4 Jahre

geschrieben am 10. Januar 2009 um 17:35 Uhr

Jetzt sind es schon vier Jahre – so lange betreibe ich dieses Weblog bereits. Im letzten Monat habe ich etwas weniger geschrieben als sonst, aber natürlich mache ich weiter. Vielen Dank an die treuen Leser und auf ein Neues,

– bad_indicator.

EDIT: Wie ich gerade gesehen habe, habe ich im Januar wohl auf die 100-Texte-Marke geknackt.

Die schwarze Stadt

geschrieben am 5. Januar 2009 um 12:50 Uhr

Es muss in der Bar gewesen sein; ja, in der Bar war es. Ich saß auf einem Schemel und ließ die Eiswürfel in meinem Glas leise klimpern, als ich zum ersten Mal davon hörte. Mein Spanisch ist schlecht, um nicht zu sagen grausig, aber ich hatte schon eine Weile versucht dem Gespräch zweier älterer Männer zu folgen, und so verstand ich zumindest die Worte ciuadad und negra. Etwas an dem Ausdruck war mir seltsam vertraut, ich war nicht überrascht, ihn zu hören, ich weiß nicht, warum. Vielleicht, so denke ich jetzt, hatte ich ihn viel früher schon einmal gehört, wer weiß. Zu diesem Zeitpunkt schenkte ich dem Detail kaum Aufmerksamkeit; es irritierte mich ein wenig, aber nicht mehr als die winzigen Zufälle, die uns täglich begegnen; ich hörte einfach weiter interessiert zu.
Je länger ich lauschte, desto mehr Worte verstand ich. Die beiden sprachen schnell, und offenbar hatten sie getrunken, aber nach einer Weile schnappte ich immer mehr Worte auf, zunächst nur einfache; avenida, calle, casa und immer wieder la ciudad negra. Schließlich war ich überrascht, dass ich sogar ganze Sätze verstand. Wie gesagt, ich spreche kaum Spanisch und verstehe wenig mehr. Dennoch wurden aus den Silben Worte, aus den Worten Sätze, schließlich war es fast so, als würden die beiden Englisch miteinander sprechen, und ich folgte ihrem Gespräch mühelos.

La ciudad negra

Schnell begriff ich, dass die beiden scheinbar nur über Architektur oder etwas Ähnliches redeten. Sie sprachen nur von Gebäuden, Straßenecken, schienen sich die Lage von Häusern oder Plätzen zu erklären; einmal ging es um eine Kirche und den nicht endenden Pfad, der sich um ihre Türme zog. Ein anderes Mal sprachen sie über die Kurven einer breiten Straße am Meer, deren Windungen immer wieder in die selbe Richtung wiesen. Es dauerte einige Minuten, bis ich ganz begriff; ich sah die kleinen, fast unsichtbaren Handbewegungen der Alten auf dem Tisch, erkannte die Linien, die sie damit zeichneten. Offenbar erklärten sie sich gegenseitig ein Straßennetz; Ich weiß nicht, warum sie es taten, aber sie taten es unentwegt, mit stakkatohaften, montonen Stimmen.
Ich muss dort lange gesessen haben, während ich nur zuhörte; das Gespräch war mir unheimlich, aber ich konnte mich nicht abwenden oder aufstehen. Es war nicht allein die Tatsache, dass ich plötzlich das Spanisch alter Einheimischer verstand, die mich frösteln ließ. Es war die Art, wie sie von den Straßen dieser fremden Stadt sprachen. Sie machten keine Pausen; sie redeten und redeten, ohne auch nur aufzublicken, wenn jemand hereinkam. Dabei war ihr Blick immer fern, so, als ob es sie nicht willentlich davon sprechen würden, als ob sie jemand oder etwas dazu zwingen würde. Meine Anspannung wuchs, ohne dass ich der Situation hätte entgehen können: Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich mit meinen Fingernägeln Straßen und Kanäle in meine Serviette ritzte, ganz in der Anordnung, wie sie die Alten beschrieben. Vielleicht waren es zwei Stunden, die ich dort saß; vielleicht war es auch weniger Zeit, vielleicht mehr.

Schließlich sprang ich von meinem Tisch auf: Es war mir augenblicklich peinlich, so zu reagieren, aber ich konnte nicht anders, denke ich. Alle im Raum verharrten einen Moment in der Bewegung und starrten mich an, sogar die Alten. Ich versuchte wohl zu lächeln und ging langsam zur Theke, ich wollte nur noch raus aus der Bar, raus an die frische Luft. Als ich zahlte sah ich, dass die beiden Männer mich immer noch anschauten: Unwillkürlich nickte ich ihnen zu, sie nickten zurück und starrten. Ich nahm mein Wechselgeld und sah noch einmal zu den Alten herüber; ein Wort las ich auf ihren Lippen, sie raunten es sich offenbar zu: ciuadadono, Bürger. Ich wand mich zur Tür und spürte immer noch ihre Blicke. Für einen Moment lang wollte ich losrennen, die Bar und diese grässlichen Männer endlich hinter mir lassen; aber dann besann ich mich und hielt direkt auf die beiden zu. Etwas verblüfft bemerkte ich, wieviel Mühe es mir bereitete, die Frage in verständlichem Spanisch zu stellen: Qué estad la ciudad negra?
Ich glaube, meine Aussprache war so schlecht, dass sie einen Augenblick brauchten, um mich zu verstehen, denn für eine oder zwei Sekunden sahen sie mich nur verständnislos an. Dann jedoch fingen sie an zu schreien und zu fluchen.
Ich weiß nicht, was sie sagten und schrien; dem Klang nach waren es sicher üble Flüche und Schimpfwörter, aber ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten. Ich versuchte, sie auf Englisch zu beruhigen, aber es gelang mir nicht. Wütend redeten sie auf mich ein und gestikulierten mit ihren rauchschwarzen Händen wild in der Luft. Ich konnte den Hass in ihren Augen sehen; es war eine seltsame Art von Hass, und schon damals glaubte ich, ein wenig Neid darin zu erkennen. Vielleicht hätten sie mich geschlagen, wenn sie genug Zeit gehabt hätten, ich weiß es nicht: Der Barkeeper stand plötzlich zwischen uns und schob mich zur Tür raus; auf Englisch deutete er mir, schnell zu gehen. Ich hörte ihre wütenden Schreie noch Hunderte von Metern weit.
Dennoch, der brenzligen Situation knapp entgangen, war ich wieder etwas entspannt, fast euphorisch. Mei seltsames Erlebnis in der Bar erschien mir plötzlich ganz unwesentlich, und ich dachte nicht weiter darüber nach. Daran erinnere ich mich gut; es war eine klare Nacht, und der Mond stand hell am Himmel. Ich pfiff wohl ein Lied, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, welches. Die beiden Alten begegneten mir nicht auf dem Weg zum Meer, und das beruhigte mich noch mehr. Die einzigen anderen Menschen auf den Straßen hielten Abstand zu mir und hatten die Köpfe tief gesenkt: Damals glaubte ich, sie hätten vielleicht Angst vor mir, immerhin bin ich recht groß geraten.

