegt nicht nur an ded Wortwiederholungen (bzw Wiederholungen der Rollen) „Vater“ und „Mutter“, sondern auch wegen der Geschichte des dritten Kindes, welches nicht zur Welt kam. Zwischen-Wesen. Das weißt du natürlich alles selbst, aber wenn ich hier konkretere Gedanken äußern würde, dann würde ich vielleicht den Effekt des Textes zerstören. Schade eigentlich.

    Hm, ich wette einige Leute, die Gender Studies betreiben, würden deinen Text ziemlich auseinandernehmen 😉 Ich sag da mal nichts zu und ehrlich gesagt brennt mir da auch nichts auf der Zunge, aber ich dachte ich erwähne das mal.

  2. Gurkenhals83 sagt:

    Schöner Text. Ist sehr düster, muss ich sagen, aber richtig gut geschrieben. Was wirklich gut gelungen ist, ist der Zusammenhang zwischen Krampf und Sturm, zwischen Vater und Mutter und der Schreibstil! Ich könnte mir gut vorstellen, dass er bei „Outer Limits“ gut reinpassen würde 🙂

  3. @overclouded_tangle: Ah, ich verstehe was du meinst. Also, liebe Gender-Studies-Experten; ich bitte um Nachsicht. Ich wollte nur die typischen, althergebrachten und damit überholten Rollen von Mutter und Vater noch einmal für ein letztes Spiel auf die Bühne holen 😉

  4. käthe friedrich sagt:

    hallo christoph ,die geschichte ist gut gelungen, auch sprachlich gesehen. soll mit den erzählungen des kindes wohl auf gegensätze wie z.b. leben und tod oder licht und schatten , liebe und hass.käthe

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