Kategorie 'fortlaufende Erzählungen'

Das Tagebuch – Insekt (3)

Diesen Artikel drucken 8. Dezember 2007

Dritter Eintrag:

Mein letzter Bericht ist noch nicht lange her, zumindest in meinem Empfinden; ich habe es aufgegeben, an diesem Ort ein echtes Maß für Zeit zu suchen .
Ich habe schon vieles gesehen in dieser Wohnung und sehe ständig mehr. Im Moment lese ich – d.h. liest das Wesen, das ich für mein Alter Ego halte – ein Buch, einige Meter entfernt. Er sitzt ganz ruhig da und liest, obwohl ich keine Buchstaben auf den Seiten sehe, nicht einmal einen Titel. Es ist ein dickes, großformatiges Buch, vielleicht ein Lehrbuch. Ich denke, ich habe studiert; sicher bin ich mir nicht, aber ich vermute es. Ich schätze mein Alter auf 20 bis 30; wenn ich mir die Einrichtung der Wohnung dazu ansehe, bin ich wahrscheinlich wirklich Student.
Natürlich sehe ich mir nicht stundenlang beim Lesen zu. Noch vor kurzem fand eine Geburtstagsfeier statt; einer der Gäste hätte sich beinahe auf mich gesetzt, hockte sich dann jedoch wortlos auf den Boden neben der Couch; auch hier bemerkt mich niemand, es ist so, als wäre ich nicht da. Und doch ist es hier anders als in dem Kinderzimmer. Es ist so, als befände sich die Wohnung und die Menschen in ihr in einer Art Fluss – ja, alles fließt. Es gibt eine gewisse Unschärfe in allem, was ich sehe, als wäre da ein durchscheinender Vorhang vor meinen Augen. Die einzelnen Szenen besitzen zwar einen Ort, einen ausgedehnten Moment, aber darüber hinaus ist nichts fest. Alles bewegt sich. Nein, das trifft es wohl nicht ganz; ich denke, mir wird etwas Bestimmtes gezeigt, ohne dass ich erkennen könnte, was es ist. Vielleicht ist es natürlich auch nur Zufall – aber nein, das glaube ich nicht. Manchmal haben die Ereignisse einen speziellen Ablauf, eine bestimmte… Art. Es ist schwer zu erklären; es ist ein wenig so, als kämen die Dinge, die hier geschehen, von einem uralten Band. Manchmal stockt es, bleibt kurz stehen, als wolle es etwas verdeutlichen; manchmal läuft es sogar einige Sekunden vor und zurück. Andere Szenen dagegen erscheinen mir gestaucht, als würde das Band sich schneller abwickeln, so wie die Geburtstagsfeier, die plötzlich schon wieder vorbei war.

Ich weiß nicht, wann es begann – ich saß eine Weile dort, auf dem Sofa. Ich berichtete schon davon, oder? Ja, ich sehe es, davon habe ich schon geschrieben. Irgendwann hörte ich ein Türschloss leise klicken, dann ein weiteres. Ich wartete – doch es kam niemand. Vielleicht wäre auch nie jemand gekommen, hätte ich einfach nur weiter auf der Couch gesessen, wer weiß das schon; ich jedenfalls stand auf und untersuchte die Türen erneut.
Die Tür zum Bad öffnete sich mühelos. Ich bin mir sicher, sie war zuvor verschlossen gewesen, doch jetzt konnte ich eintreten. Wasserdampf schlug mir entgegen, und das Rauschen von Wasser. Jemand duschte, verborgen durch den Vorhang. Einen Moment lang, das kannst du dir sicherlich denken, zögerte ich. Dies ist sicher wieder ein Spiel – natürlich. Aber dennoch, man beobachtet niemanden beim Duschen, oder? Selbst, wenn er nur eine… ich weiß kein Wort dafür.
Nichtsdestotrotz musste ich, wollte ich erfahren, wer dort in meinem Badezimmer duscht; zumindest lag die Annahme nah, dass es meine Wohnung war. Einige der Poster im Wohnzimmer kommen mir vage bekannt vor, und außerdem habe ich unter der Couch ein Pappschachtel mit ein paar meiner alten Muscheln gefunden. Sie waren nicht so schön poliert wie die gekaufte auf dem Tisch, aber einige von ihnen sind zweifelsohne die selben wie jene aus der Kiste, die ich hierher mitnahm; seltsam, was nur fand ich so besonders an diesen Skeletten.
Wie auch immer, ich schob also den Duschvorhang zurück. Dahinter war – eine Frau. Sie bemerkte mich nicht, aber etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.
Vielleicht wirst du nicht verstehen, warum ich da blieb und sie beobachtete – unter normalen Umständen wäre es sicherlich absolut verwerflich, aber gewöhnlich sind die Umstände nun sicher nicht. Und so blieb ich; ich kann dir nicht sagen, wie lange. Das ganze dauerte vielleicht zwanzig Minuten, vielleicht vierzig, vielleicht sogar eine Stunde. Ich sagte schon – hier scheint alles im Fluss zu sein.
Die Frau war sicher hübsch, das kann ich sagen. Ich schätze sie auf Mitte 20, höchstens. Ihre Haut war noch makellos, und auch in ihrem Gesicht zeigten sich keine Falten. Ihre Haare waren schwarz, ganz schwarz, ihre Augen braun. Sie hatte eine wunderbare Figur, auch wenn die ganze Szene kaum etwas Sexuelles besaß – versteh mich nicht falsch, sie war attraktiv und nackt, aber eben auch so… weit entfernt. Ich hatte dieses Gefühl schon oft; dass alles so weit entfernt ist. Was ich sehe, das macht eine lange Reise bis zu meinen Augen, und auf dem Weg wird das Licht alt. Ich will nicht behaupten, diese Frau hätte mich nicht angesprochen – das würdest du vermutlich ohnehin nicht glauben. Aber es war etwas Gedämpftes, Leichtes. Etwas Vergangenes vielleicht.
Nun, ich habe sie nicht erkannt. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor; auch ihr Körper. Etwas äußerst Vertrautes war an ihr, ich konnte es fast greifen, aber – ich erkannte sie nicht. Da war auch keine Emotion, kein Gefühl, nichts. Inzwischen weiß ich, dass ich mit ihr zusammen gewesen sein muss, eine lange Zeit sogar, und das stimmt mich traurig. Sollte ich mich nicht daran erinnern? Ein wenig zumindest. Es hätte mehr bleiben müssen als diese zerstreute körperliche Vertrautheit, oder?
Ich blieb also dort neben dem zurückgezogenen Vorhang stehen. Eine ganze Zeit lang musterte ich sie nur, musterte sie ganz, um doch einen Menschen zu finden, den ich erkennen könnte, aber ich fand niemanden, nur diese halbfremde Frau in meinem Bad. Eigentlich fand ich sogar weniger als eine Fremde; je länger ich hinsah, desto verwaschener wurden ihre Züge, desto fratzenhafter ihre Proportionen. Mein Blick war so starr, dass ihre Arme und Beine fast zu Streichhölzern wurden; ihre Brüste zerfielen in zerquetschte Kugeln. Ihre weiche glatte Haut verdarb, wurde zu einem bräunlichen Panzer, der matt glänzte.
Das machte mir keine Angst; vielleicht erkannte ich sie darin, in dieser Karikatur. Etwas ließ mich an ein Insekt denken dabei; ein ungelenkes, dummes Insekt, dass die Beinchen und die Ärmchen hebt und sich mal hier, mal dort schrubbt, als würde das etwas besser machen.
Ich weiß nicht, was mich zu diesem Gedanken trieb; aber am ehesten erkenne ich dieses Wesen in dem Insekt wieder, dass ich mir vorstellte. Irgendwann jedenfalls stellte sie das Wasser ab und stieg aus der Badewanne; ich ging hinaus und hörte die Tür hinter mir wieder zuschnappen; ich denke, ich hatte gesehen, was ich sehen sollte.
Danach habe ich sie noch oft gesehen, diese Kreatur, meist bekleidet. Ich denke, wir wohnten hier zusammen; ich habe sie mit mir frühstücken sehen, ich weiß nicht, wie oft. Ich sah mich mit ihr Fernsehen, auch wenn ich die Filme nicht wirklich verfolgen konnte. Einige Male fand ich eine Idee, einen Anflug von Vertrautheit in den verwaschenen Streifen auf dem Bildschirm, mehr nicht. Für mich blieb der Schirm blind. Ich sah mich mit ihr schlafen; ich kann nichts Falsches mehr daran erkennen, es zu beobachten, seit ich dieses Insektenbild im Kopf habe.
Ich sah auch viele andere Szenen, aber die meisten davon schienen sich zu überschneiden; selbst das Sonnenlicht vor den trüben Scheiben wechselt seltsam unregelmäßig mit der Dunkelheit, so dass ich beides manchmal nicht genau trennen kann. Ich sprach schon vom Fließen, oder? – Ja, das tat ich.
Gern würde ich dir genauer sagen, was ich noch beobachtete. Aber auch in mir bleiben die einzelnen Ereignisse seltsam verbunden. Es fällt mir schwer, einzelne herauszugreifen, ohne alle fallen zu lassen. Ich weiß etwa, es gab da einen Streit zwischen meinem Alter Ego und ihr, vielleicht auch mehrere; aber viel mehr kann ich nicht sagen. Überhaupt bleiben mir Dialoge hier ebenso verborgen wie das Bild auf dem Fernsehschirm; ich höre die Personen reden, wie eben auch die Menschen auf der Party vor kurzer Zeit, aber ich verstehe nicht einmal Silben. Es ist so, als würde ich an einer dicken Wand lauschen. In manchen Gesprächen meine ich, einen fernen Inhalt zu erkennen; aber er bleibt nebulös und kaum greifbar.
Es gibt nur eine Szene, von der ich dir noch berichten sollte, solange hier Ruhe herrscht; sie ist mir genau im Gedächtnis geblieben, wohl auch, weil sie so lange anhielt; ja, anhalten ist das richtige Wort.
An einem Abend (ich glaube, es war ein Abend) saß er hier genau wie er es jetzt auch tut. Dann jedoch hörte er wohl ein Geräusch, dass ich nicht genau einordnen konnte, und stand auf. Zunächst dachte ich, dies sie nur ein weiterer Übergang, ein weiterer Wechsel in der Zeit. Doch dann sah ich eine scharfe, rote Sonne durch die Fenster scheinen, und mir wurde klar, dass etwas wichtiges geschehen würde.
Er ging also aus dem Zimmer. Ich blieb sitzen und hörte nach einigen Sekunden das leise Plätschern von Wasser; ich hätte wieder einfach dort bleiben können, abwarten können. Doch so lange ich auch gewartet hätte, es wäre wohl nichts geschehen. Also stand ich auf, um ihm folgen; ich fand ihn im Bad, er stand dort und betrachtete sie, während sie duschte.
Ich weiß nicht warum, aber ich konnte sie nicht mehr ansehen. Zumindest nicht so, wie ich es tat, als ich sie zum ersten Mal beobachtete. Sah ich zu ihr hin, am Duschvorhang vorbei, dann sah ich augenblicklich wieder diese Kreatur, dieses große Insekt.
Er dagegen, soviel kann ich sagen, er starrte regelrecht. Sein Blick war so fixiert, dass ich einen Augenblick fürchtete, es würde wieder so enden wie beim letzten Mal. Für einen Moment glaubte ich, gleich wieder diesen seltsamen Satz zu hören und zu fallen.
Aber so war es nicht – er musterte sie einfach nur durch mich hindurch. Ich wagte es, mich zwischen die beiden zu stellen, um ihm in die Augen sehen zu können; in seinem Blick fand ich nichts besonderes. Er war klar und konzentriert, aber mehr nicht. Da war keine Emotion – wenn doch, dann konnte ich sie nicht erkennen.
Ich hatte einen seltsamen Gedanken, während ich dort so stand: Wenn ich so lange mit ihr zusammen gewesen war, warum war sein Blick dann so leer? Ich konnte keine Zärtlichkeit darin erkennen, nicht mal Begehren, nichts. Er musterte sie wirklich nur, vielleicht ganz so, wie ich es getan hatte, als ich hier ankam.
Ich dachte darüber nach, ich weiß nicht wie lange; ich hörte nur das Wasser rauschen, lange Zeit. Irgendwann griff er an mir vorbei und zog ganz den Vorhang ganz zu. Dann ging er wieder ins Wohnzimmer.
Ich bin mir nicht sicher, warum er überhaupt dorthin gegangen war. Ich glaube nicht, dass sie ihn bemerkt hat; ich verließ das Bad nach ihm und schloss die Tür ebenso leise wie er getan hatte. Ich weiß nicht, was er gedacht hat, als er ihr ins Bad folgte, auch nicht, was er dachte, als er dort so stand und starrte. Vielleicht hat er etwas Ähnliches