Schließlich passierte ich den Park, den ich schon am Tage mehrfach durchquert hatte. Bevor ich ihn betrat, blieb ich einen Moment lang stehen, um nach Geräuschen nach lauschen; aber ich hörte nichts, und so hielt ich die Passage für ungefährlich. Ich war bereits fast am anderen Ende der Anlage, als ich das Kichern und Glucksen hörte. Im ersten Moment erschreckte es mich furchtbar, weil es zuvor so still gewesen war. Ich sah zu einer der Laternen hinüber, die den Park säumten, und fand die Quelle der seltsamen Laute: es war eine ältere Frau, ihr Alter war schwer zu schätzen, aber alt war sie in jedem Fall, mindestens 60 Jahre alt. Im fahlen Licht der Laterne konnte ich ihre an den Schultern deutlich abgemagerte Gestalt erkennen; Sie trug Fetzen von grau-weißen Tüchern und Stoffen, einige Löcher schienen mit Zeitungen geflickt worden zu sein; vor sich her schob sie einen alten Kinderwagen, der bis zum Rand mit einem schwarzen Material gefüllt zu sein schien. Heute glaube ich, dass es Kohle war; damals konnte ich es nicht einordnen, und in diesem Moment war es mir auch nicht so wichtig. Was mir damals zuerst ins Auge sprang, das war der längliche, schwarze Strich, der sich durch ihr verwittertes kleines Gesicht zog: er war etwa daumendick und führt von der Wange bis hoch auf die Stirn.
Die Frau kicherte nur weiter, während ich mich ihr näherte; erst, als ich sie passierte, sprach sie mit mir. Auch du wirst bald die schwarze Stadt kennen, Markus.
sagte sie in etwas stockendem Deutsch, und ich blieb schlagartig stehen. Sie sagte es nicht noch einmal, kicherte nur wieder und humpelte langsam mit dem quietschenden Wagen voran. Ich war mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte, aber ich wagte nicht, sie danach zu fragen. In meiner Erinnerung blieb ich dort einige Sekunden stehen. Ich hörte nur meinen unruhigen Atem, das Kichern der Alten und das Quietschen der kleinen Räder. Schließlich ging ich weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen: ich bemühte mich, nicht zu laufen, aber ich ging so schnell ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich unterwegs war; es waren nur einige Hundert Meter zu den Hotels, aber in meiner Erinnerung ist es viel ausgedehnter, ohne dass ich sagen könnte, was daran größer oder länger war. Aber ich weiß, dass ich irgendwann wieder an der Kreuzung kurz vor dem Strand stand und bemerkte, wie sich mein Atem wieder beruhigte.
Hier war alles ruhig; die riesigen Hotelburgen lagen da und schlummerten ebenso wie die meisten ihrer Bewohner. Nur hinter wenigen Fenstern brannte noch schwaches Licht, ansonsten gab es nur die gelbliche Straßenbeleuchtung und das Flackern der Orientierungslampen auf den Dächern. Ich musste an die beiden Männer in der Bar denken, glaube ich; ich lachte ein wenig über mich selbst und über die alte Frau im Park. Es waren sicher Zufälle gewesen, seltsame Zufälle, das dachte ich. Dann drehte ich mich um und sah die Ruine.
Sie war mir bei meinen früheren Spaziergängen nie aufgefallen, und deshalb starrte ich überrascht auf die halbfertigen Stockwerke, die vor mir in den Himmel ragten. Etwas war seltsam an diesem Ding, das wusste ich sofort; es waren die Winkel oder vielleicht auch die Proportionen, sie schienen nicht so recht zu passen. Die Außenwände und die Böden der Etagen wirkten verzogen, als hätte man sie nicht wirklich für den Gebrauch gebaut, sondern nur um einen Effekt zu erzielen. Aber am erstaunlichsten waren die schwarzen Löcher in der Fassade, in denen wohl eigentlich Fenster stecken sollten. Sie waren krumm und ellipsenförmig; für einen Moment lange erkannte ich darin die Pervertierung menschlicher Augen, aber dazu fehlten die Pupillen oder irgendetwas anderes, das den Blick hätte fangen können. Ich muss eine Weile in die Fensteröffnungen gestarrt haben, aber da war nichts, nichts als Dunkelheit.
Als ich mich umdrehte, war das Licht der Straßenlaternen verschwunden. Ich weiß nicht, wann sie ausgeschaltet wurden; ich weiß nicht einmal, ob sie wirklich ausgeschaltet waren. Es war stockdunkel; das Licht hinter den Fenstern der Hotelburgen, die roten Blinklichter auf den Dächer, verschwunden. Selbst den Mond konnte ich nicht mehr sehen. Ich lief auf die andere Straßenseite, zu dem Hotel, das ich dort eben noch hell gesehen hatte. Aber als ich in der Dunkelheit etwas erkennen konnte, da sah ich nur wieder eine Ruine, eine Ruine mit verzogenen Wänden und Löchern, wo Fenster sein sollten.
Die Panik erfasste mich ganz: ich lief los, ohne zu wissen wohin, immer weiter die Straße entlang. Nach links und rechts sah ich aus den Augenwinkeln immer nur die gitterförmigen Betonfassaden mit den gähnenden schwarzen Löchern darin, kein bewohntes Haus, nichts, nur die Ruinen. Zweimal stolperte ich, einmal schlug ich mir den Arm auf, aber ich lief weiter. Ich muss eine ganze Weile gerannt sein, denn obwohl sich an dem, was ich um mich herum zu meinem Entsetzen sah, nichts änderte, schwand meine Panik allmählich. Schließlich lief ich langsamer, bis ich wieder ging. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, aber immerhin war ich wieder so ruhig, dass ich mich umschauen konnte; die Ruinen schienen mir nicht alle gleich zu sein, das fiel mir auf. Die, die ich zuerst gesehen hatte, war wirklich wie ein Hotel-Rohbau gewesen. Es gab aber auch Ruinen, die alten Gebäuden ähnelten; ich erkannte eine Kirche, eine Schule. Dann sah ich auch einen Supermarkt, zumindest hielt ich es für einen. Die Straße, der ich gefolgt war (ich glaube, ich bin nirgendwo abgebogen), war kurvig, und ein Instinkt weckte in mir den Verdacht, dass sie an irgendeinem Punkt wieder im Kreis führen musste; aber das ist nur ein Gefühl, und das muss nicht stimmen. Ich wusste nicht, wo ich war; ich war in einer verlassenen Stadt, oder so etwas ähnlichem, aber ich wusste nicht, wie ich von dort wegkommen sollte – oder wie ich dort hingekommen war.

Als ich den ersten Menschen sah, der mir auf der Straße entgegenkam, war ich froh. Fast wäre ich auf ihn zugelaufen, aber ich wollte ihm keine Angst machen und wartete deshalb geduldig, um ihn nach dem Weg zu fragen. Erst als ich ganz nah bei ihm war, sah ich den Strich. Die Angst legte sich wieder um meine Beine. Irgendein Laut entwich mir, ein Seufzen vielleicht oder ein überraschtes Pfeifen, dann war ich stumm. Das Wesen sah kurz zu mir auf; ich konnte keine Regung erkennen, nicht einmal ein Erkennen oder ein Fokussieren. Die Augen waren seltsam leer, auf eine vertraute Weise, und erst jetzt konnte ich auch hören, dass das Wesen unentwegt sprach. Ich verstand seine Worte sofort, ich weiß nicht, ob es Spanisch oder Deutsch war oder irgendeine andere Sprache, ich verstand sie einfach; es sprach von der Stadt, ganz so, wie es die Alten in der Bar getan hatten. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah, wie noch eine Gestalt aus der Dunkelheit kam und langsam die Straße herunterging, dann noch eine, und noch eine, schließlich sah ich viele, alle mit dem Strich durch das Gesicht gezeichnet. Ich sah auch die alte Frau aus dem Park; sie schob immer noch den schmutzigen Kinderwagen vor sich her, aber ihr Kichern war verstummt und vom dem sturren Gemurmel ersetzt worden, dass alle auf den Lippen hatten. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass diese Stadt nicht verlassen war; dies waren ihre Bewohner.
Ich weiß nicht, wieviele ich sah; ich weiß nicht, wie lang ich dort stand. Doch als ich loslief, da sah ich den Morgen am Horizont. Ein oder zwei der Wesen muss ich umgerempelt haben, ich erinnere mich daran, ihre Gesichter ganz nah vor mir zu haben; ich erkannte, wie sehr ihre Augen auf diese Entfernung den blinden Fensteröffnungen der Ruinen glichen.
Ich weiß nicht, wohin ich gelaufen bin: als ich morgens erwachte, lag in in einem kleinen, trockenen Graben gegenüber von meinem Hotel. Es war bereits Mittag. Den Kohlestrich auf meiner Stirn bemerkte ich erst vor dem Spiegel im Hotelzimmer. Ich reiste noch am Abend ab: der Portier sah mich nur hilflos an, als ich meine Geschichte erzählte. Ich weiß nicht, ob er mir geglaubt hat.
Ich habe die Tore der Schwarzen Stadt durchschritten und bin hierher zurückgekehrt; ich weiß nicht, warum sie mich gehen ließ. Manchmal denke ich, dass sie mich nie ganz losgelassen hat. Wenn ich traurig bin, dann spüre ich sie in mir, die Anwesenheit der Straßen und Plätze und Orte oder besser; ihre Abwesenheit. In manchen Augenblicken spüre ich das ganze unaussprechliche Netz der Gassen unter meiner Schädeldecke, die endlosen Ecken und Kurven und Sackgassen, den Puls ihrer entleerten Bewohner. Ich träume von ihr. Ich glaube manchmal, in ihr erwachen zu können; erwachen zu müssen. Vielleicht habe ich die Stadt nie verlassen.

