Die falsche (die wahre) Wüste Diesen Artikel drucken

Zwischen den Kakteen blühten einige Pixel. Manchmal wechselten sie ihre Farbe: Die meiste Zeit über waren sie grau, aber in einigen Momenten, da blitzten sie auf. Man konnte nicht genau erkennen, welche Farbe sie dann annahmen. Nicht etwa, weil man diese Farbe nicht benennen könnte (ganz im Gegenteil, die Farben dieser Bilder waren nummeriert), sondern nur weil die Wechsel so abrupt waren und so schnell wieder vergingen. Vielleicht war es ein Rot, oder ein Blau, wahrscheinlicher aber ein Rot, gefolgt von einem Blau, gefolgt von einem […], in einer Geschwindigkeit, die ein Erkennen unmöglich machte. Es gab wohl niemanden der wusste, welche Farben es waren. Es gab die Maschine, die sie erzeugte: Es gab die Menschen, die die Maschine dazu gebaut hatten, genau dieses Grau (und keine anderen) Farben zu zeigen, exakt an jener Stelle, aber sie waren nicht hier. Hier war nur er, der die Maschine und ihr Bild betrachtete. Und selbst wenn diese Programmierer hier gewesen wären: dieses seltsame Flackern, dass sich hier und da einschlich, es war sicher nicht von ihnen beabsichtigt worden, und so hätten auch sie nicht sagen können, welche Farben aufblitzten.
In der wirklichen Wüste, das wusste er, gab es diese Farbspiele nicht, ebensowenig wie das Rätsel um sie. Ganz gewiss, die reale Wüste war in einem Sinn geheimnisvoller, nicht zuletzt auch weniger beherrschbar als diese. Wirkliche Wüsten endeten nicht am Bildschirmrand. In der Sahara oder Atacama wuchsen auch Kakteen nach anderen, dunkleren Gesetzen. Im Bild war es einfach: es gab einen Teil der Maschine, der sich nur mit den einfachen Gesetzen der falschen Wüste beschäftigte. Wenn er dem Gerät befahl, ihm einen anderen Teil der Wüste zu zeigen, dann wählte jener Teil der Maschine, der unentwegt und nach eigenen Gesetzen würfelte, einen bestimmten Fleck und schuf dort einen Kaktus. Einen neuen Kaktus, einen, der an dieser Stelle noch nicht gestanden hatte und vielleicht nie wieder dort stehen würde, wenn er einfach den Stecker aus dem Gerät ziehen würde. Was für ein seltsamer Ausdruck: Dort und dort stand ein Kaktus. „Zwischen diesem und jenem Stein (den ein anderer Teil der Maschine erwürfelt hatte), „…am Rand dieses oder jenes Abhangs […]“: Am Ende lag doch alles in einer endlosen Reihe in den Registern und Speicherzellen der Maschine. Jeder Ort (und auch jede Zeit), ja jedes Ergebnis der endlosen Würfelei lag in Reihe und Glied, wie auf einer endlosen Linie, ohne ein einziges bisschen Fläche oder Raum. Ein anderer Teil der Maschine war nötig, um diese abstrakten Enge, die man nicht beschreiben konnte, ohne doch wieder auf falsche Analogien zum Raum zurückzugreifen, in den Betrug eines offenen Plateaus zu verwandeln.
Er blickte auf eine Illusion von Osten, wo der Himmel einen dunkelblauen Kranz bekam.
Es gab einen einfachen Grund, warum sich einige oder sogar sehr viele Menschen große Mühe gegeben hatten, die Maschine das Erzeugen einer falschen Wüste zu lehren. Er war praktischer Natur: Die meisten Menschen sahen niemals in ihrem Leben die anbrechende Dämmerung in der Wüste, und die Menschen, die dies erlebten, zollten diesem Ereignisse entweder wenig Aufmerksamkeit, oder aber sie waren zu beschäftigt damit, das zu fotografieren, was die Augen schon kaum wahrnahmen. Kein Mensch aber, und das war entscheidend, hatte je die Wüstensonne über einer untergegangenen Welt aufgehen sehen. Vielleicht wird es, wenn es einmal soweit ist, einen oder zwei Menschen geben, die es erleben. Für sie wird es dann keine Maschine geben, die sie nach Belieben an und ausschalten können. Sie werden jenen Augenblick erleben, ohne dass das leise Surren der Lüfter sie sanft davon abhält, zu tief darin zu versinken. Auf jeden Fall, da war er sich sicher, würden sie nicht das gleiche erleben wie ein Besucher dieser falschen Wüste.
Er befahl der Maschine das Bild zu drehen, um die beiden Personen zu betrachten, die wie gebannt gen Osten blickten. Ihre Kleidung hatte noch die Farbe der Wüste, aber hier und dort konnte man bereits die Reste anderer, lebendigerer Töne erkennen. Der Mann trug einen gealterten, heruntergekommenen Anzug: Überbleibsel einer Krawatte baumelten karg in der Windstille. Die Frau neben ihm trug einen Hosenanzug, der nicht weniger verödet und deplatziert wirkte. Zwischen den beiden war nur wenig Platz, aber angesichts der erdrückenden Wüste mit ihrer Ausdehnung waren sie fast fern voneinander. Ein Kaktus wusch zwischen ihnen halbhoch und verschwand augenblicklich, als er nach ihrer Hand griff. Wären diese Figuren real, dachte er, so würden sie dort nicht stehen, nicht minutenlang. Nicht, ohne sich umzusehen oder zu weinen. Er fuhr die Kamera etwas näher heran und betrachte die beiden. Ihre Augen zeigten keinerlei Gefühl, glänzten nur leer und starr: Eine größere Tiefe der Details lag außerhalb der technischen Möglichkeiten.
Es blieb am Beobachter, also an ihm hängen, die Lücke zu füllen; jedenfalls war es wohl so gedacht. Er sollte die Lücke schließen, die in der falschen Wirklichkeit klaffte, wenn einige Pixel wieder ein Eigenleben zeigten. Er sollte sich die Endlosigkeit der Wüste hinzudenken, wenn der Platz für Wüste, der Platz für Kakteen und für Farben oder Orte in den Speichern der Maschine erschöpft war. Die zerstörten Städte, die verwesenden Körper; die zerschlagenen Gebäude und die verendenden Tiere musste oder sollte er sich hinzuwünschen, damit die Illusion wenigstens in seinem Kopf perfekt wurde. Natürlich war es eine Utopie, die Dystopie im eigenen Schädel komplettieren zu können. Er dachte darüber nach, während die Sonne am Horizont sichtbar wurde und der Anzug der hohlen Figur an einigen Stellen zu dampfen begann. Könnte man sich hinzudenken, wie sich die Wüste hinter den Bergen am Rand der Simulation weiterzog? Sicher. Könnte man sich einige zerstörte Siedlungen hinzufantasieren? Ganz bestimmt. Aber den wahren Ausdruck, dessen Platzhalter diese Puppenaugen waren, würde man ihn je erahnen? Es blieb aussichtslos. Diese Fiktion, alt wie sie auch war, lag und liegt außerhalb dessen, was Empathie zu leisten imstande wäre. Es war und blieb eine falsche Wüste.