Ich denke, die Ruhe ist vorbei. Er ist gerade aufgestanden und hat den Raum verlassen. Jetzt höre ich laute Stimmen aus der Küche; ich sollte ihm folgen. Bis bald.

Das Tagebuch – Kinder (2)

Diesen Artikel drucken 20. August 2007

Zweiter Eintrag:

Ich denke, jetzt kann ich wieder schreiben; ja, es geht. Ich habe fast schon geglaubt, dass sei das Ende, aber jetzt bin ich wieder hier und kann dir berichten. Gern würde ich dir genauere Erklärungen liefern als zuvor, aber ich fürchte, es ist nur noch verworrener geworden.

Aber ich sollte vorn beginnen, an der Stelle, an der ich auch aufgehört habe; es kommt mir ein wenig verschwommen vor, was ich dir beim letzten Mal schrieb, als wäre es vielleicht doch nicht richtig: ich muss mich wohl entschuldigen, aber du wirst weiterlesen müssen, ohne einen Namen zu kennen. Es ist schwer zu erklären, aber ich las die ersten beiden Seiten meines kleinen Tagebuchs noch einmal, während das Chaos um mich noch glühend heiß war und ich nichts tun konnte, als auf diese beiden Seiten zu starren. Die Schrift ist seltsam, aber ich habe es geschrieben, daran erinnere ich mich. Dennoch, der Name, er kam mir so fremd vor. So als wäre er gar nicht meiner. Ich weiß, es klingt merkwürdig, aber ich musste ihn ausradieren, ich konnte nicht anders. Wenn ich es genau bedenke – Nein, das war nicht meine Name. Er kann es nicht gewesen sein; auch wenn einen das Gedächtnis betrügt, müsste da doch ein entferntes Wiedererkennen sein, oder etwa nicht? So war es doch immer mit Namen, die man lange nicht mehr gehört hatte: Vielleicht schienen sie aus der Erinnerung gelöscht zu sein, aber dennoch blieben sie einem vertraut, wenn man sie wieder sah.
Einen neuen Namen habe ich auch nicht – ich habe darüber nachgedacht, aber mir fällt keiner ein. Keiner, der mir wirklich vertraut wäre, und ich möchte dir nicht irgendeinen beliebigen nennen. Wer wäre ich dann noch, hier, am Rand von allem, wenn ich mir irgendeinen Namen geben würde; auch ich wäre dann beliebig, nicht wahr, und so bleibe ich lieber namenlos.

Doch genug davon, ich wollte berichten. Da waren diese Schritte vor meiner Tür, ich habe es dir geschrieben. Kaum hatte ich den Stift beiseite gelegt, da kam wirklich jemand herein. Er kam herein, ohne anzuklopfen, ein kleiner Junge von vielleicht acht Jahren. Ich denke, ich war es selbst; sicher bin ich mir freilich nicht, aber er trug einen gelben Schlafanzug mit einem Muster, das mir bekannt vorkam. Ja, ich denke, so einen hatte ich auch schon einmal. Männchen in bunten Anzügen waren darauf, ich glaube, sie gehören zu einer Fernsehserie; so wird es sein.
Der Junge ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Ich sprach ihn an, doch er reagierte nicht; ich bin mir sicher, dass er mich auch gar nicht hören konnte. Jedenfalls war da nicht das geringste Anzeichen einer Reaktion, als ich sein Gesicht im Halddunkeln sah. Er ging zu seinem Bett und setzte sich darauf, als würde er auf etwas warten. Ich stand auf, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Jetzt weiß ich gar nicht mehr genau, warum ich das tat; eigentlich war ich mir absolut sicher, dass auch das nichts ändern würde. Dies ist nur eine Bühne, dachte ich, und ich bin nur ein Zuschauer. Dennoch stand ich auf. Vielleicht wollte ich nur sehen, ob er wirklich real war, dieser Junge, ob sein Herz schlug. Fast schon war ich mir sicher, dass ich einfach durch ihn hindurchfassen würde, dass ich nur Luft berühren würde. Das auch er nur ein Geist war. Ich hielt den Atem an, als ich neben ihm stand. Er sah immer noch irgendeinen Punkt auf dem Fußboden an.
Und dann spürte ich ein Herz unsicher und hart schlagen, als meine Hand kurz auf seiner Schulter ruhte; ja, er war ein Mensch, das weiß ich nun sicher; ich weiß nicht, was seinen Puls so trieb, aber es war Blut, das durch seinen Körper strömte.
Dann nahm der Junge meine Hand. Für einen Moment glaubte ich, ich hätte eine Art Zauber gebrochen, und gleich würde er zu sprechen beginnen, mich erkennen. Doch nichts dergleichen geschah. Er blickte weiter starr irgendwohin, stand auf und führte mich wieder zu dem Platz, an dem ich zuvor gekauert hatte; es schien, als bewege er sich nicht bewusst. Es war mehr so, als würde er ein Insekt verscheuchen, ganz automatisch und ohne darüber nachzudenken. Dann ließ er meine Hand los. Ich versuchte, noch einmal in seine Augen zu sehen, doch sein Blick ging ganz natürlich an mir vorbei; ich denke nicht, dass er mich bemerkt hat. Du wirst dich fragen, warum ich ihn nicht geschüttelt habe, warum ich ihn nicht angeschrieen habe. Aber irgendwas in der Berührung seiner Hand ließ mich in dieser Ecke stehenbleiben, während der Junge zurück zum Bett ging. Nun denke ich, dass das auch das Vernünftigste war. Es hätte nichts gebracht, zu toben: Er konnte mich nicht sehen oder hören.
So setzte ich mich wieder in meine Ecke, und dieser kleine Junge – ich bemerkte, ich hatte damals schon diese fast grauen Strähnen im Haar – setzte sich wieder auf das Bett. Es dauerte nicht lange, vielleicht nur Sekunden, dann hörte ich wieder Geräusche von draußen; der Junge seufzte, das konnte ich hören, dann flog die Tür fast aus den Angeln.
Ich schrak zusammen, der Junge blickte nur zu der Gestalt, die dort im neonfarbenen Gegenlicht stand. Sie war groß, vielleicht so groß wie ich. Ich konnte das Gesicht nicht erkennen, wohl aber den Stock in seiner Linken, dicker als zwei oder drei Finger. Der Mann atmete schwer und lehnte sich ganz leicht gegen den Türrahmen. Ich konnte nicht sehen, wohin er blickte, aber ich denke, er sah den Jungen an, zwei, vielleicht drei Sekunden. Dann trat er vor, ganz langsam, bis in die Mitte des Raumes, blieb dort stehen.
Und für einen Moment fühlte ich etwas Seltsames; nun, da es schon eine Weile her ist, verschwimmt die Empfindung: Aber ich denke, ich habe noch nie so sehr gehasst wie in diesem Augenblick. Während er sich mit seinen langsamen, fast lässigen Schritten durch den Raum bewegte, schossen mir die Tränen in die Augen. Ich wollte aufstehen, ich musste, hätte ich es gekonnt, ich hätte die Welt in Stücke gerissen. Aber ich konnte nicht, der Griff des Jungen hatte mich gebannt; schreien wollte ich, schreien und toben, aber nur ein ersticktes Pfeifen kroch über meine zerbissenen Lippen. Jetzt, wo ich es aufschreibe, komme ich mir hysterisch vor: versteh mich nicht falsch, aber ich kannte diesen Mann nicht. Lange habe ich darüber nachgedacht, aber ich kenne ihn nicht, soweit ich mich erinnere. Nichts an ihm hat mich an irgendetwas erinnert, aber in diesem kurzen Moment glaubte ich, ihn und seine Absichten erkannt zu haben; Das ist merkwürdig. Auch wusste ich, dass ich ohnehin nichts tun kann, und es war nicht nur der Wunsch, den Jungen zu beschützen, der mich in diesen Augenblicke packte. Ich würde dir auch gern das erklären, aber ich kann nicht; ich kannte den Mann nicht, und ich möchte auch nicht länger über ihn sprechen. Während ich mich also auf dem Boden wand, ging der Mann einen Schritt auf den Jungen zu, unendlich langsam und gedehnt. Ich sah durch den Tränenschleier, dass der Junge auf den Boden direkt vor sich blickte. Ich sah auch, wie er den Blick langsam hob, als der Mann ruhig und ohne einen Ton ausholte; sein Blick traf mich für einen Moment, und ich erkannte eine klare, überschäumende Kälte darin, die mich meine Wut fast vergessen ließ.

