Der Spiegelmacher Diesen Artikel drucken

Er liebt seine Spiegel: Er betrachtet sie stets mit großer Sorgfalt. Er sieht sie an mit Augen, die dafür gemacht worden sind, Spiegel anzusehen, vielleicht bald nicht mehr zu sehen als Spiegel. Sein Lieblingsstück ist ein ganz schlichter, ohne Rahmen. Die rechteckige Grundfläche reicht bis zur hohen Decke: So groß ist er, dass er nicht nur sich darin erkennen kann, sondern auch den ganzen Raum. Doch sieht er überhaupt noch etwas? Oder nur den Spiegel? Und was sonst?

Er pflegt sie auf eine ganz besondere, ihm eigene Weise: Zuerst trägt er die Politur auf, mit größter Konzentration. Er vermeidet es, die Oberfläche mit den Händen zu berühren: Zwar trägt er Handschuhe, aber das scheint ihm nicht zu genügen. Ein oder auch zwei Stunden kann es (bei dem großen Spiegel) dauern, bis er mit der Auftragung zufrieden ist. Dann nimmt er jedes Mal ein ganz neues, frisches Tuch, und beginnt zu polieren. Drei weitere Stunden vergehen manchmal, während er dies tut. Stets hält er die Lupe bereit, mit der er die ganz kleinen Verunreinigungen erkennen kann, und das spezielle Werkzeug, mit dem er sie entfernen kann. Währenddessen achtet er nicht auf das, was er im Spiegel sehen könnte. Man könnte hinter oder neben ihm stehen; er würde er nicht bemerken, für Stunden nicht. Seine ganze Konzentration gilt der Oberfläche, nicht dem Bild.

Wenn er seine Arbeit getan hat, verlässt er das Zimmer und schließt für einige Minuten die Augen. Manchmal legt er sich dazu hin; Oft aber bleibt er aber in der Tür stehen, bis er sich wie auf ein Signal hin wieder umdreht und zurückgeht, noch einmal die Lupe zückt, noch einmal nach den Makeln sucht, die ihm so zu schaffen machen. Dieses Spiel kann sich tagelang wiederholen. Viele Male ist er mit seiner Arbeit nach dem ersten, zweiten oder dritten Durchgang so unzufrieden, dass er ganz von vorn beginnt, wieder die Politur hervorholt, wieder ein neues Tuch: Irgendwann jedoch gelangt er immer an ein Ende. Dann geht er nicht wieder hinaus, er bleibt vor der spiegelnden Fläche stehen. Er legt die Handschuhe in aller Ruhe ab, und sieht sein Bild an, nicht mehr die Oberfläche, sondern das Bild, dass ihm der Spiegel zeigt. Wenn er eine Weile so in das Bild geschaut hat, entspannen sich seine Züge; fast lächelt er. Vielleicht erkennt er sich selbst gar nicht mehr in diesem Bild; vielleicht sieht er etwas gänzlich anderes als wir, wenn wir neben ihm stünden. Aber das ist schon eine sinnlose Spekulation. Es wäre ja nicht das gleiche Bild, wenn wir neben ihm stünden; nein, es wäre ein anderes, so wären eben etwa wir darauf, und nicht nur er und sein Zimmer.

Man mag sich oder ihn fragen, woher diese Gründlichkeit, diese große Anstrengung ihren Reiz bezieht; Man mag sich fragen, was ihn an seinen Spiegeln, und speziell an diesem Spiegel so sehr fasziniert. Aber er wird keine Antwort darauf wissen: Er braucht auch keine. Wir freilich können uns viele Deutungen denken, viele Aspekte benennen, von denen jeder einzelne und vielleicht dennoch keiner das trifft, was den Spiegelmacher so sehr fasziniert, beinahe erregt.