Schneeflocken

geschrieben am 6. November 2008 um 17:50 Uhr

Als ich klein war, da hat es einmal geschneit: natürlich hat es sicher viele Male geschneit, als ich noch klein war, aber dieses eine Mal ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich stand auf der Veranda und sah hinaus auf die Straße. Weiße Flocken tanzten in der Luft, und eine schwebte sacht am Dach des Hauses vorbei, wurde von einem leichten Windhauch auf die Veranda geweht und landete in meiner geöffneten Hand oder besser, meinem Handschuh. Voller Verwunderung sah ich dieses weiße, unförmige Ding an: schon damals waren meine Augen ziemlich schlecht (und natürlich hasste ich meine Brille), so dass ich nicht viel erkennen konnte: Aber ich sah, dass die Schneeflocke – meiner damaligen Sprache nach – aus sehr vielen kleinen Schneeflocken bestand, das Wort ‘Eiskristall’ kannte ich damals ja noch gar nicht, und wirklich erkennen konnte ich diese ohnehin nicht. Ich sah nur ein Glitzern und die seltsam losen, aber doch stabil verbundenen kleinen Dinge, die die größere Flocke formten. Von dieser Struktur war ich fasziniert: ich hatte so etwas nie gesehen und fragte mich, wie sie zu Stande kam. Die Flocke löste sich förmlich unter meinem Blick auf; zu der Zeit glaubte ich, dass der Schnee einfach zu Luft wurde, wenn er schmolz; das ist sogar für ein Kind eine seltsame VorstelSchneeflockenlung, aber so dachte ich es mir wohl.
Als ich bald darauf wieder hineingerufen wurde (meine Mutter war immer sehr ängstlich, was meinen Gesundheitszustand anging), fragte ich meinen Vater danach, warum die Schneeflocken nicht einzeln vom Himmel fielen, sondern in größeren Ballen: ich glaube, es dauerte eine Weile, bis er meine Frage verstand. Ich weiß nicht, ob er die richtige Antwort wusste (eigentlich hat es wohl damit zu tun, dass die Eiskristalle in einer Wolke sich ja in Bewegung befinden und sozusagen aneinander kleben bleiben – aber genau weiß ich das nicht) oder ob er sie nicht kannte: vielleicht dachte er sich, die physikalische Antwort sei zu unromantisch oder zu schwer für ein Kind. Aber er hatte ohnehin ein Faible für Geschichten aller Art, vor allem für Märchen, und es ist gut möglich, dass er mir nur deshalb diese andere Antwort gab, denn nachdem er mich kurz etwas verträumt angeschaut hatte (ich wollte immer augenblicklich eine Antwort auf meine Fragen, daher ist mir dies im Gedächtnis geblieben), erzählte er mir folgende Geschichte:
Vor langer Zeit, als die Menschen noch in Höhlen aus Stein lebten, da gab es noch keine Autos und auch kein Haus aus Stein: aber natürlich gab es schon den Schnee. Im Winter fiel er in den Tälern, wie er heute auch bei uns fällt; das ganze Jahr über fiel er in den hohen Bergen.
Doch damals war es anders mit den Flocken; sie fielen ganz allein, und so sah es eher aus wie ganz feiner Nebel, wenn die einzelnen Schneeflöckchen zu Boden schwebten, oder wie ein ganz feiner Nieselregen.
Die einzelnen Flöckchen, so erklärte er mir, sind so klein, dass der Weg zu Boden aus ihrer Sicht beinahe eine Lebensspanne dauert, so klein, dass der Abstand zwischen ihnen immer groß ist, egal wie dicht die Flöckchen auch fielen. Und so sahen sie ihre Artgenossen (dieses Wort wird er nicht verwendet haben, aber es war etwas Ähnliches) nur aus großer Entfernung, und weil sie eben so schlechte Augen hatten wie du, konnten sie auf diese Entfernung fast gar nichts von den anderen erkennen.
Einmal jedoch, da passierte das Unvermeidliche; zwei der Schneeflöckchen hatten so etwas wie einen Auffahrunfall (diesen Ausdruck hat er wirklich benutzt, glaube ich – ich kannte ihn, weil wir einmal einen Unfall mit dem Auto hatten), und obwohl die Natur es eigentlich anders eingerichtet hatte, rasten die beiden nicht etwa haarscharf aneinander vorbei, sondern prallten direkt aufeinander.
Natürlich herrschte zwischen beiden erst einmal betretenes Schweigen: So etwas war noch nie, nie passiert, und keiner wusste recht, was er tun sollte. Schließlich begann eine der beiden zu reden, und natürlich entbrannte ein Streit darüber, wer nun schuld sei an dem Unglück: doch nach einer Weile ging der Streit in eine Diskussion über, schließlich in ein normales Gespräch. Es dauerte lange, bis den Flöckchen gewahr wurde, wie lange sie schon sprachen und wie viel länger noch sie schon zusammen durch den Himmel schwebten.
Sie wussten natürlich, dass man es anders eingerichtet hatte für die Schneeflöckchen, aber ihnen war ebenso klar, dass es keinen Zufall sein konnte, dass ausgerechnet sie aufeinandergeprallt waren, obwohl das doch noch nie vorher geschehen war.
Schließlich kamen sie zu dem Schluss, dass ihre Aufeinandertreffen so etwas wie Schicksal sein musste: nach dem langen Gespräch hatten sie Gefallen aneinander gefunden, und auch wenn es noch Tausende von Auf- und Abs brauchen würde, bis sie sich des ganzen Ausmaßes ihrer früheren Einsamkeit bewusst werden würden, empfanden sie so etwas wie Traurigkeit, als sie den Boden nach langer Zeit näherkommen fühlten. Und sie versprachen sich, wieder zusammen zu reisen, wenn sie wieder in den Wolken ankämen.
So taten sie es auch, und das alles sprach sich bald herum in den Wolken, über den Tälern, auf den Bergspitzen. Andere folgten ihrem Beispiel; immer mehr von ihnen reisten jetzt zu zweit, manche sogar zu zehnt, schließlich reisten sie beinahe immer in großen Gruppen.
Mein Vater sagte mir noch, dass man sogar hören könne, wie sich die Flöckchen flüsternd voneinander verabschiedeten; das sei das Geräusch, das sie beim Auftreffen auf den Boden machen.
Ich hörte ihm damals gebannt zu und hielt die Vorstellung, die er in mir geweckt hatte, noch lange aufrecht, solange ich eben ein Kind war. Heute weiß ich natürlich, dass sie Unsinn ist, dass die ganze Geschichte nur ein Märchen ist. Aber trotzdem beeinflusst sie mich manchmal: Sie gefällt mir immer noch. Ich denke, es hat wohl damit zu tun, dass ich gern glauben möchte, jede gute Geschichte und überhaupt jede gute Sache in der Welt beginne mit der Entscheidung zweier Wesen, sich zusammen auf einen Weg zu machen.

Poetry Slam in Göttingen

geschrieben am 3. November 2008 um 01:40 Uhr

Heute war ich spontan bei einem Slam in Göttingen. Angesichts des aus der Spontanität resultierenden Zeitmangels habe ich, genau wie letzte Woche, ‚Gute Seelen‘ gelesen. Der Auftritt war für mich persönlich nicht ganz zufriedenstellend, dennoch habe ich zusammen mit einer Mitstreiterin doch noch den ersten Preis für die Teilnehmer der offenen Liste gewonnen.

Babylon V.2.0

geschrieben am 26. Oktober 2008 um 18:23 Uhr

Das Meer liegt über ihnen; Tausende von Metern hoch türmt es sich über ihnen auf, und seine rauhe Oberfläche ist ebenso fern wie die Welt, der sie einst entflohen, um ohne jede Grenze leben zu können.
Sie gingen, um frei zu sein; frei von Steuern, frei von Regeln. Frei von Moral: Frei von Mitmenschen. Jeder von ihnen war zweifellos ein Kunstwerk von einem Mensch und verkörperte all die Eigenschaften, die die nächste Art, die nächste Spezies haben sollte; Selbstbewusstsein, Effizienz. Intelligenz, Schönheit. Ehrgeiz, Arroganz.

Jetzt leben sie auf dem Grund des Meeres, und selbst ihr Verstand ist schon lange keine Grenze mehr für sie.
Sie hausen, jeder für sich allein, in den Eingeweiden ihres Babylons.
Ohne Steuern.
Ohne Regeln, ohne Moral.