Und dann geschah etwas Seltsames. Zunächst dachte ich, der Schläger würde nur noch einen Moment warten, den Augenblick bis zum letzten auskosten, bevor er zuschlug. Aber dann begriff ich, dass ich seine Atemzüge nicht mehr hören konnte. Er stand nur noch da, wie erstarrt, den Arm zum Schlag ausgeholt.
Ich weiß nicht, wessen Stimme es war, die ich hörte; meine war es nicht, auch nicht die des Jungen, auch wenn es seine Lippen waren, die die Worte ausstießen. Ich hörte sie auch nicht sofort, sie schien sich mehrmals zu wiederholen. Als ich die Worte jedoch bewusst hörte, da stand der Junge plötzlich neben mir: Der große Mann war immer noch in seiner Haltung verharrt, er musste an ihm vorbeigegangen sein. Ich blickte in die Augen des Jungen, ich konnte aber auch nicht anders; zum ersten Mal hatten sie mich fixiert, mich wirklich wahrgenommen. Aber es waren nicht seine; vorher waren sie blau gewesen wie meine, jetzt jedoch hatten sie eine unbestimmte Farbe und einen schwer zu lesenden Ausdruck. Es war wohl Trauer, die ich sah, doch das erkannte ich erst, als ich die Stimme des Mädchens, das dort zu mir sprach, zum zweiten Mal hörte; sie sagte nur dieses, mit einem fernen Klang:
„Warum, Vater? Warum?“
Ich hörte diesen Satz wohl noch einige Male und sah, wie eine Träne durch des Gesicht des Jungen, der ich einmal war, lief. Dann wurde es wirklich verrückt.
Die genaue Reihenfolge kann ich dir nicht mehr nennen, es ist alles so verschwommen. Relativ sicher bin ich mir, dass es die Wand hinter dem Bett war, die als erstes explodierte. Zuvor hörte ich eine Maschine oder etwas ähnliches, dann wurde die Wand einfach zerrissen; ich sah dahinter nicht viel, nur Schwärze und einige blendende Lichter. Es ging zu schnell, aber ich denke, es war ein Splitter aus dieser ersten berstenden Wand, die den Jungen am Kopf traf. Er ging sofort zu Boden, und eine Sekunde später konnte ich ihn nicht mehr sehen. Ich glaube, er war sofort tot.
Im Schreck hatte ich mich an die Wand hinter mir gedrückt; diese zerriss als nächstes, ohne mich zu verletzen; wahrscheinlich wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Ein Stück des Fensterbrettes traf den unbeweglichen Schläger, der immer noch ungerührt in der Mitte des Raumes stand, und riss ihm den Bauch auf. Danach schien es mir für einen Moment, als wäre es wieder ruhig; doch dann zerstoben auch die anderen beiden Wände, die Decke, zuletzt der Boden, und ich fiel.
Wie lange ich fiel, kann ich nicht sagen. Es könnte lang, aber auch kurz gewesen sein. Ich denke, eine Zeitangabe würde auch keinen Sinn machen; für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Auf dem Weg sah ich nicht viel: Einmal noch sah ich den Jungen, er sagte wieder diesen seltsamen Satz mit der falschen Stimme. Dann wurde es ganz dunkel; das Denken fiel mir schwer. Eine Sache noch kann ich aus dieser Zeit berichten; ich hörte ein Rauschen, ein rhythmisches Rauschen. Fast wie Atemzüge, aber irgendwie dumpfer.
Schließlich stand ich in einem anderen Zimmer; es gab da keinen Übergang, im einen Moment fiel ich, im nächsten stand ich hier. Während ich schreibe, sitze ich auf einer roten Couch in diesem Raum, in dem ich wieder zu Verstand gekommen bin. Einige Stunden lag ich wohl auch darauf und schlief; ich musste mich eine Weile sammeln. Als ich erwachte, fand ich diesen seltsamen Kasten voller Muscheln neben mir und mein Tagebuch.
Meine Umgebung kann ich nicht einordnen; es sieht ein wenig aus wie das Wohnzimmer in einer Mietwohnung; die Möbel wirken recht billig und modern. An den Wänden hängen Poster mit karibischen Sonnenuntergängen und leicht bekleideten Frauen. Über einem Schrank voller Bücher hängt eine Flagge, ich glaube, sie gehört zu Kuba. In die Bücher habe ich schon hineingesehen; sie sind unleserlich. Manche Seiten sind zwar bedruckt, aber die meisten sind leer. Bei manchen hört der Druck mitten im Satz auf. Die anderen Zimmer habe ich noch nicht gesehen; die Türen sind verschlossen. Auch hier fand ich übrigens eine Muschel; sie lag auf dem Tisch, als Dekoration.
Ich habe übrigens beschlossen, diese Papiere in die alte Kiste aus meinem Kinderzimmer zu legen, die Sammlung werde ich wegwerfen; du wirst das nicht verstehen, weil ich schrieb, wieviel sie mir bedeutet hat. Ich erinnere mich daran; auch erinnere ich mich daran, wie ich sie sammelte, zumindest teilweise. Aber dennoch, die Sammlung kommt mir fremd vor, als hätte ich sie einem anderen gestohlen. Sie bedeutet mir nichts mehr, und ich brauche die Kiste ohnehin, wenn ich mein Tagebuch nicht wieder verlieren will.
So. Ich denke, mehr kann ich dir im Moment nicht berichten. Ich werde noch eine Weile hier sitzen und über den seltsamen Satz nachdenken, den das Mädchen ständig wiederholte. Du musst mir glauben, ich habe nie einem Kind etwas angetan. Du hast Recht, ich kann mich an so vieles nicht erinnern, aber bitte glaub es mir dennoch. Die Stimme des Mädchens kannte ich einmal, da bin ich mir fast sicher; aber ich habe ihr niemals etwas angetan.
Ich werde wieder schreiben, wenn es etwas zu berichten gibt.

Das Tagebuch – Prolog (1)

Diesen Artikel drucken 27. Januar 2007

Erster Eintrag:

Hallo, ich grüße dich, wer immer du auch bist. Vermutlich wird niemand das hier jemals lesen können – es liegt zumindest aus meiner Sicht nahe, dass es nie jemand lesen wird. Aber offensichtlich hat jemand dieses Bündel gefunden, der meine Geschichte lesen kann.
Warum ich dies jetzt schreibe, wirst du dich jetzt fragen. Nun, ich weiß das nicht so genau. Genau genommen weiß ich sogar eine Menge nicht, aber dazu später mehr.
Ich habe diesen Stift, mit dem ich schreibe, und diese Blätter, die du gerade in Händen hältst, gefunden; vielleicht wirst du sie auf die selbe Weise finden wie ich. Offenkundig bringt mich Zettern und Toben hier nicht weiter, an diesem Ort, wo immer das auch ist, da scheint es mir einfach logisch, die Geschichte aufzuschreiben. Etwas anderes bleibt mir nicht zu tun, und untätig bleiben möchte ich nicht.

Ich sollte an dieser Stelle warnen; es ist möglich, dass dich dieses – mein – Tagebuch, wie ich es nennen werde, schockieren wird. Du solltest dir wirklich überlegen, ob du weiterlesen möchtest. Bitte, überleg es dir gut; ich meine das ganz ernst. Überleg es dir.

Nun, ich beginne am besten mit den wichtigen Dingen; Mein Name ist [geschwärzte Stelle], ich bin etwa 40-50 Jahre alt, genau weiß ich das nicht (merkwürdig, nicht? Sowas sollte man nicht vergessen, oder?). Meiner Erinnerung nach habe ich einen Beruf ausgeübt, der viel mit den großen Maschinen auf Baustellen zu tun hatte, auch das kann ich nicht präzisieren. Ich habe nur noch einige Bilder im Kopf, auf einem ist ein Mensch abgebildet, der ich wohl sein könnte (es gibt hier keine Spiegel), mit einen Helm, neben einem Kran; daneben sehe ich einige große Gebäude, Wolkenkratzer, deren Architektur mir fremd ist. Auch sehe ich mich selbst neben einer Frau, die in meinem Alter sein könnte; vielleicht ist das meine Frau. Ja, sicher sogar, da ist ein merkwürdig vertrautes Gefühl, wenn ich an das Gesicht dieser Frau denke, als hätte sie mir einmal viel bedeutet. Ich weiß nicht, ob wir Kinder haben, vielleicht.
Gut, jetzt weißt du, wer ich bin, und keiner der Sätze oben sollte schwer zu glauben oder nur zu verstehen sein. Viel mehr kann ich dir auch nicht sagen, vieles scheint mir geschwunden zu sein.
Nun sollte ich wohl erklären, wo ich bin; aber ich fürchte, das ist mir unmöglich, ich weiß es einfach nicht genau. Ich kann dir nur sagen, dass hier die unglaublichsten Dinge geschehen. Viel wesentlicher und schwerer zu akzeptieren dürfte allerdings sein, wie oder was ich bin. Deshalb werde ich es jetzt ganz direkt aufschreiben, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich es selber glaube.

Ich bin tot.

Tja, das ist es. Ich bin tot. Erledigt. Mausetot.
So. Glaub mir, nicht nur du stellst dir jetzt einige sehr wesentliche Fragen; ich bin auch nicht ganz sicher, ob ich dieses Ungeheuerliche für wahr halten darf.
Ich kann dir nur versichern; es stimmt. Ich habe das sichere Gefühl, tot zu sein. Woher ich die Gewissheit nehme? Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich ist das ganz einfach; genau so, wie ich mal wusste, dass ich am Leben bin, weiß ich jetzt eben, dass ich tot bin.
Vermutlich fragst du dich jetzt, wie das ist, tot sein, sterben; aber weißt du, dazu kann ich dir nur sagen, dass beides vollkommen überschätzt wird. Aus meiner Sicht ist es ziemlich überzogen, was wir im Leben alles auf den Tod verwenden. Ich zumindest habe weder ein helles Licht gesehen, noch habe ich mit Petrus gesprochen; ich erinnere mich nicht an große Schmerzen, und auch nicht an irgendwelche Unannehmlichkeiten. Es ist einfach so, als würdest du durch eine Tür treten; du trittst über die Schwelle, machst einen Schritt – und bist tot. So einfach ist das. Wie sich das ‚Tot sein‘ anfühlt, darüber bin ich noch nicht ganz sicher; eigentlich fühlt es sich wie immer an. Andererseits ist es hier ziemlich einsam, wo auch immer ‚hier‘ ist.
‚Hier‘ – das ist Moment ein recht dunkles Zimmer, eins, in dem ich aufgewachsen bin, wenn ich mich recht erinnere. Die Tapete kommt mir auf jeden Fall bekannt vor, es sind kleine Affen und Zebras darauf, die mich in der Dunkelheit trübe anglotzen; ich erinnere mich auch den Ball in der Ecke des Zimmers, und als ich einer Intuition folgend unter das Bett sah, da fand ich meine alte Muschelsammlung, ganz ordentlich sortiert und abgedeckt. Es ist seltsam – ausgerechnet daran erinnere ich mich. Du musst wissen (ich hätte es schon am Anfang bemerken sollen; ich hoffe, du störst dich nicht am ‚Du‘.), ich war als Kind sehr stolz auf diese Sammlung; ich habe sie alle selber gefunden. Oft war ich mit meinem Vater (oder war es meine Mutter?) draußen, am Wochenende, und habe die gemusterten Schalen im Schlick gesucht, bis ich fast so durchnässt war wie meine Muscheln – eine schöne Erinnerung. Vielleicht ist sie mir deshalb geblieben.
Sonst erinnere ich mich nicht an viel in diesem Zimmer, aber ich glaube nun fest, das es meins sein muss – oder besser, es einmal war. Ich weiß nicht genau, wie lange ich hier schon sitze, selbst während ich dies schreibe; vielleicht kennt dieser Ort im herkömmlichen Sinne auch keine Zeit. Aber das Schreiben hilft, die Gedanken zu fokussieren; mir ist, als hätte ich nie einen Gedanken wirklich gedacht, in diesem Zimmer, bevor ich damit anfing.
Nun, so stellt sich mir jetzt auch die Frage nach dem Warum, die ich vorher nicht einmal in Erwägung gezogen habe; warum bin ich hier?
Ich bin tot, soviel steht fest. Aber irgendwie erwartet man.. etwas. Etwas anderes als ein ewiges Kinderzimmer. Aber andererseits habe ich das Gefühl, das noch etwas geschehen wird. Es ist nur Intuition, vielleicht auch nur Wunschdenken, aber mir scheint, dieser Ort… wartet auf etwas. Als müsste jemand den Prolog verlesen, bevor das Schauspiel beginnen kann.
Die Kiste mit meinen Muscheln habe ich übrigens jetzt immer bei mir; ich werde sie behalten. Nenn es Nostalgie, aber sie ist eine schöne Erinnerung, eine der wenigen. Hier ist ja auch niemand, der sie beanspruchen kann; sie gehört mir.