Einer könnte sagen, das Faszinierende an der Spiegelung sei, dass sie etwas zeige, was nicht da ist, und dabei doch sogar zwei Dinge: eine Oberfläche und ein Bild. Ein anderer könnte bemerken, man könne Menschen und auch sich selbst im Spiegel erkennen, und obwohl es eine enge Verbindung zwischen Bild und Abgebildetem gebe, sei doch das eine lebendig und das andere tot. Ein verwandter Aspekt ist der, dass ein Spiegelbild so weint und lacht wie der Mensch, der vor ihm steht, ohne dabei das Geringste zu empfinden. Ein dritter und interessanter Gedanke wäre der, nach dem die eigentliche Faszination von der Unnahbarkeit der Spiegelung ausgeht: Obwohl sie uns etwas zeigt, dass doch nah zu sein scheint, können wir dieses Nahe nie berühre. Unsere Fingerspitzen treffen nur auf das kalte Glas, nicht auf ihren Gegenpart.

Wenn man ihn lächeln sieht, während er vor dem blank polierten, rechteckigen Spiegel steht, den er am liebsten pflegt und deshalb manchmal eine ganze Woche lang poliert, kommt man auf eine andere, kühnere Idee: Vielleicht geht es ihm, bewusst oder unbewusst, gar nicht darum, diese Seite des Spiegels mit größter Sorgfalt zu putzen, sondern seine.

2 Antworten zu “Der Spiegelmacher”

  1. overclouded sagt:

    Hi bad_indicator,

    beim Lesen ist mir eine Parallele zu deinem Text „Asphaltwüste“ aufgefallen. Obwohl beide Texte thematisch sehr verschieden sind, beschreiben sie doch jeweils einen Menschen, der sich auf sehr rationale Weise mit etwas beschäftigt, das eigentlich jenseits der Grenzen der Rationalität zu liegen scheint. Zumindest würde ich die von dir beschriebene, sehr technische, aber doch rituelle Reinigung so interpretieren.

    Ich frage mich inwiefern du mit dieser Spiegel-Putz-Aktion auch andere banal bzw. oberflächlich anmutende Tätigkeiten, denen doch so oft nachgegangen wird ad absurdum führen willst. Was ich meine ist, dass der Leser zunächst sicherlich dazu tendiert den peniblen (zwangsgestört wirkenden) Spiegelmacher ein wenig zu belächeln. Doch vielleicht fragt man sich auch, ob andere Handlungen nicht im Grunde vergleichbar exzessiv sind und auf ähnliche Weise in die Leere zielen…

    Mir ist außerdem aufgefallen, dass ein etwas skurriler Effekt entsteht da du im Präsens schreibst. Dadurch wirken die Handlungsbeschreibungen irgendwie etwas verzerrt – ich meine es vermischen sich allgemeine Aussagen mit der konkreten Beschreibung einer Situation. Dadurch wirkt die Reinigung des Spiegels noch mehr wie ein Prozess, der immer exakt gleich abläuft und somit irgendwie allgemeingültig ist. Es würde mich mal interessieren, ob du die Zeitform bewusst gewählt hast – wenn du mir das verraten magst 🙂

    Ach noch was: Macht der Spiegelmacher auch Spiegel, oder reinigt er sie nur?

    Also, ich freu mich schon auf weitere Texte von dir, overcouded.

  2. Hallo overclouded,
    Der Titel des Textes rührt eigentlich von einer anderen Idee, die ich irgendwann begraben habe. Die Idee dieses anderen Textes wäre etwa folgende gewesen;
    Da baut jemand im Wortsinn Spiegel, er erschafft sie aus Glas und anderen Materialien. Er handelt mit ihnen, er pflegt sie, er umgibt sich mit ihnen.
    Warum? Weil da eben der Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Spiegelung besteht, der in einem Absatz des Textes oben auch schon anklingt; Spiegelbilder sind nicht ambivalent. Sie haben keine Intentionen, keine Schmerzen. Sie sind durch das, was vor dem Spiegel ist, völlig determiniert; sie wirken wie Menschen, und manchmal verwechselt man sie sogar mit Menschen, aber da ist dieser gewichtige Unterschied: Das Spiegelbild ist nur ein Bild.
    In diesem anderen Text ist es genau das, was den Spiegelmacher antreibt: Die wohlige Erkenntnis, dass Spiegelbilder leer sind.

    Ich weiß nicht, inwiefern alltägliche Handlungen ebenso ins Leere zielen: Das Sammeln von Gegenständen könnte man vielleicht als einen Vergleich heranziehen. Aber vielleicht rutscht man dann auch zu schnell in eine Art Relativismus: Zielt nicht alles Handeln ins Leere, könnte man dann fragen.

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