Die Wüste war voller Schluchten, Hügel und Abhänge, die sich zwar nicht glichen, aber dennoch eine fatale Ähnlichkeit zueinander aufwiesen, weil sie ein und derselbe Vorgang in endloser Wiederholung generiert hatte. Kakteen sprießten hier und dort, mal auf diese, mal auf jene Weise texturiert, doch wenn man es aus einem bestimmtem Winkel oder aus einer bestimmten Höhe überblickten könnte, so würde man das Muster ihrer Wiederholungen erkennen können: Ihr Variantenreichtum war ein kluger, aber doch ein durchschaubarer Einfall, der leicht als billiger Trick entlarvt wurde. Schwerer war abzusehen, wo der Rand dieser Welt verlief: vielleicht könnte man die Hügelkette im Norden noch erreichen, vielleicht auch nicht. Es war egal, früber oder später würde man die Grenze erreichen, ohne sie je queren zu können. Die beiden Puppen standen in der gleißenden Sonne, die ihre Kleidung entzündete.
Er sparte sich die Mühe, nach Sand zu greifen, den die technischen Beschränkungen ohnehin nicht zuließen: Es  war eine glatte, grob texturierte Oberfläche, die den Sand auf so kümmerliche Weise darstellen sollte, und wenn man darauf trat, konnte man hören, wie hohl es darunter war. Einige Meter ging er, um den seltsamen Tanz der Figuren zu beobachten: Er war allein mit zwei Puppen, die im roten Sonnenlicht verbrannten und sich dabei auf seltsame Weise krümmten, ohne einen Laut von sich zu geben. Es gab nicht mal das: nicht einmal Luft. Er sah zu, bis die Puppen ganz in Rauch aufgegangen waren. Ein Kaktus entstand an der Stelle, an der die beiden gestanden hatten, dieses Mal mannshoch. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass die fingierte Sonne ihm nichts anhaben konnte: Er würde hier ewig bleiben. Erst als er begriff, dass dies die wirkliche Wüste war, zog jemand den Stecker.

PS: Nun geht es also wieder los! Mit diesem kleinen Text setze ich mein Weblog fort. Ich hoffe, ich werde in der nächsten Zeit wieder mehr schreiben, und freue mich über Kommentare.

Eine Antwort zu “Die falsche (die wahre) Wüste”

  1. käthe sagt:

    schön ,nach so langer Pause wieder etwas von dir zu lesen. Der vermeintlich unabhängige Beobachter der falschen Wüste ist nun auch gesteuert worden und es stellt sich die Frage,wo die wahre Wüste(die Erkenntnis der Wahrheit) ist, vielleicht dort, wo sie jeder wähnt. Käthe

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