Ich höre Geräusche! Ich kann mich nicht erinnern, etwas gehört zu haben seit ich hier bin, also kannst du dir sicher vorstellen, wie aufgeregt ich bin. Zuerst hörte ich eine Tür klappen, zweimal, dann Schritte über mir (ich glaube, wir wohnten in einem Haus, damals), und jetzt sind es Alltagsgeräusche, eine Kaffeemaschine oder etwas Ähnliches hörte ich gerade eben. Warte, ich glaube jetzt sind es wieder Schritte; sie werden lauter.
Sie hören sich jetzt ganz nah an, als wären sie fast direkt vor der Tür der Zimmers, ich werde besser aufhören und später weiterschreiben…

Bis bald, mein unbekannter Leser.

Beginn einer neuen, fortlaufenden Erzählung mit bisher unbekannter Länge (4-6 Teile, so weit ich das bisher abschätzen kann).

Die Ordnung und ihr Ende (4)

Diesen Artikel drucken 19. November 2006

Er erkannte, dass etwas nicht richtig war, dass hier etwas nicht an seinem Platz war, als er die Verriegelung seines Wagens zuschnappen ließ. Unschlüssig blieb er in der Einfahrt stehen, die reuige letzte Nacht pochte noch in seinem Hinterkopf, und so brauchte es einige Sekunden, bis sein Verstand erkannte, was er vermisste.
Seine Statue. Sie war nicht an ihrem Platz auf dem sorgsam gepflegten Rasen des Vorgartens.
Nervös schritt er auf ihren leeren Platz zu, die Schlüssel in der Hand. Nur einige weiß-graue Splitter waren noch da, wo sie gestanden hatte, immer gestanden hatte.
Er starrte den Platz eine Weile an, dann ging er zur Haustür. Was war nur geschehen?
Seine Hände zitterten leicht, als er auf die Tür zutrat, doch noch bevor er die Hand mit dem Schlüssel darin heben konnte, schwang sie auf.
Die Ehefrau stand vor ihm, doch ihrem Gesicht fehlte der übliche, freudige Ausdruck des Wiedersehens. Sie schien geweint zu haben, konstatierte er verblüfft. War es wegen der Statue?
Sein Geist begann, in einem gewählten Tonfall eine Frage zu formulieren, er öffnete den Mund, doch die Frau drehte sich abrupt um und ließ ihn stehen.
Mit unsicheren Schritten folgte er ihr ins Haus.
Der Flur, sonst aufgeräumt, ordentlich, fast leer, war voll mit Unrat, alte, längst weggeworfene Zeitungen lagen auf dem Boden, leere Verpackungen, dazwischen andere Gegenständen, Kleiderbügel, alte Jacken und Mäntel.
Taumelnd versuchte er, auf keinen der Gegenstände zu treten, sein Geist gab dem Schrecken und dem Chaos nach.
Er erreichte ein Zimmer. Sie stand in der Ecke, blickte auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes.
Apathisch sah er sich um. Alle Schränke standen offen, die Schubladen waren aus den Kommoden gerissen und ihr Inhalt auf dem sauberen Teppich ausgeteilt worden, selbst – sein – Sekretär gähnte ihn leer an. Geschirr, Papiere, alte Zeichnungen, Kerzen, zerschlagene Gläser und Teller, all das lag auf dem Boden in einem chaotischen Durcheinander ohne Ordnung oder Sinn.
Endlich blickte er auf den Tisch, der seltsam aufgeräumt wirkte.
Auf ihm lag, sorgsam ausgebreitet und rechteckig angeordnet, gut ein Dutzend roter Zettel. Sein Verstand zählte genauer, vierzehn, es waren vierzehn rote Zettel, Hotelrechnungen. Einige waren schmutzig und ausgeblichen, sie musste sie aus den Mülleimern herausgesucht haben.
Er begriff erst, als sie zu reden begann.
Seine Augen wanderten ziellos durch den Raum, was war das doch für ein Chaos, was für ein regelloses Durcheinander, und er hörte nur halb zu, als sie sprach.
Die Ehefrau redete von Scheidung, sie würde gehen, hörte er sie fern sagen, die Worte schienen ihr schwer zu fallen, ein unterdrücktes Schluchzen lag darin, er wisse, warum.
Wieder öffnete sie sein Mund, doch er fand keine Worte, und so zog er nur stumm einen der Stühle heran und ließ sich auf die Sitzfläche sinken, während sie mit einem Satz, den er nicht mehr verstand, den Raum verließ.
Zitternd zogen seine Hände einen weiteren roten Zettel aus der Manteltasche hervor, den fünfzehnten, er legte ihn neben die anderen und starrte auf den Tisch. Erst als sie wieder den Raum betrat schaute er auf, sah die trotzige Wut und die Trauer in ihren Augen und die Koffer in ihren Händen.
Es schien, als wolle sie noch etwas sagen, doch dann ging sie entschlossen an ihm vorbei. Er hörte, wie die Haustür donnernd hinter ihr ins Schloß fiel.
Seine Ordnung, sein Leben, was war nur geschehen, dachte er, bruchstückhaft und fast im Wahn. Sie war doch seine Frau, sie konnte nicht so einfach gehen, durfte nicht.
Was war nur geschehen, warum hatte sie ihm so nachspioniert, hatte er nicht immer alles für sie getan?
Er hörte, wie draußen ein Kofferraum ächzend aufschnappte.
Jetzt lag alles in Scherben, dachte er, alles, seine Ordnung, sein Leben. Und es war nicht fair, er hatte Fehler gemacht, aber war er nicht immer gut zu ihr gewesen, hatte er ihr nicht ein Leben bieten können, Regeln und Strukturen, damit sie sich in der Welt zurechtfand?
Nein, er konnte das nicht zulassen, dachte er, stand auf, ging zum Sekretär. Es war nicht fair, sie war ein Teil von ihm, sie konnte nicht gehen, er würde das verhindern. Einige Sekunden brauchte er, um mit seinen zitternden Händen die unterste Schublade aufzuschließen, für diese hatte sie keinen Schlüssel, hatte sie nie einen gehabt. Er zog den sorgsam eingewickelten Revolver heraus, dann lief er zur Tür. Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloß.

Die Nachbarn hörten, wie ein Motor aufheulte, dann einen Schuss. Das Motorgeräusch erstarb. Dann, einige Sekunden später, hörten sie einen zweiten Schuss. Danach wurde es ruhig.

Grüne Augen (3)

