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Als die Straßenbahn rumpelnd auf dem Marktplatz hielt, fiel er mir zum ersten Mal auf. Ich blickte aus dem Fenster, und da stand er zwischen den anderen Menschen, die an der Haltestelle warteten. Vielleicht hätte ich es gleich sehen müssen; vielleicht wollte ich es nicht erkennen. Andererseits trug er eine Kappe, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, und eine Kapuzenjacke, so dass es schwer war, das Gesicht zu erkennen. Bei diesem Wetter war eine derartige Vermummung nicht ungewöhnlich: viele der Wartenden trugen Winterjacken und dicke Mützen. Ich weiß auch gar nicht genau, warum er mir auffiel: Da war etwas Vertrautes in seiner Statur, seiner Haltung. Und etwas Fremdes, eine irritierende Mischung. Jemand anders hätte vielleicht nur einen weiteren Wartenden gesehen, hätte nicht registriert, wie sehr er sich von den anderen abhob, doch genau das tat er: In dem Moment war er mir nicht wichtig genug, um weiter darüber nachzudenken, aber da war etwas. Irgendwie erschien er mir hier falsch zu sein, er sollte eigentlich woanders sein, nicht hier. Und ich hatte das Gefühl, als ob ich ihn schon einmal gesehen hatte, genau an dieser Haltestelle. Ich registrierte noch, wie er einstieg. Ich sah auch die Tasche, die er bei sich trug: sie hatte eine seltsame Farbe, und obwohl der Name darauf wohl eine Marke bewarb, kannte ich sie nicht. Dann blickte ich wieder auf mein Buch. Die Straßenbahn fuhr mit einem Ruck wieder an.

Das Buch hatte mir ein Freund gegeben; ich las es eigentlich nur, damit ich in meinem beruflichen Umfeld ein wenig mitreden konnte. Ich hatte für Philosophie nie viel übrig gehabt, und mit diesem Buch war es nicht anders. Im wesentlichen war es eine Abhandlung über den Begriff der Person. Der Verfasser, der wohl eine Größe in der akademischen Welt sein musste, argumentierte dafür, dass es eigentlich eine naive Sicht sei, Personen als irgendwie zusammenhängende Wesen zu begreifen. Ich muss zugeben, dass ich die Vorstellung irgendwie interessant fand. Schließlich begriffen wir uns doch stets als ein Wesen, ein Subjekt, an dem die Zeit und die Welt gewissermaßen vorbeiströmten. Natürlich veränderte uns die Zeit; natürlich würde ich nächstes Jahr jemand anders sein als heute. Aber ein Kern, ein zentraler Punkt, der blieb der gleiche, eben das, was wir Person nennen. Der Autor des Buches sah das ganz anders; für ihn war ich in dieser Sekunde eine Person, im nächsten eine andere. Was uns verband und sozusagen zu scheinbar einer einzigen Person zusammenschweißte, das waren nur die gemeinsamen Erinnerungen. Auf einer Feier hatten einige meiner Freunde darüber diskutiert, ich hatte das ganze eher amüsiert verfolgt, und mit der gleichen Ernsthaftigkeit las ich jetzt auch dieses Buch. Am Ende war es ja egal: wir waren, wer wir waren, daran würden Worte nichts ändern.

Ich sah, das meine Haltestelle die nächste war. Ich klappte das Buch zu; es ist wohl eine in gewisser Hinsicht zynische Wendung, dass ich den Satz, den ich gerade gelesen hatte, niemals zu Ende las. Vielleicht sollte man immer, wenn man ein Buch zuklappt, wenigstens den Satz beenden. Nicht wegen des Inhalts, nur wegen der Geste. Ich steckte das Buch wieder in meinen Rucksack, stand von meinem Platz auf und ging die paar Schritte zur Tür. Ich musste niemanden bitten Platz zu machen. Üblicherweise war die Bahn zu dieser Zeit überfüllt, doch nicht heute: Ich nahm das beiläufig wahr, ohne mir etwas dabei zu denken. Als der Wagen die letzte Kurve nahm, lehnte ich mich zur Seite: Es gab da eine kleine Unebenheit der Strecke, die ich gewohnheitsmäßig schon erwartete. Ich hasste es, die Haltestangen der Bahn zu berühren, ich musste mir immer vorstellen, wer und was sie schon benutzt hatte. Es war eine fast unbewusste Handlung, und ich hätte sie gar nicht an mir selbst bemerkt, wenn nicht ein anderer schräg hinter mir die gleiche Bewegung gemacht hätte. Ich sah mich nicht um, konnte ihn nur aus den Augenwinkeln erkennen. Zunächst erschien es mir einfach zu belanglos, um mich deswegen nach dem anderen umzudrehen: Als ich bemerkte, dass es der Mann mit der Cap und der Kapuze war, wagte ich es nicht mehr. Ich weiß nicht weshalb: ich fühlte mich plötzlich wie ein Kind, dass es nicht wagt, unter sein Bett zu schauen. Ich wusste, ich und der Mann, wir kannten uns. Er sprach mich nicht an, vielleicht war es ihm auch sehr lieb, dass ich stur auf die Tür starrte; dreh dich bitte nicht um, ja, ich glaube, so etwas wird er gedacht haben. Die Unebenheit kam, wo wir sie erwartet hatten: das Rütteln zog unsere Oberkörper wieder in die Gerade. Ich sah das Verlagshaus schon. Für einen seltsam gedehnten Moment dachte ich daran, was ich heute alles tun würde, nach meiner beschämend langweiligen Arbeit. Ich freute mich auf das Abendessen mit Anna, auf ihren Körper. Ich freute mich auf mein Bett und den Urlaub in drei Wochen. Dann hielt die Bahn: es dauerte immer einige Sekunden, bis sich die Türen öffneten. Ich hustete, um meine Nervosität loszuwerden; es funktionierte nicht. Der Mann hinter mir stand völlig regungslos, soweit ich das erkennen konnte. Als ich begriff, dass seine Bewegungslosigkeit kein Warten, sondern ein Zögern war, da war es eigentlich zu spät. Die Tür öffnete sich; ich sah den Schlag nicht, aber eine Bewegung. Ich fiel aus der geöffneten Tür; ich fühlte meine Beine zucken. Ich starb.