Ohne Menschen.

Niemand hört sie weinen.

Hommage an Bioshock

Lesung heute

geschrieben am 25. Oktober 2008 um 10:40 Uhr

Anlässlich des 5-jährigen Jubiläums der Kulturinitiative CUKS gibt es heute Abend im Kreishaus I, Helmstedt, eine kleine Lesung, bei der einige Autoren jeweils einen ihrer Texte vorstellen werden. Darunter bin auch ich, lesen werde ich eine gekürzte und geraffte Fassung von ‚Gute Seelen‚.

Alles, Wort, Welt

geschrieben am 22. Oktober 2008 um 03:37 Uhr

Von der alten Stadt Ur heißt es, sie hätte die erste Bibliothek der Menschen beheimatet. Der Überlieferung nach enthielt sie das gesamte Wissen der damaligen Welt. Natürlich ist Wissen ein relativer Begriff, und nicht alles, was man damals als Wissen bezeichnete, würde auch heute noch als solches angesehen werden, schließlich waren die Menschen damals mehr von Mystik und dem Magischen gefesselt als heute.
Und so gab es in dieser Bibliothek, so die Legende, auch ein Buch, dessen Inhalt von niemandem, selbst nicht von den Herrschern von Ur, gelesen werden durfte; Sein Titel soll in moderner Umschrift Ank’Pashâ gelautet haben, aber auch das ist nicht sicher. Mancher, der später lebte, spricht auch nur von dem ’namenlosen Buch‘. Der Begriff Ank’Pashâ ist schwer in eine moderne Sprache zu übersetzen, und auch das mag ein Grund dafür sein, dass spätere Chronisten diesen Titel ignorierten. Der erste Teil, Ank, meint nach heutiger Lesart wohl Schrift oder Buch, überhaupt jede Art von schriftlicher Aufzeichnung; aufgrund der Kostbarkeit der Materialien machte es zu damaligen Zeiten auch keinen Sinn, dies weiter zu differenzieren. Der zweite Teil, Pashâ, ist schwerer zu übersetzen. Im Groben bedeutet er wohl Welt, Alles oder auch Wort; all das bedeutet dieser eine Begriff. Die Menschen, die in dieser alten Sprache schrieben, setzten für gewöhnlich spezielle Glyphen, um die gerade gemeinte Bedeutung auszuzeichnen, doch bei dem Eigennamen des Buches taten sie es nicht. Das mag zunächst verwirrend erscheinen, da der Titel so wohl kaum irgendeinen Inhalt klar anzudeuten scheint. Und doch ist er in der Tat weise gewählt.
Der Legende nach war das Buch Ank’Pashâ nicht mit vorzeitlicher Tinte geschrieben worden, auch nicht mit einer anderen Flüssigkeit wie Blut oder aufgelöstem Russ. Auch bestanden seine Seiten weder aus Tierhäuten noch aus Papyrus, überhaupt aus nichts Weltlichem.
Die Übersetzung bereitet auch hier wieder Schwierigkeiten, aber dem Mythos folgend könnte man modern sagen, dass die Lettern des Buches mit reinem Sinn auf Seiten aus Geist oder Seele geschrieben worden sein; wer es verfasst haben soll, ist unklar. Manche Autoren behaupten, ein Gott habe es geschrieben und dafür ein Stück seiner Haut und einen Tropfen seines Blutes verwendet. Andere sagen, der erste, der reine Mensch habe es niedergeschrieben als Geschenk an seine niederen Kinder. In jedem Fall sprach man dem Buch daher magische Fähigkeiten zu; was man darin las, das sollte augenblicklich Wirklichkeit werden.
Doch es standen keine profanen Zaubersprüche darin, im Gegenteil. Die Menschen von damals hatten, so jung die Zivilisation auch gewesen sein mochte, mehr Erfahrung mit Gauklern und Schwindlern als viele nach ihnen und hielten solcherlei Spuk für ebenso nebensächlich wie wir; Feuerbeschwörungen, Dämonenvertreibungen, das Wiedererwecken der Toten – all das hatte keinen Platz in dem Buch. Auch war das Buch nicht als Anleitung oder Rezept zu verstehen; es interagierte, wechselwirkte mit dem Leser, ohne ein echtes Eigenleben zu führen – vielleicht ist es besser, stattdessen zu sagen, es habe das Eigenleben eines Spiegels geführt, sofern man diesem ein solches zuspricht. So wird berichtet, dass ein jeder Leser etwas anderes darin fand. Dass es trotz oder gerade wegen des Verbots von Zeit zu Zeit gelesen wurde, erscheint auch den heutigen Menschen logisch. Im Laufe der Zeit sammelte sich eine recht große Anzahl an Berichten über diese geheimen Lesungen, und auch wenn der Großteil davon verloren gegangen ist, so lässt jedoch die Zahl der Verweise auf sie in späteren Schriften erahnen, dass die Gelehrten von damals eine regelrechte Hierarchie der berichteten ‚Begegnungen‘ mit dem Buch entwickelt hatten.
In dem Buch, so heißt es, standen eben keine profanen Zaubersprüchlein, sondern nur die wirklich mächtigen Sätze; die Worte, die auch für uns wie für jeden Menschen Bedeutung haben.

Überliefert ist etwa die Geschichte von Kanaa, dem Hirten. Er war ein einfacher Mann und aufgrund seines Standes nicht besonders hoch angesehen. Dennoch verliebte er sich in Ani, die Tochter eines gut betuchten und privilegierten Bürgers, die ihm schnell ähnliche Gefühle entgegenbrachte.
Als der Vater die heimliche Beziehung zwischen Ani und Kanaa entdeckte, sperrte er Ani ein und ließ Kanaa aus der Stadt verschleppen. Nach seinem Willen sollte Kanaa seiner Tochter nie wieder zu nahe kommen.
Kanaa aber fühlte sich Ani so sehr verbunden, dass er einige Nächte darauf seinen Bewachern entkam und in die Stadt eindrang. Er befreite Ani aus ihrem Hausarrest und erschlug ihren Vater auf der Flucht. Schließlich wurden die beiden von der Stadtwache verfolgt und retteten sich in die Bibliothek. Die beiden wussten keinen Ausweg mehr und so taten sie das einzige, was ihnen noch möglich schien – sie drangen in die verbotenen Bereiche der Bibliothek ein und lasen im Buch Ank’Pashâ.
Es wurde schon erwähnt, dass diesem Buch eine Eigenschaften eines Spiegels zugesprochen wurde. Als die Stadtwache die beiden Liebenden mit dem aufgeschlagenen Buch stellten, da war auf den Seiten des Buches nur ein Satz zu lesen: Nichts wird uns trennen.
Die hinzugerufenen Gelehrten waren es, die diesen Satz überlieferten. Auf ihr Geheiß wurde das Buch wieder geschlossen und an seinen ursprünglichen Platz gestellt.
Doch weder wurde Kanaa für den Mord belangt, noch wurden die beiden für das Lesen von Ank’Pashâ verurteilt; auf beides hätte der Tod gestanden. Man war so beängstigt von der Botschaft des Buches, dass man von diesen Strafen absah; stattdessen verbannte man sie nur aus Ur und nahm ihnen den Schwur ab, nie wieder dergleichen zu tun. Es ist nicht überliefert, wie es ihnen im weiteren erging; eine Quelle berichtet nur, sie hätten ihren Schwur gehalten und seien auch nie wieder zurückgekehrt.