Diesen Artikel drucken 19. November 2006

Das bläuliche Leuchten des Bildschirms verlieh seinen Gesichtszügen eine besondere, blasse Strenge, eine Straffheit, die ihm das Alter eigentlich schon genommen hatte.
Er blickte herab von dem Monitor, nahm die Brille ab, die er sich vor Jahren hatte kaufen müssen, rieb sich leicht gerötete Augen.
Die Uhr an der Wand zeigte 00:30, er konnte eine kleine Pause machen, entschied er, ohne den Gedanken an sein Projekt, wie man im Jargon seines Berufsstandes sagte, vollkommen zu verdrängen.
Dennoch, mit einer gewissen Ruhe, die er sich nun gestattete, sah er auf seine flimmernden Konstruktionszeichnungen, griff dann blind zu der Tasse, die wie immer präzise an ihrem Platz stand, trank einen Schluck.
Die Zeichnung auf dem Bildschirm, sofern andere Menschen sie als Zeichnung bezeichnen würden, bestand aus klaren Linien, Knotenpunkten, Symbolen, die Informationen über Statik lieferten, über Kabelkanäle und Wasserleitungen.
Für andere wäre sie sicher nur schwer zu entziffern, aber für ihn war sie klar und einsichtig. Auch seine Frau würde sie wohl kaum durchschauen, er hatte sich nie die Mühe gemacht, ihr von seinem Beruf zu erzählen, sah keinen Sinn darin. Sie musste nichts darüber wissen, ihre Funktion, ihre Aufgabe war eine andere.
Er lehnte sich ein wenig zurück, das weiche Leder gab nach. Um diese Uhrzeit war immer alleine hier, die anderen waren schon lange gegangen, das war gut so.
Ein Teil von ihnen machte die Arbeit recht gut, auch wenn er es war, der mit den komplexeren Problemen betraut wurde. Doch die meisten Mitarbeiter waren ihm fremd oder fremd geworden, sie mochten – zufällig – etwas von der Arbeit verstehen, aber ihre Haltung gefiel ihm nicht. Sie verstanden nicht viel von den Regeln und Strukturen, die so wichtig für das menschliche Zusammenleben waren, sie waren unstet und manchmal wie die alten Freunde aus Studienzeiten, vergnügungssüchtig, laut und inkonsequent.
Zwar ließen sie ihn in Ruhe, mieden ihn gar, doch dennoch war er lieber alleine hier. Und so arbeitete er oft spät in der Nacht, wenn diese anderen Menschen den Beschäftigungen nachgingen, denen er nichts abgewann, suchten ihr Glück in der Zerstreuung.
Solche Angestellten waren ein unhaltbarer Zustand in seinen Augen, aber seine Proteste hatten nichts geändert an der „Einstellungspolitik“ des Unternehmens, wie sich der Personalchef ausgedrückt hatte.
Seit diese andere Frau in sein Leben getreten war hatte er sich bemüht, den anderen Angestellten mit etwas mehr Nachsicht und Güte gegenüber zu treten, schließlich hatte auch er ja Fehler gemacht. Doch hatte er aus ihnen gelernt, während diese Wilden gar nicht daran dachten, sich ebenso strengen Maximen und Regeln unterzuordnen wie er selbst, und so hatte er diese Nachsicht wieder verworfen.
Ein Bild der Ehefrau stand auf dem Tisch, er betrachtete es einige Sekunden lang, trank noch etwas Kaffee.
Ja, es war ein Fehler gewesen, dieser Frau gegenüber hatte er eine Pflicht verletzt, sogar einige Male. Aber das würde nicht wieder geschehen. Er hatte sich gebraucht, diese Nächte mit der anderen Frau, seine Gedanken fanden zurück zu diesen Stunden, ohne das er sich dessen erwehren konnte. Ihre süßen Worte, ihre sanften grünen Augen, er hat sie vielleicht wirklich gebraucht, ja, auch wenn er wusste, das es nicht richtig gewesen war. Das entschuldigte nichts, doch auch lag all das hinter ihm, er würde ihr nie wieder zuhören, sie nie wieder so ansehen.
Er stellte den Becher wieder ab, streifte dabei die gerahmte Fotografie der Ehefrau, etwas Kaffee floß auf den Schreibtisch.
Einige Sekunden lang starrte er auf den schwarzen Fleck. Dann stand er verärgert auf, holte ein Tuch, entfernte den Kaffee von der makellosen Oberfläche. Schließlich schob er die Fotografie ein wenig weiter nach hinten, neben den stumm leuchtenden Bildschirm, betrachtete die neue Ordnung kritisch.
Ein seltsam drängendes Gefühl der Schuld berührte ihn plötzlich. Nein, er musste sein Vergehen büßen, entschied er. Der Ehefrau konnte er nicht offenbaren, was er getan hatte, nein, das würde ihr Kummer bereiten, und ob schon sie nicht immer seinen Ansprüchen genügte, war sie doch immer noch eine gute Ehefrau. Nein, sie musste in dieser Welt aus seinen Regeln bleiben, durfte nie den Glauben an sie – und ihn – verlieren. Das gebot schon die Nächstenliebe, dachte er etwas zufrieden; ohnehin, was geschehen war lag in der Vergangenheit, es gab keinen Grund, sie damit zu behelligen.
Aber er konnte, er musste etwas anderes tun.
Sorgsam sicherte er seine Entwürfe, damit sie nicht verloren gingen. Den Becher wusch er aus, stellte ihn vorsichtiger als sonst an dem ihm bestimmten Platz.
Dann griff er zum Telefon, wählte eine ihm wohlbekannte Nummer. Nannte den Namen eines Hotels vor der Stadt, eine Uhrzeit.
Er musste einen Schlußstrich ziehen unter diese ‚Angelegenheit‘, wenn es auch nur ein symbolischer sein würde. Das würde ihn reinwaschen.
Doch sie würde nicht einfach so mit ihm reden wollen, natürlich nicht. Seine Hände griffen nach dem Inhalt seiner ordentlich sortierten Schreibtischschublade, zogen ein Bündel glatter, gebügelter Geldscheine heraus, steckten sie ein.
So etwas würde ihm nie wieder geschehen, versicherte er dem warnenden Tonfall seiner eigenen Gedanken, und auch deshalb würde er heute Nacht einen Schlußstrich ziehen.
Er nahm seinen Mantel, verließ das Büro und fuhr los.
Das der Schatten einer alten Frau zwischen den Bäumen der Allee beobachtete, wie er in den Wagen stieg, entging ihm.

Gegen 08:30 Uhr erwachte er in einem Hotelzimmer, die Augen auf die Zeiger des Weckers gerichtet, neben ihm eine junge Frau. Ohne zu zögern zog er sich an, verbat sich dabei jeden Gedanken an die letzte Nacht und an sein Versagen, legte einige abgezählte Scheine auf den Nachttisch und verließ das Hotel, ohne die schlafende Person noch eines Blickes zu würdigen.

Richtungswechel (2)

Diesen Artikel drucken 31. März 2006

Der Tisch leerte sich, ein Automatismus. Fast ein Automat, der ihn abräumte, in einer präzisen Reihenfolge und ihr dabei Zeit ließ, Zeit zum Nachdenken, vielleicht sogar ein wenig zu viel Zeit.
Sie musste noch Milch kaufen, das hatte sie sich sofort auf einen der gelben Zettel geschrieben, die er ihr gekauft und auf die Kommode gelegt hatte, sie musste daran denken, er sollte sich nicht aufregen, die Unerbittlichkeit in seinen Augen kam ihr wieder in den Sinn, er sollte sich nicht aufregen.
Früher war er einmal ganz anders gewesen, nicht so pedantisch, nicht so organisiert, sie erinnerte sich an eine Reise in den Süden, viele Jahre waren seitdem vergangen, damals war er noch nicht so ‚präzise‘ gewesen, wie er es immer ausdrückte, mit ein wenig Abscheu in seiner monotonen Stimme, damals hatte er diesen Tonfall noch nicht besessen.
Der letzte Teller verschwand wieder im Schrank, dann blickte sie stumm die weißen Wände an, wie sie es häufig tat. Vor diesen vielen Jahren hatten sie auch noch nicht so gewohnt, so funktionell, so karg, sie hasste diese weißen Wände, ein abwesendes Lächeln rann über ihr Gesicht, ihre erste gemeinsame Wohnung war bunt gewesen, kitschig und ganz bunt, sie hatte die Einrichtung gewählt, und sie beide hatten dort einige Jahre gelebt, glücklich in dem kleinen Rahmen, den sich die meisten Menschen wünschten, oft hatten sie auch Freunde eingeladen, sie lächelte wieder und blickte durch das Grinsen an den Wänden hindurch.
Das war lange her, und er hatte sich verändert, viele Menschen hatten nicht verstanden, warum sie noch zu ihm hielt, hatten sie damit geradezu bedrängt.
Menschen veränderten sich nun einmal, hatte sie immer darauf erwidert, er bliebe immer noch ihr Mann, das war ihre Antwort gewesen, sie betrachtete das heute weder mit Stolz noch mit Reue, es war nun einmal die richtige Antwort gewesen, sie würde zu ihm halten, er war ihr Mann.
Viele hatten sich mit der Zeit von ihr abgewandt, hatten ihn als Tyrannen erlebt, wie er nach und nach alles Bunte und ‚Unfunktionelle‘ aus ihrem Leben verbannt hatte, wie er immer wortkarger und introvertierter wurde und schließlich kaum noch ein Wort sprach.
Die meisten waren irgendwann einfach nicht mehr hierhergekommen, sie konnte und wollte das nicht ändern, er war ein Teil von ihr und wenn sie ihn nicht akzeptierten, so konnte sie wohl kaum mit gutem Gewissen regen Kontakt mit ihnen pflegen.
Sie wischte bedächtig den Tisch, sah aus dem Fenster, sah zwei ihrer Nachbarn, deren Namen sie nicht kannte, sie unterhielten sich auf der Straße.
So war ihr Freundeskreis kleiner geworden, bald fast verschwunden, einsam geworden war es in diesem Haus, selbst das Kindergeschrei aus dem Nachbarhaus erschein ihr oft mehr als ein willkommener Besuch, sie saß dann oft allein auf der perfekt gemauerten Terasse und lauschte, stellte sich die Kinder vor, deren Stimmen sie jeden Tag hörte.
Doch auch das konnte das Alleinsein nicht aufwiegen, denn oft saß sie die ganze Nacht allein in diesem Haus, aß allein zu Abend, trank allein ein Glas Wein, ging allein ins Bett, meist arbeitete er sehr lang und manchmal kam er erst zum Frühstück wieder nach Hause.
Auch darüber hatten sie früher oft gestritten, über die langen Nächte im Büro, auch über das, was er seine ‚rationale Erwägungen‘ nannte. Und natürlich hatten all die Menschen um sie herum Recht gehabt, er war oft ein Tyrann, doch sie war gewillt, das zu ertragen und zu verstehen, so weit sie konnte.
Vielleicht war es ja wirklich eine Krankheit, die ihn befallen hatte, die Vorstellung gefiel ihr, er konnte nichts dafür, sie legte das Tuch beiseite und griff nach ihrem Mantel, aus irgendeinem Grund suchte er verzweifelt nach einer gewissen Ordnung in der Welt, seiner Ordnung, ganz so wie ein Ertrinkender nach jedem Grashalm griff, es waren die kleinen alltäglichen Rituale, diese beständigen Regeln und auch die kleinen gelben Zettel, die seine Strohhalme bildeten, die ihm halfen den Überblick zu behalten und nicht zu verzweifeln, so stellte sie es sich oft vor.
Sie griff nach den Zetteln auf der Kommode, schob sie in die Jackentasche, dann ging sie auch zum Sekretär, wo er die ’notwendigen Besorgungen‘ ablegte, steckte auch diesen Stapel ein.
Ganz unabhängig von dem, was die anderen Leute sagten, er blieb ihr Mann, mehr als das, sie verweilte einige Sekunden bei einem Porträt ihrer Hochzeit, das er duldete, er war immer noch der, der er damals gewesen war, nur die Details hatten sich geändert, aber Menschen änderten sich nun mal, sie aber sah immer noch den Menschen, den sie vor langer Zeit heiraten wollte, ‚bis das der Tod uns scheidet‚, er blieb ihr Mann.
Sie öffnete die Haustür, schloss sie wieder hinter sich, ging langsam auf die Steinfiguren auf dem Rasen vor dem Auto zu. Es waren die einzigen, die er hier erlaubte, ausgerechnet diese, sie mochte sie ganz und gar nicht, ihr Ausdruck war grotesk und entstellt, sie wusste nicht genau, warum er sie mochte, vielleicht hielt er sie nur für ’notwendig‘ an diesem Platz. Ein befreundeter Künstler hatte sie ihnen irgendwann einmal geschenkt, zu einem Geburtstag oder Hochzeitstag, es war schon lange her, sie erinnerte sich kaum noch an seinen Namen. Sie kniete vor den Steinkreaturen nieder, sah sich kurz um und drehte sie dann ein wenig zur Seite, nur ganz sachte, sie wusste selbst nicht, warum sie das tat, und wenn er wiederkam und sie selbst vom Fenster aus sah, wie er sie behutsam wieder in ihre Ausgangsposition drehte, schämte sie sich jedes Mal fürchterlich, dennoch tat sie es immer wieder, bevor sie zum Einkaufen fuhr, es war eine Art Sabotage an ihm und seinen Gewohnheiten.
Kühl lächelnd betrachtete sie ihr Werk und stieg dann in den schweren Wagen, warf den Stapel achtlos auf den Sitz neben sich.
Einer der Zettel war nicht gelb, bemerkte sie. Ihre Hand griff danach, sie las, rotes Papier. Der Namen eines Hotels stand darauf, eine Rechnung.
Einige Minuten saß sie starr im Auto, der Motor lief schon. Dann setzte sie zurück und fuhr in die falsche Richtung davon.