Ich brauchte drei Anläufe dafür: beim ersten Mal brachte ich es nicht einmal fertig, in die Bahn einzusteigen. Ich redete mir ein, es habe an der Menge von Leuten gelegen, aber das war natürlich Unsinn. Die Leute waren mir egal: Ich war einfach kein Mörder, das war alles. Ich suchte nach einer anderen Gelegenheit: Anderthalb Jahre später bot sich eine, in einer Hütte in den schottischen Bergen. Auch dort brachte ich es nicht fertig. Ich stand vor dem Bett, mitten in der Nacht. Ich hätte nur zuschlagen müssen, aber ich konnte es nicht. Dieses Mal war es nicht der Mut, der mich verließ; ich hatte nicht bedacht, dass sie auch dort war. Natürlich hätte ich alles dort beenden können, aber es wäre nicht richtig gewesen. Es wäre ein zu großer Schock für sie gewesen. Letztlich kehrte ich doch zu dem Tag zurück, den ich ursprünglich ausgewählt hatte. Ich hatte ihn mit Bedacht ausgesucht; die Bahn war nicht sehr voll gewesen, und die Videoüberwachung wurde in dieser Woche gewartet, so dass man es nicht aufzeichnen würde. Niemand war dort ausgestiegen, von mir einmal abgesehen. Aber zwischen dem Zusammentreffen in Schottland und dem in der Bahn vergingen einige Jahre; ich hatte erkannt, dass ich mich nicht von Hass leiten lassen durfte. Soviel hatte ich verstanden; Sich selbst zu hassen war im Grunde die gleiche Art von arroganter Selbstgefälligkeit, die sich auch im Hass auf andere fand. Es war einfach, es war billig zu hassen. Die Dinge wurden dann ganz einfach, weil sich der Versuch das Falsche im Anderen – oder eben in einem selbst – zu heilen von selbst verbat; es blieb nur die Auslöschung des Falschen, zusammen mit dem Anderen. Also versuchte ich es auf andere Weise: Ich passte mich auf einem langen Spaziergang durch den Wald ab. Stundenlang redete ich mit mir selbst; ich erklärte, was geschehen würde, welche Abzweigungen er in seinem Leben auf gar keinen Fall nehmen durfte. Ich versprach mir, es anders zu machen; ich schwor es. Ich glaubte mir, und das war der Fehler; es änderte sich nichts, gar nichts. Ich beließ es nicht bei dem einen Versuch; zweimal, dreimal besuchte ich ihn/mich noch, einige Jahre vor dem Spaziergang im Wald, einige Jahre danach. Am Ende erkannte ich, wie unausweichlich es blieb. Egal, welchen Zeitpunkt ich wählte; diese Falschheit, diese Brutalität, diese Verlogenheit war schon immer in mir gewesen. Natürlich hatte ich mir jedes Mal geglaubt als ich schwor, ihr niemals ein Leid anzutun, und mit ebensolcher Selbstverständlichkeit hatte ich es am Ende doch getan. Mich und meine vielen Alter Egos trennte die simple Erfahrung, sie wirklich zu Grunde gerichtet zu haben, und das war ebenso unaufhebbar wie unvermittelbar. Ich konnte, ich wollte es auch nicht ein viertes, ein fünftes Mal versuchen. Bei meiner Rückkehr hatte ich jedes Mal gehofft, ja gebetet, dass ich es dieses Mal geschafft hatte, mich zu überzeugen, und jedes Mal stand ich doch erneut an Annas Grab. Es kam mir der Gedanke an dieses Buch, und an das, was ich damals darüber gedacht hatte; wir waren, wer wir waren, und Worte konnten daran nichts ändern. Also kehrte ich zu meinem ursprünglichen Plan zurück. Es gab, das war mir klar geworden, keine andere Möglichkeit, und demnach war es auch kein Hass, der mich dieses Mal in die Bahn einstiegen ließ. Ironischerweise war mein Antrieb sicher der Charakterzug, dessen Wirken ich stoppen wollte; wenn ich keine andere Möglichkeit sah, meine Ziele anders zu erreichen, war ich fast beiläufig dazu bereit, mich mit Gewalt durchzusetzen – mir zu nehmen, was ich wollte. Ich rede mir ein, dass diese Grausamkeit in mir in diesem einen Fall etwas Gutes bewirkt hat. Ich weiß, dass sie noch lebt; ich weiß, dass ich ihr nichts mehr antun kann. Aber natürlich ist das eine Lüge. Etwas Gute hätte nur der Mann tun können, den ich in der Straßenbahn erschlagen habe; was ich dagegen getan habe, das war nur der Exzess einer Schwäche, die man sehr treffend als das Scheitern an sich selbst bezeichnen könnte.

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