In einer anderen Überlieferung wird die Geschichte von Miraain, der Schönen, erzählt. Sie war nach aktuellem Wissensstand die Tochter eines Hochpriesters von Ur und damit Mitglied der angesehensten Schicht in der Stadt. Neben ihrem Reichtum, der sich auch in vielen anderen Schriften idiomatisch widerspiegelt, war sie für ihre sprichwörtliche Schönheit bekannt. Schon im Alter von zwölf Jahren soll sie von solcher Anmut gewesen sein, dass sich ein Hofdiener ihretwegen das Leben nahmen. In späteren Jahren soll sie nur noch von Frauen betreut und bedient worden sein, da sich kaum noch ein Mann in ihre Nähe wagte; dennoch blieb ihre Schönheit doch immer eng mit dem Tod verknüpft. So verliebten sich etwa zwei Cousins in sie, gerieten über sie in Streit und starben bei einer Auseinandersetzung. Der Legende nach hinterließ diese morbide Verknüpfung tiefe Spuren in der jungen Miraain; so soll von immer größeren Selbstzweifeln geplagt worden sein. Gleichzeitig berichten gerade die späten Quellen von ihrer Arroganz und ihrer Herrschsucht, die selbst vor ihren beiden älteren Schwestern keinen Halt machte. So soll sie etwa für den Tod eines Schwagers gesorgt haben, nachdem dieser sich bei einem Bankett geweigert hatte, Miraain zu bedienen.
Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie faktisch seine Rolle und wurde damit zur zweitmächtigsten Frau von Ur. Ihre Position war dabei nicht ausschließlich durch ihre Herkunft festgelegt; auch half ihr ihre Wirkung auf andere Menschen und ihr Geschick für Hof und Intrige. Manche Autoren bezeichneten sie daher – natürlich erst lang nach ihrem Tod – auch als die ‚Hexe von Ur‘. In jedem Fall blieb Miraain trotz ihrer Macht unzufrieden. Einen Großteil des Reichtums ihres Vaters verwendete sie für Bäder, Kosmetik und ähnliche Dinge, die sie über Hunderte von Kilometer hinweg nach Ur bringen ließ. Denn bei all dem, was sie offenbar erreicht hatte, war Miraain von ihrer eigenen Anmut nie überzeugt, trotz ihrer mythischen Wirkung auf andere.
In den letzten Jahren ihres Lebens in Ur, Miraain muss zu dieser Zeit zwischen 25 und 27 Jahren alt gewesen sein, verdichtete sich das, was wir heute wohl Neurose nennen würden, zu einem fast wahnhaften Drang nach Selbstbestätigung. Miraain heiratete in weniger als drei Jahren sechs Mal; alle ihre Männer, angesehene Handelsleute meist, starben bald nach der Hochzeit. Manche brachten sich um, andere ließ sie ermorden. Als das Kapital ihres Vaters zur Neige ging, nutzte sie all ihr Geschick und all ihre Kontakte, um sich Güter und Gold zu verschaffen. Ihre Schreckensherrschaft über Ur begann schließlich mit einem Mordkomplett an der legitim eingesetzten Fürstenfamilie und währte mehr als zwei Jahre, in denen sie sich immer mehr in die Vorstellung zurückzog, von allen bedroht und verachtet zu werden: Dabei war den Quellen nach ganz Ur immer noch so fasziniert und entzückt von ihr, dass ihre Taten unbeachtet blieben. Doch Miraain reichte das nicht; in ihrer krampfhaften Suche nach der eigenen Schönheit vernichtete sie fast die gesamten Ressourcen der Stadt. Sie erhöhte Steuern, führte neue Abgaben ein, ließ sogar die Gasthäuser schließen. Natürlich machte sich daraufhin Unzufriedenheit breit, aber die Bevölkerung lastete diese Maßnahmen nicht ihr, sondern der Exekutive an.
Schließlich berichtet die Überlieferung davon, dass sich Miraain in einer Winternacht Zugang zum Buch Ank’Pashâ verschaffte. Es ist der einzige dokumentierte Fall, in dem das Buch quasi ‚legitim‘ gelesen wurde; zwar war es auch ihr eigentlich verboten, darin zu lesen, allerdings überredete Miraain kurzerhand die Wachen, sie zu dem Buch zu führen. Auch Miraain soll nur einen einzigen Satz vorgefunden haben, und dieser erscheint vielleicht wenig überraschend: Grob übersetzt lautet er etwa Ich bin hässlich, wobei der Begriff, den wir hier mit ‚hässlich‘ übersetzt haben, auch verdorben (etwa bei Speisen) oder falsch bedeuten kann.
Der Legende soll der Bann, den ihre Schönheit auf die ganze Stadt gewirkt hatte, allein durch die Worte im Ank’Pashâ gebrochen sein. Nachdem ihre Eskorte gelesen hatte, was die schreckensstarre Miraain eigentlich schon gewusst hatte, nahmen sie sie fest. Sie wurde entmachtet und aus der Stadt vertrieben; wenige Wochen später fanden fahrende Händler ihren Leichnam in der Wüste südlich von Ur.

In einigen Schriften, die erst vor wenigen Jahren im heutigen Irak entdeckt wurden, findet sich ein Bericht über eine besondere Passage aus dem Buch Ank’Pashâ; Es ist der Abschnitt ‚Kaleé Ank‘, übersetzt also etwa ‚die letzte(n) Seite(n)‘. Dieser Ausdruck ist nicht wörtlich, sondern eher metaphorisch zu verstehen. Dem Wesen des Buchs nach gab es darin weder erste noch letzte Seiten: Es interagierte mit dem Leser, und dieser las darin nur, was er lesen sollte, wenigstens der Legende nach. Zu damaligen Zeiten wurden Bücher genau wie Erzählungen und Geschichten im Allgemeinen als sehr wertvoll gesehen, sowohl in materieller als auch in ideeler Hinsicht; der wichtigste und geachtetste Teil einer Geschichte aber war, damals wie heute, ihr Ende, und so ist der Titel dieser Passage eher in dieser Hinsicht zu verstehen; als Ende der Geschichten. Die Überlieferung, die von Kaleé Ank berichtet, lässt viele Fragen offen; insbesondere müssen sich auch schon zeitgenössische Leser gefragt haben, wie die Verfasser denn an die Informationen über diese letzten Zeilen gelangt sein können.
In den Schriften heißt es, es habe einen Abschnitt im Buch Ank’Pashâ gegeben (nach anderer Übersetzung: eine „Spiegelung“), dessen Bedeutung die aller anderen bei weitem überwogen habe.