„Jede menschlicheVollkommenheit ist einem Fehler verwandt, in welchen überzugehn sie droht.“ – Arthur Schopenhauer, Zur Ethik

Master/Slave (1)

Diesen Artikel drucken 24. September 2005

Der Frühstückstisch war gedeckt, präzise, akkurat, scheinbar mühelos in Perfektion zusammengestellter Chromglanz, dazwischen weiße Porzellanteller, poliert, das Licht müde spiegelnd. Ein hoher Raum, identitätslos, nur ein stilles weißes Grinsen an den Wänden, eine nichtssagende Kücheneinrichtigung, leer, sauber. Er saß auf seinem Stuhl, sie auf ihrem, es war 9:03 Uhr, das wusste er genau, denn er schlug gerade sein Ei auf, schlug immer sein Ei auf um 9:03 Uhr.
Die Zeitung lag auf dem Tisch, sauber gefalzt, die Titelseite nach oben, die Schrift zu ihm gerichtet, drei Zentimeter von dem dunkel eingefassten Rand der Tischplatte entfernt. Er nahm einen Bissen von seinem Ei. Erst essen, dann lesen, beides zugleich konnte er nicht..
Kleine, glänzende Löffel, Messer, die über das Porzellan rasen, ein stummer Tanz von Händen, die Buchstaben in die Luft zeichnen, eine technische, scharfkantige Schrift.
Kein Wort wurde gesprochen, es war auch nicht nötig, dachte er, es war nicht notwendig, dies hier war der Frühstückstisch, es gab keinen Grund, keine rationalen Erfordernisse, wie er gerne sagte, es keinerlei Grund dazu, hier zu sprechen, er blickte in das ausdruckslose Gesicht ihm gegenüber und erkannte sich selbst, nein, es gab keinen Grund, es war perfekt so, die Funktionalität war perfekt, perfekt.
Er blickte auf die Uhr, orientierte sich an den schleichenden Zeigern, es war Zeit für das Brötchen, er führte das Messer mit einer langsamen, geschmeidigen Bewegung, die Augen fest an die Schnittlinie geheftet. Bissen um Bissen aß er, nicht hektisch, aber auch nicht langsam, er hasste diese Art von Trägheit, die manche Menschen beim Essen an den Tag legten, dieses scheinbare Lebensgefühl, dieses Genießen, hinter der sich eine simple Charakterschwäche verbarg, er dachte kurz an einen Schulfreund, an den er sich noch blaß erinnerte, ein Gesicht unter vielen, die schon gegangen waren, während er zurückgeblieben war, ja, er war so ein Mensch gewesen, müde und träge und unendlich genießerisch. Er hatte immer gelacht und gescherzt und gesprochen beim Essen, immerzu, furchtbar, er sah nicht den Sinn dahinter, es war sinnlos, irrational, es gab nun einmal die Zeit des Amüsierens und die Zeit der Nahrungsaufnahme, es war unlogisch beides zu vermischen, warum sollte man auch, es war kindisch.
Die Frau und er, sie hatten nie Kinder gehabt. Vielleicht hatte sie Kinder gewollt, er wusste es nicht genau, sie hatten nie darüber gesprochen. Er selbst es nie gewollt, Kinder machten ihn unsicher, sie waren unberechenbar, stellte er lakonisch fest, sie wussten nichts von Strukturen und Regeln, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass er ein guter Vater gewesen wäre.
Er besann sich zurück auf den Teller vor sich und griff zu dem Behälter, der immer rechts in der Mitte des Tisches stand, mit Kanten, die parallel zu denen des Tisches verliefen.
Er war zu leicht, er sah kurz hinein, leer.
Die Frau sah zu und ließ für einen kurzen Augenblick das Messer in ihrer Hand nach unten kippen, so dass die Schneide fast den Tisch berührte, er befürchtete schon, sie würde das makellose Schwarz des Tisches verunreinigen, dann schien sie sich daran zu erinnern und hob die Klinge in einer steifen Bewegung wieder an, sie hatte wohl wieder diese Schmerzen im Handgelenk, dachte er und sah sie argwöhnisch an.
„Wir haben keine Milch mehr. Ich muss heute einkaufen.“ sagte sie in einem lakonischen Tonfall, ein leichte Vibration schwang darin mit, wie ein Lüfter, der nicht ganz rund lief, es musste ihr Handgelenk sein, schloß er, ja, das war logisch, deshalb war sie so unkonzentriert gewesen, er blickte sie noch einen Augenblick an, dann ließ er das Mißfallen wieder aus seinen Augen weichen und ersetzte es durch die gestrenge Milde, die er zu oft besaß.
„Dann werde ich den Kaffee wohl ohne Milch trinken müssen.“ gab er zurück, kopierte ihren Tonfall und strich nur die Vibrationen heraus, aß weiter, trank den Kaffee mit vorsichtigen, kleinen Schlücken, es war keine Milch darin, nun, das war zu verzeihen, entschied er, trank aus.
Seine Fingerspitzen hoben das Besteck, loteten in einem streng eingeübten Augenblick den korrekten Winkel, die korrekte Lage aus, und legten es dann ab, er war zufrieden damit.
Er zog die Zeitung heran, schlug sie vorsichtig auf.
Die Frau, die ihr Frühstück ebenfalls beendet hatte, saß ihm kerzengerade gegenüber, beobachtete ihn träge, wartete auf das Unvermeidliche.
Seine Lippen bewegten sich, er las einige Titelzeilen vor, modulierte seine Stimme dabei, um dem ganzen einen für sie adäquaten Ausdruck zu geben, zog eine Spur Ärger mit hinein, wenn der Titel „Politiker flog auf Staatskosten“ lautete, eine Spur Witz, wenn sie „Igel zerstört Müllfabrik“ lautete. Dann endete sein Vortrag in Schweigen, er hatte seine Schuldigkeit erfüllt, konnte stumm weiterlesen.
Sie stand auf, nahm seinen Teller und ihren, legte beides in der Spüle ab.
Einen Moment lang sah er ihr hinterher, glaubte ein kurzes Zögern zu erkennen in ihren Bewegungen. Die Frau war alt geworden, entschied er in einer kühlen, distanzierten Überlegung, aber das war folgenlos für ihn, sie lebten schon lange zusammen, und wenn er von der fehlenden Milch heute morgen absah, so war sie immer noch eine gute Ehefrau.
Die Güte, die er so oft zu spüren glaubte, stieg wieder in ihm hoch, ja, es war auch Güte, dass er bei ihr blieb, sie war auf ihn angewiesen, an ihn gebunden, konnte nicht allein leben. Das war es, sie war allein lebensunfähig, brauchte Anleitung, Führung in dieser chaotischen Welt, brauchte Regeln und Strukturen, ja Regeln und Strukturen, ein guter Ausdruck, befand er, er erinnerte ihn an seinen Beruf.
Die Frau hatte ihre Aufgabe fast beendet, die Teller standen wieder steril an ihrem Platz, sie drehte sich um, noch einen der Löffel in der Hand, sah ihn unsicher an. Lächelte.
Er blickte zurück, neutral. Ihre Aufgabe war nicht erfüllt.
Sie drehte sich wieder um, und kurz schien es ihm, sie wollte das Besteck in die Spüle werfen, und er erschrak von dem Gedanken. Nein, er täuschte sich, musste sich täuschen, sie legte auch den letzten Löffel an seinen Platz.
Dennoch, er sah sie weiter an, verfolgte ihre Bewegungen.
Früher, vor vielen Jahren, da war sie schön gewesen, sehr schön sogar. Er dachte daran, wie unpräzise, wie unaufgeräumt ihr Leben damals noch war, und er schüttelte sich innerlich. Dennoch, damals war sie schön gewesen, er korrigierte sich, vielleicht objektiv nicht überdurchschnittlich schön, aber doch attraktiv. Das war lange Zeit her, erinnerte er sich, und nun hatte sie keinen Reiz mehr für ihn. Er hatte sich das schon lange eingestanden, es stellte kein Problem für ihn dar, sagte er sich immer wieder, es berührte ihn nicht weiter, die tägliche Routine funktionierte, und außerdem brauchte sie ihn.
Die Frau kam wieder in den Raum, Jacke und Hut im Arm.
Er faltete die Zeitung, trank seinen Kaffee aus, der ihn immer noch bitter an ihre Fehlbarkeit erinnerte, stand auf. Für einen Moment ließ er seine Gedanken schweifen, sah die Frau an. Sah plötzlich andere Augen, gift-grün, makellose Haut, junge Lippen, die leise Worte ausstießen, Flüche jetzt in seinen Ohren. Sein Verstand fing den Gedanken wieder ein, löschte ihn aus.
Es war nicht seine Schuld, sagte er sich, was geschehen war, war geschehen, er konnte es nicht mehr ändern.
Die Jacke wurde ihm übergeben, er blickte in die Augen der Frau und fühlte keine Verantwortung.
Die andere Frau hatte ihn manipuliert, er hatte beschlossen es so zu nennen, immer wieder und wieder manipuliert, dafür konnte er nicht verantwortlich gemacht werden und seine eigene Fehlbarkeit war zu verzeihen, es würde nicht wieder geschehen.
„Bis heute Abend.“, sagte er in einem genauestens austarierten Tonfall, tausendfach geübt.
„Bis heute Abend.“, gab sie zurück, wollte ihn küssen, aber er hatte sich schon umgedreht.
Die Frau blieb in dem Raum, wartete, bis die Tür sich hinter ihm schloß. Schritt zum Tisch, legte die Händen um den leeren Behälter, ließ ihn auf dem Tisch.
Und drehte ihn um einige Grad.

„Schlimm ist der Zwang, doch es gibt keinen Zwang, unter Zwang zu leben.“ – Epikur

post scriptum: Beginn einer neuen, fortlaufenden Erzählung, angelegt auf etwa vier Teile (bisher).

Der Takt, nach dem wir alle tanzen (Takt/Frequenz) (4)

Diesen Artikel drucken 1. August 2005

Die Luft schmeckte bitter, es lag an den Fabriken, sagte er sich und wusste, dass es hier siet Jahren keine Fabriken mehr gab. Dennoch, er glaubte den beißenden Geruch von verbrannter Steinkohle zu erkennen, konnte es nicht erklären.
Er war zurückgekehrt, zurückgekehrt zu der Brücke, seinem Platz. Doch der Ort hatte sich verändert, erkannte er kaum schmerzvoll, die Brücke schien sich geneigt zu haben, hing schwer und träge nur knapp über dem Platz.
Auch die Anzugmenschen dort unten schienen sich verändert zu haben, er blickte wieder herunter, sie waren viel näher, viel wärmer, das Grau war ein wenig aus ihren Gesichtern geschwunden, aus den Gesichtern aller Menschen, übrig geblieben war nur der gehetzte Kummer von gefangenen Tieren.
Die Drogen spülten das Bild eines Zoos durch seinen Kopf, er in einem kleinen Zwinger, angekettet.
Er hatte immer nur in Ketten gelebt und tat es immer noch, Bitterkeit verdrängte das Bild und auch die Drogen für einen kurzen Augenblick.
Es war ironisch, er hielt zitternd den schwelenden Stummel einer Zigarette, nein, zynisch.
Es gab keinen Ausweg, hatte nie einen gegeben, das System war kohärent, es gab keine höhere Erkenntnis als diese. Jeder Flucht wurde zum Widererwachen, er hatte diesen Begriff einmal von dem Mädchen gehört, ein schiefes Lächeln zwang sich in sein Gesicht.
Er fühlte keine Reue, was sie anging, er zögerte, zumindest empfand er jetzt keine, aber seine Empfindungen waren ohnehin sehr verschwommen.
Für einen Moment hatte er vergessen, warum er hier war, dann fanden seine Finger das kleine Kästchen in seiner Manteltasche, umschloß es fest mit den Händen. Es musste so sein, er wollte frei sein, wollte nichts anderes mehr.
Seine Ohren waren erfüllt vom Rauschen seines eigenen Herzens, ein schneller, lauter Takt, und er erkannte einen ähnlichen Takt in den Bewegungen der Massen auf dem Platz, den gleichen Takt, nur maschineller, zerstückelter, seine überreizten Neuronen sprachen mit sich selbst, software failure, er wusste es, ließ seinen Blick dennoch auf dem Takt ruhen, ließ ihnen freien Lauf.
Die Arme hielten sich starr an der Brüstung fest, um nicht zu fallen, er musste sich konzentrieren, um dem Takt mit den Augen zu folgen, sah unscharf und doppelt.
Dieser Takt, er stammte nicht von einem Herzen wie das dumpfe Dröhnen in seinen Ohren, nein, eine Million, eine Milliarde Herzen schuffen diesen Takt, nicht in einem einzigen, harmonischen Zusammenspiel, sondern in einem chaotischen Zusammenwirken. Aus ihren asynchronen Schlägen, zu dem unspezifischen Brummen eines Bienenstocks verschwommen, erhob sich dieser Takt, tot und kalt wie ein erloschener Stern, nicht länger menschlich, sondern ganz und gar künstlich, nicht mehr wie der Rhythmus von Musik, sondern nur noch Taktfrequenz, Systemtakt, der Takt, nach dem die Welt ihren absurden Tanz richtete.
Die Konturen um ihn herum verschwammmen, doch der mechanische Takt blieb, blieb in seinen Ohren, überlagerte den biologischen Rhythmus, schien ihn verschlingen zu wollen, frass ihn auf.
Seine Hände hektisch das schwarze Päckchen hervor, er hatte es langsam, überlegt, würdevoll tun wollen, aber nun war er panisch, riss die Spritze heraus und ließ das kleine Holzkästchen fallen. Vor langer Zeit hatte er es gekauft, nie geglaubt, es einmal zu benutzen.
Seine Hand holte weit aus, zielte auf die Wade. Ein kurzer Schmerz, er fühlte, wie seine Synapsen niederbrannten, spürte eine Bewegung, begann zu schweben, und für einen Augenblick war er frei.
Er hörte ihr Lachen, eine letzte freundliche Geste, dann schlug er auf.
Um seinen Körper herum stoben die Menschen auseinander, und für den Zeitraum eines kleinsten wahrnehmbaren Teils des Taktes bildete ein winziger Teil eines gigantischen Systems aus Rädchen und Prozessen einen vollkommen symmetrischen Kreis, einen symbolischen Krater.
Der Moment verstrich, die Lücke schloß sich wieder, wurde reintegriert.
Und die Welt tanzte weiter ihren gewohnten Tanz.

Ende von Rotation Drei. Gesamttitel wird eingefügt, wenn mir einer einfällt.
Aus gegebenem Anlass kein Zitat.

Mastermind (3)

Diesen Artikel drucken 28. Juni 2005

Sein Blick war klar. Sein Atem, sein Puls war ruhig. Er spürte es, fühlte, konnte es durch die Dunkelheit vor seinen geöffneten Augen wahrnehmen, ein Stück der Ewigkeit – oder etwas, das er dafür hielt, fügte er hinzu – schloß sich um ihn.
Ein Zentrum, ein statischer Kern in einem unermeßlichen Meer aus rotierenden, kollidierenden, kalkulierenden Splittern einer zerfasernden Welt.
Und er spürte auch, wie er sich dem Ziel näherte, die Ruhe im Inneren wurde ein Teil von ihm oder er wurde ein Teil dieser Ruhe, die beiden Sichtweisen waren letztlich äquivalent, hatte er einmal konstatiert, dennoch bevorzugte er die erstere Lesart, vielleicht aus Eitelkeit, er wusste es nicht.
Es hatte ihm zunächst Angst gemacht, unglaubliche Angst sogar, auch wenn er sich das erst viel später eingestanden hatte, und doch war er beim ersten Mal verschreckt gewesen, fast panisch, und war aufgesprungen von dem Sessel, in dem er jetzt wieder locker ruhte, und er für einen winzigen Moment konnte er die Angst von damals fast wieder spüren, fast schmecken, und er musste sich zur Ordnung rufen.
Jetzt jedoch blickte er kalt und leer auf diesen Sturm, diesen Variablensturm, wie er es genannt hatte, in Anlehnung an den Beruf, den er vor langer Zeit ausgeübt hatte. Und für eine Weile, die immer wie ein ganzes Jahr schien, blickte das Chaos zurück, aus hunderttausend gebrochenen Augen, mit eben demselben, unpersönlichen, fernen Blick, ein hunderttausendfach vergrößernder Spiegel, steril und kalt und leer wie er selbst.
Und er fühlte, wie eine weitere Ewigkeit verstrich, während er den Blick starr festhielt, nicht mehr losließ, nicht mehr loslassen konnte.
Er wusste es ganz genau, er wusste ganz genau, was geschehen würde, vielleicht konnte er es nicht besitzen – leider nicht – aber er konnte es beherrschen, eine gewisse Kontrolle ausüben, es für einen Moment niederzwingen, und deshalb war er vollkommen leer und fokussiert.
Und wartete.
Und irgendwann begann das Chaos, zu weichen, es löste sich langsam und ließ leise fluchend den Blick auf die tieferliegenden Strukturen zu, die Splitter schienen langsamer um ihn zu rotieren, aber die Veränderung fand so langsam, so fließend statt, dass er den Blick kurz hätte abwenden müssen, um es zu sehen. Das weiße Rauschen der Farben und Licher nahm ab, zuerst an den Rändern, dort, wo die Ruhe endete, Abgrenzungen wurden klarer, der Kontrast baute sich langsam auf, so, als wäre es eine gestörtes – oder verstörtes – Funksignal, dass dort langsam an Kontur gewann, durch unzählige Filteralgorithmen gejagt und restauriert, rekonstruiert wurde, und in gewisser Weise hielt er diesen Vergleich für angebracht, auch wenn er sich den Gedanken sofort verbat. Die wirbelnden Massen schienen widerstrebend Regeln und Relationen zu gehorchen, sich ihrem ruhigen Kern langsam zu beugen, wie ein Gebäude, dessen Mauern sich langsam der Schwerkraft beugten, ächzend, flehend, mit der leisen Ankündigung, wiederzukehren.
Und von einem Moment zum anderen hatte er sein Ziel erreicht und gestattete sich, wieder auszuatmen, während er sich umblickte, langsam und vorsichtig noch.
Der Sturm hatte sich gelegt, und er blickte auf die ruhige See vor sich. Feinste Drähte aus Licht lagen da vor ihm, verbanden große und kleine Lichter miteinander, die sich in einer unendlich weiten Ebene vor ihm ausbreiteten.
Er würde sie am ehesten als Zahlen beschreiben, obwohl sie das nicht waren. Aber er würde es auch nie jemandem erklären, dachte er. Es waren keine Zahlen, wohl aber vielleicht.. Werte. Personen, Institutionen, Relationen. Alles fand er hier wieder, geordnet, verständlich, wenn er sich nur darauf konzentrierte, nicht mathematisch oder rational angeordnet, keine präzise Kalkulation, nein, vielleicht eher so etwas wie die Konkretisierung oder systematische Darstellung von Intuition. Seine abstrakt gewordenen Augen schweiften über die gigantische Ebene und blieben eine kurze Zeit bei dem Moment, den er vorgestern wahrgenommen hatte, als er an der Brücke stand und – wie immer – auf das Chaos unter ihm blickte.
Und er konnte jedes anonyme Gesicht wiederfinden, konnte die Abhängigkeiten erkennen, die kleinen dünnen Fäden, die von jedem dort unten zu jedem anderen verliefen, manche waren etwas dicker, er erkannte Zuneigung oder Hass darin, je nachdem, er konnte nicht erklären wie, aber es war ihm klar, wenn er sich dieses Bild ansah, diese Modell, diese Metastruktur. Selbst die Gebäude hatten ihren Platz wiedergefunden hier, sie strahlten in einem hellen Funkeln, repräsentierten gewisse Interessen, gewisse Konventionen, den Code of Conduct beispielsweise, auch natürlich das unbedingte Prinzip, dass diesem wie vielem der anderen großen Licher innewohnte.
Dies war keine Zauberei, er hatte das nie geglaubt, es hatte auch nichts mit Religion zu tun, nein, es war nur eine sehr… spezielle Ansicht der Welt, die sich ohnehin in seinem Kopf befand, er wusste es, es gab Ränder seiner Wahrnehmung, auch hier, er konnte selbstverständlich nicht in die Zukunft blicken oder durch die Wände eines Hauses, dass er nie betreten hatte, nein, das war unmöglich, auch die Welt gehorchte den Gesetzen der Physik, sie war nur eine komprimierte, eine gefilterte, durch Konzentration temporär geordnete Ansicht seiner Wahrnehmungen, jeder kleinsten. Es waren die ganz winzigen und die titanengroßen Dinge, die der ruhige Kern, der er war, hier verarbeitete, interpolierte, zu einem kohärenten Bild des Systems zusammensetzte, dachte er wieder und wieder und schwebte über die Ebene.
Hierher kam er oft, machmal, um nur etwas zu überdenken, wie ein Schachspieler, der eine Partie noch einmal spielte, um Fehler zu analysieren, und so schob er dann mit seinen geistigen Armen einige Pfäden zur Seite, sah, was geschah, welche Veränderungen sein Unterbewusstsein entdeckte konnte, antizipieren konnte. Die Rolle eines Schachspielers gefiel ihm, er gestattete sich diese Arroganz, er war unberührt, er verschob nur Menschen, kleine Winkelzüge, kleine Anstöße, das System und seine Regeln erledigten den Rest, es waren Marionetten, nichts als leere Figuren, die er auf diesem gigantischen Brett wie auch in der realen Welt verschieben konnte, wie er wollte.
Hier hatte er auch geplant, wie sie zur Seite zu schaffen war, kam ihm in den Sinn, er wusste nicht, warum. Es war ganz einfach gewesen, wie erwartet, er hatte nur einige ganz geringe Eingriffe machen müssen, und es hatte funktionieren, und jemand anders würde für ihren Tod büßen müssen, ein Geschäftspartner, ein Feind, jemand, den er ohnehin aus dem Weg räumen musste.
Dieses Mal war etwas anders, er fühlte es jetzt ganz deutlich, hatte es die ganze Zeit gespürt, aber nicht gewagt, es zu denken. Er witterte es, konnte es aber nicht sehen, eine Gefahr vielleicht. Bemüht blieb er ruhig, versuchte noch mehr Ordnung herzustellen, den Fehler zu finden, drehte sich weg von den dünnen Knoten unter der Brücke, hin zu dem Moment, der ihn offensichtlich, wie er verärgert eingestand, immer noch beschäftige.
Und plötzlich stand sie vor ihm, doch es war nicht das Bild, dass er erwartet hatte, es schien selbstständig, selbsttätig. Die rote Träne schien über ihren Lippen gefroren zu sein, doch ihre Augen waren offen und klar, und sie blickten ihn aus unendlichen Höhen an, fixierten ihn, er spürte, wie die Angst in ihm wuchs, wie das die geronnene Ordnung zu zerfließen begann, langsam, wie ein Dieb, der sich hinter seinem Rücken davonschleichen wollte, er musste sich konzentrieren, rief er sich zu, konzentrieren auf dieses Täuschbild, und er suchte einen Schwachpunkt, einen Fixpunkt, und fand ihre Augen.
Und erschrak.
Diese Augen waren nicht leer, sie waren lebendig, sie zeigten ihr Wesen, ihre Wut, ihre Trauer, und doch waren sie wie Spiegel, klarer und stärker, als er es für möglich hielt, und sie nahmen ihn gefangen, er wich zurück, sie folgten, er wand sich ab, sie drehten sich um ihn.
Und er sah sein eigenes Spiegelbild in ihren abstrakten Pupillen und erkannte sich selbst als kleines Licht, von dem dünne Fäden aus Licht zu anderen Lichtern führten, Teil des Systems, wie er lakonisch feststellte, und er sah nun durch ihre Augen, und wie in Trance folgte er seiner eigenen Repräsentation in die Vergangenheit, sah die Abhängigkeiten, die sich plötzlich aufbauten, die dünnen Fäden, die ihn wie eine Marionette von einem Moment zum anderen hatten taumeln lassen, immer nur taumeln lassen, so wie jede andere Marionette auch, und ihre Augen blieben das letzte, was er sah, bevor die Ordung um ihn herum endgültig zerbrach und das Chaos über ihm zusammenschlug wie ein rachsüchtiger Wolkenbruch, graue Pupillen, in denen sich seine eigene Bitterkeit und die ihre widerspiegelte.