Nur unter ganz bestimmten Bedingungen sei dieser Abschnitt Menschen erschienen. Mehrmals aber sollen Verzweifelte auf der Suche nach ihm in die Bibliothek eingedrungen sein; keiner von ihnen soll es je geschafft habt, ihn laut zu Ende zu lesen, und in der Überlieferung kommt diesem Umstand entscheidende Bedeutung zu. So wird von dem jungen Ikoraa berichtet, der von späteren Schreibern nur noch mit seinem Beinamen ‚der Unglückliche‘ bezeichnet wird; Ikoraa soll der Sohn eines relativ wohlhabenden Händlers gewesen sein, der seine Ländereien in der Hochebene nördlich von Ur verkauft hatte und sein Glück als fahrender Händler gemacht hatte. Das war nichts für Ikoraa; er hielt das Geschäft seines Vaters für unehrenhaft und sehnte sich lange danach, wieder die Felder zu bestellen. Er wird dennoch als guter und folgsamer Sohn gelobt; nachdem er mit 14 Jahren seine Volljährigkeit erreicht hatte, lief er keineswegs davon, sondern half seinem altersgeschwächten Vater mit den Geschäften. Es vergingen 16 Jahre, bis sein Vater verstarb: Auf dem Sterbebett soll er Ikoraa die Erlaubnis gegeben haben, das Geschäft des fahrenden Händlers aufzugeben und die Felder, die er so liebte, zurückzukaufen. Ausgestattet mit dem relativen Reichtum des Vaters tat Ikoraa dies auch; es war üppiges, fruchtbares Land, auf dem jede Art von Frucht gut gedeihte, und Ikoraa kaufte wesentlich mehr Land, als sein Vater früher besessen hatte. Mit 15 war er, wie damals üblich, mit einer jungen Frau verheiratet worden. Die beiden waren ein harmonisches Paar und bekamen in dem Jahr, als der Vater starb, ihr drittes Kind. Ikoraa ließ für die Familie ein Haus auf dem neuen Grund errichten und begann, wie er es sich schon lange gewünscht hatte, wieder als Bauer zu arbeiten. Der Legende nach jedoch blieb die Idylle nur von kurzer Dauer; es war das Jahr vor den ‚Jak’Isaa‘, den ’schrecklichen Jahren‘, als Ikoraa sein Haus bezog. Die schrecklichen Jahre tauchen in vielerlei Berichten über die damalige Zeit auf und werden von Historikern heute meist als eine lange Dürreperiode interpretiert, denen kleinere politische, demografische und militärische Verwerfungen folgten. Dieser speziellen Überlieferung nach jedenfalls folgte dem Jahr von Ikoraas Ankunft auf dem väterlichen Boden das erste Jahr der Dürre, und darauf das zweite und noch zwei weitere. Im zweiten Jahr vernichtete ein von Vagabunden gelegtes Feuer die wenigen Feldpflanzen, die Ikoraas Familie noch anbauen konnte. Im Jahr darauf begannen sie zu hungern, weil das wenige, das ihnen vom Erbe geblieben war, aufgebraucht war. Im vierten Jahr starben die beiden jüngeren Kinder. Ikoraas Frau starb, so heißt es, bald danach nicht etwa am Hunger, sondern am Kummer. Zuletzt, gegen Ende der Dürrezeit, überfielen Banditen den Wohnsitz; natürlich fanden sie nichts mehr von wert, und erzürnt darüber zündeten sie das Haus an. Ikoraa, der keine soldatische Ausbildung hatte und nie in einen Kampf verwickelt worden war, lief außer sich vor Panik in die nächtliche Wüste hinaus. Erst im Morgengrauen kehrte er zu den Überresten des Hauses zurück und fand seinen ältesten Sohn – verbrannt in seinem Bett. Es ist nicht untypisch für derart alte Schriften, dass sie den Tod des Sohnes als Strafe der Götter für Ikoraas Feigheit deuten; in diesem speziellen Fall lässt sich einer Anmerkung des Verfassers aber entnehmen, dass man es offenbar zumindest für eine ungebührlich hohe Strafe hielt. Geschwächt von dem nächtlichen Lauf durch die Wüste und über alle Maßen verzweifelt über den Tod des Sohnes soll sich Ikoraa, die Götter verfluchend, auf den Boden geworfen haben, um zu sterben. Den Schriften nach soll Ikoraa dort vier Tage lang gelegen haben; vier Tage, in denen er in der Sonne lag und weder trank noch aß. Doch er starb nicht; zwar mehrten sich Hunger und Durst auf schmerzhafte Weise, aber er blieb am Leben. Spätestens an dieser Stelle des Berichts wird deutlich, dass der oder die Verfasser das Schicksal dieses Mannes, welches natürlich der Lenkung der Götter zugeschrieben wurde, mit ungewöhnlich viel Mitgefühl betrachteten; diese Haltung ändert sich auch im Weiteren nicht, auch nicht, als Ikoraa, krank vor Hass auf die Götter, die ihm dies angetan haben sollen, nach Ur reist. Da sein Vater mit vielen, oft gebildeten Menschen verkehrte, wusste er für einen Landmenschen recht viel von Ur und auch vom Ank’Pashâ. Dennoch suchte er wohl nicht bewusst nach den ‚letzten Seiten‘, sondern eher nach einer Waffe oder auch nur nach einem Ausweg aus seiner hoffnungslosen Situation. Auch er drang in die Bibliothek ein und fand das Buch; warum dies immer wieder gelungen sein soll, scheint heute unplausibel, damaligen Gelehrten aber scheint es nicht irritiert zu haben. Womöglich war das Gleichgewicht aus Neugier und Sicherheitsbedürfnis in diesen Zeiten ein anderes, oder man wagte es einfach nicht, ein so mächtiges Schriftstück ganz und gar wegzuschließen. Als Ikoraa das Buch aufschlug, erschienen ihm die Kaleé Ank; wir verzichten an dieser Stelle auf eine Zusammenfassung und geben direkt die Schrift wieder, die von Ikoraas Reise berichtet (kanonische Übersetzung);

Wer aber diese Zeilen liest, diese wenigen, der ist am Ende aller Wege,
und nicht einmal die Sonne glüht wie sein Zorn,
und nicht einmal das Meer löscht seine Pein.

Fallen wird die Welt vom Klang seiner Worte,

Nutzlos Speere, Schilde, Mauern,
Nutzlos selbst der Götter Schutz,

Fallen wird die Welt vom Klang seiner Worte.

[…]

Mächtiger als alle Sätze aber ist dieser;
Es gibt keine Hoffnung,
denn wer ihn verinnerlicht (auch: gelesen/gesprochen) hat,
dem ist alles möglich, weil nichts mehr Bedeutung hat.

Es ist unklar, inwiefern die Überlieferung den Text, der als Kaleé Ank bezeichnet wird, an dieser Stelle wiedergibt; nach heutiger Lesart bestand dieser eigentlich nur aus einem Satz. Es ist wahrscheinlich, dass die Verfasser des Berichts von Ikoraas Reise den obigen Abschnitt als Ausschmückung und Erläuterung angefügt haben, auch wenn sie ihn nicht klar von dem getrennt haben, was Ikoraa tatsächlich gelesen haben soll. Eindeutig scheint dagegen zu sein, dass die damaligen Menschen oder zumindest der Kreis um die Verfasser des Berichts von der Vorstellung beherrscht waren, dass das Lesen des entsprechenden Abschnitts im Ank’Pashâ das Ende der Welt einläuten würde; in einigen, scheinbar ’nachgereichten‘ Fragmenten der Schrift ist vom ‚Brennen der Welten‘ Tore‘ und vom ‚Ende aller Grenzen‘ die Rede, ebenso wie vom ‚Vergehen der Götter‘.
Auch wenn die Überlieferung im weiteren leider nur noch fragmentarisch ist und sich widerspricht, teils wohl, weil mehrere Autoren ihre Version der Ereignisse parallel aufgeschrieben haben, kann man davon ausgehen, dass Ikoraa die Kaleé Ank nicht zu Ende las. Die Wachen, die das Buch beschützen sollten, stellten ihn und töteten ihn, bevor er die letzten Worten laut sprechen konnten; unklar ist nur, ob er sich selbst in die Speere stürzte oder nicht.

Der Verbleib des historischen Buches Ank’Pasha ist bis heute ungeklärt. Archäologen führen zur Zeit Ausgrabungen in der Nähe von Bagdad durch, bei denen sie u.a. das Buch oder Hinweise darauf finden wollen. In den bisher gefundenen Aufzeichnungen findet sich nur ein Vermerk dazu. Das Dokument stammt aus der Zeit nach dem Fall von Ur, also aus jenen Jahren, in denen ein Reitervolk aus dem Westen Ur eroberte und die Kultur ihrer Bewohner genauso zerstörte wie ihre wirtschaftliche Grundlage. Es war vor allem ein großer Mentalitätsunterschied, der zu diesen Verwüstungen beitrug, ein Unterschied, der sich vor allem in der simplen und kaum kultivierten Sprache der Eroberer niederschlug.
Die Schrift spricht an einer Stelle von ‚dem Buch‘, was nach Meinung vieler Historiker ein klarer Verweis auf Ank’Pasha ist. In der kanonischen Übersetzung lautet der Text:

Die Männer aus dem Westen kamen an die Bibliothek; ihre Rösser waren groß und schwarz, und ihnen folgte das Feuer. Was ist so wichtig an diesem Haus? fragten sie den Hüter der Bücher und er erklärte es ihnen. Als sie von dem Buch hörten, verlangten sie es zu sehen. Doch fanden sie in dem Buch nur leere Seiten, und ihr Spott und ihr Hohn waren laut.
Seht ihr diesen faulen Zauber, riefen sie unter Gelächter, ein Buch, ein leeres Buch.
Sie blendeten den Hüter der Bücher, auf dass er nie wieder lesen würde. Dann nahmen sie das Buch und schickten einen der ihren damit hinaus, es zu verbrennen.