„Keep me away from the wisdom which does not cry, the philosophy which does not laugh and the greatness which does not bow before children.“ – Khalil Gibran

Die Logik des Wolfes (2)

Diesen Artikel drucken 27. Mai 2005

Sie hatte am Morgen angerufen, mit einer ruhigen Stimme gesprochen, ein Treffen erbeten. Er war irritiert gewesen, aber er wollte, er musste wissen, was vorging, und der Klang ihrer Stimme hatte ihn dem Treffen zustimmen lassen, und er war zu ihr gekommen, und schon noch bevor sie Platz nahm war es aus ihr herausgesprudelt, es waren etwas überhastete verwirrende Satzfetzen gewesen, aber er hatte schnell verstanden, worum es ging, und sie hatte ihm von dem Jungen erzählt, von dem Brief, von ihrer Entscheidung, von dem Entzugsprogramm, von dem neuen Arzt, den sich nun einmal in der Woche aufsuchte, und von ihrem Umzug, auf Land wollte sie gehen, dort an der frischen Luft und nur für sich arbeiten, sogar etwas Triumph schwang in ihren Worten mit.
Und nun saßen sie hier, er in einem tiefen, schwarzen Sessel, sie auf einem Stuhl nur eine Armlänge entfernt, und immer noch erzählte sie, sie sprach von der Hoffnung, von dem Programm, an dem sie teilnehme wolle, von dem Entzug, sie wirkte klar und nüchtern, und dennoch stießen die Worte immer noch in einem ungebremsten Schwall über ihre Lippen, er fühlte sich an ein Kind erinnert, dass von einer der vielen kindlichen Traditionen schwärmte.
Und er hörte immer noch zu, scheinbar.
Seine Augen wandten sich von der Bücherwand, an der sie gehaftet hatten, wieder zurück zu ihren Augen, und für einen Moment gestattete er sich einen Blick auf das vage Funkeln echter Hoffnung, das langsame Aufflammen von etwas, dass er nicht kennen oder kontrollieren konnte.
Der Schlag kam von unten, wie ein Blitz, wie der kleine Funken zwischen zwei Schaltgattern eines Mikroprozessors, schnell und präzise, mit exakt der richtigen Abstimmung von Kraft und Richtung, ein einzelner Vektor, keine Ecken, keine Kanten, kein Zögern, nur ein schneller, harter Schnitt durch die Luft, so beiläufig und doch kraftvoll, dass das Leuchten in ihren Augen noch blieb, siebeneinhalb Sekunden lang, als hätte es für einen kurzen Moment den Tod vergessen.
Die Entscheidung selbst, so dachte er, war schnell gefallen, sie war obligatorisch, a priori, gewesen. Er konnte nicht zulassen, dass sie ging, dass sie seiner Kontrolle entglitt, dafür, so sagte er sich, auch wenn er das Pochen eines Zweifels hinter dieser Begründung spürte, wusste sie einfach zu viel über ihn, wer wusste, ob sie eines Tages mit den Männern in den grauen Anzügen vor seiner Tür stand, nein, hatte er bekräftigt, er konnte es nicht zulassen.
Und doch hatte er noch eintausendzweihundert lange Züge des Pendels hinter ihm dort gesessen und nichts getan, hatte nur über das Wie nachgedacht, die Herangehensweise überdacht, und er hatte dabei stumm dagesessen und sie reden lassen, einfach nur reden lassen, während er analysierte und seinen Blick über die endlosen Bücherreihen vor ihm wandern ließ.
Und schließlich war seine Augen an einem der Buchrücken haften geblieben, und er hatte sich erinnert, erinnert an eine Nacht vor vielen Nächten, in der sie hier gesessen hatte und im Rausch eines der Bücher gelesen hatte, und er hatte sich auch an die vielen wirren und düsteren Worte erinnert, die in dieser Nacht aus ihrem Mund geflossen waren wie ein reißender Strom, der sich seinen Weg durch einen tiefen Talkessel bahnte. Sie hatte von Wölfen gesprochen, von großen dunklen Männer, von der Angst, eingesperrt zu sein, und er hatte über Gewalt nachgedacht, über die seltsame Beziehung zwischen Räumen und Gewalt. Er hatte sich einen geistigen Exkurs von seiner methodischen Frage erlaubt, den Zusammenhang zwischen der räumlichen Wahrnehmung und dem Anwenden von Gewalt neu überdacht, seine eigenen Erfahrungen reflektiert.
Es stimmte, so hatte er befunden, während der Rezipient von Gewalt – er weigerte sich, in irgendeinem Zusammenhang von Opfern zu sprechen, denn es gab keine Opfer – eine Krümmung wahrnahm, ein Sich-Schließen des Täters um den Rezipienten, einen metaphorischen Kreis der Hölle, so verhielt es sich mit dem Täter umgekehrt, für ihn wurde der Raum größer, die Distanz wuchs, das Entkommen des Rezipienten – besser, die Option des Entkommens – entwickelte eine fast schon räumliche Dimension, dehnte die Abstände zwischen den beiden Subjekten.
Und dann hatte er sich ihrer Angst vor dem Eingesperrtsein besonnen und schließlich diesen Weg, dieses Wie gewählt, denn diese Methode schien die Verdrehung, diese Verkrümmung des Raumes abzumildern, zu verhindern durch Präzision und Geschwindigkeit, und in der Tat war er zufrieden, sein Arm, so hatte sein sensorisches Ich diesen winzigen Moment wahrgenommen, hatte den sich verzerrenden Raum zerschnitten, ähnlich einem Teppichmesser, dass einen Globus zerschnitt – es blieben winzige Krümmungen, winzige Spuren der Tat, kleine Dellen, topologische Unebenheiten, aber sie waren subtil, sie besaßen kein geordnetes Ziel mehr und zerfloßen in alle Richtungen.
Er hatte von diesem Schlag gelesen, vor langer Zeit schon, in einem alten Buch, dass in traditionellem Chinesisch verfasst worden war, und für einen Augenblick war er nicht sicher gewesen, ob er ihn korrekt ausgeführt hatte.
Ein gewisser Stolz mischte sich in die Leere seines Selbst. Er blickte in ein bleicher werdendes Gesicht, dessen Augen sich geschlossen hatten, schön und still, ein kälter werdendes Lächeln auf den Lippen, fast wie im Schlafe.
Es war perfekt gewesen, dachte er. Der Angriff war nicht von Emotionen geleitet worden, von Wut oder Trauer. Auch nicht von Rationalität, von Warum und Weil. Die Quelle dieses Schlags war er selbst gewesen.
Es war perfekt gewesen, dachte er noch einmal voller Bewunderung, dann floß eine einzige blutrote Träne aus ihrer Nase, in langsamen, kriechenden Bewegungen, und zerstörte sein Bild. Noch einmal pochte der Zweifel leise in seinem Hinterkopf, pochte auch in dem Arm, der jetzt schmerzte vom Brechen des dünnen Knochens.
Er schob es auf die seltsamen Umstände und stand auf, um sie wegzuschaffen.

„Die meisten Menschen sind Mörder. Sie töten einen Menschen. In sich selbst.“ – Stanislaw Jerzy Lec