Die Schneiderin

geschrieben am 23. September 2008 um 02:55 Uhr

Am liebsten mag sie die weiten, geraden Schnitte durch den Stoff. Man darf sie nur machen, wenn man gerade ein neues Kleidungsstück beginnt, und natürlich darf sie auch nicht beliebig schneiden; im Gegenteil, manchmal schlägt der Aufseher sie schon, wenn sie den Stoff nicht ganz gerade und sauber auftrennt. Aber dennoch, diese weiten, offenen Schnitte erregen sie auf eine seltsame Weise, sie hat selten Zeit, darüber zu nachzudenken, und so genießt sie es meist einfach nur. Aber manchmal weiß sie, was der Grund ist; dann sieht sie auf den blauen oder roten Stoff, blickt genau auf die Schere und auf den Riss, der sich schnurgerade voranbewegt – links ein Stück Stoff, rechts das andere. Sie denkt daran, dass diese Trennung endgültig ist; die linke und die rechte Seite, über die sie mit ihrer Schere befohlen hat, werden sich wahrscheinlich nie wieder begegnen. An einen Mann und an eine Frau denkt sie in solchen Momenten, die irgendwo in der von ihr genähten Kleidung umherlaufen, umherirren und sich nicht finden, weil sie diesen Schnitt so und nicht anders gemacht hat, zwei, die sich nie kennen und niemals lieben dürfen, weil sie es so entschieden hat und kein anderer. In der billigen Spiegelung der feinen Schere sieht sie dann ihren eigenen, grausamen Blick, und manchmal mag sie davon erschrocken sein, wenn auch nicht oft. Einmal hat sie sogar absichtlich einen unnötigen, einen falschen Schnitt gemacht, um sich selbst wieder so sehen zu können. Natürlich entdeckte der Aufseher es und schlug ihr wütend ins Gesicht. Schlimmer als dies aber war das Gefühl, dass sie danach beschlich. Dass nämlich ihre Fantasie zumindest dieses eine Mal wahr geworden sein könnte, dass sie schon deshalb zur Wirklichkeit geworden sein musste, weil sie diese Schläge in Kauf genommen hatte, nur um das Grausame in der Schere zu erkennen. Vielleicht hätte sie dieses Gefühl nicht gehabt, wenn sie nicht so gottesfürchtig wäre, wer weiß das schon; jedenfalls dachte sie danach oft auch nach der Arbeit an diesen Mann und die Frau, wenn sie auf ihrer Pritsche lag und nicht schlafen konnte. Sie träumte sogar von ihnen; es war nicht immer Albträume, aber meist. Sie sah die beiden Menschen, die sie so verflucht hatte. Sie sah die beiden in kalten, hohen Räumen, die so luxuriös waren, wie sie selbst es nur aus dem Fernsehen kannte, und immer waren sie allein; sie saßen in den Ecken ihrer Schlafzimmer, ihrer Wohnzimmer, ihrer unglaublich großen Bäder und weinten. Sie wussten nicht, dass sie aneinander fehlten, und so ahnten sie auch nicht, warum sie sich so einsam fühlten; der Schnitt der Scheren hatte nicht durch Stoff durchtrennt, sondern auch zwei Leben.
Es quälte die Schneiderin lange Zeit, und sie betete oft zu ihrem Herren, er möge ihr vergeben; Bitte, Herr, nimm von ihnen, was ich ihnen angetan habe, flüsterte sie in die schmutzigen Laken, immer wieder. Es half nichts, es kam keine Antwort. Aber zumindest schmerzte sie der böse Wunsch nach einigen Monaten nicht mehr so sehr; schließlich verfiel sie auf einen anderen Gedanken, der ihr schließlich die Ruhe zurückgab. Dieser kam ihr nicht in Traum, auch nicht als spirituelle Eingebung, nein, die Lösung fiel ihr ein, als sie einmal an ihren toten Mann dachte und an die zwei kleinen Kinder, die sie weggegeben hatte. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis sie genug Geld gespart hatte, aber dann konnte sie dem Aufseher mit viel Zureden eine der Hosen abringen, die sie hergestellt hatte; sie suchte sich eine aus, deren Saum schief war. Sie ist jetzt schon etwas zerschlissen, weil sie sie jeden Tag unter den anderen Sachen trägt, aber das stört sie kaum. Die Hosen näht sie immer noch, und bei jedem weiten Schnitt lächelt sie grausam, auch wenn sie es manchmal nicht sehen möchte.


PS: Ich habe mal links eine Tagcloud realisiert. Die vergebenen Tags – bisher sind es nur wenige – stehen aber nicht unter jedem Text. Der Grund dafür ist, dass so eine Anzeige sehr leicht zum ‚Spoiler‘ werden kann, gerade bei Texten, deren Pointe etwas verwinkelt ist. Ich werde mich darum kümmern, dass man die entsprechend zugewiesenen Text nur per Mausklick sieht, aber das kann noch etwas dauern.

edit: Nun habe ich zumindest die aktuellsten Texte mal mit Tags versehen. Ich werde dieses Feature beibehalten, wenn es sich bewährt. Kommentare dazu sind erwünscht 🙂

Opazität

geschrieben am 19. September 2008 um 03:53 Uhr

Entstanden in der Zeit der zunehmenden Vermengung von Sozial- und Medienwissenschaften, ist dieser Begriff zur entscheidenden Kenngröße für die Beschreibung komplexer Wissens- und Theoriezusammenhänge geworden. Ursprünglich von Luhmann in einer späten Arbeit vorgeschlagen, wurde er vor allem von den beiden promovierten Historikern und Soziologen E. Peters und D. Taeuscher formal skizziert und schließlich in der Doktorarbeit von Samuel Linke zufriedenstellend definiert, was endlich auch quantitative Urteile erlaubte.
Während Luhmann vor allem seine Konzeption einer systemtheoretischen Soziologie und den damit eng verbundenen Begriff der Komplexität durch die Idee einer Messgröße „Opazität“ zu stützen versuchte, waren spätere Versuche, darunter auch die Ausarbeitungen von Peters und Taeuscher, schon eher an dem Bild orientiert, das heutige Wissenschaftler von dem Begriff haben.
Dreh- und Angelpunkt des theoretischen Diskurses ist dabei die Einsicht, dass komplexe Gesellschaften dazu neigen, hochdimensionale und äußerst schwer zu durchschauende Theorie- und Wissenstrukturen zu entwickeln. Gerade bei Peters war das Aufgreifen des Luhmannschen‘ Begriffs dabei durch die Untersuchung der soziologischen Randbedingungen für das Auftreten von so genannten ‚Verschwörungstheorien‘ bedingt. So schreibt Peters in seiner Arbeit „Gesellschaft im Kreuzfeuer: Über Ideologien in komplexen Gesellschaften‘ (S. 32):

„[…] Viele der genannten Charakteristika dieser auf den ersten Blick sinnentleerten Theoriegebäude, so etwa ihre Permeabilität für Fakten und Widerlegungs- bzw. Klärungsversuche, lassen sich darauf zurückführen, dass bestimmte Wissenskomplexe auch für gebildete Menschen nicht von den tatsächlich Aussagen über den Theoriebackground bis hin zu den tatsächlichen Fakten, also etwa empirischen Daten, transparent sind. Diese Art von Intransparenz oder auch Opazität sorgt dafür, dass eine Reihe von Theorien einen Plausibilitätsgewinn erlangt; nicht etwa, weil sie aus Sicht des einzelnen eher begründet erscheinen, sondern schlicht aufgrund von Geschmacksurteilen. Keine der verfügbaren Wissenskomplexe liefert Antworten, die vom einzelnen als transparent wahrgenommen werden, und aufgrund der mangelnden Unterscheidbarkeit hinsichtlich des Erkenntnisgewinns bleibt nur die Wahl zwischen Obrigkeitsgläubigkeit und eigenem, subjektiven Geschmacksurteil. […] Ein weiteres Indiz dafür liefert der Umstand, dass die behandelten Theorien vor allem als Begleiterscheinungen von hochkomplexen Ereignissen entstehen, wie etwa der exemplarische Terroranschlag des 11. Septembers: aufgrund der Vielschichtigkeit des Geschehenen und der quer über alle wissenschaftlichen Fachgebiete hinweg verbundenen Teilereignisse ist sogar einem Spezialisten nicht mehr der ganze Komplex transparent; die Opazität ist extrem hoch, es folgt ein starkes Auftreten der so bezeichneten „Verschwörungs“theorien.“

Opazität ist also ein Maß für die Verworrenheit und die fehlende Prüf- und Nachvollziehbarkeit von Wissen; die fortlaufende Spezialisierung und Ausweitung aller Arten von Wissenschaft führt zu immer größerer Opazität, weil selbst Experten etwa nicht alle Quellen kennen können, die ein Paper benennt. In einer späteren, etwas präziseren Definition des Begriffs schreibt Peters (S. 89):

„[…] Opazität ist eine Größe, die die relative Unüberschaubarkeit eines Wissenskomplexes angibt. Sie ist vor allem abhängig vom Spezialisierungsgrad der getroffenen Aussagen; so wird jeder naturwissenschaftlich Gebildete mit einiger Mühe eine Arbeit Newtons nachvollziehen und ihre Plausibilität prüfen können, während selbst ausgebildete Physiker eine Dissertation zur M-Theorie nur schwer prüfen können. Die zweite wichtige Größe ist die Kompaktheit des Gebiets; wie viele Fachgebiete und Disziplinen ragen in den Raum der Theorie hinein? Außerdem hängt die Opazität eines etwa in Textform vermittelten Wissenskomplexes auch von der Art der Verbreitung, der Zahl der zitierten und verwendeten Quellen und dem Status des Autors ab. Andere Einflussgrößen sind die Stringenz der Darstellung, ihre intersubjektive Nachvollziehbarkeit und der Grad an politischer oder religiöser Beladenheit. Letztere etwa kann als die Komponente identifiziert werden, die im Fall der so genannten „Intelligent Design“-Bewegung einen entscheidenden Einfluss hat. […]“

Eine hohe Opazität bedeutet paradoxerweise, dass die Plausibilität beliebiger anderer Theorien, die das gleiche Themengebiet behandeln, gleich groß ist, und zwar genau deshalb, weil die epistemische Plausibilität gegen Null geht; da opak ist, welche Theorie die Wirklichkeit besser beschreibt, wird die erkenntnisorientierte Plausibilität durch eine geschmacksorientierte verdrängt. Die genaue quantitative Methode zur Ermittlung eines Werts für die Opazität eines Textes wurde erst 1991 von Linke entwickelt. Die technischen Details sind hier nicht weiter von Belang. Von Linkes ursprünglicher Formel gibt es über 22 Abwandlungen, entwickelt etwa von Moss, Regeen oder Huber. Diese weichen jedoch nur hinsichtlich gewisser Gewichtungen ab, die hier nicht weiter behandelt werden.
Die oben exemplarisch gewählte Arbeit Newtons kommt mit Linkes Formel auf eine durchschnittliche Opazität von 51,3 (Verfahren; iterativ, N=1000, p=2), gut ausgearbeitete Theorien zu den Ereignissen des 11. Septembers 2001 auf etwa 110023,5 (Verfahren; iterativ, N=100, p=1,5). Die meisten ähnlichen Theorien, so etwa die Intelligent-Design-Komplexe, kommen auf ähnliche Werte.

Dieser Text besitzt eine Opazität von 311923,3 (Verfahren; iterativ, N=1000, p=0).

Nicht nur Menschen

geschrieben am 15. September 2008 um 01:43 Uhr

Sie erkennen sich auf der Straße, nur am Blick, ein unsichtbares Nicken, du also auch. Da ist etwas Gefrorenes in ihren Augen, etwas Unmenschliches, etwas, das schon immer dem Hass gehörte, blind für das Leben, taub für Vergebung. Die meisten anderen Menschen haben schon von ihnen gehört, aber sie knüpfen Erwartungen an diese spezielle Spezies, wie sie sich vielleicht selber nennen würden, sie verknüpfen dieses Gefrorene mit Klischees, Bomberjacken, fremdländischen Flüchen, schlechter Kindheit vielleicht. Aber so einfach ist es nicht, und so gehen diese Einschätzungen oft fehl. Natürlich, es gibt sie, die offensichtlichen unter ihnen, die breitschultrig durch die Städte ziehen und jedem klarzumachen suchen, auf welcher Seite sie stehen, aber es sind nur wenige. Viele von ihnen tragen Anzüge und Aktenkoffer, selbst im Schlaf, gehorchen den Regeln, ewigen Regeln des Marktes, andere tragen Montagekleidung, manche Uniformen. Einige sind Außenseiter, wie sie kalt lächelnd sagen, sich dabei über die kahlgeschorenen Schädel fahren. Eigentlich sind sie ganz unabhängig von sozialem Status, von Einkommen, von politischen Haltungen und Dresscodes, von Hautfarben.
Vielleicht wurden sie schon so geboren, aber das wäre ein wenig zynisch, es erschiene unfair, nicht wahr, es wäre auch zu einfach, würde ihnen in die Hände spielen. Aber die Wahrheit ist; niemand weiß es genau. Gerne erzählt man von Arbeitslosigkeit, von strukturschwachen Regionen, von trinkenden Mütter und schlagenden Väter, und liebend gerne glaubt man all das, weil es Sicherheit bietet, es scheint den Kreis derer einzukreisen, die dieses besondere haben, dieses Gefährliche, das Außenstehende immer nur zu spät erkennen. Doch es ist eine falsche Sicherheit; ob Erklärungsmodelle der Moderne oder Prophezeiungen der alten Zeiten, sie alle gingen immer fehl.
Auch sie selbst wissen wohl kaum, warum sie so sind. Wer diese Gnadenlosigkeit hinter ihre Stirn gepflanzt hat. Was sie antreibt.
Klar ist nur, man hat sich Millionen von Bildern gemacht von ihnen; versucht, dieses Grauen, dieses Grausame einzufangen. Wenn im Film dort jemand einen am Boden liegenden tritt, so soll das einen von ihnen darstellen. Der Serienkiller im Abendprogramm, auch er ist einer von ihnen. Vielleicht war die Geschichte Kains eines der ersten Bilder. Manche würde sagen, Kain sei der erste unter ihnen gewesen.

Und es bleibt erstaunlich; trotz all dieser Vorstellungen, dieser Albträume, die Vorstellung bleibt vage. Selbst das sprachliche Vermögen bleibt unstet und nebulös, es zu benennen scheint unmöglich. Als eine gewisse Art der Gnadenlosigkeit könnte man sie beschreiben, diese Gemeinsamkeit, dieses Wesensgleiche, aber das bliebe eine Umschreibung, eine unsichere Begrenzung, mehr nicht. Das Böse hat man es früher genannt, vor der technischen Revolution, aber dieser Begriff ist obsolet, untergegangen im Fluss von Zwecken, Zielen, Rechtfertigungen.
Und dennoch, da bleibt etwas übrig, ein non-kausaler Rest bleibt von dem, was ansonsten wegerklärt wurde in der Rationalisierung der menschlichen Motive, etwas Unaussprechliches, ein kleiner Funken, dem der Begriff des Bösen vielleicht nie wirklich Bedeutung verleihen konnte. Nur Bilder helfen noch in der Wortlosigkeit, Bilder gesammelt in Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Religiöse Symbole sind darunter, Bilder von Teufel, Dämonen, abstrakten Gestalten spiritueller, naiver Boshaftigkeit. Und später auch die Zeichen einer anderen, totalitären Form, Fotos von zerstörten Städten, von Lagern, von düsteren Gräben voller Schlamm und Tod, in deren Kontext Begriffe wie ‚Sünde‘ oder ‚Hölle‘ nicht mehr zu passen scheinen, ersetzt worden sind durch die Befehls- und Handlungsketten von Ideologien und Prinzipien. Auch Darstellungen von Hungernden sind dabei, von Verdurstenden, von Menschen, die durch den Müll einer anderen Nation krank geworden sind. Andere Zeiten, andere Menschen, andere Bilder, andere Worte – Totalitarismus, Ideologie, Profitdenken, Gewinnmaximierung, Perspektivlosigkeit, Fundamentalismus.
Und obwohl all diese Worte und die mit ihnen verknüpften Konstrukte verschieden zu sein schienen, verschleierten sie doch eine Ähnlichkeit – eine diffuse, nicht greifbare Ähnlichkeit, eine Ähnlichkeit des Charakters, nicht der Oberflächen, etwa so wie die Ähnlichkeit zwischen entstellten Zwillingen.
Mit naiven Termen von Moral oder Antimoral wäre sie nicht zu fassen, diese Eigenart, auch wenn sich manche der Menschen, die sie tragen, dafür zu eignen scheinen.
Die meisten jedoch bewegen sich ganz und gar außerhalb solcher Begrifflichkeiten, ihre Taten decken sie durch Diskurslosigkeit, durch Nicht-Reflexion. Oder sie deuten sie ganz im Rahmen eines moralisches Systems, eines, dass sie sich selbst nach Belieben wählen; so ist es mit Inquisitoren, mit Faschisten, mit Bankkaufleuten, manchmal sogar mit Umweltaktivisten.

Die Wahrheit ist; es gibt keine klaren Erkennungszeichen. Sie müssen keine Waffen tragen. Es braucht keine politischen oder ethischen Bekenntnisse, auch Tätowierungen und Abzeichen liefern keine Sicherheit. Darüber kann man ins Grübeln verfallen; Manche denken gar, jeder könnte einer von ihnen sein, und vielleicht stimmt das auch. Vielleicht ist es sogar schlimmer – jeder von uns ist einer von ihnen, oder könnte so werden wie sie. Vielleicht dienen all die Bilder in Wirklichkeit dazu, uns vor uns selbst in Sicherheit zu wiegen.

EDIT: Lesetipp zu diesem Thema; Louis Borges – Deutsches Requiem und Arno Gruen – Der Wahnsinn der Normalität.